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Full text of "Untergang einer Armee"

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In der Schlacht am Don zu Beginn des 
Jahres 1943 ging die 2. ungarische Armee 
zugrunde. Einige Militärhistoriker der 
BRD deklarieren diese Niederlage als 
«feige Flucht» und schneidern daraus bis 
heute eine Dolchstoßlegende. 

Was geschah wirklich ? — Der ungarische 
Schriftsteller Dr. Istvän Nemeskürty be- 
fragte Überlebende, wertete eine Vielzahl 
von Tagebüchern und Materialien unga- 
rischer und sowjetischer Militärarchive 
aus und zeichnete das Bild der tatsächli- 
chen Ereignisse an der Woronesher Front. 
Das geschieht nicht in Form einer militär- 
geschichtlichen Abhandlung. Beeindruk- 
kend ist das moralisch-emotionale Enga- 
gement in der Argumentation des Autors. 
Gezeigt wird, wie das Horthy-Regime, 
um sich einen Anteil an der erhofften 
Kriegsbeute zu sichern, die schlecht aus- 
gerüsteten 200000 Soldaten der 2. Armee 
in den Aggressionsfeldzug gegen die So- 
wjetunion trieb. Zumeist waren es Men- 
schen aus der ärmsten Bevölkerungs- 
schicht und zum Frontdienst gepreßte 
Systemgegner. In einer aussichtslosen Si- 
tuation wurden sie bewußt geopfert, um 
den Rückzug der geschlagenen Wehr- 
macht zu decken. — Eine instruktive 
Einführung von Dr. Rochus Door er- 
öffnet den Blick für historische Zu- 
sammenhänge, indem sie das Kriegsge- 
schehen aus dem Prozeß ungarischer 
und weltpolitischer Entwicklung inter- 
pretiert. 

Diese Publikation veranschaulicht, welch 
hohes Blutopfer dem ungarischen Volk 
die faschistische Herrschaft gekostet hat. 
Am Ende wissen wir mehr von der Ge- 
schichte unseres Bruderlandes. 


ScliutzLunschlag : Hans- Joachim Petzak 



Grigorij Weiss 

Am Morgen nadi dem Kriege 

Etwa 300 Seiten mit 20 Fotos 
Leinen , DDR etwa 8,00 M 
Best.-Nr. 606 614 2 

Überrascht und zugleich respektvoll 
konstatierte 1948 der bekannte englische 
Journalist Gordon Schaffer, daß in der 
sowjetischen Besatzungszone -«zwischen 
Russen und Deutschen eine echte Zu- 
sammenarbeit erwuchs, nicht wie zwi- 
schen Siegern und Besiegten, sondern 
wie zwischen Arbeitskameraden». 

Auf ganz persönliche Weise machen nun 
die Erinnerungen des sowjetischen Jour- 
nalisten und Schriftstellers Grigorij 
Weiss mit jener Zeit vertraut. Trümmer- 
berge 1945 in Berlin, in Dresden und 
anderswo. Keineswegs geringer als die 
materiellen waren die geistigen Zer- 
störungen, die das faschistische Regime 
hinterlassen hatte. Es galt, Klarheit in 
den Köpfen zu schaffen und den Men- 
schen Mut zu machen für den Aufbau 
eines neuen Lebens. Ein großes Ver- 
dienst, hier entscheidend mitgeholfen zu 
haben, kommt den Kulturoffizieren der 
Sowjetischen Militäradministration zu. 
Grigorij Weiss war einer von ihnen. 
Seine Arbeitsstätte war die Redaktion 
der «Täglichen Rundschau», damals ein 
Zentrum beharrlich geleisteter Über- 
zeugungsarbeit. Lebendig erzählt der 
Autor von Aufbautaten der Aktivisten 
der ersten Stunde und von Begegnungen 
mit Kulturschaffenden wie Bernhard 
Kellermann, Gerhart Hauptmann und 
Hans Fallada. Getragen war das Bemü- 
hen der sowjetischen Kulturoffiziere und 
ihrer deutschen Mitstreiter — unter ihnen 
Johannes R. Becher — von dem Ziel, dem 
deutschen Volk nach der Nacht des Fa- 
schismus wieder seine eigene progressive 
Kunst und Literatur und die der ganzen 
Welt zu erschließen. 


DDR 6,50 M 



Istvän Nemeskürty 


U nter gang 
einer 

Armee 


Verlag der Nation 
Berlin 



Originaltitel: Requiem egy hadseregert 
Aus dem Ungarischen übertragen von Georg Harmat 
Mit einem Vorwort von Rochus Door 


2. Auflage 1982 
Verlag der Nation Berlin 
Alle Rechte dieser Ausgabe Vorbehalten 
© Istvän Nemeskürty 1972 
Originalvcrlag Magvctö Könyvkiado, Budapest 
Lizenznummer: 400/1/82 
LSV 0239 

Lektor: Hans-Ulrich Schnudiel 
Technisdier Redakteur: Ingrid Wolzcr 
Einband: Hans-Joachim Petzak 
Karte: Erich Böhm 

Satz: Nationales Druckhaus Berlin, Betrieb der VOB National 
Druck : VEB Druckhaus Köthen 
Budibinderisdie Verarbeitung: 

VEB Drudehaus «Maxim Gorki», Altenburg 
Best.-Nr. 696 373 4 
DDR 6,50 M 



Vorwort 


Im vorliegenden Buch meldet sich ein Schriftsteller zu Wort. 
Istvän Nemeskürty berichtet darin über die 2. ungarische Ar- 
mee, und zwar lediglich über deren Untergang. Der Autor 
verzichtet bewußt darauf, dieses Ereignis in das Gesamt- 
kriegsgeschehen einzuordnen, da er bei seinen ungarischen 
Lesern die Kenntnis von den Umständen des Eintritts Un- 
garns in den faschistischen Krieg gegen die UdSSR und den 
damit zusammenhängenden politischen und militärischen 
Entscheidungen voraussetzt. 

Nemeskürty macht mit Augenzeugenberichten und mit hi- 
storischen Quellen bekannt, die für sich sprechen sollen. In- 
sofern liefert er eine notwendige Ergänzung des Wissens über 
die näheren Umstände des Untergangs der 2. ungarischen Ar- 
mee. 

Für den Leser in der DDR ist es wohl angebracht, die hi- 
storische Situation näher zu erläutern, um somit die Einord- 
nung des «Untergangs einer Armee» in das Gesamtkriegsge- 
schehen zu erleichtern. 

Das Ende des zweiten Weltkriegs war gleichsam der Be- 
ginn sich allmählich verschärfender Auseinandersetzungen 
über die Vorgeschichte und die Geschichte dieses letzten Welt- 
krieges, an denen sich außer Historikern Politiker und Mili- 
tärs, Schriftsteller und Journalisten, Geistliche aller Konfes- 
sionen und Laien fast jeden Berufs auf allen Kontinenten 
beteiligten und heute noch regen Anteil nehmen. Dabei wird 
— gemessen am politischen und militärischen Gewicht dieses 
Landes — der Rolle Ungarns eine relativ große Aufmerksam- 
keit geschenkt. 


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In der Beurteilung der Vorgeschichte und der Geschichte 
des Zweiten Weltkrieges sowie seiner Folgen geht die mar- 
xistisch-leninistische Historiographie im Gegensatz zur impe- 
rialistischen Geschichtsschreibung davon aus, daß die Haupt- 
schuld am Kriegsausbruch sowie an den schier unermeßlichen 
Opfern, Greueln und Zerstörungen im Kriege der deutsche 
Imperialismus trägt, in dessen Auftrag Adolf Hitler als 
Reichskanzler und Führer der NSDAP agierte. Den Verbün- 
deten Nazideutschlands und erst recht seinen Satelliten fiel 
eine untergeordnete Rolle zu. Diese war zwar nicht weniger 
verhängnisvoll für die betreffenden Völker, konnte jedoch nur 
an der Seite des «Dritten Reiches» gespielt werden. 

Was Ungarn angeht, muß gleichzeitig auch betont werden, 
daß sich das faschistische Ungarn freiwillig an die Seite des 
faschistischen Deutschlands gestellt hat, so daß die herrschen- 
den Kreise um Reichsverweser Horthy am Kriegsausbruch 
sowie an den Opfern, Greueln und Zerstörungen im Kriege 
mitschuldig sind. 

Die internationale Kräftekonstellation, wie sie sich in der 
Mitte der dreißiger Jahre herausbildete, ließ Ungarn wegen 
der antisowjetischen Grundhaltung seiner herrschenden Klas- 
sen höchstens die Wahl zwischen den rivalisierenden Grup- 
pierungen der imperialistischen Großmächte — England, 
Frankreich, USA oder Deutschland, Italien — , nicht aber die 
Wahl der Rolle, die es an der Seite eines der Großen zu 
spielen beabsichtigte. Für eine eigene Machtpolitik fehlte dem 
Kleinstaat Ungarn das politische, ökonomische und militä- 
rische Gewicht. Die kleinen Staaten Ost- und Südosteuropas 
hatten auf die Weltlage keinen Einfluß, es sei denn durch 
ihren Zusammenschluß, wie es zum Beispiel mit der Kleinen 
Entente in französischem Schlepp versucht wurde. Aber ge- 
rade die Kleine Entente scheiterte an ihrem Antisowjetismus 
und an der Haltung Ungarns. Diese Kleinstaaten waren — 
zwar in unterschiedlichem Grade — von den Großmächten 
abhängig, die die in den Pariser Friedensver trägen (1919/20) 
festgelegten Grenzen entweder zu garantieren schienen — 
Frankreich und England im Falle der Tschechoslowakei, Ru- 


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mäniens und Jugoslawiens — oder gegen diese angingen — 
Deutschland und Italien im Falle Ungarns und Bulgariens. 
Diese zunächst von den Pariser Friedensverhandlungen be- 
ziehungsweise deren Ergebnissen herrührende Abhängigkeit 
wurde in den darauffolgenden Jahren ökonomisch und poli- 
tisch weiter ausgebaut. Verständlicherweise spielte hierbei in 
den Beziehungen zwischen Deutschland und Ungarn die ver- 
wandte faschistische Ideologie sowie das sich aufs Haar glei- 
chende Vorgehen gegen die revolutionäre Arbeiterbewegung 
eine fördernde Rolle. 

Das zeitweilige Gleichgewicht der Kräfte in Europa ermög- 
lichte es Ungarn einige Jahre lang, sich zwischen den Mächte- 
gruppierungen zu bewegen, sich vorübergehend in der Rolle 
eines Pufferstaates zu gefallen, das heißt, neben dem immer 
eindeutiger werdenden pronazistischen Kurs blieb Spielraum 
für eine englandfreundliche Opposition. Dementsprechend 
zerfielen die herrschenden Klassen Ungarns in der Frage der 
außenpolitischen Orientierung des Landes in zwei Fraktio- 
nen: in eine deutschfreundliche und eine anglophile. Die 
Grundeinstellung beider Gruppierungen war antikommuni- 
stisch und antisowjetisch, so daß Horthy-Ungarn für die 
Schaffung der kollektiven Sicherheit, wie sie von der UdSSR 
angestrebt wurde, keinen positiven Beitrag leistete. 

Das Wesen eines Pufferstaates besteht darin, daß er, ein- 
mal ins Spannungsfeld politischer Interessengegensätze der 
Großmächte geraten, zwischen den tonangebenden Mächten 
manövriert und bemüht ist, sich durch keinerlei eindeutige 
Bindungen die Möglichkeit einer späteren Umorientierung 
zu verbauen. Dies charakterisierte die politische Linienfüh- 
rung der ungarischen Regierungen bis zum Frühjahr 1941. 
Do cli die reale Grundlage für eine solche Politik war nicht 
erst zu diesem Zeitpunkt geschwunden. Die Entscheidung dar- 
über war — im internationalen wie auch im nationalen Rah- 
men — schon vor dem faschistischen Überfall auf Jugosla- 
wien gefallen (6. 4. 1940). 

Hatten Frankreich und England noch Mitte der dreißiger 
Jahre in Südosteuropa dominierenden Einfluß, so büßten sie 


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ihre Position bereits in den folgenden Jahren nacheinander 
gegenüber Hitlerdeutschland ein. Die Ambitionen des deut- 
schen Imperialismus, in den Staaten Südosteuropas eine Vor- 
machtstellung zu erlangen, wurden nach 1933 verstärkt ver- 
folgt. Das rasche wirtschaftliche und politische Eindringen 
des deutschen Faschismus in den Donau- und Balkanraum 
wurde vor allem durch die antisowjetische Grundhaltung der 
herrschenden Klassen der Dorjau- und Balkanstaaten sowie 
der Appeasementpolitik der Westmächte erleichtert. 

Ziel der deutschen Expansionspolitik war es, «einerseits 
einen Ersatz für die infolge der Devisenschwierigkeiten ver- 
lorenen überseeischen deutschen Rohstoffgebiete zu finden 
und andererseits durch wirtschaftliche Annäherung die Do- 
naustaaten fester an Deutschland zu binden», wie es in einem 
Informationsbericht des Auswärtigen Amtes für Göring vom 
November 1937 hieß. Wie die anlaufende deutsche Kriegs- 
wirtschaft auf die Rohstoffe und landwirtschaftlichen Erzeug- 
nisse aus den Ländern des Südostens angewiesen war, weil 
sie mit einer Blockade der Sdewege rechnete, so benötigte die 
Militärmaschinerie insbesondere das Territorium Ungarns 
und Rumäniens als Aufmarschbasis gegen die UdSSR. In der 
Verfolgung seiner Ziele wandte der deutsche Faschismus, 
ohne daß ein bestimmter Ablaufplan oder festumrissene Me- 
thoden Vorgelegen hätten, Wirtschaftsaggression, politische 
Infiltration und, im Falle eines ernsthaften Widerstandes, 
militärischen Überfall an. Die Art und Weise des Vorgehens 
richtete sich in erster Linie nach der Haltung, der herrschen- 
den Kreise im jeweiligen Land. Bis 1939 hatte sich Hitler- 
deutschland in allen südosteuropäischen Ländern starke öko- 
nomische und, teilweise, politische Positionen sichern kön- 
nen — Albanien wurde im April 1939 von Italien okkupiert. 

Seine stärksten ökonomischen und politischen Positionen 
konnte der deutsche Faschismus bis 1938/39 zweifelsohne in 
Ungarn erringen. Horthy-Ungarn hatte sich schon unmittel- 
bar nach dem Machtantritt des deutschen Faschismus um des- 
sen Gunst beworben, ihm weitgehende wirtschaftliche und 
außenpolitische Zusammenarbeit angetragen und schloß sich 


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ihm in den folgenden Jahren immer enger an. Die entschei- 
denden Gründe hierfür §ind im Antikommunismus und Anti- 
sowjetismus der herrschenden Klassen Ungarns sowie in ihrer 
außenpolitischen Orientierung auf Grenzrevisionen und Li- 
quidierung des Vertrages von Trianon (4. 6. 1920) zu suchen, 
der durch Abtrennung bisheriger nationaler Minderheiten das 
Territorium Ungarns erheblich verringerte. 

Der Friedensvertrag von Trianon, waren seine Bestim- 
mungen noch so hart, schuf für die restaurativen Kräfte doch 
eine gewisse günstige Lage, räumte ihnen die Möglichkeit ein, 
das Horthy-Regime im Innern zu festigen. Die Hilfe der 
Westmächte hierbei wirkte sich innenpolitisch im Sinne der 
herrschenden Kreise aus, während sie außenpolitisch von 
diesen als Hemmschuh empfunden wurde, denn insbesondere 
Frankreich trat vorerst für den Status quo in Südosteuropa 
ein. Unter Frankreichs Ägide hatten sich 1921 die Tschecho- 
slowakei, Jugoslawien und Rumänien zur Kleinen Entente 
zusammengeschlossen, die nach dem Willen der Westmächte 
einen Teil des cordon sanitaire gegen die junge Sowjetmacht 
darstellen sollte, die sich jedoch vor allem gegen die ungari- 
schen Grenzrevisionsbestrebungen richtete. So manövrierte 
sich Horthy-Ungarn in eine gegensätzliche Stellung zu seinen 
Helfern von gestern, zu Frankreich, England und den USA. 
Der stur verfolgte Grenzrevisionismus der Horthy-Clique 
machte Ungarn notwendig zum potentiellen Verbündeten je- 
des Landes, das gegen die Pariser Fricdensregelungen sowie 
gegen die UdSSR auftrat. 

Ende der zwanziger Jahre streckte die ungarische Regie- 
rung ihre außenpolitischen Fühler nach Italien aus. Die Ver- 
bindung des damaligen Ministerpräsidenten Bethlen mit Mus- 
solini richtete sich vor allem gegen die Staaten der Kleinen 
Entente. Der italienische Faschismus aber war allein zu 
schwach, die territorialen Festlegungen von Trianon mit Ge- 
walt zu revidieren. 

Die Gegensätze über die außenpolitische Orientierung des 
Landes innerhalb der herrschenden Klassen Ungarns wur- 
den 1933/34 offenkundig, als mit Hitlerdeutschland eine neue 


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aggressive Großmacht in die Arena der internationalen Poli- 
tik trat. Während sich im Aufträge der reaktionärsten Kreise 
der ungarische Gesandte Gömbös bereits 1933 in Berlin an- 
biederte, brachten anglophile Kräfte die Verbindung Buda- 
pest — Rom erneut ins Spiel. Der Versuch, mit den sogenann- 
ten Römischen Protokollen — 1934 von Ungarn, Italien lund 
Österreich unterzeichnet — die Widersprüche zwischen 
Deutschland und Italien für die Verwirklichung eigener Ziele 
und als Gegengewicht zum deutschen Einfluß auszunutzen, 
scheiterte jedoch bald an der Achsenbildung Berlin— Rom. 
Ein Bündnis mit dem faschistischen Italien, stellte keim? echte 
Alternative zur Unterordnung unter das faschistische Deutsch- 
land dar, zumal Rom im Interesse eines Zusammengehens 
mit Berlin die kleinen Staaten bedenkenlos fallenließ. Aus 
den gleichen Gründen erlitten die Bestrebungen Rumäniens, 
Jugoslawiens, Bulgariens, Griechenlands und der Türkei, 
noch 1939 unter der Ägide Italiens einen «Balkanblock der 
Neutralen» zu zimmern, ein rasches Fiasko. 

Der Einfluß anglophiler Kreise auf die ungarische Außen- 
politik war infolge des Festhaltens Frankreichs und Englands 
am Status quo zu keiner Zeit ausschlaggebend und schrumpf- 
te nach München ganz zusammen. Eine Revision Trianons, 
die auch von den Änglophilen angestrebt wurde, schien an 
der Seite der Westmächte ausgeschlossener als je zuvor. Mit 
dem Münchner Abkommen vom 29. September 1938 hatten 
England und Frankreich Hitlerdeutschland freie Hand nach 
dem Osten gelassen und es zur Aggression ermuntert. Nach 
München, als die deutsche Politik des Lockens mit Gebiets- 
versprechungen für die herrschenden Klassen Ungarns eine 
reale Grundlage erhielt, kam es zu einer gewissen Einigung 
zwischen den verschiedenen Fraktionen bezüglich der außen- 
politischen Orientierung auf der Linie einer eindeutigeren 
Anlehnung an den deutschen Faschismus. Mit dem Wiener 
Schiedsspruch vom 2. November 1938, der einen Gebiets- 
streifen der Südslowakei zu Ungarn schlug, verstummte die 
Opposition im eigenen Lager. Ihr eigener Grenzrevisionismus 
und Antisowjetismus hatte sie daran gehindert, ernstlich ge- 


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gen den wachsenden deutschen Einfluß aufzutreten, zumal sie 
in der Illusion befangen war, die Selbständigkeit des Landes 
auch an der Seite Deutschlands erhalten zu können. 

Mit Beginn der bewaffneten Aggression Deutschlands ging 
die Führung im imperialistischen Europa an die faschistische 
Achse über. Die herrschenden Kreise Ungarns veranschlagten 
die Überlegenheit Hitlerdeutschlands so hoch, daß sie sich die 
Erfüllung ihrer eigenen Expansionswünsche, die sie seit Tria- 
non hegten und — gleich, an wessen Seite — zu verwirklichen 
gedachten, nur mit dessen Hilfe versprachen. Ein weiteres Ma- 
növer war unmöglich geworden, die ungarische Regierung 
mußte Farbe bekennen und bekannte sich zu Hitlerdeutsch- 
land: Sie Unterzeichnete den Antikominternpakt (23. 2. 1939) 
und trat dann dem Dreimächtepakt bei (20. 11. 1940). Aus 
dem Völkerbund schied Ungarn im Mai 1939 aus. Mit diesen 
Schritten wurde die Unterordnung Ungarns in eine vertrag- 
liche Form gebracht. Formal selbständig, war Ungarn spä- 
testens 1939 völlig von Hitlerdeutschland abhängig, also zu 
einem Satellitenstaat herabgesunken. 

Mit der vertraglichen Bindung an die faschistische Achse 
war letztlich auch das Tauziehen zwischen pronazistischen 
und anglophilen Kräften der herrschenden Klassen Ungarns 
entschieden. Der Ausgang der politischen Manöver für und 
wider eine Beteiligung Ungarns am Überfall auf Jugoslawien 
war nur noch eine späte Bestätigung dafür. Ministerpräsident 
Telelti und mit ihm die ganze proenglische Fraktion der herr- 
schenden Klassen hätten zwar ebensogern wie die Germano- 
philen die von Hitler für eine Beteiligung zugesagten jugo- 
slawischen Gebiete okkupiert, jedoch nicht ohne Zustimmung 
Englands. Am 30. März ließ Teleki in London und Washing- 
ton sondieren, wie die Westmächtc auf eine Teilnahme Un- 
garns am Überfall auf das «durch die Selbständigkeitsbestre- 
bungen der Nationalitäten» zerfallene und also «nicht mehr 
bestehende Jugoslawien, dem gegenüber Ungarn seinen Bünd- 
nisverpflichtungen enthoben wäre», reagieren würden. Nur 
der «Schutz der ungarischen Minderheit» sei das Ziel Ungarns. 

Am 30. März 1940 traf General Paulus in Budapest ein und 


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einigte sieh mit dem ungarischen Generalstab über die mili- 
tärische Teilnahme Ungarns an der Okkupation Jugoslawiens 
sowie den Aufmarsch deutscher Truppen auf ungarischem 
Gebiet, wie Paulus im Nürnberger Prozeß aussagte. Diese 
Vereinbarungen wurden am 1. April im Allerhöchsten Ver- 
teidigungsrat, wiederum bei Anwesenheit Telekis, regierungs- 
amtlich bestätigt. Damit war, ohne die Antwort aus London 
und Washington abzuwarten, die Teilnahme Ungarns am 
Überfall auf Jugoslawien, wie Berlin sie forderte, beschlosse- 
ne Sache — eine deutliche Niederlage anglophiler Kreise. Die 
am 2. April eingetroffene negative Antwort aus den westlichen 
Hauptstädten bestätigte nur noch, daß sich Teleki gründlich 
verrechnet hatte. In der Nacht zum 3. April erschoß er sich. 

Die UdSSR hatte durch ihre Bemühungen um eine kollek- 
tive Sicherheit in Europa einen Weg zur Verhinderung des 
drohenden Krieges gewiesen. Darüber hinaus wandte sich die 
Sowjetregierung mehrmals direkt an die ungarische Regie- 
rung. Zwischen Ungarn und der Sowjetunion bestanden 
1938/39 durchaus normale Beziehungen, die nicht durch strit- 
tige Fragen getrübt waren. Laut Bericht des ungarischen Ge- 
sandten wies die Sowjetregierung auf dieses gute Verhältnis 
zwischen beiden Ländern hin und hob die Unverständlichkeit 
der ungarischen Bestrebungen nach Aufnahme in den Anti- 
kominternpakt hervor, der sich eindeutig gegen die UdSSR 
richtete. Es wurden sehr eindringlich die Gefahren vor Augen 
geführt, denen Ungarn durch seinen Beitritt zum faschistischen 
Antikominternpakt ausgeliefert würde. Doch die ungarische 
Regierung schlug diese Warnung in den Wind. Als dann auf 
Betreiben der ungarischen Seite die Mitgliedstaaten des Anti- 
kominternpaktes Ungarn am 13. Januar 1939 zum Beitritt 
aufforderten, ließ die UdSSR ihre Botschaft in Budapest 
schließen. Die ungarische Regierung wurde davon am 2. Fe- 
bruar offiziell in Kenntnis gesetzt. Aber selbst diese Maß- 
nahme vermochte die Kreise um Horthy nicht von ihrem 
gefährlichen Kurs abzubringen. Sie ließen sich von der trüge- 
rischen Hoffnung leiten, an der Seite des mächtigen «Part- 
ners» die mit Trianon «verlorenen» Gebiete zurückerobern 


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und weiterreichende Expansionspläne verwirklichen zu kön- 
nen. Tatsächlich hatte die «Partnerschaft» mit dem aggressiven 
Deutschland bereits zur Befriedigung eines erheblichen Teils 
der ungarischen Revisionsforderungen geführt: im Ersten 
Wiener Schiedsspruch vom 2. November 1938 erhielt Ungarn 
ein Gebiet der Südslowakei (12 400 km 2 ) zugesprochen; am 
15. März 1939 konnten ungarische Truppen mit deutscher 
Genehmigung die Karpatenukraine besetzen; der Zweite 
Wiener Schiedsspruch vom 30. August 1940 sprach das bis 
dahin zu Rumänien gehörige Nordsiebenbürgen (43 000 km 2 ) 
Ungarn zu; im April 1941 wurden schließlich die jugoslawi- 
schen Gebiete Backa, das Baranya-Dreieck und die Mur-Insel 
okkupiert. 

Nach Beendigung des Westfcldzuges erarbeitete der deut- 
sche Generalstab in der zweiten Hälfte 1940 die Pläne für 
einen Überfall auf die UdSSR. In der Weisung Nr. 21, Fall 
Barbarossa, war eine aktive Beteiligung Ungarns noch nicht 
vorgesehen. 

Aber in einer Weisung Keitels vom 1. Mai 1941 wurden 
die «erforderlichen Besprechungen» mit Ungarn «für das letzte 
Drittel des Mai» festgesetzt, deren Ziel es sein werde, 
«... eine erhöhte Abwehrbereitschaft und zu gegebener Zeit 
einen entsprechenden Einsatz der ungarischen Wehrmacht 
herbeizuführen». 

Während also Hitler Ungarns Beteiligung ablehnte, sah 
Keitel diese ausdrücklich vor. Daß Teile der deutschen Ge-’ 
neralität eine Hinzuziehung Ungarns betrieben, erhellt sich 
auch daraus, daß sie über General Himer eine Beteiligung 
Ungarns am Überfall auf die Sowjetunion der ungarischen 
Regierung nahelegtcn. 

Die reaktionärsten Kreise Horthy-Ungarns, insbesondere 
die Militärs, verstanden den Wink aus Berlin und drängten 
auf einen aktiven Einsatz der Honved. 

Offiziell wurde die ungarische Regierung in einem Brief 
Hitlers an Iiorthy am 22. Juni vom Überfall auf die UdSSR 
informiert. Die herrschenden Kreise begrüßten die Aggression 
begeistert. Sie setzten durch, daß Ungarn seine diplomatischen 


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Beziehungen mit der UdSSR am 23. Juni abbrach. Laut Aus- 
sage des stellvertretenden ungarischen Kriegsministers, Rusz- 
kiczai-Rüdiger, war die Teilnahme Ungarns am Überfall auf 
die UdSSR jedoch schon Ende Mai/Anfang Juni 1941 vom 
ungarischen Generalstab, von der Regierung und vom Kron- 
rat prinzipiell beschlossen worden. Wenn die Horthy-Clique 
vorerst noch zögerte und eine offizielle Aufforderung erwar- 
tete, so doch nur, um auf deren Grundlage «berechtigte» 
Gegenleistungen fordern zu können. Im verbrecherischen 
Zusammenspiel der erwähnten deutschen Kreise, die eine 
stärkere Betonung des «Kreuzzugscharakters» des Krieges an- 
strebten, und ihrer ungarischen Gesinnungsfreunde, die unter 
dem Gesichtspunkt der Beutesicherung die Honved zu opfern 
bereit waren, wurde Ungarn in den Krieg gegen die Sowjet- 
union hineingezogen. Der deutsche Generalstab forderte Un- 
garn über General Himer am 24. Juni offiziell zu einer «ge- 
wissen Beteiligung» auf. 

Als Anlaß für den Kriegseintritt Ungarns gegen die UdSSR 
diente die Bombardierung der ungarischen Städte Kassa, 
Munkacs und Raho durch «sowjetische» Flugzeuge am 26. 
Juni. Die Kampfhandlungen wurden im Morgengrauen des 
27. Juni, nach deutsch-faschistischem Muster ohne vorherige 
Kriegserklärung, eröffnet. 

Die Bombardierung der ungarischen Städte war eine ein- 
deutig und einwandfrei bewiesene Provokation. Ministerprä- 
sident Bärdossy (April 1941 bis März 1942), als erdenKriegs- 
eintritt Ungarns als Entschluß des Ministerrats am 27. Juni 
dem Parlament bekanntgab, wußte vom Flugplatzkomman- 
danten von Kassa, Oberst Adam Krudy, daß die Städte von 
deutschen Flugzeugen bombardiert wurden. Horthy gibt die- 
sen Sachverhalt in seinen Memoiren zu, streitet aber ab, da- 
von damals schon gewußt zu haben. 

Die Regierung und die Armeeführung Ungarns bemühten 
sich nach dem 27. Juni, mit der Erfüllung aller Wünsche der 
Nazis deren Wohlgefallen zu sichern und das «Recht des 
ersten Verbündeten» gegen Rumänien und die Slowakei er- 
neut zu erwerben. Um die «vollständige Solidarität» mit der 


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Achse unter Beweis zu stellen, erklärte die Regierung am 
12. Dezember 1941 den USA den Krieg, nachdem die Kriegs- 
erklärung Großbritanniens an Ungarn am 7. Dezember erfolgt 
war. 

Während zur Jahreswende 1941/42 die offizielle Propa- 
ganda trotz der deutschen Niederlage vor Moskau nach wie 
vor von einem sicheren Sieg der Faschisten orakelte, begann 
sich innerhalb der herrschenden Klassen Ungarns eine Kräfte- 
verschiebung abzuzeichnen. Der als pronazistisch bekannte 
Bärdossy mußte zurücktreten; an seine Stelle wurde am 
9. März 1942 Miklös Kallay berufen, der einer aristokrati- 
schen Gruppe innerhalb der anglophilen Richtung angehörte. 

Dieser Wechsel in der Regierungsspitze hatte verschiedene 
Ursachen : 

Erstens begannen immer breitere Kreise des ungarischen 
Volkes zu begreifen, daß die großen Opfer im Krieg gegen 
die Sowjetunion einzig den imperialistischen Interessen 
Deutschlands und dessen ungarischen Helfershelfern dienten. 
Die sich abzeichnende Ernüchterung war vor allem dem Wir- 
ken der seit 1919 verbotenen Kommunistischen Partei Un- 
garns zu danken. Die KPU hatte nach dem Kriegseintritt 
Ungarns in schöpferischer Anwendung der Beschlüsse des 
VII. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale eine 
tragfähige politische Plattform für die Schaffung einer anti- 
faschistischen Volksfront ausgearbeitet. Auf dieser Grundlage 
wurde im Februar 1942 unter kommunistischer Führung die 
erste ungarische Volksfront gebildet, die bedeutende Streiks 
und Demonstrationen gegen die Kriegspolitik der Regierung 
organisierte. 

Zweitens entkräftete das Scheitern des Blitzkrieges das 
wichtigste Argument pronazistischer Kreise für ein Zusam- 
mengehen mit Hitler. 

Drittens kam der Schock hinzu, den die Kriegserklärung 
Großbritanniens an Ungarn bei jenen Kreisen auslöste, die 
auf eine verständnisvolle Haltung der Westmächte gehofft 
hatten. 

Als dann im Frühjahr 1942 die Gerüchte über ein Massaker 

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der ungarischen Soldateska an zumeist alten Menschen und 
Kindern bei Ujvidek (Novy Sad) durchsickerten, war jede 
Chance verwirkt, Bärdossys Politik populär zu machen. Dem 
magyarischen Aristokraten Källay trauten es die herrschen- 
den Kreise zu, daß er die Volksmassen zur Genüge über den 
«ungarischen Charakter» des Krieges «aufklären» werde. 

In der Fachliteratur ist es umstritten, ob die Berufung Käl- 
lays von vornherein mit dem Ziel erfolgte, Separatverhand- 
lungen mit den Westmächten zu führen und das Herrschafts- 
system in die Zeit nach dem Kriege hinüberzuretten. Die er- 
sten Verhandlungen, soweit sie sich nachweisen lassen, haben 
tatsächlich später stattgefunden. Fest steht, daß die Ernen- 
nung Källays, der auch das Amt des Außenministers über- 
nahm, eine prowestliche Orientierung ermöglichte. Mit Käl- 
lays Namen ist daher auch das politische Lavieren, die Schau- 
kelpolitik Ungarns zwischen Nazideutschland und den West- 
mächten, verbunden, zu der sich die herrschenden Klassen 
dieses Landes angesichts der drohenden Kriegsniederlage des 
Faschismus nach der Schlacht an der Wolga veranlaßt sahen. 

Sicher trugen die ersten Schritte Källays nur sondierenden 
Charakter, und ebenso sicher vollzogen sich die Kräftever- 
schiebung innerhalb der herrschenden Klassen und auch die 
Umorientierung der Regierung selbst keineswegs sprunghaft. 
Im Frühjahr 1942 schien weder der Krieg verloren zu sein, 
noch war Horthy schon eindeutig zur prowestlichen Opposi- 
tion übergetreten. 

Die ungarischen Regierungen hatten — sicher mit graduel- 
len Unterschieden — Hitlerdeutschland nach Maßgabe ihrer 
Möglichkeiten unterstützt: gegen die Republik Spanien, ge- 
gen Österreich, die Tschechoslowakei und Jugoslawien, schließ- 
lich auch gegen die Sowjetunion. Sie garantierten, daß Ungarn 
die ihm zugedachte Rolle im zweiten Weltkrieg spielte. Audi 
unmittelbar nach Källays Berufung (9. 3. 1942) war noch 
keinerlei Änderung in der ungarischen Politik spürbar. Im 
Gegenteil, in seiner Antrittsrede vor dem Parlament am 
19. März 1942 versidierte Källay: «Mein Programm, meine 
Tätigkeit, meine Arbeit kann kurz in einem Satz zusammen- 


16 



gefaßt werden: Alle unsere zur Verfügung stehenden Kräfte 
müssen in den Dienst dieses — und ich betone — unseres 
Krieges gestellt werden . . .» Nur einige Wochen danach ließ 
Källay die 2. ungarische Armee an die Ostfront werfen und 
erfüllte auch die wirtschaftlichen Forderungen des deutschen 
Faschismus. 

In den Wochen, als die 2. ungarische Armee (ab April 1942) 
an die Ostfront verlegt wurde, griffen deutsche, italienische 
und rumänische Truppen pausenlos die sich zäh verteidigende 
Rote Armee an. Das Fehlen der zweiten Front erlaubte es 
der faschistischen Führung, am Sommersanfang 1942 starke 
Kräfte aus Westeuropa abzuziehen und diese am Südflügel 
der sowjetisch-deutschen Front in einen massiven Angriff in 
Richtung Stalingrad zu werfen. Es sollte eine der blutigsten 
Schlachten der Kriegsgeschichte werden. 

Gestützt auf die zunehmende Stärke der Roten Armee und 
auf das inzwischen mächtig gewachsene kriegswirtschaftliche 
Potential des Landes, entschloß sich die Führung der Kom- 
munistischen Partei der Sowjetunion, alle Kräfte für die Her- 
beiführung der grundlegenden Wende des Krieges zu mobi- 
lisieren. Die sowjetische Gegenoffensive an der Wolga begann 
am 19. November 1942 und endete am 2. Februar 1943 mit 
der Kapitulation der eingeschlossenen Feinde. 

Während die Schlacht an der Wolga noch tobte, traten so- 
wjetische Truppen der Woronesher Front am 13./14. Januar 
1943 zu einem Angriff gegen zwei deutsche Armeen sowie 
die 2. ungarische Armee und die Reste der 8. italienischen 
Armee an. 

Der Einsatz der 2. ungarischen Armee, rund 200 000 Sol- 
daten und etwa 40 000 Kriegsarbeitsdienstverpflichtete, war 
Anfang Januar 1942 in Verhandlungen Keitels mit der Bär- 
dossy-Regierung vereinbart worden. Ministerpräsident Källay 
erfüllte diese Vereinbarung. Die ungarischen Einheiten waren 
zunächst an der Sommeroffensive der Wehrmacht beteiligt 
und bildeten dann den Nordflügel der in Richtung Stalingrad 
angreifenden Truppen. Zur Jahreswende in kleinen Gefechten 
bereits empfindlich getroffen, wurde die 2. ungarische Armee 


2 Ncmcskürty, Untergang 


17 


Mitte Januar zerschlagen: 40 000 Tote, 70 000 Gefangene, 
der Rest zum großen Teil verwundet oder halb erfroren, für 
längere Zeit nicht einsatzfähig. Die untergegangene Armee 
war für den Kleinstaat Ungarn ein so großer militärischer 
Aderlaß, daß er sich davon im Verlaufe des Krieges nicht wie- 
der ganz erholen konnte. 

Wie sehr dieses dem ungarischen Volk aufgezwungene 
Blutopfer auch zu beklagen ist — die 2. ungarische Armee 
war eine Aggressionsarmee eines faschistischen Staates. Sie 
war in den Kampf geschickt worden gegen das Sowjetvolk, 
das im Großen Vaterländischen Krieg seine Freiheit, seine 
Ehre und seine Unabhängigkeit verteidigte und für die Be- 
freiung der Völker — auch des ungarischen Volkes — vom 
faschistischen Joch focht. 

Rochus Door 


18 



Wo wir ruhen, weiß weder Freund noch Frau, 
noch Kind. 

Unsere verstreuten Körper hat die Erde spurlos 
verschlungen. 

Millionen Lebender mögen das Andenken an 
uns im Herzen bewahren! 

Unser Opfer ist keine Rechtfertigung für 
Schurken, sondern ein Befehl zum Guten. 


Dezsö Keresztury: «Epitaph» 



Ein Wort an meine Leser 


Im Januar 1943 erlitten die sogenannten Achsenmächte eine 
schwere militärische Niederlage. Bei Stalingrad wurde das 
Schicksal der 6. deutschen Armee besiegelt; entlang am Don 
zerschlug die Rote Armee die an der Ostfront stehenden ita- 
lienischen, rumänischen und ungarischen Truppen. 

Der Verlust der 2. Armee verringerte die ungarischen Hon- 
ved-Streitkräfte um ein Drittel. Und diese Niederlage war 
verdient. Das konterrevolutionäre Regime unter der Führung 
von k. u. Jk. Vizeadmiral Miklös Horthy, einst Flügeladjutant 
von Kaiser und König Franz Josef I., das 1919 — nach der 
Niederschlagung der Räterepublik mit Hilfe der Entente- 
mächte — gewaltsam errichtet wurde, prahlte vor der schok- 
kierten Weltöffentlichkeit, den faschistischen Terror schon vor 
Mussolini und Hitler verwirklicht zu haben. Als logische Folge 
dieser verhängnisvollen Politik trat dieses System in Hitlers 
Dienst und wurde mit der gleichen Konsequenz als Partner 
im Aggressionskrieg gegen die Sowjetunion von den vernich- 
tenden Schlägen der Roten Armee zu Beginn des Jahres 1943 
zutiefst getroffen. 

Die Führung der 2. Armee lag in der Hand reaktionärer, 
dem Horthy-Regime verpflichteter Offiziere, und die Armee 
war die Streitmacht eines sich selbst als faschistisch deklarie- 
renden Landes. 

Uber die Niederlage der ungarischen Armee wäre also eigent- 
lich nichts mehr zu sagen, man könnte zur Tagesordnung über- 
gehen. Diese blutigen zwei Wochen der Schlacht am Don 
drängten mich aber doch, ein Buch zu schreiben, und zwar aus 
verschiedenen Gründen, die hier ihre Erklärung finden sollen. 


21 


Ein auch in politischer Hinsicht wichtiger Fakt ist, daß die 
ungarische Heeresleitung selbst ihren eigenen Regeln und 
Möglichkeiten entsprechend unfachgemäß arbeitete und 
schwerwiegende Fehlentscheidungen traf. Es geht also nicht 
allein darum, daß die königliche ungarische Regierung eine 
von uns heute zu Recht verurteilte, gewissenlose Sowjet- und 
volksfeindliche Politik betrieb, sondern daß die ungarische po- 
litische und militärische Führung ihre Interessen selbst den 
damaligen Gegebenheiten entsprechend schlecht vertrat. 

Die Wehrmachtsführung mit Hitler an der Spitze unter- 
schätzte beträchtlich die Kampfitraft der Roten Armee. Ob- 
wohl Warnungen ungarischer Militärs Vorlagen, erwartete sie 
nicht zum gleichen Zeitpunkt, da die Stalingrader Schlacht 
tobte, eine weitere Offensive. Der kraftvolle Vorstoß sowjeti- 
scher Truppen brachte die gesamte Don-Front ins Wanken. 
Bedenkenlos wurde in dieser Situation, um den Rückzug der 
Wehrmachtseinheiten zu decken, die 2. ungarische Armee in 
den Untergang getrieben. 

Der ungarische Armeebefehlshaber Jäny und die Militär- 
kamarilla des Horthy-Regimes unterwarfen sich dem un- 
menschlichen Durchhaltebefehl. Aus welchen Erwägungen 
heraus? muß man fragen. Ein Umstand sei hier schon er- 
wähnt. Die Mannschaft der 2. ungarischen Armee rekrutierte 
sich zumeist aus den «niederen» Volksschichten, aus solchen 
«Elementen», die mit dem faschistischen Regime unzufrieden 
waren, deren Verlust man gerne hingenommen hätte. 

Diese Armee wurde also nicht zum Siegen an den Don ge- 
schickt, sie wurde vielmehr zynisch politischen Zielen geopfert. 

Tatsache aber bleibt auch, daß diese unzureichend ausge- 
rüsteten Soldaten sich besser schlugen, als es eine spätere mili- 
tärische Fachliteratur einräumen wollte. So gibt es kriegsge- 
schichtliche Darstellungen, die die Tatsachen verdrehen und 
behaupten, die ungarische Armee habe gleich beim ersten Ka- 
nonenschuß die Flucht ergriffen, durch ihr panikartiges Zu- 
rückströmen eine breite Lücke in der Front verursacht und so 
auch die Wehrmacht zum Rückzug gezwungen. Dabei hielten 
die ungarischen Soldaten noch dann am Don stand, als die 


22 



links von ihnen liegenden deutschen Einheiten schon längst 
ihre Stellungen verlassen hatten. 

Schließlich möge als wichtige Tatsache dienen, daß der 
sinnlose Untergang der 2. ungarischen Armee die Schleusen 
einer bisher nur mühsam unterdrückten Empörung öffnete 
und zu einer sich schnell verbreitenden antifaschistischen Ein- 
stellung führte; von den in Gefangenschaft geratenen Solda- 
ten meldeten sich viele freiwillig, um den Kampf gegen die 
Faschisten aufzunehmen. 

In meinem Buch publiziere ich zahlreiche nicht veröffent- 
lichte Fakten. Alle niedergeschriebenen Handlungen sind 
authentisch. Auch die angeführten Namen sind echt. Meine 
Untersuchungen wurden ermöglicht durch die tatkräftige Un- 
terstützung der politischen Sektion des ungarischen Verteidi- 
gungsministeriums und des ungarischen Archivs für Militär- 
geschichte. Für diese Hilfe möchte ich den genannten Insti- 
tutionen danken. 

Istvän Nemeskürty 



23 



Morituri 


«Den Krieg Jasse ick als nationalen Selbstzweck auf.» — 
Miklös Källay, königlich ungarischer Ministerpräsident, 

19. März 1942 

Nehmen wir einen Zirkel zur Hand, und stechen wir den einen 
Schenkel auf der Europakarte bei Budapest ein. Die Spanne 
von zwei Zentimetern soll 300 Kilometern entsprechen. Mes- 
sen wir mit unserem Zirkel eine Entfernung in nordöstlicher 
Richtung ab: ein, zwei, drei, vier, fünf Spannen mit unserer 
Zirkeleinstellung, und wir haben die Stadt Gheorghiu-Dej am 
Donufer erreicht. Fünfmal 300: also 1500 Kilometer Luft- 
linie macht das aus. Bereits nach den ersten 300 Kilometern 
überschreiten wir die damalige Landesgrenze. Mit drei wei- 
teren Zirkelmaßen, also 900 Kilometern, haben wir die 
Ukraine durchquert, und mit den letzten 300 Kilometern be- 
finden wir uns schon im Gebiet der Russischen Sozialisti- 
schen Föderativen Sowjetrepublik. Bis hierher war im Sep- 
tember 1942 nach blutigen Schlachten die 2., ungarische Ar- 
mee gelangt, und da stand sie auch am 1. Januar 1943. So 
weit von unseren Grenzen entfernt hatten ungarische Solda- 
ten noch nie gekämpft — wenn wir von dem Kreüzzugsaben- 
teuer unseres Königs Andräs II. einmal absehen. Das Aus- 
maß des Unternehmens war also riesengroß. Eine von den 
drei ungarischen Armeen und somit ein bedeutender Teil der 
wehrfälligen männlichen Bevölkerung stand auf dem Boden 
der Sowjetunion. 

Was hatten die Soldaten eines kleinen mitteleuropäischen 
Landes 1500 Kilometer von ihrer Hauptstadt entfernt zu su- 

24 



dien, dort, wohin sie bisher niemals, nicht einmal von ihren 
tollkühnsten Feldherren, geführt worden sind? Im übrigen 
weiß auch jedes Schulkind, daß Ungarn das letzte Mal im 
Jahre 1485 einen Krieg gewonnen hat, nämlidi als die stolze 
Burg von Wien dem Heer unseres Königs Matthias I. Corvi- 
nus die Tore öffnen mußte. Diese Burg aber lag nur 40 Kilo- 
meter von der ungarischen Staatsgrenze und 200 Kilometer 
Luftlinie von Budapest entfernt. Im Jahre 1942 jedodi hielt 
die 2. ungarische Armee an den gewundenen Ufern des Don 
ein Gebiet besetzt, das größer war als das ganze damalige 
Ungarn ! 

Seit dem Herbst 1942 befand sidi die 2. ungarisdie Armee 
in der Abwehr. Bis dahin war sie im Vormarsch gewesen, den 
die Rote Armee jedoch am Don zum Stillstand brachte. Von 
den 1500 Kilometern war die 2. Armee 1200 Kilometer mit 
dem Zug gefahren. Nur etwa 300 Kilometer hatte sie kämp- 
fend zurücklegen müssen. Doch auch das ist eine Fläche, die 
der nord-südlichen Ausdehnung unseres Landes gleichkommt. 
In der Zeit zwischen Juli und September 1942 hatte sie 
schwere Verluste erlitten, die in keinem Verhältnis zu den 
Erfolgen standen. Nun verlief ihre Verteidigungslinie am Ufer 
des stillen Don. 

Wohin sollte das führen? 

Der königlich ungarische Generalstab hätte es wissen müs- 
sen! 

Schon vor der Festigung der Naziherrschaft in Deutsch- 
land hatte er die Regierung vor den Folgen eines möglichen 
Krieges gewarnt. In seiner für die oberste Staatsführung ver- 
faßten Denkschrift schrieb der Chef des Generalstabs am 
10. Juni 1933 folgendes: 

«Solange wir uns militärisch noch nicht so weit entwickelt 
haben, daß wir imstande wären, mit Erfolg einen Krieg zu 
führen, muß unsere Staatspolitik jede Möglichkeit eines Krie- 
ges meiden. Heute und noch für absehbare Zeit sollte unsere 
Außenpolitik in der Lage sein, jede Situation, in der dem 
Land die Gefahr des Hineinziehens in einen Krieg droht, zu- 
verlässig abzuwehren.»- 


25 


Ja noch mehr: Auch wenn man unser Land angreifen 
sollte — empfahl der Generalstabschef dem Staatsober- 
haupt — , wäre es besser, uns ohne Widerstand zu ergeben; 
denn «. . . die Position Ungarns, das einen bewaffneten Wi- 
derstand gar nicht erst versucht, würde bei den nachfolgen- 
den Friedensverhandlungen politisch viel vorteilhafter und 
stärker sein als die eines durch Waffengewalt geschlagenen 
Ungarns». 

Die Erinnerungsschrift von 1935 ergänzt dies alles noch: 
■«Ein neuer Weltkrieg würde den unaufhaltsamen Vorstoß des 
Kommunismus . . . bedeuten.» 

Aber nicht nur der Generalstab dachte so. Am 18. April 
1935 traf General Istvän Shvoy, Oberbefehlshaber des Hee- 
res, folgende Feststellung: 

■«Auch im Kreise des Offizierskorps wird die Meinung ver- 
treten, daß wir keinen Krieg führen können, da wir nicht aus- 
gerüstet sind. Dagegen sind unsere Feinde infolge ihrer mo- 
dernen Bewaffnung und Ausrüstung zu allem in der Lage.» 

Die Frage ist nun: Hatte sich die Lage der ungarischen 
Streitkräfte von 1935 bis zum 27. Juni 1941, dem Tag unse- 
res Eintritts in den Krieg, so viel geändert, daß man diese 
Überlegungen einfach über Bord werfen konnte? 

Verfügten wir denn 1941 über ein schlagkräftiges, moder- 
nes Heer? 

■«Die Entwicklung des Horthy-Heeres offenbarte sich vor 
allem in der Steigerung des Personalbestandes. Die Mann- 
schaftsstärke des Militärs von 1938 . . . erhöhte sich bis 1941 
fast auf das Dreifache. Die Gesamtbewaffnung des Heeres 
jedoch hat nicht im entsprechenden Verhältnis zum Personal- 
zuwachs zugenommen. Die Horthysche Militärführung ist im 
Sommer 1941 mit einem völlig unmodern ausgerüsteten Heer 
in den Krieg eingetreten», lesen wir in der gründlichen fach- 
lichen Analyse «Die Militärideologie des Horthy-Systems» 
von Agnes Godo und Bela Sztana. «Das Horthy-Heer verfügte 
nicht einmal über solche Waffen, die den mittelgroßen und 
schweren Granatwerfern des sowjetischen Heeres entspra- 
chen.» 


26 


Laut Vorschrift hätte die Feuerkraft einer Brigade zu 
Kriegsbeginn, also im Juni 1941, aus folgenden Waffen be- 
stehen müssen : 

120 schwere Maschinengewehre 

240 leichte Maschinengewehre und Maschinenpistolen 
40 Granatwerfer 
16—24 leichte Minenwerfer 
20 — 40 Panzerabwehrgewehre 
16—24 Panzerabwehrkanonen 
28 Geschütze 

4—6 leichte Flugzeugabwehrkanonen. 

Demgegenüber verfügte im Juni 1941 eine Brigade ledig- 
lich über nachstehende Waffen: 

31 schwere Maschinengewehre 
108 leichte Maschinengewehre 

18 Granatwerfer 
4 Minenwerfer 
4 Panzerabwehrkanonen 
12 Geschütze. 

Die Ausrüstung war also,, gelinde ausgedrückt, mangelhaft. 
Aber vielleicht hatte sich die Lage bei der 2. Armee bis zum 
Sommer 1942 schon gebessert? Wir wollen einmal sehen: Die 
Feuerkraft einer leichten Division der 2. ungarischen Armee 
sah so aus : 

92 schwere Maschinengewehre 
265 leichte Maschinengewehre 
410 Maschinenpistolen 
36 Granatwerfer 
40 leichte Minenwerfer 
38 Panzerabwehrgewehre 
46 Panzerabwehrkanonen 

32 Geschütze 

6 Flugzeugabwehrkanonen. 

Diese Bewaffnung kam der Vorschrift von 1941 schon sehr 
nahe; ja, leichte Maschinengewehre, Maschinenpistolen, Mi- 
nenwerfer, Panzerabwehrkanonen und Geschütze waren so- 
gar mehr vorhanden als ursprünglich vorgeschrieben. Doch 


27 



der Schein trog; denn seit 1941 hatte sich die Kriegstechnik 
innerhalb von zwei Jahren so enorm weiterentwickelt, daß 
die Granat- und Minenwerfer nur noch begrenzte Bedeutung 
besaßen. Darüber hinaus konnten die ungarischen kleinka- 
librigen Panzerabwehrkanonen die Panzerung der sowjeti- 
schen Kampfwagen überhaupt nicht durchschlagen. Auch die 
von der Heeresführung veranlaßte Erhöhung des Bestandes 
an Maschinenpistolen hielt dem Vergleich nicht stand; in der 
sowjetischen Armee hatte jeder vorn kämpfende Soldat eine 
Maschinenpistole. 

Dazu noch einige Fakten: Die ungarische Artillerie war 
nicht motorisiert! Zwischen 1940 und 1945 wurden in Un- 
garn insgesamt 1010 Panzerkampfwagen hergestellt. Davon 
aber waren nur 230 mittelschwere Panzer, und diese waren 
weit schwächer als die sowjetischen T 34. Das heißt: die un- 
garische Honved-Armee verfügte in Wirklichkeit lediglich 
über 230 einigermaßen wirkungsvolle Panzer, von denen aber 
bis zum Sommer 1942 für die 2. Armee auch bloß etwa 100 
zur Verfügung standen. Wie wir sehen werden, setzte dage- 
gen die sowjetische Rote Armee, allein an einem einzigen 
Frontabschnitt, 200 Panzer zur Niederringung der ungari- 
schen Stellungen ein. 

Weiterhin noch soviel: Die ungarische Luftwaffe verfügte 
über insgesamt 307 Kampfflugzeuge, von denen jedoch nur 
190 einsatzfähig waren. 

Wir können also feststellen, daß sich die ungarische Armee 
1942 in keinem günstigeren Zustand befand als 1933 oder 
1935. 

Deshalb war die Teilnahme am Feldzug gegen die Sowjet- 
union — auch unabhängig von politischen Überlegungen — 
im wahrsten Sinne des Wortes ein skrupelloses Abenteuer. 

Weshalb also drängte der ungarische Generalstab auf den 
Eintritt Ungarns in den Krieg und forcierte ihn vielleicht so- 
gar noch stärker als die Deutschen selbst? Was hatte sich seit 
1935, seit der letzten, 2 ur Vorsicht mahnenden Denkschrift 
geändert? Eine rhetorische Frage, weiß doch heute jeder die 
Antwort darauf: Die anfangs erfolgreich verlaufenden Ag- 


28 



Kressionen des faschistischen Deutschlands verstärkten auch 
den Appetit der nach Eroberungen lechzenden ungarischen 
I leeresführung wie der Regierung, so daß beide die früher 
von ihnen anerkannten Gefahren ignorierten und das aben- 
teuerliche Risiko eingingen. 

Aber nicht nur die Bewaffnung und die Ausrüstung waren 
ungenügend. Weder das Offizierskorps noch die Mannschaft 
waren für die Verteidigungsaufgaben ausgebildet. Charakte- 
ristisch und interessant ist das von Generalstabsoberstleutnant 
Antal Farkas für die 2. Armee verfaßte Werk «Taktisches 
Handbuch für den Truppenoffizier». Darin behandelt er auf 
57 Seiten den Angriff und auf nur 9 Seiten die Verteidigung, 
dabei die Verteidigung an Flußufern gar nur auf 3 Seiten. 

Im Dezember 1942 nahm der Mangel an Bewaffnung, Mu- 
nition, Bekleidung und Verpflegung schon katastrophale Aus- 
maße an. Es gab so wenige Gewehre, daß die Ersatztruppen 
unbewaffnet aus Ungarn an die Front geschickt wurden. «Ge- 
wehre her, Gewehre her, sonst werden diese vielen waffen- 
losen Männer die Flucht ergreifen! Das ist nun schon die 
vierte Marschkompanie, die mit nur 30 Gewehren eingetrof- 
fen ist. Wohin soll das führen? — Wir würden schon stand- 
haltcn, wenn es mit Waffen besser bestellt wäre. Ich mußte 
sämtliche Gewehre meiner Einheit einsammeln lassen, um 
wenigstens die Soldaten in der vordersten Linie ausrüsten zu 
können . . . Möge Gott geben, daß wir diese Bewaffnungs- 
mängel schleunigst überwinden können, bevor der Angriff 
der Russen anläuft; denn daß wir darauf nicht mehr lange zu 
warten brauchen, ist sicher», trug Oberstleutnant Bela Vecsey, 
Kommandeur des 35. Infanterieregiments, am 22. Dezember 
1942 und am 9. Januar 1943 in sein dickes Pepitaheft ein. 

«Unsere Treibstoffsituation ist jämmerlich. Sogar beim 
Nachschubtransport leben wir von einer Stunde zur anderen. 
Im Falle eines feindlichen Angriffs könnte daraus eine Kata- 
strophe entstehen. Da wir über keinerlei Treibstoffreserven 
verfügen, kann selbst der notwendige Munitionsnachschub ins 
Stocken geraten», teilte Generalmajor vitez (das Wort vitez 
benennt die Mitgliedschaft in einer militaristischen Organi- 


29 



sation Horthy-Ungams) Gyula Koväcs, Chef des Armee-Ge- 
neralstabes, am 24. Dezember 1942 dem deutschen General 
Sodenstern, Generalstabschef der deutschen Heeresgruppe B, 
mit. Der Generalmajor Koväcs wiederum erhielt äußerst alar- 
mierende Nachrichten, so am 21. Dezember 1942 vom Quar- 
tiermeister der Armee: «Bei der gegenwärtigen Verpflegung 
hat sich der Kräftezustand besonders der vorn kämpfenden 
Truppen enorm verschlechtert.» — «Die Ernährungslage beim 
3. Bataillon des 18. Infanterieregiments der 12. Division», 
meldeten Bataillonskommandeur Major Elemer Dancs und 
der leitende Arzt des Regiments am 16. Dezember 1942, «ist 
derart schlecht, daß jederzeit mit dem Tod von 20—30 Mann 
infolge Entkräftung gerechnet werden kann.» 

Unter solchen Umständen erwartete die 2. ungarische Armee 
den sowjetischen Angriff. Alle warteten darauf: der Wach- 
posten auf der hohen Uferlinie über dem zugefrorenen Fluß 
ebenso wie der Befehlshaber der Armee. Von einer Über- 
rumpelung konnte also keine Rede sein. Das bezeugen nicht 
nur die vorhin zitierten Eintragungen in dem Pepitaheft des 
Oberstleutnants Vecsey, sondern auch die sich überstürzenden 
Anordnungen des Generalstabs und seine beschwörenden 
Hilfsgesuche an die im Fronteinsatz befindliche deutsche Hee- 
resgruppe B. 

Im Hauptquartier bei Alexejewka herrscht fieberhaftes 
Treiben. In der Kanzlei, die im früheren Kolchosgebäude 
eingerichtet worden ist, beugen sich Dutzende Generalstabs- 
offiziere über die Karten; auf Geländewagen fahren Kuriere 
ab oder kommen an; Telefone klingeln, Budapest, Berlin, 
das Generalstabshauptquartier melden sich in schneller Folge. 
Generaloberst Jäny fliegt mit seinem Flugzeug vom Typ «Fie- 
seler Storch» von einer Division zur anderen, er inspiziert, 
trifft Anordnungen; auch beim Gefechtsstand des vorhin zi- 
tierten Oberstleutnants Vecsey taucht er auf. Es ist der 9. Ja- 
nuar, 11 Uhr: «Er war äußerst freundlich, lächelte immer, und, 
wie ich sah, war er mit allem sehr zufrieden und brachte es 
auch zum Ausdruck», trug der Oberstleutnant beglückt mit 


30 



dickem, weichem Bleistift ein. Man kommt beim Blättern in 
«lern alten Tagebuch schnell wieder zu nüchterner Beurteilung, 
wenn man sich fragt, worüber der Herr Generaloberst wohl 
so zufrieden gelächelt haben mag, da wir doch gerade aus 
diesem Tagebuch des Regimentskommandeurs Vecsey wis- 
sen, daß es in jeder seiner Kompanien nur 30 Gewehre gab 
und «. . . wir fest in die Hände spucken müssen, um mit dieser 
Hosenband-Linie den Angriff aufhalten zu können». Ein we- 
sentlicher Umstand, auf den wir noch zurückkommen werden : 
In der damaligen ungarischen Armee «schickte» es sich nicht, 
von Übeln und Mängeln zu sprechen, so daß — wie es scheint 
— nicht einmal der brave Vecsey, der in seinem Tagebuch 
doch wahrhaft aufrichtig alles schildert, es für angebracht 
hielt, den Herrn Armeebefehlshaber aufzuklären. Jäny ver- 
merkte daher später gereizt auf dem Bericht, in dem Vecsey 
die objektiven Ursachen der Niederlage aufzählte, eigenhän- 
dig mit rotem Bleistift: «Ich habe keine Klage gehört. Oberst- 
leutnant Vecsey hatte gemeldet, daß seine Truppe zur Vertei- 
digung bereit sei und den Angriff kaum erwarten könnte.» 

Um die damalige Lage der 2. Armee ganz ermessen zu 
können, müssen wir untersuchen, welchen Teil der Honved- 
Truppen sie ausmachte und was der unmittelbare Grund für 
ihren Einsatz war. 

Wir haben bereits gesehen, daß Ungarn militärisch unvor- 
bereitet in den Krieg eintrat. Da der Gcneralstab dies wußte, 
war er bestrebt, sich nur mit einer minimalen Streitmacht am 
Feldzug gegen die Sowjetunion zu beteiligen. Bis zum Som- 
mer 1942 geschah dies in drei Einsätzen: Im Sommer 1941 
beteiligte sich eine armeekorpsstarke Einheit, die «Karpaten- 
gruppe», mit verhältnismäßig geringen Verlusten an den an- 
fänglichen Operationen. Ab Sommer 1941 kämpfte ein vor- 
wiegend motorisiertes, mit Panzerwagen ausgerüstetes Armee- 
korps in der Ukraine mit bedeutenden Verlusten an der Seite 
der vordringenden Verbündeten. Von 1941/1942 an versahen 
6 Armeekorps der sogenannten «östlichen Besatzungsgruppe» 
die Aufgabe der militärischen Kontrolle in den bereits be- 
setzten Gebieten. Im Januar 1942 jedoch forderte die deutsche 


31 



Heeresführung den Einsatz größerer Kräfte. Generalleutnant 
Vatty, Horthys Flügeladjutant und einer seiner Vertrauten, 
ein Gegner der Bevormundung des ungarischen Generalstabs 
durch das deutsche Oberkommando, betonte 1945, nachdem 
er aus der Gestapogefangenschaft freigekommen war, überein- 
stimmend mit anderen Generalen, daß die oberste ungarische 
Heeresführung Hitlers Verlangen mit schlechtem Vorgefühl 
entsprochen hätte. Laut Generaloberst Jozsef Bajnoczy haben 
Generalfeldmarschall Keitel, der eigens zu diesem Zweck nach 
Budapest gekommen war, und die ungarischen Generale ab- 
wechselnd energisch mit den Fäusten auf den Tisch gepocht: 
«Die Verhandlungen verliefen sehr geräuschvoll, sogar Ge- 
schrei war zu hören, offenbar drohte Keitel den Ungarn für 
den Fall, daß sie keine weiteren Streitkräfte an die Front ge- 
ben, Repressalien an», lesen wir in den Vorbereitungsakten für 
die Friedensverhandlungen. Gleichzeitig aber wollte die un- 
garische Regierung keineswegs aus dem Krieg herausbleiben, 
mußte sich «Ungarn doch am , Krieg für die Zukunft 4 beteili- 
gen und sich möglichst solche Verbündete suchen, die ihn mit 
Sicherheit auch gewinnen werden». Und wer sollte den Krieg 
gewinnen, wenn nicht Deutschland, das Frankreich in 44 Ta- 
gen, Griechenland in 27, Norwegen in 24, Belgien in 6 Tagen 
vernichtend geschlagen hatte? Die ungarische Staatsführung 
opferte daher skrupellos jene Kontingente, die Hitler angefor- 
dert hatte. Miklös Horthy hat sich in zynischer Weise selbst 
dazu geäußert: «Wir haben uns nun doch entschlossen, unter 
Führung General Janys eine 150 000 Mann starke zweite Ar- 
mee aufzustellen», und, einen damals gängigen Witz zitierend, 
verrät er dem Leser seiner Memoiren, daß er die Angelegen- 
heit schon zu jener Zeit als erledigt betrachtet und die 2. un- 
garische Armee bereits im Augenblick ihrer Aufstellung auf 
die Verlustliste gesetzt habe. «Die Leute fragten einander: 
Was hat uns Keitel gebracht? Und die Antwort lautete: Einen 
Film! Darunter verstanden damals alle den laufenden Film 
, Tödlicher Frühling 4 .» 

Im übrigen wird Horthy wohl auch einen Blick auf die Land- 
karte geworfen haben, genau wie wir zu Anfang dieses Kapi- 

32 



tels ; in seinen «Erinnerungen» nämlich gibt er einen an Hitler 
gerichteten Brief wieder, in dem es unter anderem heißt: «Der 
zweiten Armee mangelt es an entsprechender Ausrüstung. Sie 
kämpft auf einem Gebiet, das von unseren historisdien Gren- 
zen und unserer Geisteswelt gleichermaßen weit entfernt liegt. 
Der Ungar fühlt sich mit den Grenzen seiner Heimat innerlich 
aufs engste verbunden. Sic bedeuten ihm zugleich auch die 
Grenzen seiner politischen Bestrebungen und militärischen 
Kraftanstrengungen. Alle seine Kräfte vermag er aufzubieten, 

wenn er auf dem Boden seiner Heimat oder in deren unmit- 

• # 

telbarer Umgebung im Kampf eingesetzt wird.» Das sind die 
ganz im Widersprudi zur eigenen Handlungsweise stehenden 
Worte des ehemaligen Reichsverwesers von Ungarn. 

Der Personalstand der 2. ungarischen Armee wurde also 
im Frühling 1942 auf Kriegsstärke gebracht. 

Die teilweise Mobilmachung erfolgte im März und April 
1942, sie erstreckte sich über das ganze Land und hatte die 
bislang umfangreichste Einberufung zur Folge. «Das Prinzip 
der Mobilmachung war, die Bevölkerung in allen Landes- 
teilen proportional zu belasten.» Es fragt sich nur, welche 
Klassen der Gesellschaft, welche Schichten des Volkes von 
dieser «proportionalen Belastung» am meisten betroffen wur- 
den und wen man 1942 an die russische Front schickte, um 
dort zu sterben. 

Aus der Vielzahl der vorliegenden Berichte wollen wir 
einige Aussagen auswählen. 

Generaloberst vitez Gyula Koväcs, Generalstabschef der 
Armee : 

«Ein Großteil der Einberufenen rekrutierte sich aus Besitz- 
losen, Bauern, Arbeitern; also dem kleinen Mann . . . Die Aus- 
wirkungen dürfen nicht unterschätzt werden, wenn wir nicht 
mit dem Feuer spielen wollen.» 

Generalmajor vitez Uläszlo Solymossy, Kommandeur, der 
12. Division: 

«Bei den Einberufenen waren die begüterten Bauern im 
Verhältnis zu anderen Schichten weit unter dem Durchschnitt 
vertreten, sie hatten für sich zumeist die Zurückstellung vom 


3 Nemcskürty, Untergang 


33 



Wehrdienst erwirkt. Die Masse der Mannschaft bestand aus 
Bauernknechten und Gutsarbeitern.» 

Oberst vitez Ferenc Loskay, vom 14. Dezember 1942 bis 
zum 14. Januar 1943 Stellvertretender Kommandeur der 19. 
Division : 

«Unsere führende Gescllschaftsschicht (Aristokratie, Guts- 
besitzer, Beamte, Abgeordnete usw.) fanden wir nicht auf dem 
Schlachtfeld ... Da waren hauptsächlich die Ärmsten unserer 
Bauernbevölkerung, die das Ziel des Krieges nicht begreifen 
konnten oder wollten.» 

Oberstleutnant Bela Vecsey, Kommandeur des 35. Infan- 
terieregiments: 

«Neunzig Prozent der Mannschaft sind bettelarme Leute, 
denen es sdiwer zu erklären ist, warum sie zweitausend Kilo- 
meter jenseits der Landesgrenzen kämpfen müssen.» 

Tibor Zetelaky, Hauptmann im Generalstab: 

«Nur die armen Bauern waren draußen, die wohlhabende- 
ren hatten Freistellung erlangt . . . Bei den Mannschaften kam 
allmählich der Gedanke auf, daß diese Armee am Don von der 
Heimat schon abgeschrieben war.» 

Das ist also des Rätsels Lösung. Man hatte im ganzen Lande 
«die Ärmsten unserer Bauernbevölkerung» eingesammelt — 
die «das Ziel des Krieges nicht begreifen konnten oder woll- 
ten» — , um sie zu Soldaten einer so mangelhaft ausgerüsteten 
Armee zu machen, die — vorausberechenbar — schwerste 
Verluste erleiden würde. Wenn nun einmal Verluste einzukal- 
kulieren waren, dann sollten eben die Feinde der herrschen- 
den Klasse zugrunde gehen. Aus dem Bericht Oberst Loskays, 
der durchaus nicht zur Rührseligkeit neigte, entnehmen wir: 
«Der Kommandeur eines Regiments wußte nicht einmal, daß 
man seine am Vortag gefallenen 12 bis 25 Soldaten auf dem 
in der Nähe gelegenen Heldenfriedhof bereits begraben hatte! 
Sie waren in Anwesenheit einiger freiwillig erschienener Män- 
ner einfach verscharrt worden.» 

Auffallend ist auch das hohe Durchschnittsalter der zur Don- 
Armee eingezogenen Männer. Sämtliche Kommandeure führ- 
ten übereinstimmend in ihrem Report diesen Fakt an. Es ge- 


34 



i lügt, wenn wir als Beweis den Bataillonskommandeur 
Oberstleutnant Jozsef Hunyadväri zitieren: «. . . das Alter der 
Mehrheit der am Donufer kämpfenden Soldaten liegt zwi- 
schen dreißig und fünfzig Jahren.»- Was mag wohl die Ursa- 
che dafür gewesen sein? 

Es fällt schwer, eine sachliche Antwort darauf zu geben. 
Allzu offensichtlich ist, daß diese Armee von vornherein zum 
Tode verurteilt war. Da ihr derart viele ältere und arme Leute 
angehörten, ist man geneigt, die Schlußfolgerung zu ziehen, 
daß die Zusammenstellung, ja das ganze System der Einbe- 
rufung bewußt bösartig gewesen sei. Doch dafür gibt es keine 
direkten Beweise. Es handelte sich ja um eine große Kriegs- 
maschinerie, die auch vom Horthy-Regime für wertvoll ge- 
haltene Mensdien erfaßte, so daß wir keineswegs behaupten 
dürfen, die 2. ungarische Armee sei ausschließlich aus «ver- 
dächtigen» Elementen zusammengestellt gewesen. Zweifellos 
haben viele die Härten der Einberufung und des Kriegsein- 
satzes für ihre Heimat gern auf sich genommen, ohne tief- 
gründiger darüber nachzudenken, was man tatsächlich von 
ihnen forderte. Auffallend ist, daß in der 2. Armee Angehö- 
rige der nationalen Minderheiten zahlreich vertreten waren: 
Rumänen, Ruthenen, Slowaken. Die Horthy-Regierung hielt 
diese Mensdien für unzuverlässig. Man fragt sich daher, war- 
um wurden gerade sie dann an die Front geschickt? 

Die meisten Soldaten waren verheiratet. Doch die politisdie 
Führung bekümmerte sidi überhaupt nicht um ihre Familien; 
diese Angehörigen waren auf öffentliche Spenden, auf Bro- 
samen aus notlindernden Aktionen angewiesen. Dabei hätte 
man dodi die Frauen und Kinder der Helden, die das Vater- 
land verteidigen sollten, ehren müssen. Oberstleutnant Jänos 
Jözan, Offizier der 1. Panzerdivision, bekundete: «Der Mili- 
tärdienst eines verheirateten Mannes bedeutet Elend für die 
besitzlose Familie.» 

Die meisten Soldaten der 2. Armee wußten oder ahnten 
es, warum gerade sie an die Front geschickt wurden. Ein Of- 
fizier des III. Armeekorps stellte fest: «Wie ein Schlag ins Ge- 
sicht, so schmerzhaft traf sie jener Armeebefehl, der ihnen 


35 



bekanntgab, daß hier niemand auf Ablösung und Urlaub rech- 
nen solle. Die Soldaten der 2. Armee hatten danach die Ge- 
wißheit, daß sie auf verlorenem Posten standen.» 

Im Kriegstagebuch von Lajos Könya lesen wir: 

«Du kannst unsere ganze Armee befragen, überrasche die 
Soldaten in den Unterständen, in den Stuben, überall, wo sie 
unter sich sind. Immer wieder stellen sie sich die Frage: Was 
haben wir hier zu suchen? Wir können es einfach nicht be- 
greifen, daß dies unsere Sache ist, auf uns wirkt keinerlei Pro- 
paganda mehr, wir haben das Gefühl, daß man uns übel hin- 
ters Licht geführt hat . . .» 

Selbst der Verteidigungsminister Vilmos Nagy meinte: «Die 
an der Front Qualen erleidenden Soldaten sprachen über die 
Armee als von einer Truppeneinheit, die für die Daheimge- 
bliebenen schon nicht mehr existierte. Die Männer unserer 
2. Armee hatten das Gefühl, daß man sie zum Tode verurteilt 
habe.» 

Wenn der damalige Verteidigungsminister — der hierfür 
kompetenteste Mann — so spricht, dürfen wir vielleicht doch 
die Vermutung wagen, daß absichtlich so viele solcher «Ele- 
mente» zur 2. ungarischen Armee einberufen worden waren, 
die man für politisch unzuverlässig und unzufrieden hielt; 
es sollten an der Sowjetfront vor allem diejenigen zugrunde 
gehen, die zu Hause am ehesten gewillt waren, eine Revolu- 
tion zu entfesseln. Unter dem Deckmantel der «proportionalen 
Belastung» hatte man ganz systematisch die ärmsten, unzu- 
friedensten, abhängigsten, am stärksten ausgebeuteten Men- 
schen, die politisch Verdächtigen, also die «für den Schutz der 
Nation wertlosen Elemente», ausgewählt. Es war daher auch 
allgemein üblich, «renitenten» Personen zu drohen: «Halten 
Sie die Klappe, sonst können Sie sich sehr leicht an der Front 
wiederfinden !» 

Die 2. ungarische Armee war in diesem «tödlichen Früh- 
ling» — um Horthy zu zitieren — zum Tode verurteilt worden. 
Man hatte sie auch deshalb geopfert, weil viele dieser Solda- 
ten nicht gegen das sowjetische Volk kämpfen wollten. Wie 
hatte doch Generalmajor Koväcs gesagt? «. . . die Auswirkun- 


36 



gen dessen dürfen nicht unterschätzt werden, wenn wir nicht 
mit dem Feuer spielen wollen.» Sehr aufschlußreich ist in 
diesem Zusammenhang eine Analyse, die Generalmajor ICo- 
väcs nach den ersten großen Schlachten, noch im Schwung 
des siegreichen Vormarsches, am 17. August 1942 zu Papier 
gebracht hat: «Die an der Front kämpfende Armee und wahr- 
scheinlich auch das Mutterland erkennen das Ziel und den 
Sinn des Krieges sowie die Notwendigkeit unserer Teilnahme 
daran nicht Idar. Ein zweiter großer Fehler ist, daß wir we- 
der den Bolschewismus hassen noch mit ihm unsere Feinde, 
die Russen. Ohne Haß aber kann man keine Tollkühnheit, 
Zähigkeit und Grausamkeit fordern, die in einem modernen 
Krieg . . . eine unentbehrliche Voraussetzung sind.» 

Wie sah nun das Offizierskorps aus, dem man diese Armee 
anvertraut hatte? Es wurde geschont: Die Kommandeure 
wechselte man so oft aus, daß es heute schwerfällt, aus den 
Dokumenten festzustellen, wer wann Kommandeur gewesen 
ist. Diese Offiziere waren bestrebt, den für ihre Beförderung 
notwendigen Fronteinsatz so schnell wie möglich hinter sich 
zu bringen. Sie kannten die ihnen unterstellten Soldaten nicht, 
kümmerten sich nicht um deren Belange. Sie wagten nicht ein- 
mal, den ihnen übertragenen Einsatzbereich zu kontrollieren. 
Oberstleutnant Vecsey schrieb nach einer Inspektion: 

«Der Kompaniechef — ein Oberleutnant, Berufsoffizier — 
lud uns in seinen Bunker ein; seiner Aussage nach war ich 
der erste Stabsoffizier, der seinen Fuß in die Stellung gesetzt 
hatte. Das ist schon der zweite Fall, daß man mir das sagte . . . 
Der Bataillonskommandeur hatte es in drei Monaten nicht 
fertiggebracht, auch nur ein einziges Mal zu seinen Kompa- 
nien hinauszugehen; denn als ich ihn mit mir nach vorn 
nahm, wußte er nicht einmal den Weg dorthin.» 

Wer waren diese Bataillonskommandeure überhaupt? Sol- 
che Stabsoffiziere, die Ende der dreißiger Jahre einen Stabs- 
lehrgang absolviert hatten, die den ersten Weltkrieg also nur 
vom Hörensagen kannten und die, im stark reduzierten Frie- 
densheer der zwanziger Jahre aufgewachsen, die Ausbildung 
hauptsächlich nach formalen, äußeren Gesichtspunkten wer- 


37 



teten. Hören wir uns dazu die bittere Feststellung des Ober- 
befehlshabers der ungarischen Wehrmacht, Generalleutnant 
Istvän Shvoy, aus dem Jahre 1937 an: «Die vor Beginn des 
Stabslehrgangs durchgeführte Orientierungsprüfung bot ein 
trauriges Bild von der militärischen Qualifikation unserer Of- 
fiziere. Von 124 Prüflingen zeigte eine beträchtliche Zahl 
Hauptleute ein Wissen, das nicht einmal den Anforderungen 
der Unteroffiziersschulen entsprach. Es müssen doch im Sy- 
stem unserer gesamten Offiziersweiterbildung schwerwiegen- 
de Fehler bestehen, wenn nach einer vorhergehenden langen 
Ausbildungszeit an Militärinstituten und einem nahezu zwan- 
zigjährigen Truppendienst ein großer Teil unserer Offiziere 
sich oft nicht einmal über die Grundausbildung im klaren ist.» 

Seit 1937 hatte sich die Lage nicht wesentlich verbessert. 
Der zur 19. Division der 2. Armee eingeteilte Oberst Loskay 
läßt sich dazu wie folgt aus : 

«Von den im Offiziersdienstgrad stehenden Berufskom- 
mandeuren waren diese hier vielleicht die schlechtesten. Vori- 
ges Jahr [also 1942] sind sie bei mir in Värpalota gewesen, 
und wenn ich sie mir so anschaute, habe ich mehr als einmal 
den Herrn Generalmajor gefragt: ,Die wollen tausend Mann 
zum Siege führen . . .?‘» 

Diese niederschmetternde Meinung verallgemeinerte Ge- 
neraloberst Szombathelyi im Jahre 1943 auf das ganze Kom- 
mandeurskorps : 

«Die meisten Kommandeure waren Büromenschen . . . Sie 
besaßen kaum Führungsroutine, etwaige Kriegserfahrungen 
hatten sie vergessen, und so verfügten sie auch über kein 
Selbstvertrauen . . . Die Kommandeure vertrauten weder auf 
sich selbst noch auf ihre Soldaten, weil sie diese ja gar nicht 
kennen konnten.» 

Weshalb hatten denn die Kommandeure keine Führungs- 
routine? Wir zitieren aus der Studie von Agnes Godö und 
Bela Sztana: 

«Die angenommene Kriegslage bei den jährlich durchge- 
führten Manövern kam einer wirklichen Gefechtssituation 
nicht einmal nahe. Es gab Einheiten, in denen danach gestrebt 

38 


wurde, bei der einjährigen Ausbildung die für das Manöver 
gebrauchten Fähigkeiten lediglich mechanisch einzudrillen . . . 
Im Verlauf der taktischen Ausbildung ließ man die Soldaten 
im allgemeinen nur die Vorbereitung des Kampfes und den 
Sturmangriff üben. Der Tiefenkampf wurde vernachlässigt . . . 
Die Organisierung des Zusammenwirkens der einzelnen Waf- 
fengattungen überging man ebenfalls ... Die Kommandeure 
kannten nämlich die Möglichkeiten und Aufgaben anderer 
Waffengattungen gar nicht > . . Dem Bekanntmachen mit den 
in der Armee vorhandenen Waffen und dem Eindrillen der 
verschiedenen Griffe widmete man schrecklich viel Zeit. So- 
gar aus dem Schlaf aufgeschreckt, wußten die Soldaten fehler- 
los, aus wie vielen Teilen ihr Gewehr besteht und in welcher 
Reihenfolge man es auseinandernehmen beziehungsweise zu- 
sammensetzen muß. Mit der Wirkungsweise des Gewehres 
aber waren sie nicht mehr so im klaren, denn . . . infolge 
des chronischen Munitionsmangels hatten sie nur selten Ge- 
legenheit, mit ihren Gewehren auch zu schießen ... Es gab 
Soldaten, die erst auf dem Schlachtfeld zum erstenmal einen 
Panzerwagen sahen. Das Erscheinen des Maschinenungeheu- 
ers löste bei ihnen eine solche psychologische Wirkung aus, 
daß sie völlig erlahmten und weder die Panzer zu vernichten 
noch sich Selber zu retten imstande waren.»- 

Die erste größere taktische Übung erfolgte 1938/39. Doch 
Anwesenheit und Funktion mancher Waffen und Kampfmittel 
wurden bei diesen Übungen nur imitiert. 

Und obendrein scheuten diese Offiziere jegliche Selbstkri- 
tik. Nach Beendigung des tragisch verlaufenen Feldzuges 
ließ das Oberkommando von jedem heimgekehrten Offizier 
einen Bericht schreiben, in dem er seine Meinung über die 
Ursache der Niederlage darlegen sollte. Selbstkritische Äuße- 
rungen kamen lediglich in einem der Hunderte von Berichten 
vor. Nur ein einziger ungarischer Offizier gestand, der Situa- 
tion nicht immer gewachsen gewesen zu sein. Der durch kühne 
Unternehmungen bekannt gewordene Oberleutnant Albeirt 
Fäluvegi schrieb nämlich: j 

-«In dieser Situation ist meine Truppenführung — soweit ich 

39 


das beurteilen kann — nicht so gewesen, wie sie hätte sein 
sollen.» 

Oberleutnant Faluvegi leitete eine Kompanie. Mit der 
Mannschaft beschäftigten sich ja vorwiegend nur die Kompa- 
nie- und Zugführer, diese waren jedoch in den seltensten Fäl- 
len Berufssoldaten. Die unmittelbare Führung lag also in den 
Händen fachlich unausgebildeter Reserveoffiziere oder von 
Offizieren auf Zeit. 

Wer waren diese Reserveoffiziere? Man braucht nicht lange 
im Beförderungsteil des «Honvedsegi Közlöny» (Mitteilungs- 
blatt der Honved-Armee) zu blättern, um folgende Auskunft 
zu erhalten : Die meisten waren Volksschullehrer, Mittelschul- 
lehrer, zu einem kleineren Teil Beamte, die alle berufsmäßig 
mit Menschen zu tun gehabt hatten, so Wirtschaftsverwalter 
oder Po stangestellte. Ein Teil dieser Reserveoffiziere war nach 
dem gleichen Einberufungsprinzip wie die Mannschaft an die 
Front gelangt, manche erkannten erst dort die wahren Ziele 
dieser Politik. Diese Fähnriche und Leutnante der Reserve 
lebten im allgemeinen mit ihrer Mannschaft zusammen, sie 
fühlten sich für ihre Leute verantwortlich. Der bereits mehr- 
fach zitierte Oberst Loskay äußerte sich zwar niederschmet- 
ternd über diese Offizierskader, doch wollen wir einmal prü- 
fen, warum: «Die Masse der Reserveoffiziere war mit der 
Mannschaft eines Sinnes ... Sie führten . . . die Soldaten aus 
dem Kampfgebiet zurück.» Wahrhaftig: Diese unteren Of- 
fiziersdienstgrade waren mit der Mannschaft solidarisch, und 
die Schlußfolgerungen aus ihrem Verhalten sind nicht unbe- 
deutend. Viele dieser Reserveoffiziere der Don-Armee amtie- 
ren heute als Offiziere und Generale der ungarischen Volks- 
armee. Um der Wahrheit willen müssen wir jedoch auch fest- 
halten, daß zwischen den Reserveoffizieren und den Offizieren 
auf Zeit, den aktiven Offizieren, ein wesentlicher Unterschied 
bestand. Unter den Offizieren auf Zeit gab es zahlreiche An- 
hänger des Nationalsozialismus, die sich zumeist freiwillig zu 
den Kommandos der Arbeitsdiensteinheiten meldeten. Das ist 
der Typ, der es in den Friedensjahren zu nichts bringen 
konnte und nun die günstige Gelegenheit erblickte, sich eine 


40 



feste Stelle mit sicherem Monatsgehalt zu verschaffen, eine 
«Existenz zu gründen», vom Kleinbürgertum in den gehobe- 
nen Mittelstand aufzusteigen. Da brauchten diese bisher Er- 
folglosen nicht selbst zu entscheiden, der Staat und ihre über- 
geordneten Kommandeure nahmen ihnen das selbständige 
Denken und die Verantwortung ab. Solche Offiziere waren in 
diesen Zeiten der Konjunktur gern bereit, weiter zu dienen, 
doch fehlte ihnen das Gefühl der Berufung zum Soldaten 
ebenso wie das Verantwortungsbewußtsein gegenüber den 
ihnen anvertrauten Menschen. Bei unerwarteten Situationen 
versagten sie, hatten keine Ahnung, was zu tun war. In seinem 
1943 erschienenen Frontbericht «Von wo die Seele entwichen 
ist» zeichnet Käroly Kiss ungewollt ein entlarvendes Porträt 
dieses Offizierstyps, obwohl der Autor im Unterschied zu 
vielen seiner Gesinnungsgenossen aufrichtig an seine Ideale 
glaubte und ernsthaft der Meinung war, seiner Heimat am 
besten dienen zu können, wenn er sich als Gendarmerieoffi- 
zier freiwillig an die Front melde. Dabei war er 1942 schon 
sechsundvierzig Jahre alt und hatte bereits am ersten Welt- 
krieg teilgenommen, wobei er in Gefangenschaft geraten war. 
Aus dem Buch dieses Gendarmerieoberleutnants der Reserve 
entnehmen wir: Der Autor war fest davon überzeugt, daß die 
Juden an allem Übel auf der Welt schuld seien, an der For- 
derung nach Gleichberechtigung der Frau ebenso wie am Sieg 
und Aufschwung der russischen Arbeiterklasse und am Aus- 
bruch des Krieges. Dabei übersah er völlig, wie erniedrigend 
es war, daß das ungarische Gendarmeriebataillon untergeord- 
nete Hilfsdienste zu verrichten hatte, wenn es gerade einmal 
nicht mit dem Aufspüren von Partisanen beschäftigt war. 

Bei einer solchen fragwürdigen Zusammensetzung des Of- 
fizierskorps erhöhte sich die Bedeutung der Unteroffiziere. 
Von ihnen ist in den Dokumenten, die uns zur Verfügung 
stehen, sehr wenig die Rede. Kurz gesagt: Beim Durchsehen 
von Tausenden und aber Tausenden von Frontberichten bin 
ich auf keinen einzigen Fall gestoßen, bei dem ein Komman- 
deur in einer Meldung den Namen eines Unteroffiziers er- 
wähnt hätte. Aus dem Abstand von fünfundzwanzig Jahren 


41 



gesehen, erscheinen die Unteroffiziere und Feldwebel als 
namenlose, graue Masse. Dabei war das Berufs-Unteroffiziers- 
korps der 2. ungarischen Armee in fachlicher Hinsicht ausge- 
zeichnet. Diese Männer waren Tag und Nacht mit der Mann- 
schaft zusammen, sie litten auch gemeinsam mit den Solda- 
ten. Ihnen fiel die Aufgabe der unmittelbaren Führung zu, 
und sie mußten sehr oft Aufgaben übernehmen, die den Kom- 
paniechefs zukamen. Wir sind uns dessen gewiß : Wenn ihnen 
ihre Offiziere hätten Schlechtes nachreden, die Verantwortung 
für das eigene Versagen auf sie hätten abwälzen können, 
dann würden sie das ohne Bedenken getan haben. Ihr Schwei- 
gen bedeutet diesmal ungewollte Anerkennung. 

¥ 

Für den Großteil der Offiziere war der Frontdienst nur die 
nachzuholende Ausbildung im Scharfschießen, eine Gelegen- 
heit zwar, bei der man auch sterben konnte, doch das war 
schließlich das Risiko jedes Soldaten. Die häufige Ablösung der 
Offiziere vom Fronteinsatz verringerte außerdem das Risiko. 

Nicht so bei der Mannschaft. Hier gab es keine Auswechse- 
lung. 

Warum nicht? 

Da müssen wir die Feststellung wiederholen: weil man 
diese Menschen zum Tode verurteilt hatte. 

Der Generalstab in Budapest wußte schon im Herbst 1942, 
daß die Rote Armee stärker war, als man angenommen hatte. 
Generalmajor Dr. Läszlö Deseö hielt am 20. November 1942 
im Offizierskasino einen Vortrag, mit dem er seine Zuhörer 
verblüffte : 

-«Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben . . . Die Rus- 
sen waren schon immer gute Soldaten. Sie sind tapfer und 
außerordentlich anspruchslos . . . Wir haben aber nicht erwar- 
tet, daß sie eine derart hohe Kampfmoral aufbringen wür- 
den ... Sie sind der Ansicht, daß das Hitler-Regime ebenso 
reaktionär ist, wie es das des Zaren war. . . Und ihr Abwehr- 
dienst übertrifft alles . . .» 

Wer ist dieser Generalmajor Deseö? 

Er war seit 1932 Referent für «russische Angelegenheiten» 
beim Generalstab, zwischen 1935 und 1940 Militärattache 

42 


Ungarns in Moskau. Im Januar 1943 war er Artilleriekom- 
mandeur des III. Korps bei der Don- Armee. 

Hielt der Generalmajor Deseö seinen Vortrag nur aus eige- 
nem Antrieb? 

Offensichtlich nicht. Diesen Vortrag hatte der Generalstabs- 
chcf Generaloberst Ferenc Szombathelyi persönlich gefordert. 
Er war nämlich derselben Ansicht wie Deseö. Bereits im 
I Icrbst 1942 ahnte die ungarische Heeresführung, daß sich die 
2. Armee in einer hoffnungslosen Lage befand. Und gerade 
deshalb lastete eine erdrückende Verantwortung auf dieser 
Ileeresführung, weil sie für die 2. Armee keinen Finger rühr- 
te. Generaloberst Szombathelyi hatte schon am 5. Oktober 
1942 vor der ungarischen Generalität mit sachlich-kühlen, 
exakten Worten dargelegt, daß die Deutschen den Krieg ver- 
loren hätten: «Die weiteren Kriegsoperationen können vor- 
aussichtlich nur Hinhaltung und Zeitgewinn zum Ziele haben, 
das Hinausziehen des Krieges so lange, bis Deutschland einen 
annehmbaren Frieden erreicht.» 

Was war demnach die Aufgabe der ungarischen Armee? 

«Wir müssen die Konsequenzen aus unserem Irrtum zie- 
hen ; denn der Grad der derzeitigen geistigen, materiellen und 
militärischen Bereitschaft des Landes steht mit der Durch- 
führung der auf uns wartenden Aufgaben bei weitem in kei- 
nem Verhältnis.» 

Zwei Monate später, am 14. Dezember 1942, legte Szom- 
bathelyi diese Erkenntnis von neuem dar und mahnte auch 
die politische Führung zur Vorsicht: «Kleinen Nationen und 
schwächeren Militärmächten ist Hast zum Ergreifen der In- 
itiative im allgemeinen nicht zu empfehlen. Es kann zwar 
sein, daß sie Anfangserfolge erzielen und in das feindliche 
Land eindringcn, da sie sich aber von ihrer Basis entfernen, 
weiden sie schwach und haben dann für den entscheidenden 
Kampf, den Enderfolg — von dem letztlich alles abhängt — 
nicht mehr genügend Kraft . . . Ein hundertprozentiger deut- 
scher Sieg bedeutet auch eine hundertprozentige deutsche Lö- 
sung. Wo aber bleibt die ungarische Lösung dann, wenn wir 
alle unsere Kräfte im voraus zur Erringung dieses hundert- 


43 



prozentigen deutschen Sieges einsetzen und auf opfern? Alles 
in allem glaube ich, daß wir warten müssen. Also keine Über- 
eilung! Wir sollten nicht deutscher sein wollen als die Deut- 
schen . . . Wir Ungarn dürfen uns nicht auf den gleichen 
Standpunkt stellen wie die Deutschen. Der Krieg wird lange 
dauern, darauf und nicht auf den Blitzkrieg müssen wir uns 
einrichten. Die Großmachtpolitik und -Strategie sollte man den 
Großmächten überlassen. Wir müssen in unseren Möglichkei- 
ten bleiben und an der Wand entlang gehen.» 

Wie sagte doch Szombathelyi? «Wir müssen die Konse- 
quenzen aus unserem Irrtum ziehen . . .» 

Nichts wäre da natürlicher gewesen, als mit der Rücknahme 
der aktiv am Krieg beteiligten 2. Armee zu beginnen. Das 
wäre freilich nicht leicht gegangen. Doch wenn man auch 
nicht eine Armee von einem Tag zum anderen von der Front 
abziehen und nach Hause bringen kann, so gibt es doch ge- 
wisse Möglichkeiten. Einen solchen Ausweg hätte die elasti- 
sche Verteidigung geboten, das heißt, hinhaltende Gefechte 
zu führen und sich dann vom Feind abzusetzen, was im übri- 
gen die ungarische Felddienstordnung — im Gegensatz zur 
deutschen — in bestimmten Fällen sogar vorschrieb. 

Es war verantwortungslos und ein unentschuldbares Ver- 
säumnis von Generaloberst Szombathelyi, daß er, in völli- 
ger Kenntnis der Lage, den Armeebefehlshaber Jäny nicht an- 
gewiesen hat, den Prinzipien der ungarischen Felddienstord- 
nung entsprechend zur hinhaltenden Verteidigung überzuge- 
ben, sondern im Gegenteil Hitlers Befehl bezüglich der star- 
ren Verteidigung ohne Diskussion weiterleitete. 

«Zu Weihnachten 1942 wandte sich Hitler mit einem per- 
sönlichen Schreiben an den Herrn Reichsverweser, bei der 
ungarischen Armee die starre Verteidigung auch ungarischer- 
seits anzuordnen, was dann notwendigerweise geschah», lesen 
wir in Generaloberst Szombathelyis Bekenntnis, das er zwi- 
schen seinen Akten zur Vorbereitung der Friedensverhand- 
lungen aufbewahrte. Wahrhaftig, das ist dann auch «notwen- 
digerweise» geschehen : Am 27. Dezember 1942 erging der Be- 
fehl des Generalstabschefs an die 2. Armee: «Unser oberster 


44 



Kriegsherr ordnet an, im Falle eines feindlichen Angriffs die 
eigenen Stellungen und Stützpunkte unbedingt zu halten. Zu- 
rückgehen darf niemand. Es gibt kein Zurück, nur ein Vor- 
wärts !» 

Die 2. ungarische Armee wurde also bewußt geopfert, und 
zwar von jenen Politikern und jenen Generalen, die die Zu- 
sammensetzung dieser Armee einst bestimmt und bereits im 
Herbst 1942 erkannt hatten, daß von einem «Blitzkrieg» 
keine Piede mehr sein konnte. Am 12. Januar 1943 standen 
250 000 ungarische Soldaten am Ufer des Don. Die Tempe- 
ratur war plötzlich stark gesunken. Das Thermometer zeigte 
minus 35 Grad. Die Akkumulatoren waren eingefroren, die 
Hände der Wachposten froren an den Gewehren an. 

Blendendes Weiß überall, Stille. 


45 



Der stille Don 


«Im Zusammenhang mit den südlich von uns verlaufenden 
Kampfhandlungen ist die militärische Lage bei der unga- 
rischen Armee besonders wichtig geworden . . . Die für die 
Russen geeignetste und daher unentbehrlichste Bahnlinie 
führt mitten durch die ungarische Armee.» — Generalmajor 
Gyula Koväcs, Generalstabschef der 2. Armee, 1. Januar 1943 
« Der Plan der sowjetischen Heeresführung sah vor, durch 
Angriffsoperationen an der Front bei Woronesh die 2. unga- 
rische Armee zu vernichten . . . und die wichtigen Eisen- 
bahnlinien . . . von der feindlichen Besetzung zu befreien.» — 

1. W. Parotykin — W. P. Morozow: «Der zweite Weltkrieg»-, 
Band II, 1963 

• P \ 

Die Frontlinie der 2. Armee am Don erstreckte sich über 200 
» 

Kilometer. Befehlshaber der Armee war Generaloberst Ge- 
heimrat vitez Gusztäv Jäny, wohl der fähigste ungarische Ge- 
neral. Bereits im ersten Weltkrieg Generalstabsoffizier, hatte 
er anschließend führende Funktionen inne, so war er längere 
Zeit Kommandant der Ludovika- Akademie (Militärakademie), 
dann Kommandeur des III. Armeekorps in Szombathely und 
1938 Leiter der Militärkanzlei des Reichsverwesers. Beim 
Einmarsch in Transsilvanien stand er schon an der Spitze der 

2. ungarischen Armee; unter seinem Oberbefehl erfolgte die 
Besetzung von Nordsiebenbürgen. (Insgesamt gab es drei un- 
garische Armeen. Gemeinsam kamen ihre 27 Divisionen nur 
bei einer einzigen Gelegenheit zum Einsatz, und zwar im 
Sommer 1944, die 1. Armee in den Karpaten, die 2. und 3. 
in Siebenbürgen.) Jänys Stellvertreter Generalmajor vitez 


46 


Gyula Kovacs — ein strebsamer und begabter Soldat, der sich 
in unerwarteten Situationen schnell zurechtzufinden ver- 
stand — zeichnete als Generalstabschef der Armee verant- 
wortlich für die theoretische Ausarbeitung der Kampfopera- 
tionen. In den zwanziger Jahren Schüler des Generals Henrik 
Werth — eines maßgeblichen Autors der ungarischen militär- 
theoretischen Fachliteratur zwischen den beiden Weltkrie- 
gen — , war auch er ständig in höheren Generalstabsfunktio- 
nen tätig gewesen. Später, während der Besetzung Ungarns 
durch die Deutschen im Jahre 1944, entpuppte er sich als ge- 
fährlicher Opportunist und diente den Nazis als Komman- 
deur der Kriegsakademie. 

Um diese beiden scharten sich zwei Dutzend Generalstabs- 
offiziere: die Leiter der Nachrichtenabteilung, der Verpfle- 
gung, des Transportwesens, der Krankenversorgung und so 
weiter. Von diesen Offizieren erlangte später der Oberst im 
Generalstab Elemer Kozär eine unrühmliche Bedeutung. 
Dieser gierige, skrupellose Karrierist war im Herbst 1944 Ge- 
neralstabschef der neuformierten 2. Armee, in Siebenbürgen 
denunzierte er seinen Kommandeur, Generaloberst vitez La- 
jos Veress, bei den Faschisten. 

Zur Zeit der Handlung befand sich das Stabsquartier des 
Armeekommandos in dem Dorf Alexejewka am Ufer des 
Flüßchens Tichaja Sosna, 30 Kilometer vom rechten Donufer 
entfernt. «Das Quartier war einfach und nüchtern», erinnert 
sich der damalige Verteidigungsminister, Generaloberst vitez 
Vilmos Nagy, «es war spartanisch eingerichtet. Der Speise- 
raum befand sich in dem zurechtgemachten Schuppen einer 
Fabrik. Die Verpflegung der Offiziere unterschied sich nicht 
von der der Mannschaft.» 

Von diesem überfüllten Stabsquartier aus, in dem sich Ge- 
neralstabsoffiziere geschäftig über Landkarten beugten und 
telefonierten und das mehr einem Büro als einem militäri- 
schen Führungszentrum glich, wurden die Operationen von 
drei Armeekorps (neun Divisionen) geleitet. Mit der Armee 
waren auch die 2. Fliegerhrigade sowie die 1. Panzerdivision 
ins Feld gezogen. Die unsicheren Unterordnungsverhältnisse 


47 



dieser Division — im Januar wurde sie einem deutschen Ar- 
meekorps unterstellt — spielten bei der katastrophalen Nie- 
derlage der 2. ungarischen Armee eine wesentliche Rolle. 

Wir wollen erneut die Karte zu Rate ziehen und Woro- 
nesh am Don suchen. Diese Stadt hielt die 323. Division des 
VII. deutschen Armeekorps besetzt. Bis etwa zwanzig Kilo- 
meter südlich von Woronesh reichte der nördlichste Flügel 
der ungarischen Front. Diesen Abschnitt verteidigte das III. 
Armeekorps aus Szombathely. Der Kommandant war Gene- 
ralmajor Graf Marcel Stomm; sein Gefechtsstand befand sich 
im Dorf Smidestjatnoje, das von Woronesh 45, vom Ufer des 
Don 25 Kilometer entfernt liegt. Der Abstand vom Stabs- 
quartier des Armeekommandanten in Alexejewka betrug 75 
Kilometer; das entspricht ungefähr der Strecke zwischen Bu- 
dapest und Almasfüzitö im Komitat Komärom, aber bei we- 
sentlich ungünstigeren Straßenverhältnissen. Dieses Armee- 
korps war als erstes an die Front gekommen, im April/Mai 
1942, und hatte am 10. Juni bereits mit bedeutendem Verlust 
(ungefähr 20 Prozent) den Don erreicht. Zum III. Armeekorps 
gehörten — vom Norden in südlicher Richtung verlaufend — 
die 9., 6. und 20. leichte Division. 

Den mittleren Abschnitt hielt das IV. Armeekorps aus Pecs 
besetzt. Sein Kommandeur war Generalleutnant vit&z Jözsef 
Heszlenyi, dessen Gefechtsstand sich im Dorf Subnoje befand, 
30 Kilometer sowohl vom Don als auch von Alexejewka ent- 
fernt. Dieses Korps war im Juni/Juli 1942 an die Front ge- 
langt, zu einer Zeit, als das III. Armeekorps die ersten Ge- 
fechte schon hinter sich hatte. Blutige Verluste hatte es am 
28. August und 9. September 1942 erlitten, als es zwei so- 
wjetische Brückenköpfe einnehmen sollte. Den beim Dorf 
Uryw konnte es jedoch nicht erobern, und das sollte im Januar 
1943 schlimme Folgen haben. Die sowjetischen Truppen hat- 
ten am diesseitigen Ufer des Don Fuß gefaßt und einen 
Brückenkopf bei Uryw gebildet, der einen günstigen Ausgangs- 
punkt zu weiteren Angriffsoperationen bot. Auf dem Gebiet 
dieses IV. Armeekorps befand sich in der Stadt Ostrogoshsk 
das Zentrum der militärischen und organisatorischen Führung 

48 



sowie des Nachschubs. Diese Stadt liegt etwa 100 Kilometer 
südlich von Woronesh, wie wir uns auf der Landkarte über- 
zeugen können. Da sehen wir auch eine Bahnlinie eingezeich- 
nct, die damals eine entscheidende Rolle spielte, vor allem 
deshalb, weil sie aus diesem Gebiet in südwestlicher Richtung 
über den Eisenbahnknotenpunkt Waluiki in die Ukraine führt. 
Zum IV. Armeekorps gehörten die 7., 13. und 10. leichte Di- 
vision. 

Rechts vom IV. Armeekorps erstreckte sich die Verteidi- 
gungslinie des am südlichsten liegenden Korps der 2. unga- 
rischen Armee, des VII. Armeekorps aus Miskolc. Sein Kom- 
mandeur war Generalmajor Janos Legeza, der Gefechtsstand 
befand sich im Dorf Karpenkowo, vom Don, genauer gesagt 
vom Dorf Stschutschje, 45 Kilometer entfernt. Dieses Korps 
war am spätesten an die Front gerückt und hatte verhältnis- 
mäßig wenig Verluste gehabt. Der südliche Nachbar des VII. 
Armeekorps war das Tridentina-Korps der 8. italienischen 
Armee. Werfen wir nochmals einen Blick auf unsere Karte: 
Südöstlich der zuvor genannten Stadt Ostrogoshsk sehen wir 
eine andere Bahnlinie — auch sie wird noch eine Rolle spie- 
len! östlich von ihr mündet ein Fluß in den Don. Ungefähr 
hier endete damals der Verteidigungsbereich der 2. ungari- 
schen Armee. In der Luftlinie sind das von Woronesh aus 
zwar kaum 150 Kilometer; wenn wir aber den gewaltigen 
Bogen des Don — das sogenannte Donknie — in Betracht zie- 
hen, beträgt die tatsächliche Ausdehnung gut 208 Kilometer. 

Der Verteidigungsbereich der 2. ungarischen Armee war 
demnach unverhältnismäßig groß. Jeder Fachkundige ist dar- 
über zu Recht entrüstet, ja viele nehmen sogar an, daß die 
deutsche Heeresführung diesen Raum den ungarischen Trup- 
pen in gehässiger Absicht zuteilte, gleichsam um ihnen «eins 
auszuwischen». Dabei ist für diese unzumutbare Weite in 
erster Linie der ungarische Generalstab verantwortlich zu 
machen. Anzuführen ist hier die Art der Zusammenstellung 
von sogenannten «leichten» und nicht ausreichend bewaffneten 
Divisionen sowie die von den Militärs damals allgemein ver- 
tretene irrige Ansicht, daß die Flußverteidigung einen grö- 


4 Nemeskürty, Untergang 


49 



ßeren Verteidigungsbereich und zahlenmäßig kleinere Kampf- 
gruppen zuließe. In dem für die 2. Armee von Stabsoberstleut- 
nant Antal Farkas hcrausgegebenen Felddiensthandbuch steht 
folgendes: «. . .bei Flußverteidigungen kann die Kraft des 
Verteidigungsbereichs kleiner und ihre räumliche Ausbrei- 
tung größer sein als sonst üblich.» Die Durchsetzung dieser 
Richtlinie hat sich im Januar 1943 als verhängnisvoll erwie- 
sen; Oberstleutnant Farkas hat dann auch die Konsequenzen 
gezogen und sich eine Kugel durch den Kopf gejagt. Bereits 
Carl von Clausewitz, der Klassiker der Kriegswissenschaft 
und deutscher Heerführer während der Napoleonischen Zeit, 
dessen Fachbuch für den ungarischen Generalstab als militäri- 
scher Katechismus galt, hatte eindeutig festgestellt: 

«Die Aufstellung einer Armee in großen Korps dicht am 
Strom . . . setzt voraus, daß es dem Feind unmöglich ist, den 
Fluß unvermutet in großen Massen zu passieren, weil sonst 
die Gefahr, getrennt und einzeln geschlagen zu werden, bei 
jener Aufstellungsart sehr groß sein würde. Sind also die Um- 
stände, welche die Flußverteidigung begünstigen, nicht vor- 
teilhaft genug, so kann von jener Methode nicht die Rede 
sein.» 

Das heißt, Clausewitz empfiehlt die korpsweise Aufstellung 
unmittelbar am Fluß nicht, aber Jäny hat sie dennoch ange- 
ordnet. Dieses Verteidigungssystem kommt nach Clausewitz 
nur dann in Frage, wenn berechtigt angenommen werden 
darf, der Feind würde nicht unerwartet und mit großer Kraft 
ein übersetzen erzwingen wollen. Hatte Jäny das tatsächlich 
geglaubt? Man könnte es vermuten, denn offenbar war dies 
die Grundlage seiner strategischen Konzeption gewesen. Die 
Aufstellung seiner Armee erinnerte an einen gespannten, von 
Löchern durchbrochenen Stickrahmen, um Clausewitz’ Ver- 
gleich zu zitieren. Doch die Sache hat einen Haken: Jäny 
und sein Stab rechneten seit Oktober 1942 mit einem so- 
wjetischen Angriff gegen die Frontlinic der 2. ungarischen 
Armee, und im Januar 1943 erwarteten sie täglich den Be- 
ginn der entscheidenden Schlacht. Was ist nun die wahre Ur- 
sache für diese nidit fachgemäße Aufstellung gewesen? Zwei- 


50 



felsohne folgende: Die deutsche Heeresführung unter Hitler 
war es, die an diesem Abschnitt des Don keinen größeren so- 
wjetischen Angriff erwartete. Wir zitieren dazu die Autoren 
des sowjetischen Kriegsgeschichtswerkes «Der 1 zweite Welt- 
krieg»: 

«Der deutsche Geheimdienst schätzte die Lage an der so- 
wjetisch-deutschen Front am 14. Oktober 1942 wie folgt ein: 
Der Feind bereite sich offensichtlich auf eine großangelegte 
Winteroperation gegen die Heeresgruppe , Mitte 1 vor . . . der 
Hauptschlag dieses Winterfeldzuges . . . werde sich gegen das 
Zentrum und den linken Flügel der Heeresgruppe , Mitte' 
richten.» 

Auf Grund dieser Annahme kam das Oberkommando der 
Heeresgruppe B zu folgender Auffassung: «Der Feind beab- 
sichtigt nicht, in naher Zukunft an der Don-Front große An- 
griffsoperationen zu beginnen . . .» 

Die 2. ungarische Armee war also bereits beim Ausbau 
ihres Verteidigungssystems ein Opfer des Irrtums der deut- 
schen Heeresführung und ihres eigenen Selbstbetrugs gewe- 
sen. Nämlich: Was für eine Kampfkraft stellten jene neun 
leichten Divisionen dar, die sich über den weiten Frontbereich 
verteilten? Schon die nähere Betrachtung des Attributs «leicht» 
gibt Aufklärung. Eine Division bestand im allgemeinen aus 
drei Regimentern. Im übrigen war die Dreigliederung damals 
auch das Grundprinzip jeder militärischen Organisation : Drei 
Gruppen ein Zug, drei Züge eine Kompanie, drei Kompanien 
ein Bataillon, drei Bataillone ein Regiment, drei Regimenter 
eine Division, drei Divisionen ein Korps, drei Korps eine Ar- 
mee . . . Aber! Da der ungarische Generalstab nicht über ge- 
nügend Waffen und Ausrüstung verfügte, konnte er nicht so 
viele Regimenter aufbieten, wie eine Armee nach dem Grund- 
prinzip der Dreigliederung benötigt hätte. Die Deutschen hin- 
gegen forderten Kräfte in Armeestärke. 

Nach Vorschrift hätte man also für die aus neun Divisionen 
bestehende 2. Armee 27 Regimenter aufstellen und ausrüsten 
müssen. Deshalb wählte man die für schlau gehaltene Lö- 
sung, bei jeder Division ein Regiment einzusparen. Auf diese 


51 



Weise sei nach außen hin alles in Ordnung: eine Armee, drei 
Korps, neun Divisionen. Nun ja, aber diese Divisionen be- 
standen eben überall im Lande nur aus je zwei Regimentern; 
alle drei Armeen umfaßten demnach nicht 27, sondern ledig- 
lich 18 Regimenter. Und hierfür verwandte man den Begriff 
«leichte Division». Wer sollte in dem gewaltigen Wettlauf, 
der mit der Verfolgung des geschlagen geglaubten Gegners 
einsetzte, den Schwindel schon merken? Errang doch das 
deutsche Heer bis zum Frühjahr 1942 — als der Fronteinsatz 
der 2. ungarischen Armee beschlossen wurde — Sieg auf Sieg! 
Stand doch die faschistische Wehrmacht tief im Herzen der 
Sowjetunion, vor Moskau und Leningrad, selbst auf den Gip- 
feln des Kaukasus wehte die Hakenkreuzfahne! 

Im Herbst 1942 aber wurde die Invasion der Deutschen 
von der Roten Armee zum Stillstand gebracht. Der Vormarsch 
war ins Stocken geraten, die 2. ungarische Armee am Don 
stehengeblieben. Die deutsche Heeresführung überließ der 2. 
ungarischen Armee eine für 27 Regimenter berechnete Ver- 
teidigungslinie. Mit dieser Wendung hatte niemand gerech- 
net. Man hatte vielleicht gehofft, daß bis zum Herbst, wenn 
nicht der Krieg, so doch die ungarische Beteiligung zu Ende 
ginge und bis dahin der Sowjetstaat und die Sowjetarmee zu- 
sammenbrechen würden. Die 18 ohnehin abgekämpften, zu- 
sammengeschmolzenen Regimenter mußten sich in der Ver- 
teidigungszone für 27 kriegsstarke Regimenter ausdehnen. 
Und was war die Folge? Auf jeden Kilometer kamen weniger 
Soldaten als notwendig, und die Verteidigungslinie blieb lük- 
kenhaft. Wenn die Front wenigstens als wirkliche Verteidi- 
gungslinie ausgebaut worden wäre! Doch sie war es nicht. 
Während der drei Monate Oktober, November und Dezem- 
ber 1942 gelang es nicht, die entsprechenden technischen 
Voraussetzungen hierfür zu schaffen. 

Vom Augenblick ihres Eintreffens an der Front bis zum 
Herbst 1942 befand sich die 2. ungarische Armee ständig in 
Bewegung, sie rückte vorwärts, und auf diese Weise konnten 
die Soldaten nur im Angriffskampf und in der Verfolgung 
Erfahrungen sammeln. 


52 



Zu Hause aber war bei der Ausbildung die Verteidigung 
völlig vernachlässigt worden. Außer aus Drillübungen und 
formaler Kenntnisvermittlung hatte die Grundausbildung le- 
diglich aus Angriffsexerzitien bestanden. 

Zur Verteidigung aber braucht man nicht nur Wissen, nicht 
nur technische Sperren, sondern auch eine entsprechende 
Feuerkraft, vor allem panzerbrechende Waffen. Uber eine 
solche Panzer abwehrwaffe jedoch, mit der sie dem sowjeti- 
schen T-34-Panzer aus entsprechender Entfernung hätte wirk- 
sam begegnen können, verfügte die 2. ungarische Armee 
nicht. In seiner Autobiographie «Der schwere Entschluß» cha- 
rakterisiert Wilhelm Adam, damals Oberst und 1. Adjutant 
der 6. deutschen Armee unter Generaloberst Paulus, treffend 
die Kampfkraft der im Donraum eingesetzten ungarischen, 
italienischen und rumänischen Verbündeten. Zusammenfas- 
send heißt es : «Eigentlich mußte es schon einem Laien klar 
sein, daß diese Armeen allein auf Grund ihrer ungenügenden 
Bewaffnung und Ausrüstung einem mit T 34 angreifenden 
Gegner niemals standzuhalten vermochten.» 

Da Panzer abwehrwaffen fehlten, blieb deren Aufgabe der 
Feldartillerie überlassen. Diese aber bestand aus nur weni- 
gen, bei Kälte oft versagenden Geschützen alten Typs, die von 
Pferden gezogen wurden. Die Pferde wiederum bekamen 
kaum Futter und verendeten der Reihe nach. Nicht umsonst 
meldete Armee-Generalstabschef Koväcs nach Budapest : «Der 
Mangel an modernen Kampfmitteln lastet drückend auf der 
an der Front stehenden Armee.» 

In einem mehrfach gegliederten Verteidigungsraum kann 
der Feind aber auch mit dem oben aufgezählten herkömm- 
lichen Waffenbestand aufgehalten werden,- denn die tief ge- 
staffelte Front ermöglicht ein elastisches, ausweichendes Re- 
agieren. Die Verteidigung wird erfolgreich sein, wenn die zur 
Verfügung stehenden Reserven im geeigneten Augenblick an 
die Einbruchsstelle geworfen werden. Die ungarischen leich- 
ten Divisionen hatten jedoch nicht genügend Soldaten, um 
einen solchen Entsatz leisten zu können, und überdies gab 
es auch keine Reserve. Gemäß der taktischen Planung stand 


53 


Jäny zwar eine Panzerdivision als Armeereserve zur Verfü- 
gung. Doch diese Division wurde ihm — wie wir sehen wer- 
den — im kritischsten Augenblick aus der Hand genommen. 

Die Frontsoldaten hungerten und froren, sie kannten na- 
türlich die Mängel in ihrem Verteidigungsabschnitt, und sie 
wußten, daß an manchen Frontabschnitten kilometerweit 
keine Sterbensseele vorhanden war, auch kein Drahthindernis 
oder eine Mine, daß jeder, der wollte, hindurchspazieren 
konnte. In den primitiven Schützengräben gab es keine ge- 
schützten Bunker. Die Soldaten konnten weder schlafen noch 
ihre Wäsche wechseln. 

Wir wollen wieder in das Pepitaheft des Regimentskom- 
mandeurs Oberstleutnant Bela Vecsey schauen : «Heute hatten 
wir mit dem Stellvertreter des Oberquartiermeisters eine Be- 
sprechung, da waren seltsame Dinge zu hören. Wir haben 
keinen Treibstoff mehr, keine Munition. Schöne Aussichten 
für den Winter. Jeder Transport von Munition und Verpfle- 
gung soll mit Pferdegespannen erfolgen, aber für die Pferde 
gibt es kein Futter. Also müssen die Kriegsgefangenen ran! 
Aber für die reicht die Verpflegung erst recht nicht. Auf diese 
Weise schaffen wir selbst Partisanen gegen uns . . . Den Sol- 
daten in der vordersten Linie gegenüber herrscht völlige 
Gleichgültigkeit. Im Verteidigungsbereich der 7. Division ver- 
läuft die Befestigung nicht ordnungsgemäß, man hat nicht 
fachgerecht gearbeitet . . . Ein Laufgraben bis zur vordersten 
Linie fehlt ganz. Unmittelbar vor der eigenen Linie gibt es 
Stacheldrahthindernisse. Die Russen befinden sich etwa 400 
bis 800 Meter davon entfernt, gut in Tiefe gegliedert. Die 
Tiefe unserer Stellungen ist gleich Null . . . Das 4. Infanterie- 
regiment vor Uryw hat überhaupt keine ausgebaute Stellung. 
Sobald das Feuer der gegnerischen Artillerie beginnt, wird 
das 4. Regiment vom Gebiet Uryws heruntergefegt werden. 
Die Verteidigungslinie des 4. Regiments ist zwirnsfadendünn, 
eine Reserve gibt es nicht. Der Gefechtsstand des Komman- 
deurs liegt 8 bis 9 Kilometer hinter der vordersten Linie. 
Einen persönlichen Einfluß kann er auf diese Weise nicht 
ausüben. Die Frontbreite des 4. Regiments beträgt 8 Kilo- 


54 



meter, die des 35. Regiments gar 12 Kilometer. Nur zwei Ba- 
taillone verteidigen. Wenn also der Feind beim 4. Regiment 
angreift, kann niemand zu Hilfe eilen.» 

Diese fadendünnen Linien verteidigten die Mannschaften 
nunmehr seit vier Monaten, und seit acht Monaten waren sie 
an der Front. Ihre Kräfte erlahmten. Die Ablösung wäre fäl- 
lig gewesen. Mit Müh und Not begann diese schließlich, Ende 
Dezember und Anfang Januar. Während der Ablösung ist die 
Verteidigungslinie gewöhnlich am schwächsten. Lajos Konya, 
der im Verband des III. Armeekorps als Reserveoffizier dien- 
te, trug am 14. Dezember 1942 folgendes in sein Tagebuch 
ein: «Meine Kompanie ist bereits fortgegangen, in unbekann- 
ter Richtung. Ich bin mit vierzig Mann — der Feldwache — 
dageblieben. Hoffentlich merkt man drüben nicht, wie wenige 
wir sind.» 

Auch die wenigen, die hiergeblieben waren, kannten ein- 
ander nicht. Und da stoßen wir auf weitere Organisations- 
mängel in der 2. Armee. Verteidigungsminister Generaloberst 
Vilmos Nagy schreibt in seinen Erinnerungen: 

«Die zur Front abkommandierten Truppen rekrutierten 
sich zumeist aus den verschiedensten Einheiten. Zwischen die- 
sen Truppenteilen bestand nur ein loser Zusammenhalt. Nur 
selten gelangten weiterhin alle Bataillone eines Regiments 
oder gar eine Division geschlossen zum Einsatz. Diese sehr 
problematische Auswahlmethode mindert die Kampfkraft der 
Divisionen.» 

Jänos Csima stellt in seiner Studie folgendes fest: 

«Die einzelnen Frontverbände rekrutierten sich nicht aus 
ihren eigenen Ersatztruppenteilen in den Heimatgarnisonen, 
sondern bekamen ihren Einsatz oft aus verschiedenen Ein- 
zugsbereichen, was sich hinsichtlich der Qualifikation bis zu 
den Gruppen auswirktc. So zum Beispiel bekam manches Re- 
giment die einzelnen Gruppen für schwere Maschinengewehre 
oder für Panzerabwehrkanonen aus verschiedenen Einheiten. 
Dieses komplizierte System hatte viele Nachteile und war vor 
allem für den Kampfwert der Truppe schädlich. Außerdem: 
Kommandeure und Truppe kannten einander nicht.» 


55 



Hinsichtlich der Verbindung der 2. ungarischen Armee zum 
deutschen Oberkommando war die Lage auch nicht besser. 
Die ungarische Armee am Don konnte ja nicht im luftleeren 
Raum operieren. Sie mußte die zentralen Pläne höherer Kom- 
mandostellen durchführen, und aus diesem Grund wurde sie 
einer Heeresgruppe der deutschen Wehrmacht unterstellt, und 
zwar der Heeresgruppe B. Ihr Befehlshaber war Generaloberst 
Maximilian Freiherr von Weichs (1881 bis 1954), der nur 
zwei Jahre älter war als Jäny und über dieselben Erfahrun- 
gen aus dem ersten Weltkrieg verfügte. Er war von 1939 bis 
zum Sommer 1942 Kommandeur der erfolgreich kämpfen- 
den 2. deutschen Armee gewesen und seit dem Sommer 1942 
Chef der Heeresgruppe B. -«Ein großer, hagerer General, mit 
einer Hornbrille, der mehr einem Gelehrten als einem Offi- 
zier glich», so beschreibt Wilhelm Adam den Generalober- 
sten. Von Weichs blieb mit Ungarn auch während des weite- 
ren Kriegsverlaufs in trauriger Verbindung: 1944 befehligte 
er die Balkan-Heeresgruppe F, die durch unser Vaterland zog. 

Um die Zusammenhänge klar zu erkennen, wollen wir uns 
einen Überblick über den organisatorischen Aufbau der gegen 
die Sowjetunion kämpfenden deutschen Wehrmacht im Ja- 
nuar 1943 verschaffen. Damals waren von zehn Heeres- 
gruppen der Wehrmacht — jede umfaßte drei bis vier Ar- 
meen — fünf auf dem Gebiet der Sowjetunion eingesetzt. (Hier 
sind nicht mitgerechnet die Truppen im besetzten Gebiet und 
die Einheiten der SS, die ja niemals der Wehrmacht unter- 
standen haben.) Zu diesen fünf Heeresgruppen zählte man 
auch die rumänischen, italienischen, spanischen, slowakischen 
und ungarischen Einheiten. Im Norden — bei Leningrad — 
erstreckte sieh die Heeresgruppe Nord, vor Moskau die Hee- 
resgruppe Mitte; südlich von ihr bei Woronesh die Heeres- 
gruppe B, weiter südlich in Richtung Stalingrad die Heeres- 
gruppe Don und schließlich die Heeresgruppe Süd. Wie be- 
reits erwähnt, war Janys Armee der Heeresgruppe B unter- 
stellt. Diese Heeresgruppe bestand aus vier Armeen: der 2. 
und 30. deutschen Armee, der 2. ungarischen und der 8. ita- 
lienischen Armee. Einteilung und militärische Unterstellung 


56 



schienen in Ordnung zu sein. Aber Jäny empfing seine Be- 
fehle für jede einzelne Kampfoperation an der Front vom 
Generalobersten Freiherr von Weichs beziehungsweise vom 
Führer-Hauptquartier und außerdem von dem in Budapest 
residierenden ungarischen Generalstabschef Generaloberst 
Szombathelyi beziehungsweise vom obersten Feldherrn des 
gesamten ungarischen Heeres, dem Reichsverweser und 
Oberbefehlshaber Miklos Horthy. Die Anweisungen waren 
oft gegensätzlich. Um solche Widersprüche zu vermeiden, 
wäre es dienlich gewesen, wenn ein Offizier im Generalsrang 
das ungarische Oberkommando bei der höheren deutschen 
Kommandostelle — also der Heeresgruppe B — mit der Be- 
fugnis vertreten hätte, deren Befehle an die 2. ungarische 
Armee verbindlich gegenzuzeichnen und sie dann unmittelbar 
nach Budapest weiterzumelden. Eigenartigerweise praktizierte 
man diese sonst übliche Methode im gegebenen Fall nicht, 
und so war Jäny der Befehlsgewalt des Generalobersten von 
Weichs völlig ausgeliefert. Die Funktion des Verbindungs- 
generals beim Oberkommando wurde vom ungarischen Mili- 
tärattache in Berlin, Generalmajor vitez Sändor Homlok. aus- 
geübt. Mit welchem Erfolg? Wenn Jäny etwas nicht gefiel 
oder er Probleme hatte, ließ er — meist durch seinen General- 
stabschef Generalmajor Koväcs — nach Berlin zu General- 
major Homlok telefonieren, der rief dann sowohl Budapest 
als auch das deutsche Hauptquartier an. Ehe alles abgestimmt 
war, vergingen wertvolle Stunden, oft sogar Tage. Bis dahin 
mußte Jäny wohl oder übel die Befehle des Freiherrn von 
Weichs befolgen. Die deutsche Wehrmacht ihrerseits halte 
Jäny — und das war von Vorteil— den Generalmajor Hermann 
von Witzleben als Verbindungsoffizier zugeteilt. Wir können 
das als Vorteil bezeichnen, weil dieser General — er ist der 
jüngere Bruder des Generalobersten von Witzleben, eines 
maßgeblichen Vertreters des deutschen militärischen Wider- 
standes, der 1944 nach der gescheiterten Verschwörung gegen 
Hitler hingerichtet wurde — Jäny weitgehend unterstützte und 
bestrebt war, seinen Bitten nachzukommen. Doch das ver- 
mochte den fehlenden ungarischen Verbindungsgeneral nicht 


57 



zu ersetzen. Und obendrein war Jäny bei den Deutschen 
nicht beliebt. Verteidigungsminister Vilmos Nagy schreibt: 

«Bereits vor meiner Abreise — nach Berlin — verständigte 
mich der Generalstabschef darüber, daß die Deutschen die 
Ablösung des Generalobersten Jäny wünschten. Nach meiner 
Ankunft in Berlin richtete ich sogleich die Frage an unseren 
Militärattache, Generalmajor Homlok, was der Grund dafür 
sei. Er war der Ansicht, daß die Deutschen nicht mehr mit 
Jäny Zusammenarbeiten wollten, weil es für sie unangenehm 
sei, daß er als Befehlshaber der 2. ungarischen Armee ständig 
Verstärkung und Ausrüstung verlange. Er habe sogar schon 
erklärt, wenn er die angeforderten Kampfmittel nicht bekom- 
me, für die Folgen keine Verantwortung mehr übernehmen 
zu wollen.» 

Zwischen dem Armeekommandeur Jäny und dem Ober- 
kommando der deutschen Heeresgruppe B, ab Dezember 1942 
auch zwischen ihm und der Leitung des Generalstabs, ent- 
wickelte sich ein zunehmend gespanntes Verhältnis. Jäny hielt 
es für sicher, daß gegen seine Frontlinie ein groß angelegter 
sowjetischer Angriff bevorstand, die deutsche Heeresführung 
hingegen bezeichnete dies als Unsinn. Gusztäv Jäny drängte 
ständig darauf, Kriegsmaterial, Munition und Kleidung heran- 
zuschaffen: 

«Ohne gepanzerte, auf Raupenketten fahrende Sturmge- 
schütze, ohne Panzerjäger können wir einen Panzerangriff 
nicht abwehren . . . Eine Abteilung je Armeekorps ist unbe- 
dingt notwendig.» 

«Die Auslieferung von Winterbekleidung ist dringend. Ich 
bitte darum, mit den leer zurückfahrenden Lazarettzügen Dek- 
ken und die gesammelten warmen Pelze und Anzüge baldigst 
herzuschicken.» 

«Ich habe ein russisches Raketengeschütz samt Munition 
nach Hause schicken lassen. Es dürfte doch nicht schwer sein, 
dies daheim nachzubauen, dann würde uns eine ausgezeich- 
nete Waffe zur Verfügung stehen.» 

Jäny wollte sich unter allen Umständen eine schlagkräftige 
Reserve schaffen, mit der er die Angreifenden schon an der 

58 



Stelle eines möglichen Einbruchs aufhalten konnte. Seine An- 
strengungen brachten am 1. Januar 1943 anscheinend den 
gewünschten Erfolg: Der Kommandeur der deutschen Heeres- 
gruppe B, Generaloberst Maximilian Freiherr von Weichs, 
unterstellte Jäny in einem geheimen Befehl ein deutsches 
Sonderkorps sowie die diesem zugeteilte 1. ungarische Panzer- 
division: 

«Das Kommando des zum Verband der 2. ungarischen 
Armee gehörenden deutschen Armeekorps übertrage ich Cra- 
iner . . . und ich unterstelle es zur besonderen taktischen Ver- 
wendung der 2. ungarischen Armee . . . Einen etwaigen feind- 
lichen Einbruch an der Frontlinie soll Cramer mit seiner 
Sturmgruppe unter allen Umständen vereiteln.“ 

Ein glänzender Erfolg. General Jäny konnte beruhigt schla- 
fen: Ihm stand ein durch eine Panzereinheit verstärktes Elite- 
korps als Reserve zur Verfügung, mit dem er gefaßt auch 
eine mehrfache Übermacht erwarten konnte. 

Aber was für eine Übermacht? 

Es wird höchste Zeit, daß wir das jenseitige Ufer des Don 
kennenlernen. Aus dem sowjetischen Geschichtswerk «Der 
zweite Weltkrieg“ von I. W. Parotykin und W. P. Morozowist 
folgendes zu entnehmen: Die sowjetische Heeresführung wuß- 
te, daß die Deutschen an der Frontlinie der Heeresgruppe B 
keinen Angriff erwarten, deshalb zog sie in diesem Raum 
noch während der Schlacht bei Stalingrad starke Kräfte zu- 
sammen. Diese hatten die Aufgabe, die Front der 2. ungari- 
schen Armee südlich von Woronesh zu durchbrechen und die 
dort verlaufenden strategisch wichtigen Eisenbahnlinien zu 
besetzen. Die heutige bundesdeutsche Geschichtsdarstellung, 
wonach der Hauptschlag des von der Wehrmacht ohnehin 
nicht erwarteten sowjetischen Angriffs die Befreiung der von 
den Deutschen verteidigten Stadt Woronesh zum Ziele hatte 
und die ungarische Armee durch nur geringe Kräfte im Hand- 
umdrehen aufgerieben wurde, ist eine Lüge oder ein Irrtum. 
Wir wollen nun hören, was die sowjetischen Kriegshistoriker 
hierzu sagen: 

«Ende Dezember 1942 erhielten die Truppen der Front bei 

59 



Woronesh die Aufgabe, die Gruppierung des Feindes bei 
Ostrogoshsk-Rossosch zu zerschlagen. An den Angriffsopera- 
tionen nahmen die 40. Armee des Generalmajors Moskalenko, 
das 18. selbständige Schützenkorps und aus der Reserve des 
Hauptquartiers die im Fronteinsatz stehende 3. Panzerarmee 
teil, deren Kommandeur Generalleutnant Rybalko war. 

Die Hauptschläge wurden durch folgende Kräfte geführt: 
Die 40. Armee operierte von ihrem im Bereich Perwoje Sto- 
roshewoje — 50 Kilometer südlich von Woronesh — am rech- 
ten Ufer des Don gelegenen Brückenkopf aus, die 3. Panzer- 
armee aus dem nordwestlichen Bereich von Kantemirowka 
heraus in Richtung Alexejewka und das 18. Schützenkorps 
des Generalmajors Sykow von seinem im Bereich Stschu- 
tschje — 50 Kilometer nordöstlich von Ostrogoshslc — gele- 
genen Brückenkopf aus in Richtung Kamenka. 

Ein Teil unserer Frontkräfte sollte durch den Vorstoß bis 
zum Oskolfluß die äußere Frontlinie der Einkesselung zu- 
stande bringen, die befreiten Eisenbahnabschnitte dauerhaft 
sichern und den Verkehr des Feindes auf der Bahnstrecke 
Kastornoje— Woroschilowgrad verhindern. Die 2. Luftflotte 
an der Front bei Woronesh mußte die angreifenden Truppen 
absichern. 

Die Überlegungen der sowjetischen Heeresführung gingen 
dahin, daß die Woronesher Front durch ihre Angriffsopera- 
tion bei Ostrogoshsk-Rossosch die 2. ungarische Armee und 
die Reste der 8. italienischen Armee vernichtet sowie die 
wichtigen Eisenbahnlinien Liski— Kantemirowka und Liski— 
Waluiki von der feindlichen Besetzung befreit. Die erfolgrei- 
che Durchführung dieser Aufgabe schuf günstige Vorausset- 
zungen für die folgende Operation, deren Ziel es war. die 
Hauptkräfte der 2. deutschen Armee im Raum Woronesh 
auseinanderzuschlagen und die Bahnlinie Jelec— Waluiki 
vom Feind zu säubern.» 

Dieser Kampfplan war der Heeresgruppe B geheim ge- 
blieben. Armee-Generalstabschef Generalmajor Gyula Koväcs 
jedoch hatte bereits am 1. Januar die richtige Schlußfolgerung 
gezogen : 

60 


-'Durch die südlich von uns begonnenen Kampfoperationen 
ist die Wichtigkeit der Lage der ungarischen Armee ... ge- 
wachsen, das heißt, sie ist größer als vor dem russischen An- 
griff . . . Die für die Russen wichtige und am ehesten zu er- 
obernde Bahnlinie führt durch die ungarische Armee.»- Ein 
Angriff zur Rückgewinnung dieser Bahnlinien war also zu er- 
warten. 

Unklar blieb nur, von welchen sowjetischen Truppenteilen 
der Kampf eingeleitet wurde. Wenn Jany und seine Offiziere 
auch nicht ahnten, daß sich eine dreifache Übermacht gegen 
sie formiert hatte, darunter eine ganze Panzerarmee, so wuß- 
ten sie doch, daß sie es mit einem hervorragend ausgerüste- 
ten, mutigen und standhaften Gegner zu tun haben würden. 
Bei der 2. ungarischen Armee hatte man längst mit der Illu- 
sion aufgeräumt, die sowjetische Armee sei eine kampfunfä- 
hige, desorganisierte Truppe, wie Hitler selbst noch im Ja- 
nuar 1943 hartnäckig behauptete. Es ist interessant, in diesem 
Zusammenhang Oberst Loskay zu zitieren, einen der fana- 
tischsten Anhänger der Kreuzzugidee gegen den Bolschewis- 
mus. Dieser meldete damals dem Armeebefehlshaber Jäny: 

-<Ich habe vom russischen Volk einen ganz anderen Ein- 
druck gewonnen, als ich es von Teilnehmern vorhergehender 
Feldzüge gehört habe. Die Landbevölkerung ist mit den So- 
wjets zufrieden, sie kann bei wenig Arbeit leben und sich klei- 
den, ihre Kinder lernen kostenlos, und wenn sie begabt sind, 
studieren sie auf Staatskosten weiter . . . Die Stadtbevölkerung 
hat in den vergangenen Jahren ebenfalls ihren Platz gefun- 
den, sie lebt dementsprechend, und nach allgemeiner Auffas- 
sung leben die fleißigen Menschen gut, obwohl sie für das 
bessere Leben hart arbeiten müssen. Mit Industriearbeitern 
habe ich nicht gesprochen. Die Jugend aber bejaht in vollem 
Maße die Sowjetmacht, und nur so ist die umfangreiche Par- 
lisanenbewegung zu erklären. Die Nachkommen des früheren, 
des bürgerlichen Mittelstandes aus der Zarenzeit — Männer 
und Frauen gleichermaßen — sind heute vollwertige Anhän- 
ger der Sowjets, ja sie sind sogar infolge ihrer angeborenen 
Intelligenz und ihres weiten Gesichtskreises zu führenden 


61 



Persönlichkeiten geworden ... In dem von mir inspizierten 
Gebiet habe ich überall eine gesunde Rasse vorgefunden. Auf- 
fallend ist die Munterkeit und Frische der Frauen und Kin- 
der . . . Die Frauen leben ein moralisches Leben und sehnen 
sich nach ihren Männern. Sie lieben ihre Kinder. Die Kinder 
halten sich tagsüber viel im Freien auf . . . Bettlern bin ich 
nicht begegnet. Die Schulen sind gut ausgerüstet ... , im 
Lande gibt es keine Analphabeten — Wo immer ich in Ruß- 
land herumgekommen bin, überall wünscht man sich die 
Rückkehr der Sowjets . . . Die Bevölkerung ist zwar willfährig 
uns gegenüber, als ich mich jedoch mit den letzten Truppen 
zum Verlassen dieses oder jenes Dorfes vorbereitete, Wurde 
sie verschlossener, und auf die letzte Staffel eröffnete man 
oft das Feuer.»- 

Und die Ausrüstung der Roten Armee? 

Darüber schrieb Armeebefehlshaber Jäny: 

«Welche russische Waffe ich auch betrachten mag, sie sind 
alle grobgeformt und bestehen aus nur wenigen Einzelteilen. 
Diese sind weder feingeschliffen, noch haben sie ausgeklügelte 
Mechanismen; sie sind unkompliziert und imzerbrechlich. Man 
braucht keinen technisch versierten Fachmann dazu, und man 
braucht das Auseinandernehmen und Zusammensetzen der 
Waffen nicht monatelang zu bimsen ; denn auch der einfach- 
ste Mensch begreift das sofort, er könnte sie nicht einmal ka- 
puttmachen, und dabei funktionieren sie ausgezeichnet. Neh- 
men wir das automatische Gewehr, die Maschinenpistole, das 
Maschinengewehr, den Minenwerfer, die Stalinorgel — alles 
vortreffliche Waffen mit hervorragender Wirkung!» 

Jäny und seine Offiziere schätzten die Lage richtig ein, 
sie erwarteten einen kampfstarken Gegner. Die deutsche Füh- 
rung dagegen rechnete mit keinem Angriff. Sie war mit Sta- 
lingrad beschäftigt. Am 8. Januar 1943 rief das Oberkom- 
mando der Roten Armee die bei Stalingrad eingekesselte 6. 
deutsche Armee zur Kapitulation auf : 

«Wir erwarten Ihre schriftliche Antwort am 9. Januar 1943 
um 15 Uhr 00 Minuten Moskauer Zeit durch einen von Ihnen 
persönlich bevollmächtigten Vertreter . . . Sollte unsere Au-f- 


62 


forderung zur Kapitulation von Ihnen abgelehnt werden, so 
kündigen wir an, daß die Truppen der Roten Armee und 
der Roten Luftwaffe gezwungen sein werden, zur Vernichtung 
der eingekesselten deutschen Truppen zu schreiten. Die Ver- 
antwortung für deren Vernichtung tragen Sie.» 

Generaloberst Paulus kapitulierte an diesem Tag noch nicht, 
aber es war ihm klar, daß die ihm anvertraute Armee zum 
Untergang verurteilt war. Ja er ahnte sogar, welches Schick- 
sal die übrigen Armeen ereilen würde. «Die Ungarn worden 
auch gezwungen sein, ihre Stellungen aufzugeben», sagte er 
zu seinem 1. Adjutanten. 

Im deutschen Hauptquartier jedoch nahm man noch im- 
mer nicht an, daß die sowjetische Armee imstande sei, außer 
bei Stalingrad auch noch anderswo Angriffskräfte einzuset- 
zen. 


63 



Dies irae 

(Tag des Zornes) 


« Ströme und Flüsse sind keine so starken Barrieren, als man 
in der Zeit geglaubt hatte, wo ein absolutes Defensivsystem 
nach allen Verstärkungen griff, welche die Gegend darbot . . .» 
— Carl von Clausewitz: Uber den Krieg, Berlin 1827 

Erster Teil: Uryw 
Dienstag, 12. Januar 1943 

Am 12. Januar 1943, einem Dienstag, früh um neun Uhr 
begann Oberstleutnant Bela Vecsey, Kommandeur des 35. 
Infanterieregiments, seine auch an der Front nicht vernach- 
lässigte, regelmäßige Kanzleiarbeit: Er machte sich daran, die 
Anträge für die Auszeichnungen zu formulieren. Er wußte, 
daß die zur rechten Zeit eintreffenden Anerkennungen die 
Kampfeslust der Soldaten steigern werden, diese aber würde 
man in Kürze sehr nötig brauchen. Früh um drei Uhr war er 
zu Bett gegangen; er hatte die Befestigungsarbeiten kontrol- 
liert. Jetzt war es still; die todmüde Mannschaft schlief. Be- 
festigungsarbeiten waren nur nachts, im Schutze der Dunkel- 
heit, möglich. Tagsüber konnten die Soldaten ruhen. Die un- 
erwartet eingetretene Kälte bedeutete allein schon eine große 
Kraftprobe. Es war das erste Mal, daß die 2. ungarische Ar- 
mee die Unerbittlichkeit des russischen Winters spüren sollte. 
Bisher hatte sich das Wetter nicht wesentlich von dem in der 
Heimat unterschieden. Seit einigen Tagen jedoch zeigte das 
Thermometer minus 35 Grad. Bei einer solchen Kälte strengte 
selbst jede Bewegung an. In dicken Handschuhen ließen sich 


64 



die Waffen nicht bedienen. Der Wache und den Vorposten 
froren die Hände an den Verschlüssen der Gewehre an. Die 
langen Nächte waren vor allem schrecklich. Das schlechte 
Grabensystem ohne Unterstände bot den Soldaten — die von 
ihren Offizieren kaum aufgesucht wurden — keinen Schutz; 
Unruhe erfaßte die Mannschaften. Der Kommandeur des 4. 
Regiments meldete: «Bei meinen Soldaten herrscht beständi- 
ges Angstgefühl seit der Übernahme der unausgebauten Stel- 
lungen. Die Kampfkraft ist infolge des Kräfteverfalls um 30 
Prozent gesunken. Die Männer sind abgemagert und seelisch 
abgestumpft. Winterausrüstung hat nur die Hälfte der Mann- 
schaft.» Am 7. Januar wurden von den sowjetischen Linien 
Flugblätter herübergeschossen, auf denen zu lesen war: «Die 
Verteidigungsstellungen der ungarischen Honveds müßten 
in den Karpaten liegen!» Die Soldaten dachten darüber nach. 
Am 8. Jänuar, an dem Tage, da es so bissig kalt geworden 
war, trafen vier Marschkompanien zur Ablösung aus der 
Heimat ein, jedoch ohne Waffen. 

Den Kommandeur der Division regte das nicht auf, Gene- 
ralmajor vitez Läszlö Szabö, Kommandeur der 7. leichten 
Division, in der das 4. und 35. Regiment zusammengefaßt 
waren, erklärte in seinem Befehl vom 9. Januar voller Über- 
heblichkeit : 

«Nun können wir jedem russischen Panzerangriff getrost 
entgegensehen. Mit ungarischem Herzen und kämpferischem 
Willen, vertrauend auf unsere militärischen Tugenden, warten 
wir in unserem gut ausgebauten Verteidigungssystem auf den 
Angriff der Russen. Wenn sie Lust haben, sollen sie nur kom- 
men. Wenn sie ernstlich angreifen, werden sie schon sehen, 
wie stark wir sind.» 

Doch die Rotarmisten hatten offenbar keine Lust zum An- 
greifen. Vielleicht froren auch sie. Es herrschte auffallende 
Stille. Kein Gewehrschuß war zu hören. Dabei hatte vitez 
Szabö, der elegante Militärdiplomat — seit Sommer 1932 
Militärattache in Rom und Mussolinis persönlicher Freund — , 
schon ausgerechnet, aus welcher Richtung der Angriff kom- 
men würde: «Die vermutete Absicht des Feindes: Angriff mit 


5 Nemcskürty, Untergang 


65 



Schwerpunkt auf den Brückenkopf bei Uryw», meldete er Jä- 
ny am 9. Januar 1943. 

Vor dem Brückenkopf bei Uryw lag das 4. Infanterieregi- 
ment, rechts davon das 35., dessen Kommandeur gerade dabei 
war, die Auszeichnungsanträge auszufüllen. Es war inzwi- 
schen 9.40 Uhr geworden. Er vollzog die letzten Unterschrif- 
ten. Die Stille war nun schon unheimlich. Bisher hatte man 
immer die verschiedensten Geräusche von den feindlichen 
Linien her vernehmen können. Wie wir bereits erfahren ha- 
ben, bildete an diesem Teil der Front nicht der Wasserspiegel 
des Donflusses die einige Sicherheit bietende Trennlinie. Hier 
bei Uryw, am diesseitigen Ufer des Don, standen den Ungarn 
die sowjetischen Truppen unmittelbar gegenüber. 

Um 9.45 Uhr erbebt das schützende Dach des Unterstan- 
des, in dem sich Oberstleutnant Vecsey befindet. Er springt 
auf. Was ist das? «Bei Uryw beginnt ein schreckliches Ge- 
dröhne», schreibt er eilends in sein Tagebuch. 

Die Rote Armee eröffnete den Angriff, und zwar, wie es der 
Divisionskommandeur Szabo richtig vermutet hatte, bei 
Uryw. Es war das erste Mal, daß ungarische Soldaten sowje- 
tische Truppen im Angriff erlebten. 

Aber zunächst war noch gar nichts zu sehen. Nirgends Be- 
wegung, nur das «schreckliche Gedröhne» hatte dje unheil- 
verkündende Stille gebrochen: das Heulen und Krachen der 
Artilleriegeschosse, die den Angriff einleiteten. In diesem Au- 
genblick befand sich der Divisionskommandeur in der vorder- 
sten Linie beim 4. Infanterieregiment. General Szabo hatte 
demnach sogar den Zeitpunkt des Angriffs richtig vermutet. 
Vorläufig jedoch konnte der Divisionär nichts unternehmen: 
Das ununterbrochene Trommelfeuer zwang jedermann in Dek- 
kung. Das war ja beabsichtigt. Währenddessen konnte sich 
die sowjetische Infanterie auf den Sturmangriff vorbereiten. 
Aber auch die moralische Wirkung des andauernden Kanonen- 
donners war groß : Er verstärkte bei den ungarischen Soldaten 
die Furcht, vernichtet zu werden. Warum Läszlo Szabo auch 
dann noch mit solch überheblicher Selbstsicherheit auf den 
Erfolg der ungarischen Verteidigung hoffte, bleibt ein Rätsel. 


66 


Vielleicht hatte er mit der Anwendung der russischen Angriffs- 
methode gerechnet, die er im ersten Weltkrieg kennengelernt 
hatte: Infanteriemassen, die in breiten Linien vorwärts mar- 
schierten und die man durch Flinten- und Maschinengewehr- 
feuer niederstrecken konnte; oder vertraute er auf die wirk- 
lich hervorragende ungarische Artillerie, die sich gut einge- 
schossen hatte? 

Um 10 Uhr war die Kanonade beendet. Die ersten sowjeti- 
schen Soldaten tauchten auf. Die ungarische Artillerie ver- 
suchte, die anstürmenden Rotarmisten zu beschießen, aber 
der starke Nebel beeinträchtigte die Sicht. Die erste Welle 
konnte die ungarischen Stellungen noch nicht erreichen. Ge- 
neralmajor Szabö ging zu dem 429. deutschen Regiment hin- 
über, das ihm beigeordnet worden war und links vom 4. Re- 
giment lag; um 10.15 Uhr kehrte er zu seinem Gefechtsstand 
zurück. Die Lage war zunächst nicht beunruhigend. Schwer- 
wiegend war jedoch, daß der Gegner keinen Frontalangriff 
versuchte, bei dem sich der Angriffsdruck auf die gesamte 
Stellung der Division verteilt hätte. Das sowjetische Kom- 
mando hatte einen Schwerpunkt gebildet und bestürmte mi t 
zwei Divisionen nur die Frontlinie des 4. Regiments. Wie- 
viel Mann hatten hier die Stellung zu verteidigen? 

Am 12. Januar 1942 betrug die Stärke des 4. Regiments 
1442 Soldaten und 42 Offiziere. Diese Mannschaft verteilte 
sich — ohne Tiefengliederung — auf eine Strecke von meh- 
reren Kilometern. Der Operationsbefehl im Herbst 1942 be-. 
schreibt die Verteidigungslinie der 7. leichten Division, wie 
folgt : 

«Der Frontabschnitt des 4. und 35. Infanterieregiments: Die 
Häuser der in der Frontlinie einbezogenen Siedlung Uryw 
liegen verstreut. Die inneren Parzellen sind weiträumig und 
mit Obstbäumen bepflanzt. Der Überblick über das Dorf ist 
deshalb schwierig. Südlich und südwestlich von Galdajewka 
breitet sich ein verhältnismäßig dichter Laubwald aus. Das 
rechte Ufer des Don ist da weniger steil. Diesen Teil des 
Frontabschnitts durchzieht nur ein spärliches Straßennetz. 
Nach dem Don zu gibt es stellenweise auch sumpfige Flächen. 

67 



Von Nordwesten her, aus Richtung Boldyrewka, in der Nähe 
des Baches Djewica, erstreckt sich eine lange, gerade Straße 
nach Südwesten, die in das Dorf Djewica führt. Südlich von 
Galdajewka, ungefähr 1,5 bis 2 km entfernt, liegt neben dem 
Djewicafluß das Dorf Djewica. Vom Dorf nach Osten fällt 
das Gelände zum Don hin leicht ab. Das Gebiet zwischen dem 
Dorf und dem Don liegt tief. Es ist zumeist von spärlichem 
Gesträuch bedeckt.»- 

Das 4. Regiment aus Sopron hatte folgendermaßen Stel- 
lung bezogen: Das 1. Bataillon unter dem Kommando des 
adligen Hauptmanns Vilrnos Kosztka von Ofalva hielt den 
Westausgang des Dorfes Uryw besetzt, das 3. Bataillon unter 
dem Kommando von Major Miklos Cicatricis lag in der Mitte 
des Dorfes Uryw. Der unmittelbar gegenüberliegende Kirchen- 
hügel allerdings befand sich in sowjetischer Hand. Das 2. Ba- 
taillon wurde von Hauptmann Läszlo Hegymegliy befehligt 
und war südlich von Uryw in einem Wald postiert. Ihm 
schloß sich in südlicher Richtung auf einem sumpfigen Gebiet 
das 35. Regiment des bereits erwähnten Oberstleutnants Bela 
Vecsey an. 

Der Kommandeur des 4. Infanterieregiments, Oberst Pal 
Csoknyai, hatte keinen unmittelbaren Kontakt mit seinen 
Truppen, da er sich in einem mehrere Kilometer entfernt ge- 
legenen Dorf aufhielt. Deshalb erfuhr er erst um 12 Uhr, daß 
die Lage vorn kritisch geworden war, zumindest ging er um 
diese Zeit vor zum 2. Bataillon des Ilauptmanns Hegymegliy. 
Doch dort tobte bereits 100 Meter vor dem verhältnismäßig 
weit zurück liegenden Bataillon ein heftiges Feuergefecht und 
Nahkampf. Ein blutender Artilleriefähnrich taumelte dem 
Kraftwagen des Obersten entgegen. Als man ihn in das Auto 
hineingezogen hatte, starb er. Der Wagen befand sich unter 
starkem Beschuß; da kehrte Oberst Csoknyai schleunigst zu 
seinem Gefechtsstand zurück. Aber was war indessen mit den 
beiden anderen, ganz vorn kämpfenden Bataillonen gesche- 
hen? Um 11 Uhr schrieb Oberstleutnant Vecsey auf: «Vom 
Hügelrücken bei Uryw her greifen starke feindliche Truppen 
an, und zwar dichtgedrängt in Zug- oder Kompaniestärke. Auf 

68 



dom Hügelrücken bei Uryw sind drei Wellen hintereinander 
in etwa 200 Meter Abstand vorgestoßen. Die dritte Welle 
war — wie ich beobachten konnte — eine Skitruppe, hinter ihr 
sah ich etwa 8 Panzerwagen Vordringen, die meiner Meinung 
nach als Sturmartillerie der Infanterie fungierten. Sic waren 
unserem eigenen, gut liegenden Artilleriefeuer gegenüber 
vollkommen unempfindlich.» 

Wie man allgemein glaubt, haben diese Einheiten «das 4. 
Regiment innerhalb weniger Stunden vernichtet» und sind 
dann ungehindert vorgedrungen. Diese Ansicht ist jedoch ein 
Irrtum. Es stimmt zwar, den mit gewaltigem Schwung angrei- 
fenden Sowjettruppen gelang an mehreren Stellen der Durch- 
bruch. So meldete der Kommandeur der Artillerie Oberst 
Gyözö Ilkey um 12.15 Uhr bereits einen verbissenen Nah- 
kampf vor den ungarischen Batteriestellungen. Wahr ist aber 
auch, daß Hauptmann Kosztka mit seinem 1. Bataillon am 
nächsten Tag, dem 13. Januar 1943, spätnachmittags gegen 
16.50 Uhr, die ursprüngliche Stellung noch behauptete! (Die 
Standhaftigkeit des Bataillons wurde nachträglich am 28. Au- 
gust 1943 mit dem Prädikat «signum laudis» gewürdigt.) Zieht 
man in Betracht, daß die vordringenden sowjetischen Trup- 
pen kleinere ungarische Einheiten ganz bewußt umgingen, 
so ist es doch eine Tatsache, daß am 12. und 13. Januar 1943 
bei Uryw ein harter und blutiger Kampf getobt hat. — Aber 
wo war zu dieser Zeit Regimentskommandeur Csoknyai, 
weshalb hielt er sich nicht bei seinen Truppen auf? Auf 
diese Frage kommen wir später zurück. Jetzt erst soviel: Am 
12. Januar nachmittags verharrten 1400 Mann des 4. Regi- 
ments bei grimmiger Kälte ohne Speise und Trank, die Hän- 
de mitunter an den Waffen angefroren, in ihren Stellungen. 
«Die Nacht ist verhältnismäßig ruhig vergangen», meldete am 
Morgen des 13. Januar der Kommandant der Flakbatterie, 
die zum Regiment gehörte. 

Was machte zur gleichen Zeit der Nachbar, der in keinen 
Frontalangriff verwickelt worden war? Das Regiment des 
Oberstleutnants Vecsey befand sich ebenfalls in einer be- 
drängten Lage: Der Gegner konnte, nachdem der Durchbruch 


69 



beim 4. Regiment gelungen war, von der Flanke her zu- 
packen, und gegen einen solchen Angriff gab es keine wir- 
kungsvolle Abwehr. Die Frontlinie verlief ja entlang des Don. 
Nun bitte ich den Leser, zurückzublättern zu der im ersten 
Kapitel zitierten Bemerkung des Oberstleutnants Vecsey: 
«Wenn der Feind beim 4. Regiment angreift, kann niemand 
zu Hilfe eilen.» 

Um 13.30 Uhr begann die sowjetische Artillerie den Ge- 
fechtsstand des Kommandeurs des 35. Regiments zu beschie- 
ßen; um 15 Uhr erreichten die von der Seite her vorstoßenden 
Sowjettruppen das 3. Bataillon des Regiments. Oberstleutnant 
Vecsey gab Befehl zum Gegenangriff in der Hoffnung, die 
sowjetischen Truppen vielleicht sogar über die Stellung des 
2. Bataillons des benachbarten 4. Regiments zurückwerfen 
zu können. Der Gegenangriff jedoch kam nicht zur Entfaltung, 
da der Kommandant des Bataillons, Oberstleutnant Bokor, 
alle Augenblicke ausführliche Anweisungen verlangte, die 
Zeit mit deren Aufzeichnung vertrödelte und Angst hatte, zu 
seinen Leuten nach vorn zu gehen. «Ich habe ihm gesagt, er 
solle nicht soviel telefonieren, sondern hinausgehen und seine 
Leute vorwär, ^bringen . . . Dieses Bataillon liegt nicht in siche- 
ren Händen; ich fürchte, daß es versagt. Bokor ist wie ein 
schwaches, altes Weib . . .», schrieb der Regimentskomman- 
deur in sein Tagebuch. Um 16.35 Uhr telefonierte Oberst- 
leutnant Bokor abermals, und jammernd berief er sich auf 
sein Asthma. «Sich damit zu befassen, ist jetzt keine Zeit. 
Wenn man umkommt, bleibt es sich völlig gleich, ob man vor- 
her Asthma hatte oder nicht», schrie ihn Oberstleutnant 
Vecsey an und wiederholte seine Anordnungen zur Durchfüh- 
rung des Gegenangriffs. Dieser gelang dann auch; die sowje- 
tischen Truppen wurden aufgehalten, und man machte sogar 
Gefangene. «. . . Vor den Hindernissen liegen schon 300 Ge- 
fallene»; «. . . die Minenwerfer haben den ganzen Tag über 
hervorragend und elastisch gearbeitet. Oberstleutnant Bol- 
dizsär hält sie großartig in der Hand», lesen wir im Kriegsbe- 
richt des Regiments. 

Der sowjetische Angriff war also ins Stocken geraten. Um 
70 



17.30 Uhr schrieb Oberstleutnant Vecsey in sein Tagebuch: 
-Endlich ist es mir gelungen, mit dem Kommandeur der Di- 
vision und mit Csoknyai zu sprechen . . . Na, Gott sei Dank, 
alles ist noch zu retten.» 

Dem Tagebuch des 35. Regiments zufolge « . . . konnte bis 
21.10 Uhr bis zu den Gefechtsvorposten kein einziger Russe 
Vordringen», doch die Verluste des 2. Bataillons betrugen 
schon 40 Prozent. 

Hätten die Divisions-, Korps- und Armeekommandos das 
Ziel des Angriffs und die zahlenmäßige Stärke der Angreifer 
rechtzeitig erkannt, dann hätten sie die von der Vernichtung 
bedrohten Truppenteile sicherlich zurückdirigiert, die Solda- 
ten wären dadurch geschont und durch ausgeruhte Reserven 
ersetzt worden. Vom nächsten Tag, Mittwoch, dem 13. Januar 
1943, hing nun viel ab, vielleicht sogar alles. Von einer un- 
heilvollen Niederlage konnte man noch nicht sprechen. Fest- 
zustellen ist, daß die Soldaten im militärischen Sinn stand- 
gehalten haben. 

Was unternahm nun der Befehlshaber der 2. ungarischen 
Armee? 

Jäny war zehn Minuten nach Beginn des sowjetischen Ar- 
tillerieschlages, um 9.55 Uhr, vom gegnerischen Angriff in- 
formiert worden. Er verfolgte aufmerksam den Ablauf der 
Geschehnisse. Abends, um 20.35 Uhr, faßte er im Einverneh- 
men mit seinem Generalstabschef, dem Generalmajor Koväcs, 
folgenden Entschluß: «Ich empfehle, das Gros des Cramer- 
Korps nördlich vom Fluß Sosna aufmarschicren zu lassen mit 
der Aufgabe, ... die Lage endgültig zu bereinigen. Die dies- 
bezügliche Entscheidung ist dringlich.» 

Wie lautete doch Baron Weichs’ geheimer Befehl? Cra- 
mers Korps «... unterstelle ich zur besonderen taktischen 
Verwendung der 2. ungarischen Armee . . . Einen etwaigen 
feindlichen Einbruch an der Frontlinie soll Cramer mit seiner 
Sturmgruppe unter allen Umständen vereiteln.» 

Die Sache schien einfach. Jäny hatte die Lage richtig be- 
urteilt: Er hatte beschlossen, das Reservekorps zum Gegen- 
angriff einzusetzen. 


71 



War das wirklich so einfach? 

Am späten Abend teilte der Generalstabschef der Heeres- 
gruppe B, General Sodenstern, dem Generalmajor Koväcs 
telefonisch mit, daß das Cramer-Korps weder von Jäny noch 
von der Heeresgruppe B Befehle entgegenzunehmen habe. 
Dieses Armeekorps sei unmittelbar dem «Führer» unterstellt. 
«Die Entscheidung liegt in den Händen des Führers, denn er 
hat die Plazierung des Cramer-Korps angeordnet.» 

Das sah nun böse aus! Was war da zu tun? Jäny konnte 
also mit der ihm zugestandenen Reserve gar nichts anfangen, 
nicht einmal mit seiner eigenen Panzerdivision, die diesem 
Armeekorps zugeteilt worden war; denn Hitler hatte Baron 
Weichs’ Entscheidung nicht gebilligt. 

Was steckte dahinter? Ein rätselhafter Fall! Man neigt da- 
zu, die Angelegenheit, als Intrige der deutschen Führung auf- 
zufassen. Aber das wäre vielleicht doch ein irriger Schluß; 
denn was für Interesse konnte die deutsche Heeresführung 
haben, daß die sowjetische Armee an einem wichtigen Ab- 
schnitt des Don wesentlichen Geländegewinn erzielt und dabei 
eine ungarische Armee zugrunde geht? Es scheint vielmehr, 
daß Weichs auch jetzt noch die Lage falsch beurteilte. Zu die- 
ser Zeit war die ganze deutsche Wehrmacht beeindruckt von 
der absehbaren Katastrophe in Stalingrad. Zusätzliche Be- 
unruhigung entstand durch Rommels Mißerfolge in Tunesien 
und den Rückzug deutscher Truppen im Kaukasus. Andere 
Rückschläge schloß man aus. Davon zeugt das Tagebuch des 
Oberkommandos der deutschen Wehrmacht. Man glaubte 
einfach nicht, daß die Sowjetarmee zu dieser Zeit, da die 
Stalingrader Schlacht ein riesiges Ausmaß erreichte, noch an 
anderer Stelle über kampfstarke Kräfte verfügte, mit denen 
sie eine Offensive wagen konnte. Nach dem Erinnerungsbuch 
«Der schwere Entschluß» von Oberst Wilhelm Adam befand 
sich damals die bei Stalingrad kämpfende 6. deutsche Armee, 
deren Oberbefehlshaber ebenfalls von Weichs war, in einer 
ähnlichen Lage wie die 2. ungarische Armee. 

«Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, Generaloberst 
von Weichs, und sein Generalstabschef, General der Infanterie 

72 



von Sodenstern, teilten die Befürchtungen des Armeeober- 
kommandos 6. Doch dem OKH und Hitler gegenüber konnten 
sic sich nicht durchsetzen. Die oberste Führung nahm die 
Meldung der 6. Armee einfach nicht ernst; sie bezweifelte, 
daß die Rote Armee überhaupt noch an eine Gegenoffensive 
denken konnte. Um der drohenden Einkesselung zu entgehen, 
hatte Paulus vorgeschlagen, die 6. Armee auf eine Sehnen- 
stellung hinter den Don zurückzuziehen. Bar jeglichen Ver- 
antwortungsbewußtseins für das Leben mehrerer hundert- 
tausend Soldaten, lehnte man den Antrag ab.» Der General- 
stabschef des Heeres leitete auf Hitlers Anweisung folgenden 
Befehl weiter: -«Die Rote Armee ist zerschlagen, sie verfügt 
über keine nennenswerten Reserven mehr, infolgedessen ist 
sic zu größeren Angriffshandlungen nicht in der Lage. Von 
dieser gundlegenden Ansicht muß bei jeder Beurteilung des 
Gegners ausgegangen werden.» 

Was bedeutete im Vergleich dazu das Gejammer eines un- 
garischen Armeekommandeurs! War doch Weichs nicht ein- 
mal imstande, den Vorschlag von Paulus, einem Lieblings- 
general Hitlers, durchzusetzen! 

Vermutlich dachte man, daß sich Jany nur wichtig mache. 
Letzten Endes war doch nichts Besonderes geschehen: Im 
Frontbereich der 7. Division war ein sowjetischer Angriff an- 
gelaufen, den man bis zum Abend zum Stillstand gebracht 
hatte. Wem war das gelungen? Zwei schlecht ausgerüsteten 
ungarischen Regimentern und einem deutschen Regiment. 
Wozu brauchte man also davon viel Aufhebens zu machen? 
Jany bekam die Reserve nicht, basta! Mochte er damit fertig 
werden, so gut es ging. 

Auf diese Nachricht hin geriet Generalmajor Ivovacs fast in 
Verzweiflung. Er wußte, was nun folgen würde. Er beurteilte 
die Lage klarer als die Heeresgruppe B: «Ich mache darauf 
aufmerksam, daß der morgige Tag nicht nur bislang unbe- 
kannte Fragen beantworten, sondern wahrscheinlich auch 
entscheidend sein wird . . .» Aber umsonst, auch diese War- 
nung fand kein Gehör. — 


73 



Mittwoch, 13. Januar 1943 

An den übrigen Abschnitten der 208 Kilometer langen 
ungarischen Frontlinie blieb es ruhig. Die weiter entfernt lie- 
genden Regimenter und Armeekorps ahnten nicht einmal, was 
für eine gefährliche Lage sich bei Uryw herausgebildet hatte. 
Sie waren derart ahnungslos, daß das 22. Infanterieregiment 
der 6. Division, die zum III. Armeekorps gehörte, am späten 
Nachmittag des 13. Januar nach Einbruch der Dunkelheit 
ein Unternehmen durchführte. Oberleutnant Albert Faluvegi 
überquerte kaum 10 Kilometer nördlich von Uryw den zu- 
gefrorenen Don und kehrte mit Gefangenen und Beute zu- 
rück. Eine ebensolche Aktion führte das noch näher bei Uryw 
gelegene 14. Infanterieregiment der 20. Division durch: Es 
wurden fünf Gefangene gemacht, eine Panzerabwehrkanone 
und ein Maschinengewehr erbeutet. Bei der 20. Division 
herrschte ohnehin große Freude, denn man erwartete unter 
fieberhaften Vorbereitungen ein großes Ereignis: den Besuch 
des Fronttheaters. Margit Dayka und Manyi Kiss sollten auf- 
treten, und sicherlich würde auch der beliebte Schlager er- 
klingen: «Ach wie gut schmeckt doch das Cremegebäck ...!»■ 

Doch was geschah nun bei Uryw? 

Hauptmann Mätray, Kommandeur des 1. Bataillons des 
35. Regiments, meldete am 13. Januar früh um 6.30 Uhr: 
«Das Artilleriefeuer verstärkt sich immer mehr. Die Mann- 
schaft erträgt das Trommelfeuer mit einer bisher nicht beob- 
achteten Gelassenheit. Die Ausgabe des Frühstücks erfolgte 
planmäßig.» 

Also eine neue Vorbereitung durch die Artillerie. Die so- 
wjetischen Gefallenen vom Vortage lagen noch zwischen den 
Fronten. Es wurde hell. Die Temperatur betrug minus 36 Grad. 
Die Soldaten hockten fast vierundzwanzig Stunden in ihren 
Deckungen, lagen auf dem Schnee, die Hände an den Waffen. 
In dieser Kälte! Nachdem es völlig hell geworden war, be- 
gann der Angriff, dessen Stoßkraft sich jetzt auf das Bataillon 
des Hauptmanns Mätray konzentrierte. Das Bataillon des 
Oberstleutnants Bokor hatte ja schon am ersten Tag dieser 
Offensive starke Verluste erlitten; es konnte kaum noch Atem 


74 


Iiolen. Nun begannen die Soldaten des Bokorschen Bataillons 
ihre Stellungen zu verlassen, sie rannten zurück. Matrays Ba- 
taillon leistete noch Widerstand. Um 11.05 Uhr standen die 
sowjetischen Einheiten 600 Meter vor dem Gefechtsstand des 
Regimentskommandeurs. Die ganze Verteidigungslinie geriet 
ins Wanken. Da sprang der Kompaniechef Oberleutnant Sza- 
lay aus seiner Deckung heraus und stürzte mit den Rufen 
«Sturm! Los! Vorwärts!» auf die angreifende sowjetische In- 
fanterie zu. Die Soldaten schöpften wieder Mut und stürm- 
ten dem Oberleutnant nach. Eine halbe Stunde später, um 
11.40 Uhr, erreichte das Bataillon seine ursprünglichen Stel- 
lungen. Oberleutnant Szalay jedoch war gefallen, das Batail- 
lon hatte seinen mutigsten Offizier verloren. 

Und was war bei dem anderen Bataillon geschehen? Der 
Bataillonskommandeur Mätray und sein Kompaniechef Leut- 
nant Vilmos Bondor waren die Seeleder Verteidigung. Oberst- 
leutnant Vecsey schrieb in sein Tagebuch: «Leutnant Bondor 
ist der hervorragendste Offizier des Regiments.» Um 12.30 
Uhr stürmte Bondor mit einer Abteilung dem angreifenden 
sowjetischen Bataillon entgegen und brachte es zum Stehen. 
Leutnant Bondor hatte auch schon früher seinen Mut bewie- 
sen: Am 9. Januar überquerte er den Don, vernichtete zwei 
sowjetische Bunker und brachte die wichtige Nachricht mit, 
daß «die Russen an diesem Waldabschnitt viele Truppen 
stehen haben müssen, und der Bereitschaftsgrad dieser Trup- 
pen ist hoch». 

Vergegenwärtigen wir uns die Frontlinie des 4. Regiments. 
Der Regimentskommandeur befand sich irgendwo hinten. 
Hauptmann Kosztkas Bataillon schien noch standzuhalten; 
auch die Soldaten des deutschen Regiments kämpften weiter. 
Doch in dem freien Raum zwischen dem 35. und dem 4. Re- 
giment flutete die sowjetische Infanterie unaufhaltsam vor- 
wärts. Jetzt rächte sich die Bildung von leichten Divisionen. 
Hinter der auseinandergezogenen, lockeren Frontlinie ohne 
Tiefengliederung stand nur noch die Artillerie, dann folgte 
der fast waffenlose Train, mit dem Nachschub, den Muni- 
tion skolonnen, sanitären Einrichtungen et cetera. 


75 



Wenn die Angreifer die vordere Linie irgendwo durchbro- 
chen haben und beträchtlich vorgestoßen sind, ist ein weiteres 
Durchhaltenwollen zwecklos und überflüssig. Der Leutnant 
Vilmos Bondor führte also seine Einheit vergebens zum 
Sturm — vergebens kämpfte auch das 35. Regiment, als neben 
ihm die durchgebrochene sowjetische Infanterie längst mit der 
Artillerie im Nahkampf stand; denn das war im Gange: Ar- 
tilleriekommandeur Oberst Gyözö Ilkey meldete, daß am 
13. Januar «... um 11.20 Uhr der Feind den Beobachtungs- 
stand der Batterie 7/3 überrannt hat. Batteriechef Ober- 
leutnant Gyula Holzschuster leitete das Feuer der Batte- 
rie so lange, bis der von der Seite her eingedrungene Feind 
die Batteriestellung vernichtete. Dann schlug er sich durch, 
wobei er zweimal, drei seiner Leute einmal durch Maschinen- 
pistolenscliüssc verwundet wurden. Ein Mann fiel, ein Fähn- 
rich geriet schwer verwundet in Gefangenschaft.» 

Betrachten wir diese Schilderung einmal genauer. Mit Ka- 
nonen kann man nicht auf nahe gelegene Ziele schießen. 
Wenn der Angreifer von der Seite her direkt an die Batterie 
herangekommen ist, sind die Geschütze nicht mehr zu benut- 
zen. In solchen Fällen kommt cs auf den persönlichen Mut 
des Batteriechefs an. Aber was er auch unternimmt, entschei- 
dend ist dies für den Ausgang der Schlacht nicht mehr. Bei 
der Auswertung von Niederlagen ertönt stets die Klage: Wir 
haben sämtliche Geschütze verloren, alles ist den Angreifern 
in die Hände gefallen. Gewiß, ideal wäre es gewesen, die Ge- 
schütze zu retten. Doch dazu hätte man entweder eine Ver- 
teidigung mit Tiefengliederung haben oder der Artillerie recht- 
zeitig einen Rückzugsbefehl erteilen müssen. Das alles exi- 
stierte und geschah aber nicht. Was also bleibt dem verant- 
wortlichen Artillerieoffizier in dieser Situation zu tun übrig? 
Er kann seine Geschütze kampfuntüchtig machen und versu- 
chen, sich mit den überlebenden durchzuschlagen. Vielleicht 
gelingt es auch, im letzten Augenblick die Pferde vorzuspan- 
nen und mit den Geschützen davonzujagen. Aber in unserem 
Fall war das praktisch schon undurchführbar, denn die Pferde 
waren noch schwächer als die Soldaten: seit Monaten hatten 


76 



sic lediglich Stroh als Nahrung bekommen — und das auch 
nur wenig. Selbst wenn man die Gäule rechtzeitig vorge- 
spannt hätte, würden sie an den Geschützen gezerrt haben 
und dann zusammengebrochen sein. 

Die allgemeine Kampfsituation wurde durch folgende Ope- 
ration charakterisiert : 

Stellen wir uns einen starken, dicken Pfeil vor, der sich 
vom Donfluß her nach vorn bewegt. Das ist das angreifende 
sowjetische Heer. Dieser dicke Pfeil, nachdem er schon gut 
vorangekommen ist, teilt sich. Die sowjetischen Truppen bie- 
gen nach rechts und links ab, kreisen die Ungarn von hinten 
her ein und greifen die nördlich und südlich von ihnen gele- 
genen Einheiten, die einen Frontalangriff erwarten, von der 
Seite an. 

Der nach Norden abschwenkende Keil stieß auf das 23. Re- 
giment der 20. Division, die am linken Flügel des IV. Armee- 
korps stand. Es war das Regiment, das bereits am Tage zuvor 
in die Kämpfe verwickelt worden war. Regimentskomman- 
deur Oberst Jänos Läszay meldete um 12.37 Uhr, also etwa 
um die gleiche Zeit, als 10 Kilometer südlich davon Leutnant 
Bondor seinen Gegenangriff startete, daß sich seinem Gefechts- 
stand viele Panzerwagen näherten. Im Rücken der Ungarn, 
wo es keinerlei Widerstand gab, weil es ihn gar nicht geben 
konnte, stießen die sowjetischen Einheiten weiter nach Nor- 
den vor und trafen schon auf das nächste Regiment der 20. 
Division. Dieses 14. Infanterieregiment aus Eger hatte sich 
auf diesen Angriff vorbereiten können. Hier war anscheinend 
noch nichts verloren. 

Verhielt es sich tatsächlich so? Bei der 1. Kompanie des 
1. Bataillons des 14. Regiments waren im Verlauf des Monats 
Dezember 1942 zwei Mann verhungert und zahlreiche Solda- 
ten infolge Ernährungsmangels erschöpft. «Die sowjetischen 
Granatwerfer schossen auf jede Bewegung, und man konnte 
selbst die Verpflegung nicht in die Laufgräben hinausschaf- 
fen», schrieb ^änos Csima, später Oberstleutnant der Volks- 
armee, in seiner Studie über das Horthy-Heer. Ein einziges 
Bataillon hatte während eines Monats einen Verlust von 


77 



16 Köchen. Dem anfänglichen Widerstand der Soldaten des 
14. Regiments mußte also sehr schnell ein völliger Kräftever- 
fall folgen. 

Am Nachmittag erschien im Gefechtsstand der 20. Division 
der Kommandeur des IV. Armeekorps, Generalleutnant vitez 
Jözsef Heszlenyi. Er brachte seine Zufriedenheit zum Aus- 
druck und teilte dem Divisionskommandeur, Oberst vitez 
Frigyes Vasväry, mit, daß seine Divison ab 18 Uhr zum Ver- 
band des benachbarten III. Armeekorps gehöre. Diese Ver- 
fügung halbierte die Stärke des IV. Armeekorps und unter- 
stellte diese Einheit einem Armeekorps, das später — obwohl 
Heszlenyi das damals noch nicht wissen konnte — unter die 
unmittelbare Verfügungsgewalt der Deutschen gelangte und 
sich somit von der 2. ungarischen Armee trennte. 

Diese Maßnahme war kaum dazu angetan, den Kampfver- 
lauf wesentlich zu beeinflussen. Entscheidend war in dieser 
Situation vielmehr, daß das Cramer-Korps noch immer nicht 
eingesetzt wurde, obwohl die Einbruchstelle bei Uryw sich 
ständig vergrößerte. 

Als Oberstleutnant Vecsey amNachmittaggegenlßUhrvon 
einer Frontbesichtigung zum Gefechtsstand zurückkehrte, war 
dieser durch einen Volltreffer zerstört, ringsherum lagen ge- 
fallene Soldaten. Da tauchte eine etwa 100 Mann starke so- 
wjetische Truppe auf. «Sie feuern aus der Bewegung, aus der 
Hüfte», heißt es in dem Bericht des Oberstleutnants über 
diese Ereignisse. Dieser Angriff konnte nicht abgewehrt wer- 
den, «... aber leider», so bekennt Vecsey, «mußte ich feststel- 
len, daß wir völlig eingekreist waren. Ich ging hastig überle- 
gend zum Gefechtsstand Bondors zurück. Wenn wir blieben — 
Munition hatten wir nicht mehr — , würden uns die Russen 
vernichten . . . Ein Teil der hier noch befindlichen 800 bis 
1000 Mann und der übriggebliebenen schweren Waffen kön- 
te vielleicht gerettet werden. Doch wenn ich am Leben bliebe, 
käme ich, weil ich midi ohne Befehl zurüdegezogen habe, vor 
ein Kriegsgericht. Was sollte ich tun? Es war Sußerst schwer, 
sich zu entscheiden; in die Stellungen des 1. Bataillons war 
der Gegner noch nicht eingedrungen. An Munition aber waren 


78 


je Gewehr nur noch 5 bis 10 Patronen vorhanden. Mit blu- 
tigen Verlusten war zu rechnen. Ich beschloß, nach Eintritt der 
Dunkelheit auszubrechen. Die Verwundeten wollten wir mit- 
nehmen.» Vecsey hatte sich also vergebens erfolgreich ver- 
teidigt. Seine Truppen waren eingekesselt. 

Allmählich wurde es dunkel. Um 16.30 Uhr ließ Oberst- 
leutnant Vecsey die Bajonette aufpflanzen: «Fällt das Bajo- 
nett! Vorwärts!» Ein blutiges Handgemenge begann. Nah- 
kampf bei minus 35 Grad. Der Ausbruch gelang. Das 36. Re- 
giment befand sich nun im Dorf Gorny vorläufig in Sicher- 
heit. Hier erfuhr der Regimentskommandeur, daß der Divi- 
sionär den Ausbruchsbefehl zwar abgeschickt hatte, die Funk- 
verbindung jedoch unterbrochen und der Meldegänger gefal- 
len war. Der Befehl konnte deshalb seinen Bestimmungsort 
nicht erreichen. Generalmajor Szabö gratulierte. Aber was 
würde der morgige Tag bringen? 

Die Division hatte keine Reserven. Unter den vergilbten 
Aufzeichnungen stießen wir auf einen aufschlußreichen Be- 
fehl: Die Marschkompanie des Oberleutnants vitez Antal 
Varga sollte am 13. Januar 1943 um 22 Uhr aus dem Aus- 
bildungslager an die Front ziehen. Ihre Bewaffnung: 30 Ge- 
wehre! 

Der Armeebefehlshaber war sich über die Lage im klaren, 
er wußte, daß im Raum des Brückenkopfs bei Uryw fünf ver- 
schiedene sowjetische Divisionen im Einsatz standen. «Ich 
rechne damit, daß der Feind den Angriff mit starken Kräften 
fortführen wird. Deshalb bleiben meine gestern schriftlich 
niedergelegten Eindrücke und mein Vorschlag unverändert. 
Ich muß feststellen, daß weder meine Bitte von gestern abend 
noch die von heute vormittag, noch die jetzige die entspre- 
chende Berücksichtigung erfahren haben. Auf diese Weise 
verlieren wir Zeit ... Es ist zu befürchten, daß wir durch diese 
Verzögerung und die halben Lösungen dem Gegner in die 
Hände arbeiten.» 

General Jäny hatte also noch immer nicht die Genehmigung 
bekommen, die ihm zugeteilte Reserve einzusetzen. Die un- 
zureichend bewaffnete 7. und 20. Division der 2. Armee blie- 


79 



ben ihrem Schicksal überlassen. Während der Angriff der so- 
wjetischen Truppe am 13. Januar 1943 von etwa hundert 
Panzern unterstützt wurde, tauchte in dem gefährdeten Raum 
kein einziger ungarischer Panzerwagen auf, erschien kein ein- 
ziges Flugzeug. Generalmajor Szabö drängte ungeduldig auf 
einen Luftangriff; er bekam ihn nicht. Im Tagesbericht des 
Oberkommandos der Wehrmacht steht kein Wort über die 
2. ungarische Armee. Jänys sachlicher Kommentar lautete: 

-«Was ich erwartet habe, ist eingetroffen. Der Feind hat bei 
Uryw mit einer riesigen Übermacht angegriffen und unsere 
Truppen in einem zweitägigen Kampf nach einem zähen Rin- 
gen aufgerieben. Unsere Truppen haben — auch nach Ansicht 
des Kommandeurs des 429. deutschen Infanterieregiments — 
so gekämpft, daß sie ein hohes Lob verdienen . . . Die Ein- 
heiten, die sich zur Durchführung eines Gegenangriffs versam- 
meln, läßt der eisige Schnee und die Kälte von minus 32 Grad 
erstarren, ihre Widerstandsfähigkeit ist verringert, außerdem 
verfügen sie über keinerlei schwere Waffen. Ich muß hervor- 
heben, daß die Truppen alles tun, wozu sie imstande sind. 
Kommandeure und Truppen halten bis zum äußersten durch. 
Infolge der oben genannten Tatsachen ist jedoch damit zu 
rechnen, daß man die Divisionen — wenn keine schnelle und 
wirksame Hilfe kommt — eine nach der anderen aufrollen 
und vernichten wird.» 

Jäny bescheinigte also nach den zweitägigen Kämpfen sei- 
nen Soldaten Mut und Standhaftigkeit, sie tun alles, «wozu 
sie imstande sind». 

Doch da müssen wir einen Augenblick nachdenken. Gewiß, 
das Standhalten ist schön. Jedoch, wem nutzte es? Und wer 
ist hier gemeint? Die Offiziere? Oder die von der obersten 
Heeresführung dem Untergang preisgegebenen einfachen Sol- 
daten, die demnach gegen ihre eigenen und die Interessen 
ihrer Heimat kämpften? Ist das nicht ein typisches Beispiel 
für den anerzogenen Untertanengeist, der diese Soldaten ver- 
anlaßte, kopflos zu gehorchen? Schüren wir da nicht ungewollt 
das Feuer des so leicht und oft unverantwortlich entflammen- 
den Mythos uralter ungarischer militärischer Tugenden? 


80 



Überblicken wir die Lage objektiv. 

Es ist eine Tatsache, daß die bei Uryw kämpfenden ungari- 
schen Truppen im militärisch-fachlichen Sinn durchaus be- 
strebt waren, standzuhalten. Sie haben nicht in wilder Panik 
die Flucht ergriffen und waren nicht derart «feige», daß ihret- 
wegen die Ostfront, die von den Deutschen angeblich so fest 
gehalten wurde, vorzeitig zusammenbrechen mußte. Sollten 
wir das nicht feststellen dürfen, sondern vielmehr die bereits 
gewohnte Ansicht teilen, wonach die Frontlinie innerhalb we- 
niger Stunden zerfallen sei? So war es doch nicht. Und wenn 
es nicht so war, sondern so, wie wir es dokumentiert haben, 
dann müssen wir uns auch zu einer richtigen Deutung durch- 
ringen. Kompromittieren diese Tatsachen das ungarische Volk, 
die an den Don hinausgetriebenen ungarischen Soldaten? 
Warum sollten sie es. Wir dürfen die oberste Heeresleitung 
und mit ihr die damals herrschende bourgeoise Klasse, die den 
Krieg zynisch herbeigewünscht hatten, nicht mit der Mann- 
schaft der Armee verwechseln. Was wußten diese Soldaten 
schon über den Feind? Was wußten sie über die Sowjetunion? 
Kriegsbegeisterung und Haß spürten sie gewiß nicht. Darüber 
gibt es authentische Darlegungen aus der Feder von Kom- 
mandeuren, die sich gerade deswegen beklagten. Die Sol- 
daten hatten das Gefühl, daß man von ihnen zur Erreichung 
irgendeines rätselhaften Regierungszieles ein Opfer fordere 
und daß dieses darin bestehe, auf dem Boden eines fremden, 
weit entfernt gelegenen Landes unter unzumutbaren Verhält- 
nissen einfach anwesend zu sein, zu vegetieren; denn zwei 
Drittel der Armee hatten bis zum Januar 1943 an keinem 
größeren Gefecht, an keiner Schlacht teilgenommen. Und noch 
etwas spielte wohl eine Rolle: Wahrscheinlich hatte sich auf 
Grund von Erinnerungen und mündlichen Überlieferungen 
aus dem ersten Weltkrieg über den russischen Soldaten ein 
schematisches Bild herausgebildet: Er sei fromm, geduldig, 
kämpfe nicht gern ; doch könne er im Feuerhauch des Gefech- 
tes mitunter zu einem harten Gegner werden. Wie war dieses 
Bild entstanden? Weil der russische Soldat des ersten Welt- 
krieges genauso widerwillig in den Kampf gezogen war wie 


6 Ncmcskücty, Untergang 


81 



der ungarische Soldat des zweiten Weltkrieges. Diese Men- 
schen konnten aber in dem Augenblick, da sie für ihre eige- 
nen Interessen, für die proletarische Revolution kämpften, zu 
unbesiegbaren Helden werden, wie auch viele der ungarischen 
Kriegsgefangenen, als sie an der Seite der Roten Armee in 
den Kampf zogen. Dies zeigt einmal mehr, daß es kein feiges 
oder mutiges «Menschenmaterial»- gibt, sondern objektive Si- 
tuationen und Klasseninteressen. 

Als die Schlacht am Don begann, erwarteten also die Sol- 
daten der 2. ungarischen Armee einen Gegner, wie er ihnen 
auf Grund der Erinnerungen aus dem ersten Weltkrieg vor- 
schwebte — und statt dessen kam ein beispielhaft disziplinier- 
ter, militärisch gut ausgebildeter, mit ihnen bisher unbekann- 
ten «Wunderwaffen» ausgerüsteter Gegner, der die ins Hei- 
matland eingedrungenen Fremdlinge mit elementarer Wucht 
angriff und dem sogar die Witterung nichts ausmachte, son- 
dern unterstützender Verbündeter war. Was tat nun in den 
ersten Augenblicken der Ankunft dieses zornigen Hausherrn 
der Fremdling, der genau wußte, daß er hier nichts zu su- 
chen hatte, und der obendrein einen andersgearteten Angrei- 
fer erwartete? 

Wenn auf jemanden geschossen wird und das Leben in 
Gefahr gerät, bleibt für politische Betrachtungen und Analy- 
sen ebensowenig Zeit wie zum Erkennen, ob man zu Recht 
schießt. Der Betreffende beginnt vielmehr sich zu wehren, 
und dabei treten die ältesten militärischen oder — wenn man 
so will — Jagdeigenschaften in Aktion. Diese Verteidigung 
kann ungeschickt, kopflos, überstürzt, also für den Bedräng- 
ten gefährlich und selbstmörderisch sein. Sie kann aber auch 
überlegt und unter Ausnutzung aller Möglichkeiten erfolgen, 
vernünftig und erfolgreich sein. Die ungarischen Soldaten re- 
agierten am ersten Angriffstag bei Uryw auf diese zweite Art. 
Sie erwiesen sich keineswegs als ein militärisch minderwerti- 
ger Gegner. Die sowjetische Heeresführung hatte ihre Trup- 
pen auch rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht, daß die 
Ungarn harte Kämpfer sein würden. 

Wir verdecken das Versagen der damaligen Kommandeure, 


82 



wenn wir die in der eintägigen blutigen Schlacht standhalten- 
den Soldaten der feigen Flucht bezichtigen. Damit entheben 
wir weiterhin das IIorthy-Regime und die damals herrschen- 
de Klasse Ungarns der Verantwortung dafür, daß es diese 
Menschen in einen ungerechten Krieg, in einen Aggressions- 
feldzug gejagt hat und obendrein — was einem Irrsinn gleich- 
kommt — ohne ausreichende Bewaffnung und entsprechende 
Kleidung. Diese Männer sind erfroren, haben gelitten, den 
Verstand verloren, sind schneeblind geworden, verhungert; 
und mit dem letzten Aufflammen ihres erlöschenden Bewußt- 
seins haben sie an das ferne Zuhause gedacht. Sie wußten mit 
Sicherheit, daß man die Heimat nicht am Don verteidigen 
muß. 

Soviel über die Mannschaft. Wenden wir uns nun den Of- 
fizieren zu. Unter ihnen gab es viele, die sich feige und duck- 
mäuserisch verhielten. Am schlimmsten aber war, daß sie die 
ihnen anvertrauten Leute im Stich ließen, daß sie mangelhaft 
ausgebildete, ungeeignete, schlechte Führer waren. Eine ob- 
jektive Betrachtungsweise verlangt von uns aber auch, die 
Namen jener niederzuschreiben, die bestrebt waren, ohne 
ihr eigenes Leben zu schonen, einem anerzogenen Ideal treu 
zu bleiben, von dem wir heute wissen, daß es ein falsches 
Ideal gewesen ist. Doch sie glaubten ehrlich daran, für sie war 
es heilig. Warum sollen wir leugnen, daß es auch solche Offi- 
ziere gab? Ich habe nicht die Absicht, ihr Andenken mit einem 
falschen Glorienschein zu umgeben. Wir wissen, ein richtiger 
Held wäre damals derjenige gewesen, der mit den ihm an- 
vertrauten Soldaten zusammen den ungerechten Kampf ver- 
weigert und die Waffen gegen die deutschen Aggressoren ge- 
richtet hätte. Helden waren diejenigen — und solche gab es 
viele — , die in der Gefangenschaft die moralische Kraft be- 
saßen, sich zum antifaschistischen Kampf zu bekennen und 
ihr Leben für ein neues Ungarn einzusetzen. Uber sie werden 
wir noch sprechen. Doch das ist kein Grund, die anderen Tat- 
sachen zu übergehen. Warum sollten wir minderwertiger sein 
als die Deutschen? «Die Deutschen, ja, das sind Soldaten!» 
sagen heute noch viele, selbst solche, die den Faschismus 

83 


verdammen. Dabei waren sie ebensolche Soldaten wie die Un^ 
garn auch. Wir werden sehen, daß an den bewußten drei Ta- 
gen während der Gefechte Panikerscheinungen gleichermaßen 
auch bei ihnen auftraten; und das, obwohl die Wehrmachts- 
einheiten über wesentlich bessere Waffen verfügten. Wenn ich 
also mit Chronistentreue über die Geschehnisse berichte, 
möchte ich durchaus nicht einem unangebrachten Heldenkult 
das Wort reden, sondern vielmehr eine falsche Auffassung 
vom «Heldentum» überwinden helfen, nach der die Deut- 
schen damals zwar grausam, aber immerhin gute Soldaten 
gewesen wären, die Ungarn hingegen, nun ja . . . 

Mit einem Wort: ich glaube an keinen Mythos. Es gibt 
keine höheren und niederen Völker. Es gibt Menschen, und 
es gibt Klassenverhältnisse, die ihr Verhalten bestimmen. Ich 
glaube auch nicht an jene Legende, wonach sich das ungarische 
Volk unterwürfiger gezeigt hätte als die anderen durch die 
deutschen Faschisten unterjochten Völker. 

Hingegen glaube ich, daß die herrschende ungarische Bour- 
geoisie, die damals für das Schicksal unserer Heimat voll ver- 
antwortlich war, sich niederträchtiger und unfähiger verhielt, 
als man dies selbst nach ihren eigenen Klasseninteressen hätte 
erwarten sollen. Wenn wir durch eine klügelnde Darstellung 
der Umstände und der Ursachen das Ausmaß der militäri- 
schen Niederlage verwischen und diese der angeblich panik- 
artig geflohenen 2. ungarischen Armee zuschreiben, dann ver- 
ringern wir die Verantwortung der Schuldigen. 

Zweiter Teil: Stschutschje 

Am 14. Januar 1943, Donnerstag frühmorgens, flog General- 
oberst Jäny zum meistgefährdeten Abschnitt seiner Armee: 
zur 20. Division, die nördlich der 7. Division postiert war. Er 
wollte die Kampfoperationen persönlich kontrollieren. Der 
im Verlauf der bisherigen Gefechte kampfunfähig geworde- 
nen 7. Division konnte man nicht mehr helfen. Die übrig- 
gebliebenen dieser Einheit sammelten sich im Dorf Repjewka, 


84 


das sich ungefähr 35 Kilometer westlich von Uryw am Ufer 
des Flusses Potudany erstreckt. Der nach Norden abge- 
schwenkte sowjetische Angriff bedrohte jetzt die 20. Division. 
Die Sowjettruppen waren bereits in ihren Rücken gelangt. Das 
am südlichsten gelegene 23. Regiment der 20. Division war 
aufgerieben. Warum wohl früher als das 4. oder 35. Regi- 
ment? Weil es nicht frontal zu seiner ausgebauten Stellung, 
sondern von der Seite her angegriffen worden war. Die Pan- 
zerabwehrkanonen, die man eilig zur Einbruchsstelle herüber- 
geschleppt hatte, funktionierten nicht. Bataillonskommandeur 
Major Käroly Värnagy berichtete: «Ich habe Panzerabwehr- 
kanonen gesehen, die man mit darunter brennendem Stroh 
so weit erwärmen konnte, daß sie eine halbe Stunde lang ein- 
satzfähig waren.» Die sowjetischen Waffen hingegen funktio- 
nierten einwandfrei. Regimentskommandeur Oberst Jänos 
Läszay meldete, noch bevor Jäny eintraf, um 1.30 Uhr nachts 
an den Divisionskommandeur Vasväry, daß man sein Regi- 
ment eingekesselt habe und deshalb ein weiterer Widerstand 
sinnlos sei. 

Als Jäny an Ort und Stelle angelangt war, fand er von der 
20. Division nur noch das 14. Regiment intakt, das zu dieser 
Zeit jedoch schon zum III. Armeekorps gehörte. Das Regi- 
ment aus Eger kämpfte im Dorf Storoschewoje erbittert. Der 
Kommandeur des III. Armeekorps hatte beschlossen, seine 
Kräfte umzugruppieren, und ordnete deshalb um 15 Uhr den 
Rückzug der gesamten 20. Division an. 

Bis dahin jedoch stellte ein anderes Ereignis die Kämpfe 
der 20. Division in den Schatten. 

Während Jäny die bis zu diesem Augenblick am meisten 
gefährdete Stelle seiner Armee inspizierte, begann — 50 Kilo- 
meter Luftlinie vom 14. Regiment entfernt, in Wirklichkeit 
infolge der Krümmungen und Windungen des Flusses noch 
viel weiter — im Bereich der 12. Division des VII. Armeekorps 
am Brückenkopf bei Stschutschje ein neuer sowjetischer An- 
griff. 

Ein vorzüglich ausgenützter Zeitpunkt! Seit dem Durch- 
bruch bei Uryw waren erst zwei Tage vergangen. Alle Auf- 


85 



merksamkeit des ungarischen Kommandos konzentrierte sich 
auf das IV. Armeekorps. Es herrschte unverändert kaltes Wet- 
ter. Die sowjetische Heeresführung hielt eine weitere Über- 
raschung bereit: Sie griff am Brückenkopf bei Stschutschje 
mit erheblichen Kräften an und obendrein mit anderen Me- 
thoden und mit sehr starker Panzerunterstützung. Und der 
Zeitpunkt! Das vor Stschutschje stehende 48. Regiment hätte 
gerade an diesem Tag, am 14. Januar, abgelöst werden sollen. 
Voller Freude rüsteten alle bereits zum Aufbruch. Beendigt 
schien die Qual des Fronteinsatzes. Und nun plötzlich dieser 
Angriff! Es unterliegt keinem Zweifel, daß die sowjetische 
Aufklärung zuverlässig gearbeitet hat. 

Die Lage der 12. Division war ungünstiger als die der 7. 
Schlagen wir doch einmal den Operationsbefehl auf, der ihre 
Plazierung beschreibt: 

■«Die Frontlinie des 18. und des 48. Infanterieregiments. In 
der Nähe vonNikolskij ist das Donufer ein Steilhang. Abschüs- 
sige, vom Wasser gegrabene Spalten sind charakteristisch für 
dieses Gelände. Nördlich von Nikolskij beträgt die Uferhöhe 
100 bis 200 Meter. Stellenweise ragen aus dem Don Inseln her- 
vor. Am linken Ufer erstrecken sich ausgedehnte Wälder. Die 
hohen Ufer des Flusses bieten eine gute Möglichkeit zur Ver- 
teidigung. Ein ausgebautes Straßennetz gibt es nicht, östlich 
des Dorfes Nikolskij, in Richtung Stschutschje und Presnaja, 
unterbrechen nur die vom Regenwasser verursachten Boden- 
risse die Oberfläche des Geländes. Neben Stschutschje, am 
rechten Ufer des Don, befindet sich ein sowjetischer Brücken- 
kopf. In diesem Gebiet gibt es dichte Laubwälder. Die Front- 
linie verläuft auf einem höher gelegenen Gelände. Eine aus- 
gebaute Straße ist nicht vorhanden.» 

Erwähnt sei noch die Meinung des Regimentskommandeurs 
Oberst Ferenc Leszay: «Im Verteidigungsbereich gab es Stel- 
len, wo auf einer Länge von einem Kilometer gar keine Trup- 
pen waren.» 

Dieses 48. Regiment der 12. Division war stark geschwächt. 
«Viele sterben an Entkräftung», bekundete Oberst Leszay 
schon im Dezember 1942. Hinzu kam noch eine besondere 


86 



Situation. In der Mannschaft gab es zahlreiche Zuchthäusler, 
Kriminelle, denen man die Freiheit versprochen hatte, wenn 
sie sich an die Front melden. Bataillonskommandeur Oberst- 
leutnant Albert Ersek berichtete: 

'«Die Einreihung der Zuchthäusler in die Truppe erreichte 
nicht das gewünschte Ziel, da die unbelasteten, ehrenhaft 
kämpfenden Soldaten diese Maßnahme als Herabsetzung 
ihres eigenen Wertes empfanden.» Das heißt: sie begriffen, 
daß sie genauso zum Tode verurteilt waren wie die Zucht- 
häusler . . . 

Der Roman -«Vergessene Menschen» von Endre Birkäs 
kommt uns in den Sinn: 

«Vom Don her blitzte Mündungsfeuer in den sternenlosen, 
düsteren Himmel ... An der Spitze des Zuges führten Zucht- 
häusler Verladearbeiten durch . . . Unter ihnen befand sich ein 
berüchtigter Frauenmörder, der angeblich in den österreichi- 
schen Alpen seine Frau mit einem Seidentuch erdrosselt und 
die Leiche dann in eine Schlucht geworfen hatte, um einen 
Unfall vorzutäuschen. Ende der zwanziger Jahre schrieben 
monatelang die Zeitungen über ihn. Er war ein alter Bekann- 
ter am Verladeplatz. Sein priesterlich anmutendes Gesicht 
mit dem klugen Blick hinter der Brille fiel unter* seinen Ge- 
fährten auf. An seinen Manieren und seiner Sprache konnte 
man spüren, daß er nicht irgendwer war . . ., Zwei Jahre habe 
ich noch, bitte*, sagte er lächelnd, ,dann werde ich es schon 
beweisen, daß man mich unschuldig verurteilt hat. Ich lasse 
die Sache nicht auf sich. beruhen.*» 

Und gerade hier, bei Stschutschje, setzte das sowjetische 
Kommando der Woronesher Front massiert Panzer ein. «Die 
3. Panzerarmee und die 18. Schützendivision begannen am 
14. Januar 1943 den Angriff . . . Bis zum Abend des 14. Ja- 
nuar durchbrachen die sowjetischen Truppen in allen drei 
Richtungen die Verteidigungslinie des Feindes», schreiben 
die Autoren des bereits früher zitierten sowjetischen kriegs- 
geschichtlichen Werkes. 

Früh um 5.40 Uhr begann die Angriffsvorbereitung durch 
die Artillerie; sie hielt eine Stunde lang an, bis 6.40 Uhr. Um 


87 



6.45 Uhr tauchten 80 Meter vor den ungarischen Stellungen 
Panzerwagen auf. «Meine Panzerabwehr stand ein bis zwei 
Kilometer hinter der eigenen Verteidigungslinie, das Feuer 
konnte erst eröffnet werden, wenn die feindlichen Panzer die 
eigene Verteidigungslinie weit überschritten hatten»-, meldete 
Oberst Leszay. In einer Breite von 3 Kilometern griffen die 
Panzer an, dahinter kam die Infanterie, sie «. . . bewegte sich 
in kleinen Kolonnen vorwärts, die einzelnen Soldaten ohne 
Abstand, dichtgeschlossen, an der Spitze ihre Offiziere», 
schrieb der verblüffte Kommandeur des 48. Regiments. Ein 
furchterregender Anblick! Und die Panzerwagen! So viele 
Panzer im Angriff hatten ungarische Soldaten noch nie gese- 
hen. Unter ihnen brach die Panzerpanik aus. In seinem Film 
«Ballade vom Soldaten» gibt Grigori Tschuchray eine glän- 
zende künstlerische Darstellung der überwältigenden, lähmen- 
den Wirkung eines Panzerangriffs. Ein Soldat, der nur über 
ein Gewehr verfügt, hat das Gefühl, eine unbekannte und un- 
besiegbare Macht steuere auf ihn zu, wolle ihn zerstampfen. 
Die sonst im Kampf bewiesene Geistesgegenwart verläßt ihn. 
In solchen Situationen kommt es nur sehr wenigen in den 
Sinn, daß ein einzelner Panzer für den Infanteristen keine so 
große Gefahr bedeutet, denn wenn man ihn nahe genug her- 
ankommen läßt, ist er mit einer Handgranate, die man zwi- 
schen die Raupenketten wirft, sogar besiegbar. 

Um 7 Uhr erreichten die Kampfwagen der 3. sowjetischen 
Panzerarmee und die Soldaten der 18. sowjetischen Schützen- 
division den Abschnitt des 48. Regiments und durchbrachen 
ihn innerhalb weniger Minuten. Das 1. Bataillon wurde ver- 
nichtet. Das 3. Bataillon vermochte anfangs noch zu wider- 
stehen, ein erbitterter, doch aussichtsloser Kampf ! Um 7.45 Uhr 
meldete Bataillonskommandeur Oberstleutnant Gyula Hor- 
vay, ein weiterer Kampf sei sinnlos. Er verlangte den Befehl 
zum Rückzug. Oberst Leszay schrieb stolz in seinen Front- 
bericht: «Den habe ich aufs entschiedenste verweigert.» Um 
9 Uhr, nach einem übermenschlichen Kampf, meldete Oberst- 
leutnant Horvay abermals, daß ein weiteres Blutvergießen 
unverantwortlich sei. Der Regimentskommandeur, der es vor- 

88 



zog, nidit nach vorn zu seinen Truppen zu gehen, wußte auch 
jetzt nichts Besseres zu sagen als «nein». Hierauf wählte 
Oberstleutnant Horvay den in solchen Fällen üblichen Sol- 
datentod : Er gab das Kommando zum Sturmangriff, und um 
10 Uhr fiel er. Acht Monate später bekam der tote Oberst- 
leutnant als «Anerkennung» das Offizierskreuz des Ungari- 
schen Verdienstordens mit Kriegsband und Schwertern. Das 
48. Regiment aber war gänzlich vernichtet worden! 

Am nächsten Morgen zählte Oberst Leszay die überleben- 
den: Es waren zweihundert Mann. Das Regiment, das ja hatte 
heimkehren sollen, hatte nur geringen Widerstand geleistet. 
«Leutnant Zanyi, der an der Südseite des Dorfes in Verteidi- 
gungsstellung lag, meldete mir weinend, daß ihm seine Leute 
davongelaufen seien und er seine Stellung nicht halten 
könne», teilte Oberst Läszay achselzuckend dem Divisions- 
kommandeur mit. 

Etwas erfolgreicher verteidigte sich das andere Regiment 
der Division, das 18. Infanterieregiment aus Szekszärd unter 
dem Kommando von Oberst vitez Ar päd Matläry, das nörd- 
lich vom 48. Regiment lag. Während der einstündigen Artil- 
lerievorbereitung registrierte der Kommandeur des 2. Batail- 
lons, Hauptmann Istvän Hegedüs, die Einschläge auf das von 
seiner Einheit gehaltene Gebiet: Etwa zehn Salvengeschütze, 
vier mittlere Batterien und zahlreiche Minenwerfer beschos- 
sen seine Stellung. 

Die erste Welle erreichte das 18. Regiment um 7.45 Uhr. 
«Dieser Angriff geriet im Abwehrfeuer unserer Waffen ins 
Stocken . . . Anschließend erschienen die Panzer und nahmen 
unsere schweren Waffen unter Beschuß.» Gegen 10 Uhr stan- 
den schon 17 Panzer über den Laufgräben des 2. Bataillons. 
Die Verteidiger konnten sich nidit mehr rühren. 

Unterdessen versammelte sich das 3. Bataillon des 18. Re- 
giments hinter den Häusergruppen des Dorfes Michajlowsky. 
Major Elemer Danos — wir zitieren wiederum nur die Tat- 
sachen — ging, obwohl die russische Artillerie das Dorf bereits 
mit Feuer belegte, «... mitten auf die Straße, hielt eine kurze, 
ernste, ermutigende Rede vor dem Kampf und führte dann 


89 



seine Soldaten zum Angriff. Er wurde am Oberschenkel und 
am rechten Unterarm verwundet; trotzdem ging er weiter vor 
mit seiner Einheit, um das bedrängte 2. Bataillon herauszu- 
hauen.» Der Gegenangriff gelang, es konnten 400 Mann ge- 
fangengenommen werden, die der Major nach hinten führen 
ließ. Er selbst blieb nun verwundet liegen. Später erfuhr er, 
daß die Deutschen — wahrscheinlich die Soldaten der 168. 
deutschen Division des Cramer-Korps, das hinter den Ungarn 
stationiert war — die Gefangenen mit Maschinengewehren 
niedergemetzelt hatten. 

Einer seiner Kompaniechefs, Oberleutnant Jözsef Sari, 
setzte den Gegenangriff fort. Das 2. Bataillon wurde freige- 
kämpft und konnte gegen Mittag den Rückzug beginnen. 
Oberleutnant Sari jedoch fiel verletzt in Gefangenschaft. Als 
seine Soldaten das sahen, setzten sie zum Sturm an und be- 
freiten ihren Kommandeur. So behauptete das 18.1nfanterie- 
regiment in erbitterten Kämpfen bis 16 Uhr die Stellung; 
dann bekam es den Befehl zum Rückzug. 

«Wir verteidigten uns bis zum letzten Augenblick und ha- 
ben uns auf Befehl zurückgezogen», stellte Kompaniechef 
Oberleutnant Bela Päsztor zufrieden fest. Dieser Offizier — 
wir wollen uns seinen Namen merken — sann viel über die 
eigenartige «Freundschaft» der deutschen Verbündeten nach. 

All dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß die 12. Di- 
vision bis zum Abend des 14. Januar 1943 vernichtet wurde. 
Generalmajor vitez Uläszlo Solymossy schrieb resigniert: 
«. . . in den frühen Nachmittagsstunden war die Frontlinie der 
12. leichten Division schon in voller Breite aufgelöst . . . Un- 
sere Artillerie war vollständig zerstört ; eine Reserve, die den 
Feind länger als eine Viertelstunde hätte aufhalten können, 
stand uns nicht mehr zur Verfügung. In dieser Situation frag- 
te ich telefonisch beim Armeekorpskommando an, ob es unter 
diesen Umständen die Aufrechterhaltung des Gefechtsstandes 
des Divisionskommandeurs wünsche; dann nämlich würde 
die Divisionskommandantur spätestens in ein bis zwei Stun- 
den entweder zugrunde gehen oder in Gefangenschaft geraten, 
ohne die Lage auch nur im geringsten beeinflussen zu können. 


90 



Der Herr Armeekorpskommandeur — Generalmajor Jänos 
Legeza — entschied sich sogleich zur Rücknahme des Divi- 
sionsstabs und stimmte zu, daß ich meinen Gefechtsstand von 
Petrowskaja nach Krutjec verlege.» Die Abfassung dieser 
schrecklich umständlichen Sätze dauerte vermutlich länger 
als der Rückzug selbst. Generalmajor Solymossy entfernte 
sich jedenfalls innerhalb weniger Minuten, und «in der ent- 
standenen Panik riß uns eine irrsinnig gewordene Menge 
mit . . . Erst nach einem Rennen über zwei Kilometer kamen 
wir wieder zu Atem.» Der Kommandeur der 12. Division 
rannte also davon, was das Zeug hielt, genau wie seine Sol- 
daten, denen es gerade noch gelungen war, sieb vom Feinde 
abzusetzen; mit dem Unterschied freilich, daß diese Soldaten 
der vergeblichen Hoffnung auf Heimkehr nachrannten, wäh- 
rend General Solymossy gerade erst von dort gekommen 
war. Um 19 Uhr erreichte Solymossy das Dorf Krutjec. Hier 
fand er Deutsche vor. Aber er jagte auch von hier weiter, und 
es begann eine Schwejksche Irrfahrt : Er tauchte immer gerade 
dort auf, wo augenblicklich Ruhe herrschte . . . 

Bis zum Abend des 14. Januar waren an zwei Einbruchs- 
stellen drei ungarische Divisionen vernichtet worden: die 
12., die 7. und die 20., das heißt ein Drittel der 2. Armee. 
Die Reserve, das beinahe schon als Phantom anmutende Cra- 
mer-Corps, rührte sich immer noch nicht. Aber der Armee 
verblieben ja noch sechs Divisionen. Diese waren verläufig 
unangetastet geblieben, ja oben im Norden, bei der 9. Divi- 
sion, ahnte man nicht einmal, was inzwischen geschehen war. 

Doch das war nur die augenblickliche Lage. Den linken 
Nachbarn der aufgeriebenen 20. Division, die 6. Division, be- 
drängten am Donnerstag die von der Seite her angreifenden 
sowjetischen Kräfte nämlich schon so sehr, daß der Gefechts- 
stand der Division im Dorf Oskino bis zum Abend eingekes- 
selt war. Dadurch drohte dem gesamten III. Armeekorps Ge- 
fahr. Dieses Korps wurde bis zum Donnerstagabend von der 
ungarischen Armee getrennt : Zwischen dem IV. Korps, dem 
VII. Korps, dem gemeinsamen Block des Armeeoberkomman- 
dos und dem III. Armeekorps entstand eine sich immer mehr 


91 



ausweitende Kluft, und dieser Raum wurde von den sowjeti- 
schen Einheiten der Woronesher Front beherrscht. 

Am einfachsten ist es, wenn wir auf unserer Karte von der 
Stadt Gheorghiu-Dej aus eine gerade Linie ziehen bis zu der 
von ihr westlich am Ufer des Flusses Oskol gelegenen Stadt 
Tschernyanka: Nördlich von dieser Scheide lag damals das 
III. Armeekorps, südlich davon die übriggebliebenen Teile 
der 2. Armee mit dem Brückenkopf bei Stschutschje und der 
dort immer mehr Boden gewinnenden sowjetischen Panzer- 
armee. 

Was konntejn dieser Situation der Armeebefehlshaber tun? 
Er forderte erneut das Cramer-Korps an, und schließlich be- 
kam er es auch: Am 14. Januar 1943 abends teilte die Heeres? 
gruppe B Jäny mit, daß der Führer dem Einsatz des Reserve- 
korps zugestimmt habe. Aber was nützte das jetzt noch! Die 
Genehmigung hatte keinerlei praktischen Nutzen mehr, lag 
doch das Cramer-Korps hinter der 12. Division, die beim 
Einbruch bei Stschutschje gerade an diesem Tag aufgerieben 
worden war. Das heißt also, das Sonderkorps mußte nun 
kämpfen, ob es wollte oder nicht. Dies geschah nicht auf Wei- 
sung Janys, die Rote Armee zwang vielmehr dazu. 

Demnach blieb dem Generalobersten Jäny an diesem Tage 
nur der Erlaß eines einzigen Befehls, nämlich, daß sich die 
aus ihren Stellungen geworfenen Truppen in die Dörfer zu- 
rückziehen sollten. «Jede andere Lösung führt zu Massener- 
frierungen.» Diese Anordnung läßt einen wichtigen Entschluß 
erahnen: Der Befehlshaber der Armee hatte möglicherweise 
beschlossen, den Rest, seiner Truppen zurückzuziehen und 
neu zu ordnen. Er hielt es für aussichtslos, die erschöpften 
Truppen weiter zum Kampf zu zwingen. Es ist jedoch nicht si- 
cher, ob Baron Weichs die gleiche Meinung vertrat. Das Tage- 
buch des Oberkommandos der Wehrmacht, in dem die unga- 
rische Armee an diesem Tag das erste Mal Erwähnung 
fand, widmete diesem Thema ganze zwei Sätze. Daraus ist zu 
schließen, daß Feldmarschall Keitel der Angelegenheit vor- 
läufig keine besondere Bedeutung beigemessen hat: «Bei der 
ungarischen Armee hat der Feind die Einbruchsstelle ausge- 


92 



weitet. Die Gegenmaßnahmen sind gescheitert, und demzu- 
folge konnte der Feind von Storoshewoje in westlicher Rich- 
tung 20 Kilometer Vordringen.» 

Nur die ungarische Presse zu Hause war da optimistischer: 
"Die ungarischen Truppen haben den am Don entlang an- 
greifenden Feind zurückgeschlagen und ihm schwere Verluste 
zugefügt», konnte man auf der Titelseite der «Pcsti Hirlap» 
(Pester Nachrichten) vom 13. Januar 1943 lesen. Die Don- 
nerstagausgabe vom 15. Januar aber teilte zufrieden mit, daß 
«südlich von Woronesh die sowjetischen Angriffe gegen die 
ungarischen und deutschen Stellungen zusammengebrochen 
sind». Es war demnach alles in Ordnung. Die zur Arbeit ei- 
lenden Abonnenten der Zeitung konnten also beruhigt weiter- 
blältern und sich gar bald in die wirkliche Budapester Sen- 
sation des Januar 1943 vertiefen: Am Abend des 14. Januar 
hatte in dem Budapester Vorort Köbänya ein unbekannt ge- 
bliebener Mann — man wußte nur, daß er eine Pelzmütze und 
eine Joppe trug — eine abenteuerlich lebende, trunksüchtige 
Tänzerin ermordet; ihr zerstückelter Körper wurde von den 
dort exerzierenden Soldaten unter dem Schnee gefunden. 
Endlich etwas Erregendes: Ob sie den Mörder wohl finden 
werden? 


93 



Der General 


■* Herr Generaloberst Jäny mögen nun frei disponieren, denn 
hier geht es um das Schicksal der ungarischen Armee.» — 
Generalmajor von Witzleben, deutscher Verbindungsoffizier 
im Stab der 2. ungarischen Armee, 15. Januar 1943 

Am 15. Januar 1943 um 9.20 Uhr rief Armeekommandeur 
Gusztäv Jany seinen militärischen Vorgesetzten, General- 
oberst Maximilian Freiherr von Weichs, Kommandeur der 
Heeresgruppe B, an. Das etwa zwanzig Minuten dauernde 
Gespräch entschied über das weitere Schicksal der 2. unga- 
rischen Armee. 

Der ungarische General hatte eine schwere Nacht, bevor er 
zum Hörer des Feldtelefons griff. 

Innerhalb von drei Tagen, Dienstag, Mittwoch und Don- 
nerstag, hatten zwei Armeen und ein Korps der sowjetischen 
Woronesher Front die improvisierten ungarischen Verteidi- 
gungsstellungen entlang des Don an zwei Stellen durchbro- 
chen, ein Drittel der Truppen aufgerieben, die 2. Armee in 
eine nördliche und eine südliche Gruppe gespalten und waren 
nun bestrebt, durch umfassende Bewegungen die noch am Ufer 
des Don stehenden Divisionen einzukesseln. Die Panzerspit- 
zen der Roten Armee näherten sich bereits dem Stabsquartier 
des Armeebefehlshabers. Eine Reserve gab es nicht. Und 
wenn auch eine vorhanden gewesen wäre: Die Panzer der 
1. ungarischen Panzerdivision waren bei dem hohen Schnee 
und in einer solchen Kälte bewegungsunfähig. Die Flieger- 
brigade konnte ebenfalls wegen der Kälte keine Luftunter- 
stützung geben, sie war auch ohnehin nicht dazu geeignet, an- 


94 



greifende Infanterie wirksam aufzuhalten. Die Soldaten wa- 
ren erschöpft, ihre Waffen, die Munition und die Verpflegung 
gingen zur Neige. Vergebens standen fünf bis sechs Divisio- 
nen am Don und verteidigten sich voller Mut und Todesver- 
achtung: Den Ausgang der Schlacht konnten sie nicht mehr 
entscheiden. Deshalb mahnte der gesunde Menschenverstand 
zur Rücknahme der Truppen. Wir zitieren aus dem Tagebuch 
des Armeekommandos: 

«Im Verlauf des Tages würde es offenbar, daß : 

a) zur Wiederherstellung der ursprünglichen Frontlinie kei- 
ne Hoffnung besteht; 

b) man in der gegebenen Situation nicht standhalten kann 
(Erschöpfung der Truppen, außergewöhnliche Kälte) ; 

c) ein planmäßiger Rückzug kaum noch möglich sein wird ; 

d) auch im Falle einer Einkesselung nicht zu erwarten ist, 
daß wir längere Zeit standhalten können, denn dazu sind wir 
materiell nicht gerüstet.» 

Was war also zu tun? 

«Wir müssen dem feindlichen Druck nachgeben und be- 
strebt sein, uns vom Feind abzusetzen.» 

Einsichtsvolle Worte, und das um so mehr, als an diesem 
Tag, am Morgen des 15. Januar, Generaloberst von Weichs 
das III. Armeekorps aus dem Kommando Jänys herausnahm 
und der 2. deutschen Armee unterstellte. Damit war Jänys 
Heer auf zwei Armeekorps zusammengeschmolzen. Ein Drit- 
tel der 2. ungarischen Armee war dem deutschen Kommando 
ausgeliefert. Das weitere Schicksal des III. Armeekorps blieb 
Gusztäv Jäny und seinem Stab lange Zeit hindurch unbe- 
kannt. 

Man hatte also zu entscheiden, was mit den noch verbliebe- 
nen 120 000 bis 150 000 Mann geschehen sollte. Jäny mußte 
wissen, daß er vor der ungarischen Nation und der ungari- 
schen Geschichte für diese Menschen verantwortlich war. 
Vom militärisch-fachlichen Standpunkt aus betrachtet, mochte 
er ein reines Gewissen haben: Er hatte den Angriff erwartet, 
die Behebung der Mängel verlangt, auf die Ablösung der 
Truppen gedrängt, die Kampfsituation richtig eingeschätzt, 


95 



beizeiten den Einsatz der Reserve gefordert. Es lag nicht an 
ihm, daß er diese Reserve nicht bekommen hatte. Zweifellos 
war die Verteidigungsaufstellung der Armee und überhaupt 
der Gedanke an eine Flußverteidigung entlang eines 50 bis 
60 Meter breiten Stroms mit zahlreichen Furten falsch ge- 
wesen. Trotz besseren Wissens hatte Jäny sich der Konzep- 
tion des deutschen Oberkommandos gefügt. Jetzt hätte er 
noch mehrere Möglichkeiten gehabt. Für Berufssoldaten be- 
deutet Verteidigung niemals oder nur selten den hartnäckigen 
Verbleib in der einmal eingenommenen Stellung, den um je- 
den Zentimeter Boden ringenden Kampf. Eine auf dem ste- 
tigen Wechsel des Kampfgeländes basierende elastische Ver- 
teidigung kann durchaus erfolgreich sein; die bravouröse 
sowjetische Verteidigung Moskaus gab hierfür ein glänzendes 
Beispiel. Wie wir schon erwähnten, wurde diese von der un- 
garischen Felddienstordnung geradezu empfohlene Kampf- 
methode durch die Weisungen des Führerbefehls und des un- 
garischen Oberkommandos verboten. «Es gibt kein Zurück, 
nur ein Vorwärts!»- 

Jäny war aber gelegentlich schon zurückgewichen, hatte 
mehreren Einheiten selbst den Rückzugsbefehl gegeben. Viel- 
leicht kannte er die Ansicht des Generalobersten Szombathe- 
lyi, seines ungarischen Vorgesetzten, daß nämlich die Deut- 
schen zu dieser Zeit den Krieg schon verloren hätten und wir 
Ungarn dementsprechend vorsichtig lavieren müßten. Zur 
entscheidenden Rettungstat waren Jäny aber die Hände ge- 
bunden durch den vom ungarischen Oberkommando zynisch 
weitergeleiteten Führerbefehl. Da es ihm an dem Mut zu eige- 
nem selbständigem Handeln mangelte, blieb ihm nichts ande- 
res übrig, als sich an Baron Weichs zu wenden. Das war um 
so wichtiger, als die Unterstellung des III. Korps unter das 
Kommando der 2. deutschen Armee die drohende Gefahr 
heraufbeschwor, daß man im Falle weiterer Niederlagen dem 
ungarischen Kommandeur die Befehlsgewalt über seine eige- 
ne Armee entziehen "würde. Schon aus Gründen der Eitelkeit 
konnte Jäny das nicht genehm sein. Natürlich können wir 
fragen; Warum hätte Jäny um ein Heer kämpfen sollen, das 


96 



von vornherein bewußt zum Untergang verurteilt worden 
war? Wenn dieser ungarische General auch keine humanen 
Erwägungen angestellt haben mag, so mußte ihm doch eines 
bewußt sein: Man hatte ihm diese Armee an vertraut, und mit 
ihr verband sich sein eigenes Schicksal. Wahrscheinlich sah 
er auch, daß die Niederlage seiner Armee keine isolierte Er- 
scheinung war; das Schicksal Stalingrads war besiegelt, den 
Nachbarn rechter Hand, die italienische Armee, hatte man 
vernichtend geschlagen; die sowjetische Heeresführung ver- 
fügte über unerschöpflich scheinende Reserven. Starke Kräfte 
würden erfolgreich Vordringen, vielleicht bis Kursk, vielleicht 
bis Charkow. Es unterlag keinem Zweifel, daß 1943 das Jahr 
weiterer sowjetischer Siege werden würde. Welche politischen 
Folgen dies haben konnte, war nicht Jänys Sache. Wo, wie, 
unter welchen Bedingungen und mit wessen Sieg der Krieg 
endete, war im Augenblick unwichtig. 

Jäny, als unerschütterlicher Bejaher der militärpolitischen 
Prinzipien Horthys, stand am Don, um der ungarischen Re- 
gierung — erkauft durch das Blutopfer der 2. Armee — im 
Falle eines zukünftigen Sieges einen Anteil an der Beute zu 
sichern. Wichtig ist es auch, uns vor Augen zu halten, daß 
Jäny Berufssoldat war, der Krieg galt ihm als Lebenselement. 
Für ihn war die Führung einer Armee eine fachlich interes- 
sante Aufgabe; und Kampferfahrungen hatten seiner Ansicht 
nach für die Weiterentwicklung der königlichen Armee einen 
unschätzbaren Wert. 

Im Augenblick jedoch war es gerade um die militärisch- 
fuchliche Seite seines Ehrgeizes recht schlecht bestellt: Es 
gab keine Aufgaben mehr. Die Mission der 2. ungarischen 
Armee war beendet. Sie hatte eine Niederlage erlitten und 
mußte den Kampf aufgeben. Ein Berufssoldat darf — obwohl, 
wie wir schon sagten, sein Element der Krieg ist — nicht Be- 
jaher unnötigen Blutvergießens sein. Die «Berufsehre» ver- 
langt von einem guten Heerführer, daß er erkennt, wann er 
einen Feldzug beenden muß und ob der Augenblick gekom- 
men ist, in dem ein Weiterkämpfen Dilettantismus bedeutet. 

Aber so einfach mit seiner Armee nach Hause gehen konnte 


7 Nemcskürty, Untergang 


97 



er auch nicht. Er mußte sich für neue Aufgaben bereit halten. 
Jäny wußte jedoch nicht einmal, was nach den Überlegungen 
höherer Kommandostellen die Aufgabe seiner Armee sein 
sollte. Wo lag, nachdem die Linie am Don bereits durchbro- 
chen war, sein nächster Verteidigungsabschnitt? Er wußte es 
nicht. Wozu sollte er dann unnötig ungarisches Blut vergie- 
ßen? Was war zu tun? 

Jetzt rächte sich jener eigenartige Umstand, daß die unga- 
rische Armee keine unmittelbare Verbindung zum zuständigen 
Oberkommando hatte, daß es im deutschen Hauptquartier 
keinen ungarischen Verbindungsstab gab, daß man dessen 
Aufgabe dem ungarischen Militärattache in Berlin übertragen 
hatte. 

Jänys unmittelbarer Vorgesetzter war bekanntlich der Be- 
fehlshaber der Heeresgruppe B, ein deutscher General, der 
die Ungarn ohnehin nicht gut leiden konnte. Warum sollte 
sich dieser Kommandeur jetzt mit den Ungarn abgeben, da 
der Führer wegen Stalingrad tobte und das ganze Oberkom- 
mando sich über die Niederlagen des Generals Erwin Rommel 
in Tunesien ärgerte? Mochten die Ungarn nur bleiben, wo sie 
gerade waren. Auch wenn ihre Bewaffnung schlecht war, so 
bremste doch ihre bloße Anwesenheit den Schwung des so- 
wjetischen Vormarsches und gewährte etwas Zeit zur Vorbe- 
reitung einer neuen Verteidigungslinie. 

Der ungarische General rief also seinen Vorgesetzten an. 
Er bemühte sich, eindringlich zu sprechen und überzeugend 
zu argumentieren. Zunächst meldete er, daß der Durchbruch 
bei Stschutschje und die Verzögerung des Einsatzes der Re- 
serve die 2. ungarische Armee in eine kritische Lage gebracht 
hätten. «Es wird kaum noch möglich sein, die Einbruchsstelle 
abzuriegeln . . . , und auch der Gegenangriff kann keinen ent- 
scheidenden Erfolg bringen.» Gemeint ist der Einsatz des Cra- 
mer-Korps. 

Dann beklagte er sich über die mangelnde Information; 
denn Weichs hatte es nicht für nötig gehalten, ihn über den 
Stand der gesamten Frontlinie regelmäßig zu unterrichten. 
Bei genauer Kenntnis der Lage hätte er eventuell andere 

_2S 


Entscheidungen treffen können. Jany konnte freilich nicht 
wissen, daß ihn Weichs nicht informieren durfte, weil ein 
Führerbefehl dies ausdrücklich untersagte. Am 19. Juni 1942 
hatte nämlich die sowjetische Luftabwehr die Maschine des 
Majors Reichel, des Chefs der Operationsabteilung der 23. deut- 
schen Panzerdivision, abgeschossen. Auf diese Weise waren 
der sowjetischen Abwehr die Pläne für die Angriffsoperation 
der Deutschen für den Sommer 1942 mitsamt den Durch- 
führungsbestimmungen, Landkarten und Bef ehlen in die Hän- 
de gefallen. Informationsspähtrupps fanden zwar die Leichen 
des Majors und des Piloten, jedoch nicht die Akten. Hitler 
lobte: Er ließ den Kommandierenden General der Panzer- 
truppe und dessen Stabschef — beide traf keine Schuld an die- 
sem Vorfall — vor ein Militärgericht stellen und verurteilen. 
Dann ordnete er an, daß in Zukunft kein einziger Kommandeur 
mehr über die Aufgaben der ibm benachbarten Einheiten in- 
formiert werden durfte. Hierzu die Meinung des Obersten Wil- 
helm Adam: «Dieser Befehl mußte so stur gehandhabt werden, 
daß er eine koordinierte Kampfführung sehr erschwerte . . .» 

Schließlich kam Jany auf sein Hauptanliegen zu sprechen: 
Ein weiteres Durchhalten habe keinen Sinn, die Truppen 
müßten zurückgezogen werden. Jany befürchtete nämlich, 
man würde ihm — getrennt von den eigenen Truppen — die 
Befehlsgewalt entziehen, und das um so mehr, da ihm — wie 
es scheint — das Cramer-Korps auch weiterhin nicht gehorch- 
te. Es handelte nach eigenem Ermessen. Als Jany dies Weichs 
mitteilte, berief sich dieser wieder auf das Führer-Hauptquar- 
tier. «Die Zusage brauche ich dringend, damit der rechte Flü- 
gel meiner Armee gedeckt ist», äußerte Jany. 

Weichs’ genaue Antwort kennen wir nicht, wahrscheinlich 
fing er an zu drohen; er wollte von einem Rückzug überhaupt 
nichts hören. Er hat wohl den ungarischen General geradezu 
erpreßt; denn am Ende des Gesprächs sagte dieser kurz und 
bündig: «Wenn wir sterben müssen, dann sterben wir eben.» 
Aber er selbst werde auch auf seinem Platz bleiben und sich 
nicht zurückziehen. Das mag wiederum ein geschickter Er- 
pressungsversuch Jänys gegenüber Weichs gewesen sein; denn 

99 



das deutsche Hauptquartier hätte sich durchaus nicht darüber 
gefreut, wenn ein ungarischer General eventuell lebend in 
sowjetische Gefangenschaft geraten wäre und dort wer weiß 
was über seine deutschen Verbündeten ausgesagt hätte. Jäny 
erklärte schließlich, daß er nun keinen Schritt aus Alexejewka 
tun werde. Daraufhin sagte Generaloberst von Weichs kurz: 
«Ich befehle Ihnen, Ihren Gefechtsstand nach Nowy Oskol zu 
verlegen, 60 Kilometer westlich von Alexejewka.»- Jäny ant- 
wortete, er werde sich das noch überlegen. 

So endete das Telefongespräch. Die Entscheidung über die 
Zurücknahme der 2. ungarischen Armee blieb in der Schwebe. 
Jäny hatte im Grunde bei seinem Vorgesetzten gar nichts er- 
reicht. Womit mag wohl Generaloberst von Weichs Gusztäv 
Jäny erpreßt haben? Wahrscheinlich mit der Drohung, die 
ungarische Armee für den ohnehin eintretenden allgemeinen 
Rückzug verantwortlich zu machen. 

Weichs wußte natürlich genau, daß ein Standhalten bis zum 
letzten Mann sinnlos war. Deshalb brachte er diese Meinung 
möglicherweise durch seinen Verbindungsgeneral dem unga- 
rischen Armeebefehlshaber zur Kenntnis, oder Generalmajor 
von Witzleben riet Jäny aus eigener Initiative, er möge doch 
als souveräner ungarischer Führer unabhängig von Weichs 
entscheiden. 

Denn kaum hatte Jäny den Hörer aufgelegt, da meldete 
sich auch schon von Witzleben und drängte um 9.45 Uhr tele- 
fonisch, dann um 12 Uhr in einer persönlichen Begegnung. 
Jäny möge mit seinem Stab «vorläufig nach Budjonny»- und 
später nach Nowy Oskol übersiedeln. Jäny blieb unbeugsam. 
Er beschloß, sich einkesseln zu lassen. Daraufhin bat Witz- 
leben um ein längeres Gespräch, das zwischen 12.10 Uhr und 
12.50 Uhr stattfand. 

Wir wollen jetzt nicht darüber nachsinnen, ob Witzleben 
seine Vorschläge auf Befehl der Heeresgruppe B oder aus 
eigenem Antrieb Jäny unterbreitet hat. Wesentlich ist: Ein 
deutscher General, dessen Bruder ein Jahr und fünf Monate 
später, an einem Eisenhaken hängend, sterben mußte, weil er 
sich an die Spitze einer militärischen Verschwörung gegen 


100 



Hitler stellte, bot Jäny jene Argumente, die es ihm ermög- 
lichten, seine Armee zurückzuziehen. Entscheidend war fol- 
gender Hinweis: -«Ich schlage vor, der Herr Armeekomman- 
deur möge selbst darüber entscheiden, als souveräner unga- 
rischer Führer, ohne die Ansicht der Heeresgruppe B zu 
erfragen.»- , 

Der Armee-Generalstabschef Generalmajor vitez Gyula 
Koväcs, Teilnehmer dieses Gesprächs, wandte dagegen ein: 
«Ich kann das nicht empfehlen, dann wären nämlich wir 
die Sündenböcke für die Rücknahme des rechten Flügels an 
der Ostfront. Darüber würde die deutsche Presse sogar noch 
nach hundert Jahren schreiben.» 

Worauf Witzleben wiederholte, was er schon gesagt hatte: 
«Ich schlage nochmals vor, daß Herr Generaloberst Jäny 
nunmehr frei entscheide; denn hier geht es um das Schicksal 
der ungarischen Armee.» 

Das war es, was Jäny hätte tun müssen, und das sagen wir 
auch aus heutiger Sicht. Diesen Rat gab aber damals schon 
ein deutscher General einem ungarischen General. 

Vergegenwärtigen wir uns in ihrem ganzen Ausmaß die vor 
dem ungarischen Befehlshaber stehende Entscheidung. 

Der erste Schritt— das Telefongespräch mit Baron Weichs — 
war mißlungen. Das einzige, was Jäny erfahren konnte, war: 
Er selbst, in seiner Person als Kommandeur, dürfe sich zu- 
rückziehen. Spätestens jetzt hätte Jäny dahinterkommen, zu- 
mindest den Verdacht schöpfen müssen, daß man seine Trup- 
pen und ihn selbst tatsächlich ?um Sündenbock machen wer- 
de, aber nicht, weil er den Rückzug forderte, sondern weil 
sein Heer — nach deutscher Darstellung — feige davonge- 
laufen sei. Das war aber noch nicht alles. Es schien immer 
offensichtlicher, daß die Wehrmachtsführung diese schlecht be- 
waffneten Ungarn als Damm zur Deckung des eigenen Rück- 
zugs verwenden wollten, und dieser konnte jeden Augenblick 
beginnen. 

Durch das Telefongespräch mit Generaloberst von Weichs 
war Jäny also der moralischen Pflicht enthoben, weiterhin 
auf die Anordnungen der Heeresgruppe B zu warten. Nun 


101 



hätte er sich beim ungarischen Oberkommando melden und 
von dort Weisungen empfangen können. 

Jetzt ergab sich aber noch eine weitere Möglichkeit: Ein 
deutscher General hatte neue Gedanken formuliert und ihn 
angespornt, nach eigenem Ermessen zu handeln: «Hier geht 
es um das Schicksal der ungarischen Armee.» 

Wenn jemals, dann hatte jetzt die Stunde der Entscheidung 
geschlagen. In diesem Augenblick boten sich Schritte von weit- 
tragender Bedeutung an. Jäny hätte seine Armee zurück- 
ziehen, sich in Gefangenschaft begeben oder — wenn dies sei- 
ner Persönlichkeit mehr entsprach — in Ehren fallen können, 
um die Entscheidung durch seinen Soldatentod auf andere ab- 
zuwälzen. 

Doch hier müssen wir einhalten : Erwarten wir nicht zuviel 
von diesem General. Gusztäv Jäny war 1943 sechzig Jahre 
alt und seit 1905 Berufssoldat. Nach der Ludovika-Akademie 
in Budapest hatte er in der Monarchie auch die Kriegsakade- 
mie in Wien absolviert. Im ersten Weltkrieg diente er bereits 
beim Generalstab. Er war ein verknöcherter, reaktionärer, 
alter Soldat. Äußerlich hatte er sich sehr gut gehalten. Doch 
ein solcher Mensch kann, wie man zu sagen pflegt, nicht über 
seinen eigenen Schatten springen. Er forderte unbedingte 
Disziplin für sich und anderen gegenüber. Uber den Kreis 
unmittelbarer militärischer Aufgaben hinaus existierte für ihn 
kaum etwas in der Welt. Vielleicht schied schon deshalb jeg- 
liche «rebellische» Lösung aus. Das, was ihm der Dienstweg 
zuließ oder vorschrieb, hatte er getan: Er hatte gemeldet, ge- 
mahnt, verlangt, gefordert; er hatte sich schließlich mit dem 
deutschen Generalstab verfeindet, und zwar so, daß Hitler bei 
Horthy seine Ablösung verlangte. Was konnte er nun noch 
tun? 

Aber wir wollen nicht aus heutiger Sicht weise über die 
Vergangenheit urteilen. Betrachten wir einmal Jänys Zeitge- 
nossen: Was haben diese unter ähnlichen Umständen getan? 

Generalmajor Graf Marcell Stomm, Kommandeur des sich 
selbst überlassenen III. Armeekorps, hat sein Korps aufgelöst 


102 



und einen Befehl des deutschen Generals, der weitere sinnlose 
ungarische Blutopfer forderte, verweigert. 

Janys Nachfolger, Generaloberst vitez Lajos Veress, der 
Kommandeur der neu formierten 2. Armee, wandte sich 1944 
während der Kämpfe in Siebenbürgen gegen die Deutschen. 
Sein eigener Stellvertreter zeigte ihn an, und die Pfeilkreuz- 
ler (die Pfeilkreuzlerbewegung war die faschistische Partei 
Ungarns; im Oktober 1944 gelangte sie durch bewaffnete 
Unterstützung der Hitlerfaschisten zur alleinigen Macht) nah- 
men ihn fest. 

Verteidigungsminister Generaloberst vitez VilmosNagy von 
Nagybaczon, der Janys Armee auch an der Front besucht 
hatte, widersetzte sich, so gut er konnte, den extremsten Be- 
strebungen und erreichte, daß keine neue Kampfeinheit mehr 
an die Front gelangte. Wenngleich vorsichtig, stellte er sich 
doch den Deutschen entgegen. Im Jahre 1944 wurde er ver- 
haftet und eingekerkert; obwohl nach wie vor ein überzeugter 
Anhänger des reaktionären politischen Systems, nahm er doch 
das Risiko, in ein Nazigefängnis geworfen zu werden, auf sich. 

Die Zahl jener ungarischen Generale, die 1945 aus deut- 
schen Konzentrationslagern befreit wurden, ist nicht gering. 
Generalleutnant Jänos Kiss und andere Helden des ungari- 
schen militärischen Widerstandes brauchen wir hier kaum zu 
erwähnen, denn sie standen seit Beginn des Krieges in Op- 
position und gehörten nicht zur Kriegsverbrecher-Generalität 
wie Jäny. Aber es schadet nicht, wenn wir uns ins Gedächtnis 
zurückrufen, daß der erste Ministerpräsident des befreiten 
Ungarns auch ein Armeekommandeur gewesen ist: General- 
oberst vitez Miklös Bela Dälnoki, der Kommandeur des I. Ar- 
meekorps. 

Gusztav Jäny hätte also einen ähnlichen Weg wählen kön- 
nen. Auch für die politische Führung Ungarns trifft das zu. 
Warum handelte der Reichsverweser Miklös Horthy nicht 
ebenso wie das faschistische Staatsoberhaupt Rumäniens? Als 
die schwere Niederlage der rumänischen Truppen im Januar 
1943 sich abzeichnete, begab sich General Antonescu wegen 
des von der deutschen Heeresführung angeordneten übertrie- 


103 



benen Einsatzes seiner Soldaten persönlich ins Hauptquartier 
Hitlers und schlug dort einen solchen Krach, daß man es ver- 
mied, seine Beschwerden und Einwände vollständig in das 
Tagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht einzutragen: 
«Er besteht darauf, die ganze Wahrheit zu erfahren, statt sich 
auf Grund falscher Bewertungen Illusionen hinzugeben", lesen 
wir in dem genannten Dokument unter dem 25. Januar 1943. 

Was sollte also Gusztäv Jäny tun? Letzten Endes hat er 
nämlich gar nichts getan. Er war nicht imstande, eine weit- 
reichende Entscheidung zu treffen. Nach einigen Stunden des 
Zauderns und nach ständigem ungeduldigem Drängen der 
Offiziere seiner Umgebung gab er den Befehl zur Übersied- 
lung nach Nowy Oskol. 

Dieser scheinbar bedeutungslose kleine Schritt bestimmte 
jede seiner weiteren Handlungen. Er vergrößerte seine Schuld 
— die Aufopferung Zehntausender von Menschen — immer 
mehr. Er gehorchte dem Generaloberst von Weichs und löste 
sich moralisch endgültig von seinen Truppen. Die ausgemer- 
gelten, waffenlosen, fast erfrorenen Soldaten würden nun zu- 
nehmend schlechter kämpfen, der Rückzug würde sich in eine 
Flucht verwandeln, die Auflösung immer schneller und unauf- 
haltsamer vonstatten gehen. Gusztäv Jäny aber hockte be- 
leidigt und mißgelaunt in seinem Stabsquartier in Nowy Oskol, 
praktisch jeder Kompetenz beraubt. 


104 



Das Prinzip 

des elastischen Zusammenstoßes 


«Ich habe den Eindruck, . . . daß es die Aufgabe unserer Ar- 
mee ist, die deutschen Einheiten abzusichern. Wenn wir keine 
Waffen haben, dann soll eben die lebende Masse als geschwin- 
digkeitshemmender Prellbock fungieren.» — Generaloberst 
vit6z Gusztäv Jäny, Armeebefehlshaber, 9. Februar 1943 

Lohnt es sich überhaupt, diese Chronik fortzusetzen? Was 
konnte damals noch geschehen, was noch auf diese Armee 
zukommen? 

Wenn wir zum ersten Kapitel zurückblättern, scheint doch 
alles sonnenklar: Man hatte die 2. Armee an die Front ge- 
schickt, damit die ungarische Regierung auf Grund der ein- 
kalkulierten großen Verluste den Deutschen Vergünstigungen 
abtrotzen könnte. Der Todeskampf hatte bereits begonnen; 
sollen wir den Untergang mit ansehen? 

Wir müssen es, bis zum bitteren Ende. 

Es wäre leichter und einfacher, schon jetzt zur Schlußfolge- 
rung zu gelangen: Der stürmische Angriff der Roten Armee 
hat die unzureichend befestigte Linie der schlecht.bewaffneten 
und ernährten Soldaten durchbrochen, und diese Soldaten 
hahen im Aufflammen ihres Lebenswillens zwei Tage lang er- 
bittert gekämpft. Dann sind sie davongelaufen. Ihre «Auf- 
gabe» jedoch haben sie auch so erfüllt, denn der Kommandeur 
des IV. Armeekorps, Generalleutnant vitez Jozsef Heszlenyi, 
stellte bündig fest: «Ohne Reserve kann man nicht verteidi- 
gen, höchstens zeitweilig abwehren.» 

Bis zum endgültigen Resümee aber ist der Weg doch nicht 
so einfach. Diesen Menschen war ja noch eine Rolle zugedacht, 


105 



bevor sie sterben konnten. Sie hatten eine Aufgabe zu erfül- 
len und dabei Gegenstand eines «interessanten Experiments» 
zu sein: Kann eine lebendige Masse von Menschen in der 
modernen Kriegführung des zwanzigsten Jahrhunderts ein 
wesentliches Hindernis bilden? Kann der unbewaffnete Sol- 
dat die Geschwindigkeit der vordringenden Panzer verringern ? 
So viel können wir schon jetzt verraten : Das «Experiment» ist 
«glänzend» gelungen. Das Prinzip des elastischen Zusammen- 
stoßes fand seine Bestätigung : Eine ganze deutsche Heeres- 
gruppe konnte sich erfolgreich zurückziehen, ihre Waffen und 
ihre Ausrüstung retten, und zwar nur, weil die 2. ungarische 
Armee als lebendiger Prellbock zwischen ihr und dem sie ver- 
folgenden Feind, verblieb. Während das amtliche Deutschland 
die Katastrophe von Stalingrad betrauerte, feierte man in der 
Heeresgruppe B; denn am 2. Februar 1943 hatte Hitler den 
Baron Weichs als Belohnung zum Generalfeldmarschall be- 
fördert! i 

Jäny selbst ahnte noch nicht, daß wirklich nichts anderes 
als dies die Aufgabe seiner Armee war. Nach dem verlorenen 
Spiel am 15. Januar versuchte er — den klassischen Spiel- 
regeln entsprechend — sich als würdiger Feldherr zu erweisen: 
er flog am 16. an die Front, und zwar zum Cramer-Reserve- 
korps. Er wollte persönlich kontrollieren, ob seine zum 
Durchhalten verdammte Armee von der so schwer bekom- 
menen deutschen Reserve tatsächlich energisch geschützt 
würde. 

Diese Kontrolle war auch nötig, denn die Lage war kritisch. 
Die geschlagene 7. Division (IV. Armeekorps) befand sich in 
einem desolaten Zustand. Die Mannschaften schleppten sich 
auf der verschneiten Landstraße apathisch nach Nordwesten. 
Hier einige Aussagen der Offiziere: «Manche Soldaten blieben 
willenlos am Straßenrand liegen und erfroren dort.» — «Meine 
Leute waren völlig am Ende, wollten einfach nicht mehr wei- 
terlaufen, auch die Drohung, wegen Befehlsverweigerung er- 
schossen zu werden, machte ihnen nichts aus. ,Egal, wie wir 
kaputtgehen, raus kommen wir doch nicht mehr. 4 » Unter den 
Rückzüglern war auch Läszlo Säfäry, von dem nur wenige 


106 



seiner Kameraden wußten, daß er Offiziersanwärter sein könn- 
te; denn als Gymnasiallehrer stand ihm die Armlitze zu, und 
er hätte nicht einmal an die Front gemußt. Er aber rückte den- 
noch als einfacher Soldat ein. Und noch weniger war bekannt, 
daß Säfäry auch ein Dichter war, ein guter Dichter. Es ist so, 
als hätte er in seinen in den dreißiger Jahren erschienenen Ver- 
sen das eigene Schicksal erahnt: 

Bald wird vergebens Hilfe kommen, 

Auch die hungrigen Wölfe werden bald vergebens kommen. 
Und ein paar Bajonette klirren hier noch, 

Und trockener Husten antwortet darauf 
Halb unter den Feldern hervor. 

«Einige schnitten sich die angefrorenen Stiefel von den 
Füßen und wickelten diese — blutende Fleischklumpen — in 
Deckenstücke.» Solche und ähnliche Kriegsberichte liefen am 
16. Januar 1943 bei den höheren Kommandostellen ein. Vom 
IV. Armeekorps hielt am Donufer nur noch die 13. Division 
unter dem Kommando des Generalmajors vitez Läszlo Hol- 
lösy-Kuthy stand. Am 16. Januar um 9 Uhr erlebte sie den 
ersten sowjetischen Sturmangriff. Der Kommandeur des 7. Re- 
giments aus Kecskemet wurde verwundet, vier Bataillonskom- 
mandeure fielen. Nun war auch die 13. Division vom Unter- 
gang bedroht. Da ordnete der Armeekorpskommandeur den 
Rückzug an. Am nächsten Tag, dem 17. Januar, waren die 7. 
und 13. Division schon bis zum 15 Kilometer vom Donufer 
entfernt gelegenen Ostrogoshsk zurückgedrängt, jener Stadt, 
die als wichtige Eisenbahnzentrale ein Nahziel des sowjeti- 
schen Angriffs war. 

Beim VII. Armeeekorps sah es nicht viel besser aus. Von 
ihren drei Divisionen waren zwei zerschlagen, die Soldaten 
der bei Stschutschje angegriffenen 12. Division rannten Hals 
über Kopf zurück, im Wettlauf mit vit6z Uläszlö Solymossy, 
ihrem Divisionskommandeur. In dem Dorf Marki am Don- 
ufer versuchte der von uns schon oft erwähnte Oberst Loskay 
die der 12. Division benachbarte 19. Division in den Griff zu 


107 



bekommen. Nur im Bereich der am südlichsten gelegenen 
23. Division herrscht^ nodi Ruhe; doch auch von ihr wurde 
ein Teil der Truppen nach Stschutschje geschickt, um dort zu 
helfen. Der rechte Flügel aber schaute beunruhigt dem Rück- 
zug der benachbarten Italiener zu; denn folgendes hatte das 
VII. Armeekorps, das dem «Führer» auf einmal so wichtig ge- 
worden war, zu erwarten: «Die Stellungen der 23. und der 
19. Division müssen laut Entscheidung des Führers unter 
allen Umständen und bis zum letzten Mann gehalten werden», 
teilte die Heeresgruppe B am 16. Januar 1943 um 19.55 Uhr 
Jäny mit. Warum? Der rechte Flügel der 23. Division blieb 
zusehends ungedeckt ; ihr Kommandeur, Generalmajor Gyula 
Vargyassy, trüg resigniert in sein Tagebuch ein: «Ich habe 
den bestimmten Eindruck gewonnen, daß die Dienststellen 
der Wehrmacht uns nicht umfassend informiert und uns ihre 
Absichten nicht einmal andeutungsweise dargelegt haben. 
Meine Vermutung bestärkte sich, daß man die ungarischen 
Kräfte aufopfern will.» 

Worauf gründete sich dieser Eindruck Vargyassys? «Der 
Artilleriekommandant der Division meldete: Die mit dem 
51. Infanterieregiment in Verbindung stehende italienische 
Station teilt mit, daß sie sich ausschalten und zurückziehen 
werde.» — «Die Deutschen haben ohne vorherige Ankündi- 
gung die Eisenbahnlinie gesprengt, unsere Wachen sind dabei 
fast vernichtet worden. Das läßt offenbar auf Gebietsaufgabe 
schließen. Sonderbar ist jedoch, daß unsere Kommandantur 
überall das nicht informiert worden ist.» 

Außer dem abgeschnittenen III. Armeekorps, über dessen 
Schicksal Jäny noch gar nichts wußte, waren der 2. ungari- 
schen Armee insgesamt nur zwei einsetzbare Divisionen ge- 
blieben: die schon bei Ostrogoshsk stehende 13. und die 
unter böser Vorahnung noch standhaltende 23. Division. Jäuy 
flog, wie am 14. Januar zur 20. Division, jetzt an den meist- 
gefährdeten Abschnitt, zur 19. Division im Dorf Marki am 
Donufer. Hinter dieser Einheit lag sprungbereit und schon 
von sowjetischen Truppen bedroht das rätselhafte Cramer- 
Korps ; Jäny wollte es durch sein persönliches Auftreten zum 


108 



Einsatz bewegen. Doch er hatte wenig Erfolg. Der Komman- 
deur seiner eigenen Panzerdivision, Generalmajor vitez Fe- 
renc Horvath, der, wie wir wissen, dem Cramer-Armeekorps 
unterstellt war, teilte ihm bedauernd mit: General Cramer 
habe ihm nicht erlaubt, gemäß Jänys Befehl mit seinen Pan- 
zern in den Kampf einzugreifen, «. . . weil^auf diese Panzer- 
division noch eine schwere Aufgabe wartet»-. 

Danach flog Jäny zu einer deutschen Einheit des Cramer- 
Korps, zur 26. Division. «Von der gesamten Division war le- 
diglich ein Bataillon im Einsatz, und das auch nur mit halbem 
Herzen, die anderen — den Eindruck hatte ich — gruppierten 
sich schon zum Abzug.»- 

Unter der Einwirkung solcher Erlebnisse wäre sogar einem 
Kommandeur mit Schafsgeduld der bewußte Faden gerissen. 
Nun also geriet auch Jäny in Wut. «General Cramer handelte 
gegen meinen Befehl. Wie es schien, hatte er von der Heeres- 
gruppe B bereits eine Sonderanweisung.» 

Jetzt flog Jäny zum VII. Armeekorps hinüber. Er hatte be- 
schlossen, nicht mehr viel Federlesens zu machen, sondern 
seine ganze Armee zurückzuziehen, vor allem das vom Führer 
für so wichtig gehaltene VII. Korps. Was zuviel ist, ist zuviel. 
Vom Kommandeur des VII. Armeekorps, Generalmajor Jänos 
Lcgeza, erfuhr er von den Eindrücken der 23. Division: Das 
benachbarte italienische Korps zog sich zweifellos zurück. 
Und dazu hatte es, wie dies im Tagebuch des Armeekomman- 
dos fcstgehalten ist, von der Heeresgruppe B keine Genehmi- 
gung bekommen. 12.30 Uhr war es. Es konnte sich noch alles 
zum Guten wenden. Genug des sinnlosen Blutvergießens! 
V-(enn auch schon die Italiener . . . Jäny wies Generalmajor 
Legeza an, sich «geistig auf den Rückzug vorzubereiten»-, und 
die Soldaten der im offenen Schneegclände stationierten 
19. Division sollten sich für die Nacht ruhig in das Dorf zu- 
rückziehen, damit nicht alle erfroren. «Es sind doch in der 
vergangenen Nacht minus 42 Grad gewesen.» 

Zufrieden kehrte Gusztäv Jäny in sein Stabsquartier zu- 
rück. Bei dem peinlichen, erfolglosen Telefongespräch hatte 
Weichs den Generaloberst zwar zum Verstummen gebracht, 


109 



doch das gehörte schon der Vergangenheit an. Er durfte nun 
nicht länger zaudern, die Lage war ja sonnenklar. 

Aber kaum war er zu seinem Stab zurückgekehrt, regten 
sich die ersten Zweifel. Was für eine verhängnisvolle Un- 
schlüssigkeit! Sobald er sich im Kreise seiner Umgebung be- 
fand, geriet er ins Wanken. Gyula Koväcs, Elemer Kozär und 
wer weiß wie viele andere Stabsoffiziere unkten um ihn her- 
um, drohten ihm offen oder versteckt, machten ihn nervös. 
Sie brachten wieder die Sündenbocktheorie vor: «Wie es 
scheint, will man uns in einen Befehlsbruch hineinmanipulie- 
ren. Jetzt, da es durch die Schuld der Deutschen zu spät ist, 
einen geordneten Rückzug anzutreten, möchten sie den An- 
schein erwecken, sie hätten richtig geführt. Und dabei wären 
wir die Befehlsverletzer . . . Aber wir dürfen keine Befehlsver- 
weigerer sein, denn auf Befehl Seiner Durchlaucht des Herrn 
Reichsverwesers muß der Befehl des Führers auch in solchen 
Situationen durchgeführt werden.» 

Der schlaue Koväcs wußte genau, daß dies Jänys schwache 
Seite war. Er, Koväcs, hatte schon am Vormittag, als Jäny bei 
den Truppen weilte, mit dem Militärattache in Berlin ver- 
einbart, daß die ungarischen Truppen um jeden Preis durch- 
halten müßten: «Die Entscheidung liegt in den Händen des 
Führers . . . Ungeachtet der Aussichten müssen wir durch- 
halten. Diesem Befehl werden wir auch Genüge tun.» Für vi- 
tez Koväcs war die ungarische Armee nicht wichtig, er half be- 
reitwillig bei dem «interessanten Experiment», ob der elasti- 
sche Zusammenstoß in der modernen Kriegführung seine 
Berechtigung habe. Für vitez Koväcs war nur die eigene Kar- 
riere wichtig, die Anerkennung durch den Führer; genauso 
interessierte ihn nach 1945 in Amerika auch nur, ob ihm die 
Generale der USA zulächelten, ob sie ihn überhaupt bemerk- 
ten. 

Doch das alles verringert Jänys Verantwortung und seine 
unverzeihlichen Fehlleistungen nicht. Er war der Komman- 
deur, er mußte entscheiden. Es war bereits «fünf Minuten vor 
zwölf». Schließlich stimmte Jäny einem faulen Kompromiß 
zu, der gar keinen Sinn mehr hatte: Um 18.40 Uhr teilte er 


110 



Weichs mit, «wenn ich bis heute abend keinen anderen Be- 
fehl bekomme, ziehe ich das VII. Armeekorps zurück und die 
1. Panzerdivision ebenfalls»-. Ein schwerwiegender Fehlgriff! 
Bisher hatte er in seinem eigenen Kompetenzbereich noch 
selbständig disponieren können, auch in Anbetracht seiner per- 
sönlichen Erfahrung, daß ihm das Cramer-Korps nicht ge- 
horchte. Aber nun hatte er selbst einen Befehl verlangt. Und 
der ließ nicht auf sich warten. Um 19.55 Uhr traf die Ent- 
scheidung des Führers ein: Bis zum letzten Mann durchhal- 
ten! Jäny rief sofort den Armeekorpskommandeur General- 
major Legeza an und teilte ihm kurz mit: 

«Auf höheren Befehl müssen die 23. und die 19. leichte 
Division bis zum letzten Mann durchhalten! Es darf kein 
Zurück geben. Es muß mit den drastischsten Maßnahmen ver- 
hindert werden, daß auch nur ein einziger Mann die Stellung 
verläßt. Nur sterben kann man noch, aber nicht zurückwei- 
chen! Danke, Ende. Gott mit dir!» 

Die Überraschung verschlug dem verdutzten Legeza die 
Sprache. Kaum ein paar Stunden zuvor hatte ihm Jäny noch 
persönlich Anweisungen zum Rückzug gegeben — und jetzt 
bis zum Äußersten durchhalten? Was sollte das? Er legte den 
Hörer auf und dachte fünf Minuten lang nach, dann rief er 
Jäny an und fragte, ob er den Befehl ernst gemeint habe, ob 
da nicht etwa ein Mißverständnis vorliege. 

«Nein»-, antwortete Jäny kurz. «Es muß bis zum letzten 
Mann durchgehalten werden.»- Das war also das wahre Ge- 
sicht dieses Horthy-Generals. 

Die Aufgabe des Armeekorps ist klar»-, schrieb General- 
major Legeza in sein Tagebuch ein, «bis zum letzten Mann 
durchhalten. Die Frage ist nur, mit wem und wo?» 

Generalmajor Vargyassy aber, der Kommandeur der 23. 
Division, konnte die strategische Lage nur so deuten, 
«. . . daß dieser Widerstand bis zum Äußersten der Ausgangs- 
punkt einer größeren Operation sein wird. Die Division be- 
zieht eine Igelstellung.» 

Man kann sehr wohl verstehen, daß «der deutsche Ver- 
bindungsoffizier die Nachricht mit Überraschung aufgenom- 


111 



men hat»-. 20.30 Uhr. Der Tag ist noch nicht zu Ende. Es 
klingt geradezu unglaublich: Aber der deutsche General von 
Witzleben suchte Jäny erneut auf. Er wiederholte seine Rat- 
schläge vom Tage zuvor: Es gehe um das Schicksal der un- 
garischen Armee, das Führer-Hauptquartier liege weit ent- 
fernt, in dieser Situation könne man nichts anderes tun als 
«. . . handeln nach der Lage», das heißt: wie es die Lage er- 
fordere. 

Jäny grübelte. Jetzt interessierte ihn vielleicht das Schick- 
sal seines Heeres schon gar nicht mehr, sondern nur noch 
das Kräftemessen mit dem deutschen Oberkommando, denn 
dies war ein erregendes Gesellschaftsspiel. Menschen zählten 
da nicht. Wie konnte er wohl Weichs zwingen, den früheren 
Befehl zu ändern? 

Am 17. Januar 1943 früh um 2.10 Uhr gab er dem Cramer- 
Korps folgenden Befehl: «Dringen Sie an der Bahnlinie ent- 
lang vor, um dadurch den rechten Flügel des VII. Armeekorps 
zu decken.» Das war ein guter Schachzug. Wenn das VII. 
Korps bis zum letzten Mann durchhalten mußte, dann mochte 
auch das deutsche Korps zugrunde gehen, zumindest sollte 
es die Flanke der Ungarn decken. Jänys List hatte anschei- 
nend Erfolg: Zwanzig Minuten später meldete sich General- 
oberst Weichs und gab Jäny mündlich die Genehmigung, 
sein VII. Armeekorps zurückzunehmen. 

Jäny disponierte sogleich. Seinen Befehl, den er einige 
Stunden zuvor erteilt hatte, nahm er zurück und ordnete den 
Rückzug an. Und das im letzten Augenblick, wenn nicht sogar 
schon zu spät ; denn die 23. Division war bereits eingekesselt. 
Der Zeitverlust von einigen Stunden hatte katastrophale Aus- 
wirkungen. Am 17. Januar um 7.30 Uhr begann die 23. Di- 
vision den geordneten Rückzug; mittags stießen ihre beiden 
Regimenter mit den in der Nacht ungestört vorgedrungenen 
sowjetischen Truppen zusammen. In der Nähe von Judjino 
wurde das 51. Infanterieregiment vernichtet. Diese vergeudete 
Nacht verursachte noch ein anderes Unheil: Die Verbindung 
mit dem VII. Armeekorps war unterbrochen worden. «Dem 
Armeekommando gelang es mit keinerlei Mitteln, sich Kennt- 


112 



nis über die Lage des VII. Armeekorps zu verschaffen.» Und 
Jäny war es nicht einmal gelungen, die Partie theoretisch zu 
gewinnen: Am 18. Januar um 17.10 Uhr protestierte der 
schlaue Baron Weichs schriftlich gegen den Rückzugsbefehl 
Jänys, wobei er das am 17. Januar früh mit Jany geführte 
Telefongespräch leugnete und sich mit diesem seinem Tele- 
gramm vor dem Führer rechtfertigte: 

-“Heute nachmittag um 17 Uhr bin ich davon informiert 
worden, daß das VII. ungarische Armeekorps einen Rüdezugs- 
befehl erhalten hat. Ich muß wiederholt darauf hinweisen, 
daß der Befehl des Führers, wonach alle Einheiten bis zum 
Äußersten durchzuhalten haben, unverändert gültig ist. Ich 
bitte Sie, in diesem Sinne zu handeln.» 

Im ungarischen Hauptquartier brach eine Panik aus. Gyula 
Koväcs rannte von einem Telefon zum anderen. «Die Heeres- 
gruppe B beruft sich bei der Klärung der Widersprüche auf 
sprachliche Schwierigkeiten.» 

Nun aber war schon alles egal. Den Rückzug konnte man 
nicht mehr aufhalten. Am 17. Januar zog sich das einzige un- 
versehrt gebliebene 21. Regiment der 23. Division mit den 
italienischen Truppen zusammen fluchtartig zurück. Die un- 
garische Panzerdivision pfiff auf das jetzt mehr inKämpfe ver- 
wickelte Cramer-Korps und verteidigte Alexejewka, ein paar 
Tage zuvor noch Stabsquartier des Armeekommandeurs, wo 
sich noch viele Ungarn aufhielten. Die dem IV. Armeekorps 
verbliebene 13. Division befand sich weiterhin in der Stadt 
Ostrogoshsk. Die sowjetischen Panzer und Panzergrenadiere 
waren längst vorbeigeeilt. Für diese ungarischen Einheiten 
war der Rückzugsweg endgültig abgeschnitten. 

Vom Generalstab der 2. ungarischen Armee zog ein einzi- 
ger Offizier die Konsequenzen aus jenem tragischen Tages- 
geschehen: Es war Oberstleutnant Antal Farkas, Stellvertre- 
tender Stabschef des VII. Armeekorps, der sich am 17. Januar 
nachmittags auf der Straße nach Nowy Oskol eine Kugel durch 
den Kopf jagte. Er hatte einstmals jenes Felddienst-Hand- 
buch geschrieben, in dem der Text über die Flußverteidigung 
lediglich drei Seiten einnahm. 


8 Ncmeskürty, Untergang 


113 



Nur die Zuversichtlichkeit der Heimat blieb unerschütter- 
lich. Wieder einmal kam die uralte ungarische Geisteshaltung 
zur Geltung: Was schlecht ist, davon wollen wir nicht reden, 
dann existiert es vielleicht auch gar nicht. In ihrer Nummer 
vom' 16. Januar 1943 schrieb die «Pesti Hirlap» enthusiastisch: 
«Die mit großem Schwung in Gang gesetzten Angriffe der so- 
wjetischen Kräfte konnten sich infolge des Widerstandes der 
ungarischen und deutschen Truppen gar nicht erst entfalten. 
Die lediglich an einer Stelle der ungarischen Frontlinie ein- 
gedrungenen feindlichen Truppen wurden schon am zweiten 
Tag nach Beginn des Angriffs vernichtet.» 

Wenn damals die Lage so «rosig» beurteilt wurde, dann 
brauchen wir uns auch nicht über den ebenfalls am 16. Ja- 
nuar 1943 in der «Nemzeti Ujsäg» (Nationalzeitung) veröf- 
fentlichten Brief eines katholischen Militärgeistlichen zu wun- 
dern: 

«Der Wind, der auf den Potudäny und den Don zu weht, 
erzählt heute Geheimnisse. Der ungarische Wachposten beugt 
sich nieder und hört zu. Ein Wiegenlied, die süße Musik hei- 
mischer Gegenden, das heilige Lied eines wundersamen Zau- 
bers ertönt, und während er zuhört, 'verschönt sich sein Ge- 
sicht, wird andachtsvoll und edel, dann umfaßt er seine Waffe 
noch fester. Audi wir sind in weiße Schneemäntel gehüllt, 
als wir durch die Gräben in verschiedene Richtungen gehen, 
doch auf unseren Herzen tragen wir den Kuß Gottes . . . Die 
rosigen Gotteshändchen streidieln unsere Mensdien hier und 
jene daheim; ... die kleinen Gotteshände wachsen zu Män- 
nerhänden, die stark und groß sind, und sie flediten auch 
eine Peitsche, um die Krämer aus ihrem Tempel zu vertrei- 
ben. Durch ihre Kraft härten sie audi die Hände unserer Sol- 
daten, und sie segnen unsere Waffen mit Sieg.» 

Wie einfach doch dieser Krieg war! Die gleiche Nummer 
der «Nemzeti Ujsäg» meldete stolz, daß die Opferbereitschaft 
der Daheimgebliebenen grenzenlos sei, denn: «Weitere sech- 
zehntausend Bücher sind an die Front geschickt worden.» Mit 
dieser Nachricht wetteiferte die «Magyar Katonaüjsäg» (Un- 
garische Soldatenzeitung) vom 16. Januar 1943, die nicht ein- 


114 



mal über den Angriff bei Uryw Bescheid zu wissen schien; 
denn ihre einzige «Kriegsnachricht»- bestand darin, daß «die 
Gendarmeriewache in Gälosfa elfmal die Magyar Katonaüjsäg 
für die Front abonniert hat». 

Im Leitartikel der «Pesti Hirlap» aber spöttelte Ferenc 
Herczeg über die gerade beendete Konferenz von Casablanca : 
Er behauptete mit überheblicher Sicherheit, daß die sowjeti- 
schen und angloamerikanischen Gegensätze derart offenbar 
geworden seien, daß wir Ungarn nichts zu befürchten hätten. 
Deshalb also kein Wort von der Don-Armee. 

Sollte tatsächlich nur dies die Stimme der Heimat gewesen 
sein? So war es nicht. Inder Sonntagsnummer der «Nepszava» 
(Volksstimme) und der «Magyar Nemzet» (Ungarische Na- 
tion) vom 17. Januar 1943 war schon eine gewisse Unruhe 
zu spüren. Sie brachten den 38. ungarischen Armeebericht, 
der endlich etwas über die Don-Katastrophe verriet. Man 
hörte die Sendung des «Radio Kossuth» vom 17. Januar, das 
über die Kämpfe der 2. ungarischen Armee berichtete; man 
las erregt die Nachrichten der Schweizer Blätter. «Wir kön- 
nen es gar nicht ausdrücken, was wir in diesen Augenblicken 
empfinden», schrieb der Publizist der «Magyar Nemzet» am 
Schluß des Armeeberichts. Ja er vermutete sogar das Ziel des 
Angriffs richtig : «Einer Meldung aus Zürich zufolge ist es das 
unmittelbare Ziel des sowjetischen Angriffs gegen die unga- 
rische Front, jene Bahnlinie zurückzuerobern, die hinter den 
ungarischen Stellungen nach Süden verläuft.» Im katholischen 
oppositionellen «Jelenkor» (Gegenwart) schrieb der Domini- 
kanermönch und Universitätsprofessor Sändor Horvath, 
gleichsam als Antwort auf die Arroganz von Ferenc Herczeg, 
mit verblüffendem Scharfblick: «Das Treffen in Casablanca. — 
Die gefahrdrohende Landung an irgendeiner Stelle des Konti- 
nents wird in ihrer Bedeutung durch das russische Unterneh- 
men in den Schatten gestellt . . . Die russische Offensive hat 
die angelsächsischen Pläne durchkreuzt.» 

Auch die Bevölkerung wurde zunehmend unruhig. Briefe 
überfluteten die Büros der Regierung, der Ministerien. Sie 
klagten an und drohten. Die Tagespresse und die «Magyar 


115 



Katonaüjsäg» waren gezwungen, sich damit zu befassen: «Ein 
Ungar schreibt keine anonymen Briefe.» 

Das VII. Armeekorps aber floh; denn ein geordneter Rück- 
zug war das nicht mehr. Die Menschen rannten so schnell, 
wie es ihre Kraft und der tiefe Schnee zuließen. Je mehr sich 
aber dieser rückwärts gerichtete Schwung verstärkte, um so 
wirksamer kam das Prinzip des elastischen Zusammenstoßes 
zur Geltung. Die ungarischen Soldaten liefen gegen die sie 
aufhaltenden deutschen Einheiten, gegen die Hinrichtungs- 
kommandos ungarischer Stabsoffiziere, und ungewollt emp- 
fingen sie auch noch die Schläge der sie verfolgenden Sowjcl- 
truppen — wahrhaftig: ihre lebende Masse diente als Puffer. 
Der Kommandeur des 1. Bataillons des 13. Infanterieregi- 
ments, Oberstleutnant vitez Sändor Gäll, zeichnete darüber 
am 18. Januar ein allgemeingültiges Bild. Dieses Regiment 
im Verband der 19. Division kämpfte erbittert und trat unter 
Gälls Führung den Rüdezug erst an, als der Regimentskom- 
mandeur gefallen war. Zu diesem Zeitpunkt schöpfte die 
Mannschaft Verdacht, ahnte, daß sie in aussichtsloser Stel- 
lung nur als Kanonenfutter fungieren sollte. 

«. 1 . um 7 Uhr tauchten auf der Landstraße aus südlicher 
Richtung drei russische Panzer auf, ihr Erscheinen — noch 
bevor sie das Feuer eröffneten — rief eine solche Panik her- 
vor, daß die Soldaten ihre Waffen wegwarfen. 

Nun bradi eine derartige allgemeine Verwirrung aus, daß 
man nicht mehr Herr über sie werden konnte. Einige Minuten 
später rückte russische Infanterie in etwa Bataillonsstärke an, 
die diese fliehende Masse unter Minenwerferfeuer nahm. Von 
hinten her war ebenfalls Schießerei zu hören. Mit einer 25 bis 
30 Mann starken Gruppe, die mich umgab und die Waffen 
nicht weggeworfen hatte, schlug ich mich durdi das Dorf hin- 
durch und wollte die Landstraße erreichen, um darauf in west- 
licher Richtung zu fliehen. Als wir jedoch das Dorf verlassen 
hallen, bemerkten uns die Panzer. Sie richteten das Feuer auf 
unsere kleine Gruppe und vernichteten sie fast gänzlich. Die 
Landstraße erreichten außer mir ein mir unbekannter Korpo- 
ral — wir beide waren unversehrt — , ferner mein Adjutant, 


116 



Oberleutnant Sändor Szodoray, sowie der Chef der 13. Kom- 
panie des 3. Bataillons, Oberleutnant Sandor Redey. Beide 
waren durch Granatsplitter schwer verletzt. Nachdem wir die 
fast zwei Meter hohe Schneewehe am Rande der Landstraße 
überwunden hatten, sprangen wir direkt in eine feindliche Ab- 
teilung, die wir auf der anderen Seite des Schneehügels nicht 
hatten sehen können. Sie nahmen uns sogleich unsere Maschi- 
nenpistolen ab, die beiden schwerverwundeten Offiziere legten 
sie auf einen Schlitten. Die Russen führten eine große Anzahl 
von Kriegsgefangenen, die eine Marschkolonne von minde- 
stens zweieinhalb Kilometer bildeten, ins Hinterland. Nach- 
dem sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte, wies ich etwa 25 
Offiziere an, bei der ersten Gelegenheit mit mir zusammen 
auszubrechen und zu fliehen. Sämtliche Offiziere — außer 
Hauptmann Antal Szendröi Koväcs vom 24. Infanterieregi- 
ment — verweigerten dies ; viele von ihnen rissen ihre Dienst- 
gradabzeichen ab. Nach dreistündigem Marsch rannte ich mit 
dem genannten Hauptmann und einem Korporal zu einer ca. 
150 Meter von der Straße entfernt gelegenen Schlucht. Von 
dort aus schlichen wir zwei Tage lang in den Wäldern herum, 
bis wir uns bei Tatarino der 26. deutschen Division anschlie- 
ßen konnten. — Oberstleutnant vitez Gäll, Kommandeur des 
13. Infanterieregiments.» 

Dieser Ausschnitt ist auch aus zwei weiteren Gründen auf- 
schlußreich. Erstens haben wir hier ein typisches Beispiel für 
die Panzerpanik: Drei Panzer haben ein ganzes Bataillon in 
die Flucht geschlagen. Aber warum? Darauf gibt der Armee- 
korpskommandeur Heszlenyi eine Antwort: -«Auffallend und 
unerwartet war die Manövrierfähigkeit der russischen Panzer 
in ungünstigem Gelände, in tiefen Gräben und in hohem 
Schnee. Daher tauchten die russischen Panzer, das Gelände 
ausnutzend, oft an unvermuteten Stellen auf. Stets erwarte- 
ten wir ihren Angriff hauptsächlich auf den uns geeignet er- 
scheinenden Wegen; denn für etwaige Gegenangriffe unserer 
eigenen Panzer waren auch nur die Straßen und weniger ver- 
schneite Erhebungen geeignet.» 

W'ir erinnern den Leser: Beim Durchbruch bei Uryw haben 

117 



Panzer zunächst in geringem Maße angegriffen, und dann 
auch nur, wie der Kommandeur des 35. Regiments richtig 
bemerkte, als Sturmgeschütze der Infanterie. Zwei Tage spä- 
ter jedoch setzte man bei Stschutschje eine ganze Panzerarmee 
ein. Die Schlußfolgerung aus der schnellen Lageeinschätzung 
des sowjetischen Oberkommandos war wohl: Die im allge- 
meinen durchaus mutigen ungarischen Soldaten fürchteten 
sich derart vor Panzern, daß man diese auch als Angriffswaffe 
ohne sofort nachrückende Infanterie mit Erfolg verwenden 
konnte. 

Die zweite Tatsache ist, daß die Masse der Mannschaft gar 
nicht bewaffnet war. Und hier sind wir zweifellos bei der 
größten persönlichen Schuld Jänys angelangt. Nur er ist dafür 
verantwortlich zu machen, daß diese unbewaffnete Infan- 
terie als Kampfreserve in die Frontlinie geworfen wurde. 
Diese Tatsache läßt darüber hinaus geradezu unheimlich das 
bereits erwähnte Einsatzprinzip der Deutschen erkennen. Wir 
zitieren im folgenden den Verteidigungsminister VilmosNagy: 

«Eine äußerst verhängnisvolle Entscheidung war, daß da- 
mals zum Zeitpunkt des Kampfes ein Großteil der Fronttrup- 
pen abgelöst werden sollten. Die Ersatzeinheiten waren zwar 
schon im Oktober zur Armee hinausgeschickt worden, aber 
ohne Waffen; denn die Produktion von Waffen kam nicht in 
dem Maße voran, daß wir jene Fehlmenge hätten ergänzen 
können, die in den Lagerbeständen nach der feldmarschmäßi- 
gen Ausrüstung der 2. ungarischen Armee entstanden war. 
Deshalb ordnete das Armeekommando an, daß die entsandten 
Ersatzeinheiten hinter der Front in Ausbildungslagern zusam- 
menzufassen seien, um ihnen dort erst einmal eine den beson- 
deren Verhältnissen der Ostfront entsprechende Ausbildung zu 
geben. Man gewöhnte sie an die russischen Verhältnisse. Ob- 
wohl über die russischen Angriffsvorbereitungen frühzeitig 
Nachrichten eingegangen waren, bleibt es unverständlich, wes- 
halb die Ablösung trotz des bevorstehenden Angriffs angeord- 
net wurde. Auf diese Weise fegte die russische Offensive nicht 
nur die Bataillone in der vordersten Linie hinweg, sondern 
auch jene, die sich unmittelbar dahinter zur Ablösung ver- 


118 



sammelt hatten. Es ist möglich, daß das Armeekommando be- 
absichtigte, diese Kräfte nicht mehr zur Ablösung, sondern 
zum Ersatz der Verluste zu verwenden. Von welchen Über- 
legungen sich das Armeekommando auch immer leiten ließ, 
es war ein katastrophaler Fehler, unbewaffnete Einheiten in 
den direkten Frontbereich zu beordern, dadurch ging alles 
auf einmal verloren.» 

Wir können nur Vermutungen darüber anstellen, warum 
Jäny diesen schrecklichen Fehler begangen hat; denn daß er 
falsch gehandelt hat, unterliegt keinem Zweifel: Dutzende 
von Meldungen beweisen, daß er zwischen dem 12. und dem 
15. Januar 1943 zahlreiche unbewaffnete oder mit nur weni- 
gen Gewehren ausgerüstete Ablösungsbataillone direkt in die 
Kampflinie dirigierte. Wir müssen den Leser auf einen weite- 
ren militärischen Umstand aufmerksam machen. Jänys An- 
ordnung war nicht nur unmensclilich, sie erwies sich auch als 
ein schwerer taktischer Fehler. Wenn unbewaffnete Solda- 
ten sich unter bewaffnete., mischen, so muß das außerordent- 
lich demoralisierend wirken. Während eines Einsatzes ist 
nicht feststellbar, ob einer seine Waffe weggeworfen oder ob 
er überhaupt keine besessen hat. Auf diese Art wird der 
Kampfgeist untergraben. Wir wollen festhalten, daß in dem 
Augenblick, da sich ein Rückzug in panikartiger Flucht ver- 
wandelt, die einzig richtige Maßnahme im Interesse der gan- 
zen Truppe die energische Aufrechterhaltung der Disziplin ist. 
Das ist wohl einleuchtend. Aber wenn man nicht weiß, wer 
wohin gehört, wer eine Waffe haben müßte und wer nicht, 
und wenn er keine hat, warum nicht — dann ist es unmög- 
lich, Ordnung zu schaffen. Und gerade das war bei der 2. un- 
garischen Armee geschehen. «Das Massakrieren der Waffen- 
losen muß ein Ende haben, dieses Gemetzel ist nicht länger 
zu verantworten; denn 80 Prozent der Reserve kam ohne Ge- 
wehre zum Einsatz», meldete Oberstleutnant Ede Maranyi, 
der Kommandeur der Feldgendarmerie in Stary Oskol. 

Woran mag der Armeekommandeur wohl gedacht haben, als 
er diese unzähligen wehrlosen Menschen in die Schlacht 
schickte? Dafür bietet sich nur eine Erklärung an, doch auch 


119 



diese hinkt: Hatte er vielleicht auch jetzt jene russische An- 
griffsform aus dem ersten Weltkrieg erwartet: die wie eine 
■«Dampfwalze» ohne Schwerpunktbildung frontal vorwärts 
stapfende Menschenmasse, welche von einer anderen aufge- 
fangen werden könnte? Nein, das ist wenig wahrscheinlich. 
Sollte er dann also gehofft haben, daß die Deutschen die in 
die vorderste Linie getriebenen Soldaten, die in den Ausbil- 
dungslagern bereits seit Oktober vergeblich auf Gewehre ge- 
wartet hatten, nun notgedrungen bewaffnen würden? Wir fin- 
den keine Antwort. Wahrscheinlich hatte Jäny im Interesse 
seines eigenen Prestiges so gehandelt: Die großen Verluste der 
ohnehin schon verlorenen Armee sollten die Entschlossenheit 
des Kommandeurs und seine Treue gegenüber dem deutschen 
Verbündeten beweisen. Doch wie auch immer er sich das vor- 
gestellt haben mag: Durch seinen Befehl kam er dem Plan der 
Wehrmachtführung entgegen. Um mit Jänys eigenen Worten 
vom 9. Februar 1943 zu sprechen: -«Wenn keine Waffen vor- 
handen sind, sollen die lebenden Massen als geschwindig- 
keitshemmender Prellbock dienen.» 

So wurden diese «lebenden Massen» eingesetzt, und so 
gingen sie zugrunde. Die Soldaten fielen haufenweise wie die 
Fliegen. Von den zurückflutenden Divisionen konnten in den 
Auffangstellen nur einige tausend Mann zusammengebracht 
werden. Aber auf welche Weise! 

«Die Verpflegung der Mannschaft habe ich sofort einge- 
stellt . . . Soldaten bekamen nur dann zu essen, wenn sie in 
Fünfzigergruppen unter dem Kommando eines Offiziers er- 
schienen, der sie mit allen ihren Daten registrierte. Ein vier 
Mann starkes, aus Gendarmen bestehendes und mit Maschi- 
nenpistolen ausgerüstetes Hinrichtungskommando, das mich 
ständig begleitete, gehörte zu meinem engeren Stab. Im Inter- 
esse der Wiederherstellung von Disziplin und Ordnung und 
zur Verhinderung des weiteren Verfalls mußte ich sowohl Offi- 
zieren als auch Soldaten gegenüber wiederholt zu unerlaub- 
ten Mitteln greifen, das heißt, von der Waffe Gebrauch ma- 
chen. Die Aufstellung von Offizierswachen gelang mir auch nur 
nach Erschießungsbefehlen.» So prahlte der oft zitierte Oberst 


120 



Löskay. Im übrigen kann man die Tätigkeit Loskays als ein 
typisches Beispiel dafür betrachten, wie zwecklos persönlicher 
-Mut» und grausame Bestrafung sind, wenn die Aufgabe der 
Truppe unklar und die Durchführung gegebener Befehle un- 
möglich ist. Oberst Löskay hatte auf seine Art mutig und sich 
nicht schonend die Verteidigung bei Stschutschje organisiert. 
Er vertrat den gerade im Urlaub weilenden Kommandeur der 

19. Division, vitez Asztalossy, bis zum Tag des sowjetischen 
Durchbruchs. Nachdem er das Kommando wieder übergeben 
hatte, kehrte er nicht zum Armeestab zurück, wie er dies hätte 
tun können, sondern blieb an der Front und kämpfte in der 
vordersten Linie. Auch am 17. Januar hielt er sich noch am 
Donufer auf, in dem schon erwähnten Dorf Marki. Doch als 
er den Rückzugsbefehl an diesem Tag erhielt und sich mit 
seiner Einheit absetzte, schlug seine Entschlossenheit in Grau- 
samkeit um. Von dieser Zeit an tauchte er nur noch mit seinem 
-engeren Stab», dem Hinrichtungskommando, bald in diesem, 
bald in jenem Dorf auf. Mit dem Feind stieß er niemals mehr 
zusammen, sonder metzelte wie ein umherirrender Kriegs- 
gott die eigenen Landsleute nieder. Unserer Ansicht nach sind 
diese «Ordnungsmaeher» um keinen Deut besser als jene 
Drückeberger, die ihre Soldaten im Stich ließen und vor der 
Gefahr erschrocken davonliefen, wie vitez Uläszlö Solymossy 
aus Sztanagora, dessen Schwejksche Abenteuer der Feder 
eines Hasek würdig wären. Dieser Solymossy suchte bis zum 

20. Januar 1943 seine bei Stschutschje versprengte 12. Divi- 
sion, wobei er zunächst im Kreis umherirrte, sich dann immer 
mehr von der Frontlinie entfernte, bis er schließlich — wer 
weiß, wie — beim Armeekommando in Nowy Oskol auftauch- 
te, wo er sich endlich sicher fühlte. Anfangs erzählte er von 
seinen Wechselfällen : «... eine russische Patrouille über- 
raschte und drängte uns nach Nordwesten ab. Die wilde Hetz- 
jagd endete mit einem ganztägigen Umherirren, wir schleppten 
uns in das nächste Haus und fielen vor Müdigkeit nieder.» Als 
Jäny das Gewäsch hörte, fuhr er ihn zornig an. Sogar tief be- 
leidigt äußerte sich Solymossy in seinem nachträglichen Re- 
chenschaftsbericht zu diesem Vorfall: «Ich gewann den Ein- 


121 



druck, daß der Befehlshaber meinen wirklich fatalen Umweg 
mißverstanden hatte ; all die Anstrengungen nahm ich doch nur 
auf mich, um baldigst dem Armeestab wieder zur Verfügung 
zu stehen.» 

Wie wir schon sagten, zwischen diesen Verhaltensweisen 
— Feigheit und Grausamkeit — gibt es keinen großen Unter- 
schied; denn wie doch das Schicksal spielt: Am gleichen Tag 
wie Solymossy, noch dazu mit den -«Trophäen» einer Anzahl 
hingerichteter Soldaten am Koppel, traf auch vitez Ferenc 
Loskay in Nowy Oskol ein. Und natürlich war es kein Zufall, 
daß auch der Generalstabschef des IV. Armeekorps, Oberst 
Lajos Nädas — 1944 verriet er die Kapitulationsabsichten der 
I. Armee an die Deutschen — , hier ankam. Jäny jagte ihn er- 
regt zu seiner Dienststelle zurück. 

Einige Kommandeure, sofern sie nicht schon gefallen oder 
in Gefangenschaft geraten waren, blieben bei ihren Truppen. 
Die anderen flohen so schnell, daß die -«lebende Masse» sie 
kaum einholen konnte. Damit in dieser tragischen Chronik 
der andere Verbündete nicht fehlt: Am 20. Januar 1943 wurde 
das bislang unversehrt gebliebene 21. Regiment der 23. Di- 
vision, die als «lebende Masse» eine italienische Division schüt- 
zen sollte, von einer sowjetischen Einheit zerschlagen. «Das 
Gros des 21. Infanterieregiments als Nachhut der italienischen 
Kräfte einzusetzen und zum Gegenangriff zu veranlassen, was 
die fast völlige Vernichtung der ungarischen Einheit verur- 
sachte, entsprach hauptsächlich italienischen Interessen . . .», 
konstatierte Bataillonskommandeur Hauptmann Vägo in sei- 
nem abschließenden Rechenschaftsbericht. 

Aus seinem Bericht entnehmen wir noch folgende Details: 
«Häufig kam es vor, daß ungarische Soldaten beim Betreten 
der von Italienern besetzten Quartiere — einfach um sich dort 
aufzuwärmen — von diesen unkameradschaftlich hinausgejagt 
wurden. Aber dabei blieb es nicht. Die Unsrigen hatten bei die- 
sen Zusammenstößen mehrfach Verwundete und sogar Tote zu 
beklagen. In einem anderen Ort steckten die Italiener sogar 
nachts eine zuerst von ungarischen Mannschaften belegte 
Scheune in Brand. Ihre Einweisung war ordnungsgemäß er- 


122 



folgt. Bei diesem puren Racheakt kamen etwa fünfundzwanzig 
Mann um, die anderen konnten nur ihr nacktes Leben retten.» 

Die Theorie von der Verwendung «lebender Massen» hatte 
sich also «bewährt»: Sowohl die deutsche als auch die italieni- 
sche Heeresführung zogen gleichermaßen Nutzen daraus. Aber 
die ungarische Armee hatte bis zum 20. Januar allein achtzig- 
tausend Mann eingebüßt. 


123 


Requiem aeternam dona eis, 
Domine! 

(Schenke ihnen die ewige Ruhe, Herr!) 


« Die 2. ungarische Armee hat ihre Ehre verloren .» — General- 
oberst vitez Gusztäv Jäny, Armeekommandeur, 
24. Januar 1943 

Die letzten Inseln der Verteidigung 

«Ostrogoshsk war ein weit ausgebreitetes Städtchen ohne be- 
sondere Eigenart, einige Kilometer vom Don entfernt. Wie 
gewohnt, mußten sie auch diesmal am Stadtrand, in den klei- 
nen, ebenerdigen Häusern Quartier suchen, denn die weiter 
einwärts liegenden, größeren Gebäude waren alle von den 
Deutschen besetzt», schrieb Endre Birkäs in seinem Roman 
-«Vergessene Menschen». Die im Januar 1943, den Tagen des 
sowjetischen Frontdurchbruehs, handelnden Kapitel des Ro- 
mans beleuchten die damaligen Gedanken der vergessenen 
Menschen der Don-Armee und ihre Tagessorgen mit bestür- 
zender Schärfe. -«Uns hat man zu Hause schon abgeschrieben. 
Wir krepieren hier alle . . . Der Winter ist da, und nun gilt cs 
schon als sicher, daß keine Ablösung mehr kommt. Es geht ja 
auch bloß um eine Armee, um zweihunderttausend Mann! Da- 
heim gibt es bestimmt Menschen, die noch froh darüber sind, 
daß sie so gut über die Runden kommen, während wir hier 
draußen im Schlamassel sitzen ... Man müßte sich frostbe- 
ständiges Wasser besorgen können. So geht das ja nicht mehr 
weiter. Jeden Abend das Wasser aus den Kühlern ablassen 
und am Morgen wieder auffüllen.» Die «Helden» des Romans 
sind nämlich Offiziere eines Kraftwagentrains, Reservisten. 
Selbst noch am 12. Januar istihregrößte Sorge, daß sie in einer 

124 



I )<‘ekendiebstahlsache eventuell vor dem Militärgericht er- 
scheinen müssen. 

Diese Stadt wurde zwischen dem 18. und dem 20. Januar 
von der 13. Division des IV. Armeekorps verteidigt. Das 
Korpskommando war längst zurückgegangen: «Sie mußten 
Schreibtische, Schränke, Kisten und Schreibmaschinen ver- 
laden. Wer hätte gedacht, daß ein ins Feld gerücktes Armee- 
korpskommando so viele Schreibmaschinen benötigt.» 

Ein Teil des Wachpersonals der umfangreichen Versor- 
gungslager war aber noch in der Stadt verblieben. Trotzdem 
mußte der Leiter des Trosses, Oberstleutnant vitez Bela Bär- 
dos, am 17. Januar entsetzt feststellen, daß deutsche Soldaten 
seine Depots plünderten, sich unter anderem ungarische Uni- 
formen besorgten und sich dann zur Front davonmachten; 
denn es hatte sich herumgesprochen, daß die Rote Armee in 
Gefangenschaft geratene Ungarn anders behandelte als Wehr- 
machtsangehörige. 

Von der 13. Division waren das 7. Regiment aus Kecskemet 
und das 31. aus Budapest und Kecskemet gerade an diesem 
Tag, dem 17. Januar, in Ostrogoshsk eingetroffen — in ge- 
ordnetem Rückzug. Von den beiden Korps der 2. Armee, die 
unter Jänys Kontrolle standen, befand sich die 13. Division 
immer noch dem Don am nächsten. Die Angriffswelle war 
um sie herumgeflossen wie der Strom um eine Insel. Theore- 
tisch hätte das Cramer-Korps diese ungarische Einheit befreien 
müssen. Doch das war nicht mehr als eine fromme Hoffnung. 

Eingekesselt verteidigte sich die 13. Division bis zum 20. Ja- 
nuar, an ihrer Spitze stand Generalmajor Läszlo Hollösy- 
Kuthy. Alle Kollegen seines Dienstgrades waren schon gut 
50 bis 100 Kilometer nach hinten verschwunden. 

Am 20. Januar erhielt die Division den Befehl zum Aus- 
bruch, sie sollte sich durch den Feind schlagen und sich dann 
den Hauptkräften wieder anschließen. 


125 



Zwei Frontberichte vom 20. Januar 


Hauptmann vitez Läszlö Duska, Kommandeur des 3. Batail- 
lons des 31. Regiments: 

-«Um 9.30 Uhr bekomme ich den mündlichen Befehl des 
Kommandeurs der 13. Division: .Sichern Sie die linke Flanke 
der Division ab!‘ Wir haben nicht viel Zeit zu verlieren, denn 
die Russen stehen 800 Meter von uns entfernt. Deshalb bringe 
ich persönlich das erste Maschinengewehr auf dem Dach eines 
ausgebrannten Güterzuges am Hang des Bahndammes in Stel- 
lung. Da der Richtschütze sehr aufgeregt ist, beginne ich selber 
auf den Feind zu schießen . . . Neben der Bahnlinie ist Stabs- 
arzt Hauptmann vit&z Szabolos Bekässy, der leitende Arzt des 
31. Regiments, an der rechten Hand und am rechten Fuß 
durch Splitter verletzt worden, Hand und Stiefel sind blutver- 
schmiert. Auf dem Schnee kniend, verbindet er trotzdem 
einen an der Schulter verwundeten Soldaten.» 

Hauptmann Duska war auch verwundet; er kämpfte eben- 
falls weiter. Der Durchbruch gelang, und er führte seine Mann- 
schaft den Hauptkräften zu. Für diese Tat erhielt Duska die 
Tapferkeitsmedaille für Offiziere in Gold. Er war der einzige 
Offizier der 2. ungarischen Armee, der während des Rückzugs 
im Januar mit diesem höchsten Orden ausgezeichnet wurde. 

Was mochte wohl über den bereits erwähnten, durch die 
Gefahr instinktiv verstärkten Verteidigungswillen hinaus der 
Grund für dieses mit der Tapferkeitsmedaille in Gold be- 
lohnte Verhalten gewesen sein? 

Es konnte persönlicher Ehrgeiz, es konnte auch die Absicht 
gewesen sein, die sich zurückziehende Mannschaft möglichst 
unversehrt nach Hause zu führen; vielleicht traf beides zu. 
Der Zufall brachte mir unlängst eine interessante Begegnung: 
Ich unterhielt mich mit einem Kutscher des Forstwirtschafts- 
betriebes von Bugac. Es stellte sich heraus, daß er im Januar 
1943 auch am Ufer des Don gewesen war, und zwar war er 
zu jener Zeit als Korporal Gruppenführer einer Leichtmaschi- 
nengewehr-Gruppe im Bataillon des Hauptmanns Duska. Wir 
sprachen über seinen damaligen Vorgesetzten. 


126 



«Der Hauptmann Duska* das war gewiß ein vorbildlicher 
Offizier, wie er im Buche steht?» 

■«Was heißt vorbildlich? Ein Haudegen war er.» 

«Also ein Menschenschinder, der ordentlich mit euch Schlit- 
ten gefahren ist.» 

«Nein, das würde ich nicht sagen, er war sehr streng.» 

«Oder war dieser Hauptmann nur ein Maulheld? Wenn’s 
hart auf hart kam, drückte er sich lieber hinten herum und 
hetzte euch ins Feuer.» 

«Das auf keinen Fall, Mann. Der Duska war immer vorn 
bei uns im Einsatz.» 

«Also was stimmte denn an diesem Kerl nicht?» 

«Er war eben ein Haudegen. Gern hatten wir ihn nicht.» 

«Aber mein Lieber, ist das beim Fronteinsatz so wichtig? 
Hauptsache, er gab klare Befehle.» 

«Aber was für Befehle, darauf kommt’ s an. Schauen Sie sich 
diese beiden Pferde an. Ich halte sie streng, aber die Gäule 
spüren, daß ich es in ihrem Interesse tue. Wenn sie verschwitzt 
sind, bekommen sie nicht gleich Wasser, auch wenn sie danach 
lechzen. Und diese Pferde haben mich gern, ob Sie das glau- 
ben oder nicht. Wenn ich die Tiere nur so aus Übermut an- 
treiben oder sie nicht tränken würde, um den Nachbarn zu 
zeigen, was für ein flotter Kerl ich bin, dann wäre ich so einer 
wie der Duska.» 

«Also ein Haudegen war er?» 

«Ja.» 

«Dann sind die Soldaten damals wohl gleich beim ersten 
Flintenschuß davongelaufen?» 

«Was? Nein, das ist nicht wahr!» 

«Sie haben also geschossen?» 

«Ich bin bis zum Schluß in der Stellung geblieben. Das 
heißt, genauer gesagt, auf dem Schnee lagen wir.» 

«Wie lange dauerte diese , Schlußszene'?» 

«Bis wir Befehl zum Rückzug bekamen.» 

«So lange haben Sic durchgehalten?» 

«Natürlich.» 

«Haben alle durchgehalten?» 


127 



■«Nein, da gab’s viele, die konnten sich gar nicht wehren, 
weil sie keine Flinte oder keine Munition hatten.» 

■«Und wann fingen die Leute an , davonzulaufen“?» 

«Am zweiten Tag, da gab’s auch kein Essen mehr.» 

«Und da befahl Hauptmann Duska den Durchbruch und 
schoß vom Dach des Güterzuges euch die Bahn frei.» 

«Das, bitte schön, hätte er nicht tun sollen.» 

«Aber er wollte euch doch alle retten?» 

«Für uns wäre die Gefangenschaft die Rettung gewesen. So 
sind ... zig Leute sinnlos verreckt. Doch das war dem Mann 
egal, der dachte nur an seine Karriere, an die Goldmedaille.» 

Das ist also die andere Seite, so sah es der einfache Soldat. 

Nun wollen wir uns Oberstleutnant Bela Bardos anhören, 
der die Deutschen, die die ungarischen Lager plünderten, beim 
Kragen gepackt hatte : 

«Sprung auf — marsch, marsch! Los! Vorwärts! So befahl 
ich einen Angriff gegen die russischen Panzer. Einer davon 
mochte nur noch 60 bis 70 Meter entfernt sein. Mit meinen 
125 Kilogramm Körpergewicht stürmte ich auf die Panzer 
zu . . .», berichtete nicht ohne Selbstironie der Oberstleutnant, 
der nicht einmal Offizier einer Kampfeinheit gewesen war. 
Und bei der Ausfüllung einer Spalte in dem ihm vorgelegten 
Fragebogen schrieb er gereizt: «Seien wir doch ehrlich! Suchen 
wir den Fehler nicht im Kampfwert des ungarischen Soldaten, 
sondern sagen wir cs geradeheraus: Mit Infanteriegewehren' 
kann man sich gegen Panzer nicht verteidigen.» 

Von den 12 000 Mann der ganzen Division waren im Fe- 
bruar 1943 160 Offiziere und 2500 Soldaten übriggeblieben. 
Am Ufer des Don und bei der Verteidigung von Ostrogoshsk 
gingen über 9000 Menschen zugrunde. Daraus geht hervor, 
wie sinnlos, ja schädlich persönliche Tapferkeit und «Helden- 
mut» sein können, wenn man sich allein davon leiten läßt, 
persönliche Vorteile zu ziehen. 

Eine ähnliche Kleinstadt wie Ostrogoshsk ist Stary Oskol. 
Doch diese liegt bereits etwa 100 Kilometer vom Don entfernt. 
Hier sammelte sich vom 18. Januar an die gleich zu Beginn 
der sowjetischen Offensive zerschlagene 7. Division. 


128 



Der schnell Boden gewinnende sowjetische Angriff schuf 
eine eigenartige Situation: Zwischen den Überresten der 7. Di- 
vision, die sich in Stary Oskol auf Verteidigung einrichtete, 
und dem Don befand sich noch ein kämpfender ungarischer 
I leeresteil, das III. Armeekorps. Als die 7. Division die Stadt 
verließ, trafen die Einheiten des den Deutschen unterstellten 
III. Korps dort ein, doch zu spät; denn bis dahin hatte sich 
die 2. ungarische Armee bereits um weitere 100 Kilometer 
nbgesetzt . . . 

Die Ankunft der 7. Division in der Stadt verlief wenig rühm- 
lich, doch das war charakteristisch. Bereits zwei Tage nach 
dem Durchbruch bei Uryw tauchten die ersten Flüchtenden 
auf: «Am 14. Januar abends schon habe ich mit solchen waf- 
fenlosen Soldaten gesprochen, die an den Kämpfen beim 
Durchbruch tcilgenommen hatten und dann zu Fuß oder mit 
Kraftwagen bis Stary Oskol gelangten, ohne einmal stehenzu- 
bleiben»-, meldete der Kommandant der Feldgendarmerie. 
Am 17. und 18. Januar begann Generalmajor Szabo die ein- 
getroffenen Einheiten zu ordnen, übergeben wir nun das 
Wort unserem alten Bekannten, dem Oberstleutnant Vecsey: 

-Am Nachmittag Offiziersversammlung. Die Herren sind 
schrecklich undiszipliniert. Sie lärmen, und jeder erzählt seine 
eigenen Heldentaten. Möglich, daß sie die Wahrheit sagen, 
aber offenbar versuchen sie nur, sich zu rechtfertigen. Der 
Herr Generalmajor bemüht sich, sie zur Disziplin anzuhalten 
und ihnen die Lage verständlich zu machen . . . Inzwischen 
trifft ein Telegramm ein; Generalmajor vitez Szabo errötet, 
während er es liest. Später stellt sich heraus, daß man ihn als 
Verbindungsoffizier nach Kiew zurückbeordert hat.»- 

Es ist unklar, warum Jäny gerade jenen General, der als 
erster eine Niederlage erlitten hatte, vor den anderen heraus- 
hob. Wäre diese Anweisung von einem überragenden Heer- 
führer gekommen, dann hätte sie für den Betroffenen einen 
Schlag ins Gesicht bedeuten können. Aber sicherlich verfügte 
Jany nicht über ein solches Format, und so war diese Geste 
wohl nur eine Gunstbezeigung für den Soupierpartner Mus- 
solinis. 


9 Ncmcskürty, Untergang 


129 


Ganz gleich, was der Anlaß gewesen sein mag: General- 
major Szabo flog weg, das Divisionskommando übernahm 
Oberst Csoknyai. Die in Stary Oskol eintreffenden verspreng- 
ten Truppen, so auch die Ungarn, unterstanden jedoch dem 
Befehl eines gutmütigen deutschen Generals namens Aldrian, 
der den größten Teil seiner Zeit auf jene ungarischen Stabs- 
offiziere verschwenden mußte, die bei ihm um Eintritt baten: 
Alle unterbreiteten wortreich persönliche Vorwände, um die 
Stadt noch vor der Einkesselung verlassen zu können. Auf 
diese Weise machten sich unter der Angabe, nervlich total er- 
schöpft zu sein, Oberstleutnant Bokor — der es am 13. Ja- 
nuar nicht gewagt hatte, sein Bataillon zum Angriff zu füh- 
ren — , Oberstleutnant Bajthay und viele andere auf und da- 
von: «Schimpf und Schande darüber, wie tief wir gesunken 
sind! Ich kann weder den ungarischen Charakter noch unser 
Berufsethos bei diesen Offizieren wiedererkennen. Doch auch 
bei den Deutschen herrscht große Kopflosigkeit, und ich bin 
von ihrer Heerführung, die um keinen Deut besser ist als die 
unsere, auch nicht begeistert.» (Oberstleutnant Vecsey) 

Die Reste der 7. Division behaupteten sich in Stary Oskol 
dennoch bis zum 26. Januar 1943. Das bezeugen auch er- 
halten gebliebene Auszeichnungsdokumente, so ein Tagesbe- 
fehl General Aldrians, in dem die Verdienste einer ungari- 
schen Kompanie lobend hervorgehoben werden. Sogar das 
sonst so zurückhaltende Tagebuch des deutschen Wehrmacht- 
oberkommandos vermerkte am 24. Januar 1943 anerken- 
nend: «Im Oskol-Tal sind noch 12 000 Ungarn im Kampf.» 

In einer beinahe noch härteren Kampfsituation befanden 
sich die infolge ihrer Abhängigkeit vom Cramer-Korps lange 
untätig gebliebene 1. Panzerdivision und die bei Ilowskoje 
eingekesselte Fliegerbrigade. Da alle Kriegstagebücher ver- 
lorengingen, können wir uns nur auf wenig Tatsachenmate- 
rial stützen. Sicher ist, daß die 1. Panzerdivision in erbitterten 
Kämpfen am 22. Januar in der Stadt Budjonny weitgehend 
vernichtet wurde. «Restteile der ung. 1. Pz.-Division stehen 
noch bei Budjonny». lautet am 22. Januar 1943 ein Eintrag 
im Tagebuch des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht. 


130 



Etwas eingehender beleuchtet das Tagebuch der 2. ungarischen 
A rmee die Lage : -«Das 30. Panzerregiment führte mit den aus 
«len Kämpfen vom Vortage übriggebliebenen zehn Panzern 
einen Angriff gegen Alexejewka. Davon wurden zwei Panzer 
durch Beschuß vernichtet, drei liefen auf Minen und zwei wur- 
den anderweit fahruntüchtig.» 

Am 24. Januar trafen von der 1. Panzerdivision beim Ar- 
meekommando ein: 11 Panzer, 3 Panzerabwehrgeschütze, 
2 «Göring»-Geschütze und 850 Mann. Die Verluste waren 
enorm. Viele Soldaten des IV. und des VII. Armeekorps ver- 
dankten ihr Leben dem Einsatz der 1. Panzerdivision. 

Gänzlich aufgerieben wurde die Fliegerbrigade des Oberst- 
leutnants Kalman Csukäs. Das Wetter, der Treibstoffmangel 
und der schlechte Betriebszustand der Flugzeuge hatten es 
nur selten erlaubt, mit Einsatzflügen die Truppen zu unter- 
stützen. Fast alle Soldaten blieben auf dem Flugplatz; am 
18. Januar kam es zum Nahkampf — und dabei fielen sie. 
Aufschlußreich ist, daß die Kunde vom Tod des Komman- 
deurs die einzige Personalnachricht war, die die Zeitungen — 
wenn auch spät, am 9. Februar 1943 — bringen durften. 

«Das Telefon läutet, eine leise Frauenstimme verlangt 
mich zu sprechen», schrieb der Redakteur der «Pesti Hirlap», 
«.ich bin die Frau des Flieger-Oberstleutnants Kälmän Csu- 
käs und bitte Sie . . . mein Mann ist an der Front gefallen.' 
Die Leitung knackte, der Hörer wurde aufgelegt.» 

Der dreizehnte Tag 

Am Sonntag, dem 24. Januar 1943, lautet eine wortkarge 
Eintragung im Tagebuch des Armeekommandos : 

«Am heutigen Tag um 12 Uhr ist die ungarische Armee aus 
der Frontlinie herausgelöst worden.» 

Schluß. Zu Ende war das sinnlose Blutvergießen. Die noch 
einmal Davongekommenen hofften, nun vielleicht doch am 
Leben bleiben zu können. Das Gros der ungarischen Armee 
war vernichtet. 


131 



Aber die Presse in der Heimat brachte lauter angenehme 
Nachrichten. Am Samstagabend fand im Magyar Müvelödes 
Häza (Haus der Ungarischen Kultur), dem Erkel-Theater, 
ein Wunschkonzert statt. Franz Lehar dirigierte seine neueste 
Komposition, einen Werbetanz, persönlich. Im geheimen de- 
battierten gutunterrichtete Journalisten jedoch empört folgen- 
de Nachricht: Als wollte er auf diese Weise die Konsequenzen 
aus der Vernichtung der 2. ungarischen Armee ziehen, emp- 
fing Ministerpräsident Miklös Källay den Führer der ungari- 
schen Pfeilkreuzlerbewegung, den Faschisten Ferenc Szälasi, 
in Audienz. Ein unheilverkündendes Omen . . . ! 

Möglicherweise — so war indessen in den Zeitungen zu le- 
sen — wird man den Mörder von Ilona Schwarz-Fabian doch 
noch ergreifen: Die Polizei ist ihm auf der Spur. Sie sucht 
einen Mann mit Pelzmütze und Pelzjacke, der mit der trunk- 
süchtigen Tänzerin in einer Csärda auf der Hatärstraße in Kis- 
pest gezecht haben soll. 

Nachdem sich der lebende «Stoßdämpfer«- bewährt und 
seine Aufgabe erfüllt hatte, beschloß Hitler, sich der 2. ungari- 
schen Armee und ihres Befehlshabers zu entledigen. «Der 
Führer hat entschieden, das Kommando der 2. ungarischen 
Armee anzuweisen, ihre Kräfte zu reorganisieren. Er hat sie 
deshalb von ihrem bisherigen Kampfauftrag entbunden. Die 
noch kämpfenden Truppen werden deutschen Kommandos 
unterstellt. Der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht 
hat diese Entscheidung dem ungarischen Generalstabschef, 
Generaloberst Szombathelyi, mitzuteilen und ihn um Zu- 
stimmung zu bitten«-, können wir dem Tagebuch des Ober- 
kommandos der Wehrmacht unterm 22. Januar 1943 
entnehmen. Das bedeutet, daß diese Entscheidung, die Jäny 
erst am 24. Januar erhalten hatte, von Hitler und seinem 
Generalstab bereits am 21. Januar gefällt worden war. 

Gleichzeitig wurde — wie wir schon erwähnten — General- 
oberst von Weichs zum Feldmarschall befördert; man über- 
trug ihm einen neuen Aufgabenbereich. Jänys Vorgesetzter 
sollte fortan der Kommandeur der Heeresgruppe Mitte sein. 

Diese Entscheidung wirkte auf Gusztäv Jäny niederschmet- 


132 



Icrnd. Er bekam einen Wutanfall. Es ist anzunehmen, daß er 
keinen Augenblick lang ein Gefühl der Erleichterung emp- 
fand. Bewußt war ihm wohl nur, daß er eine Niederlage er- 
litten und daß Baron Weichs die Partie endgültig gewonnen 
hatte. Jäny ging auf die Straße hinaus. Dort sah er die zer- 
lumpten, halberfrorenen Soldaten apathisch in dem von Fahr- 
zeugen durchfurchten matschig-schmutzigen Schnee herum- 
stapfen: die steif gefrorenen Gesichter mit Tüchern umwickelt, 
die Stiefel zerfledert. Der Anblick dieses undisziplinierten 
Haufens, der jedes militärische Ansehen vermissen ließ, ent- 
fachte seinen blinden Zorn. Er dachte nicht daran, daß diese 
Menschen Opfer der ungarischen Regierung und der deut- 
schen Heeresführung waren, ja daß er selbst seine Soldaten in 
einen solchen erbärmlichen Zustand gebracht hatte, indem er 
sie waffenlos an die Front jagte. Vergessen war ebenfalls der 
eigene Ausspruch vor knapp einer Woche: « . . . Unsere Trup- 
pen haben so gekämpft, daß sie ein hohes Lob verdienen.» 
All das galt jetzt nicht mehr. Sein Gesicht brannte vor Scham 
und Wut. Er sah diese wie Bettler nach einem warmen Hap- 
pen gierenden zerlumpten Menschen und ging schließlich dar- 
an, seinen berüchtigten Befehl abzufassen. 

Hier der Text des Armeebefehls vom 24. Januar 1943: 

1. Die 2. ungarische Armee hat ihre Ehre verloren, denn 
mit Ausnahme weniger Soldaten, die ihrem Schwur und ihrer 
Pflicht treu geblieben sind, hat sie nicht erfüllt, was jeder- 
mann zu Recht von ihr erwarten durfte. 

Wenn eine Truppe ihre Pflicht erfüllt, und sie wird den- 
noch von feindlicher Übermacht aus den Stellungen gedrängt, 
so ist das keine Schande, sondern ein Unglück. Doch diese 
jede Haltung entbehrende, kopflose Flucht, die ich erleben 
mußte, ist eine Ehrlosigkeit, weshalb uns jetzt das verbündete 
deutsche Heer und die Heimat zutiefst verachten. Dazu haben 
sie auch allen Grund. 

2. Alle sollen wissen, daß ich niemanden wegen Krank- 
heit, Verwundung oder Erfrierungen von hier entlasse. Auf 
dem Gebiet, wo wir uns laut Befehl zu sammeln haben und 


133 



die Reorganisation durchführen werden, bleibt ein jeder so 
lange, bis er wieder kampffähig ist, oder er mag krepieren. 

3. Ordnung und Disziplin müssen mit eiserner Hand, wenn 
nötig, durch Hinrichtungen an Ort und Stelle, wiederhergc- 
stellt werden. Dabei gibt es keine Ausnahme, mögen es Of- 
fiziere oder gemeine Soldaten sein. Wer meinen Befehl nicht 
befolgt, verdient nicht, sein elendes Leben weiter zu fristen. 
Ich lasse nicht zu, daß irgend jemand unsere Schande noch 
vergrößert. 

4. Alle, auch die höchsten Kommandostellen, bleiben so 
lange am festgelegten Sammelplatz, bis sie meinen Befehl 
zum Abmarsch bekommen. 

5. Die Kommandeure der Sammel- und Leitstellen führen 
die neuformierten Truppen- und Trainteile aus Bjelgorod und 
Prochorowka in die für sie bestimmten Gebiete, im Bereich 
Süd zum 19. Marschblock, im Bereich Nord zum 10. Marsch- 
block. Die Offiziere dieser Truppenteile sind dafür verant- 
wortlich, daß weder Soldaten noch Fahrzeuge die westliche 
Grenze dieser Bereiche überschreiten. Wer dies versucht, ist 
zu erschießen; versucht es eine ganze Einheit, so muß diese 
dezimiert werden. 

Generalmajor vitez Asztalossy und Oberst Molnär mache 
ich für die Durchführung meines Befehls hier am Standort, 
Generalleutnant vitez Heszlenyi für die Aufrechterhaltung der 
Ordnung im Hinterland voll verantwortlich. 

Der Verpflegungssatz wird spürbar verringert werden. In 
erster Linie haben diejenigen ein Recht auf Verpflegung, die 
vorn kämpfen. Wer seinen Platz eigenmächtig verlassen hat 
und sich hier ohne Befehl aufhält, darf mit keiner ausreichen- 
den Kost rechnen. Unsere Stellungen werden jetzt von deut- 
schen Truppen gehalten, sie verdienen jede Fürsorge. Die 
Truppen der 2. ungarischen Armee hingegen dürfen, solange 
nicht wieder Ordnung herrscht und sie sich nicht zu kampffä- 
higen Einheiten formiert haben, damit nicht rechnen. Sie sind 
einer solchen Fürsorge unwürdig. 

6. Die Kommandeure der Süd- und Nordbezirke sollen ihre 
Gebiete in Train- und Truppenbereiche einteilen. 


134 



a) Im Train dürfen sich nur die verantwortlichen Offiziere 
sowie die von zuverlässigen, bewährten Unteroffizieren aus- 
gewählten Fahrer aufhalten. 

Eine Kolonne besteht aus 50 Fahrzeugen. 

b) Die Truppen sind — je nach Waffengattung — neu zu 
formieren, in den Divisionen sind Kampfeinheiten in einer 
Stärke von je 100 Mann zu bilden. Die Pkw-Fahrer sind in 
diese Kampfeinheiten einzugliedern. 

Die Angehörigen der verschiedenen Nationalitäten sind ge- 
sondert zu erfassen und in die Arbeitskompanien einzuglie- 
dern. 

Zur Trainmannschaft gehören nur ältere Ungarn. Falls 
junge Soldaten sich beim Train oder im Stab aufhalten, so 
sind diese unverzüglich auszuwechseln. Diese Maßnahme gilt 
auch für das Kantinenpersonal. Offiziersburschen jüngerer 
Jahrgänge dürfen nur in ihrer Funktion bleiben, wenn sie 
gleichzeitig Pkw-Fahrer sind. 

Generaloberst vitez Jäny, Armeekommandeur. 

Die verletzte Eitelkeit des Verfassers dieses Befehls kommt 
deutlich zum Ausdruck, und gerade das ist empörend. Nichts 
beunruhigte ihn so sehr, als daß ihn die Generalität der Wehr- 
macht verachtet. Eigentlich war die Lage eher umgekehrt: 
Jäny hätte die deutschen Verbündeten und die Heimat — von 
ihm wohl gleichgesetzt mit seinem Vorgesetzten Generaloberst 
Szombathelyi — verachten können. Auch kam ihm nicht der 
Gedanke, daß Szombathelyi sich vor der 2. ungarischen Ar- 
mee schämen müßte. 

Dieser ehemalige kaiserliche und königliche Offizier, der 
sich für einen vorbildlichen Soldaten hielt, jagte einem Phan- 
tom nach: dem Phantom einer Offiziers- und Generalsehre 
aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Dabei vergaß er, daß 
das Leben und die Geschichte Generale oft vor Situationen 
stellen, für die es im Offiziers-Ehrenkodex keinen Paragra- 
phen gibt. 

Dabei bietet die ungarische Geschichte hinsichtlich des Sol- 
datenmuts — ich habe diesen so sehr kompromittierten Aus- 


135 



druck absichtlich gewählt — genug Beispiele, die Jäny kannte 
und die ihm als Vorbild hätten dienen können. Recht seltsam 
und daher beachtenswert ist, daß das ungarische Offizierskorps 
in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen — obwohl da 
viel über «Soldatenmut» geschwatzt wurde, besonders bei Fei- 
erlichkeiten — kaum jener ungarischen Offiziere und Heer- 
führer gedachte, die nicht nur fachlich hervorragende Soldaten 
gewesen sind, sondern die nach der politischen Erkenntnis der 
Lage im Interesse des Wohlergehens der Nation auch mutig 
genug waren, ihren auf den König oder den Reichsverweser 
geleisteten Eid für nichtig anzusehen. Es genügt, wenn wir 
arnjene Honved-Generale denken, an die sich auch Jäny hätte 
unbedingt erinnern müssen während seiner schlaflosen Nächte 
in Alexcjewka. Ich meine die Märtyrer von Arad. Diese Ge- 
nerale des ungarischen Freiheitskampfes von 1848/49 waren 
im kaiserlichen Dienst aufgewachsene Berufsoffiziere. 

Zu Beginn der bürgerlichen Revolution führten sie ihre 
Soldaten siegreich gegen die Truppen des Serbischen Fürsten- 
tums, die in das Gebiet des ungarischen Königreiches einge- 
fallen waren. Danach kam es — mit wechselndem Erfolg zwar 
— im Jderbst 1848 bei Schwechat und im Januar 1849 bei 
Szolnok zur direkten Konfrontation mit dem kaiserlich-öster- 
reichischen Heer. Unerwartet standen sie hier sogar ihren ei- 
genen Kameraden gegenüber, die im Dienste der feudalen Re- 
aktion fochten. Zumeist waren diese Offiziere Aristokraten, 
Angehörige des Hochadels. Ihr Entschluß, für die Freiheit und 
Unabhängigkeit Ungarns zu kämpfen, war gewiß nicht das Er- 
gebnis eines allmählichen politischen Reifeprozesses. In einer 
unverhofften Situation mußten sie sich sofort entscheiden, und 
zwar endgültig, und sie entschieden sich im Interesse ihrer 
Soldaten für die Sache des Volkes. 

Als Gusztäv Jäny im Januar 1943 über das Schicksal seiner 
Armee entscheiden mußte, in einer Situation, in der er sowohl 
den Ausgang der Schlacht als auch den wahren Hintergrund 
der schädlichen Befehle seiner deutschen Verbündeten und 
Vorgesetzten klar erkannt hatte, befand er sich also nicht in 
einer Lage, von der man sagen könnte, daß sie bisher ohne 


136 



Beispiel gewesen wäre. Warum hätte vitez Jäny nicht das 
gleiche tim können wie 1848 der Edelmann Arisztidesz Des- 
sewffy von Csetnek und Tarkeö, der Gentry aus Säros, oder 
Graf Käroly Vecsey, Sohn des Kommandanten der adligen 
Leibgarde und bisher kaisertreuesten ungarischen Generals, 
dessen jüngere Schwester Erzieherin des Kronprinzen und 
späteren Kaisers Franz Joseph I. war, oder Ernö Kiss von 
Ittebe und Elemer, -«ein ungarischer Nabob», ein schwerrei- 
cher Gutsbesitzer, oder Graf Käroly Leiningen-Westerburg, 
ein Verwandter der Königin Viktoria? 

Genau ein solches Handeln befürwortete Jäny einst selbst 
als Kommandant der Ludovikä-Akademie. In der Ausgabe der 
«Ludovikäs Levente* vom 15. Dezember 1933 schreibt er 
über den «Beruf des Honved-Offiziers* folgendes : 

«Derjenige, der von der Richtigkeit seines Entschlusses über- 
zeugt ist, muß diesen auch mit allen Mitteln durchführen . . . 
Wenn ein Kommandeur sieht, daß der erhaltene Befehl infolge 
der Veränderung der Lage und der Verhältnisse nicht durch- 
führbar ist, soll ihn gerade sein Wissen und seine Willenskraft 
befähigen, selbständig und in eigener Verantwortung zu han- 
deln; denn Untätigkeit, ständiges Warten auf neue Befehle 
sind schwerwiegende Fehler, die das Leben kosten können.* 

Wenn der Armeekommandeur Jäny im Januar 1943 jenen 
klugen Rat befolgt hätte, den der Oberst Jäny einst 10 Jahre 
zuvor allen Honved-Offizieren erteilte, dann hätte sich das 
Schicksal der ihm anvertrauten Armee gewiß anders gestaltet. 

Die Aktion dieser Honväd-Generale 1848/49 war von poli- 
tischer Tragweite und wohl gerade deshalb im faschistischen 
Offizierskorps Ungarns kaum beachtet. Das ist die eine trau- 
rige Tatsache; die andere ist aber, daß Jäny auch bei gründ- 
licher Kenntnis der Geschichte sich kaum anders verhalten 
hätte, denn er war durch und durch reaktionär, blieb Sklave 
eines falsch aufgefaßten persönlichen Prestiges. 

Im Januar 1943 dachte Jäny wahrscheinlich nur daran, daß 
man ihn gedemütigt hatte und daß selbst seine unmittelbare 
Umgebung ihn mit hämischem Grinsen beobachtete. «Unsere 
Stellungen werden jetzt von deutschen Truppen gehalten, 


137 



sie verdienen jede Fürsorge.» Welch eine traurige, lächerliche 
Phrase! Den Platz der 2. ungarischen Armee hatten nicht deut- 
sche, sondern sowjetische Truppen eingenommen, Kämpfer 
des Volkes, die Zurücknahmen, was ihnen gehörte. Wo waren 
denn die deutschen Truppen!? Sie waren weiter vom Don ent- 
fernt als die ungarischen. Jäny hätte daran denken sollen, daß 
zum Beispiel in Nordafrika, wo die englischen Panzer die 
Truppen des Generals Rommel mit stürmischer Geschwindig- 
keit aufrollten, keine ungarischen Soldaten standen, die Deut- 
schen jedoch auch dort die Flucht ergriffen; oder daß es in 
dem umzingelten Stalingrad keinen einzigen Ungarn gab und 
eine ganze deutsche Armee dort ebenfalls ihrem Untergang 
entgegensah. Er hätte zugeben sollen, daß es hier nicht bloß 
um die Ehre eines ungarischen Generals ging,’ auch nicht dar- 
um, daß ihn ein anderer General schlechtmachte, weil seine 
Soldaten undiszipliniert seien, sondern um wesentlich mehr. 

Doch für die vor dem ersten Weltkrieg erzogenen Generale 
von altem Schrot und Korn war — mit wenigen Ausnahmen 
— das Verhalten Jänys geradezu charakteristisch. Das be- 
zeugt auch Wilhelm Adam, 1. Adjutant des Generalfeld- 
marschalls Paulus, wenn er über die Entscheidungssituation 
während der Stalingrader Schlacht berichtet: «Mochte die 
Notwendigkeit selbständigen Handelns noch so zwingend 
sein, Paulus verhielt sich stets wägend, nicht wagend. Er 
blieb ein gehorsamer General. Darin wurde er von seinem 
temperamentvollen, aber auch fanatischen Stabschef, General- 
major Schmidt, und den meisten Kommandierenden Genera- 
len bestärkt. Auch ich selbst kam trotz vieler innerer Kon- 
flikte über dieses schmerzhafte, aber doch konsequenzlose 
Wägen nicht hinaus.» 

Adam war Zeuge, wie Paulus im Bewußtsein der sicheren 
Niederlage und der Sinnlosigkeit des weiteren Kampfes einige 
Minuten lang erwog, ob er den Führerbefehl — Durehhalten 
bis zum Äußersten — verweigern sollte. Und als er dann mit 
Paulus darüber sprach, gestand dieser offen, nicht genügend 
Mut zu haben, um sich gegen Hitler aufzulehnen. Paulus ver- 
glich sich mit dem damals nicht mehr lebenden General von 


138 


Reichenau, der sich Hitlers Befehl einmal widersetzt hatte, 
und sagte: «Es ist denkbar, daß sich der Draufgänger Reiche- 
nau nach dem 19. November mit der 6. Armee nach Westen 
durchgekämpft und dann Hitler erklärt hatte: Jetzt können 
Sic über meinen Kopf verfügen. Aber wissen Sie, Adam, ich 
hin kein Reichenau.» 

Nun ja, Jäny war nicht «der Draufgänger Reichenau», aber 
auch nicht einmal ein Paulus, der dann doch noch über 
die erforderliche moralische Kraft verfügte, wie dies sein 
weiteres Verhalten in Stalingrad bewies. Später mag Jäny 
vielleicht auch die Schädlichkeit und Verantwortungslosigkeit 
seines berüchtigten Befehls eingesehen haben. Es gibt An- 
zeichen dafür, daß er zuweilen den Deutschen gegenüber für 
seine Soldaten eintrat. Doch da war es schon zu spät, war er 
bereits ein fallengelassener Mensch: schlecht angesehen bei 
seinen ungarischen Vorgesetzten, gehaßt von seinen Soldaten, 
und seine deutschen Vorgesetzten mißachteten seine Anord- 
nungen. Da will es nicht viel besagen, daß er im Frühjahr 
1943 noch das Ritterkreuz zum deutschen Eisernen Kreuz 
erhielt. Im Sommer 1943 wurde er in den Ruhestand ver- 
setzt. Seine Karriere war zu Ende; sein unterwürfiger Ge- 
horsam hatte sich nicht gelohnt. 

Später mußte er sich für die Zehntausende, die er in einen 
sinnlosen Tod geschickt hatte, verantworten. 


139 


Jetzt ist Winter 

und Stille und Schnee und Tod 


« Seitdem der Schnee so reichlich gefallen ist, sieht die Burg 
aus wie eine im Winterschlaf erstarrte Märchenwelt .» — Grä- 
fin Ella Edelsheim-Gyulai in der «Pesti Hirlap» (Pester 
Nachrichten), 21. Januar 1943 

Am 27. Januar 1943, zwei Wochen nach dem Durchbruch bei 
Uryw, befand sich die nördlichste Einheit der 2. ungarischen 
Armee, das 1. Bataillon des 3. Regiments der 9. Division des 
III. Korps, noch in ihrer Stellung am Don, obwohl die 2. un- 
garische Armee am 24. Januar 1943 auf Anordnung der deut- 
schen Heeresführung aus der Frontlinie ausgeschieden war. 
Seit dem 25. Januar wehte die russische Fahne an den Ge- 
bäuden von Woronesh. Die deutsche Armee hatte sich vom 
Ufer des Don zurückgezogen. An diesem Tage fragte General- 
stabsoberst vitez Elemer Meszöly, Leiter der I. Abteilung 
des Generalstabs in Budapest, den Generalmajor Gyula Ko- 
vacs durch Telefon, was er über das Schicksal des III. Armee- 
korps wisse, und er bekam folgende Antwort: -«Gar nichts, 
wahrscheinlich ist cs in schwere Kämpfe verwickelt . . .» Zu 
dieser Zeit hatte sich Koväcs zusammen mit Jäny schon 
215 Kilometer Luftlinie vom 1. Bataillon des 3. Regiments 
entfernt. Kein Wunder, wenn sie nichts darüber wußten. Da- 
bei hätte es wirklich nichts geschadet, wenn vitez Ivovacs und 
sein Kommandeur, vitez Jäny, über dieses Armeekorps und 
vor allem über sein 3. Regiment im Bilde gewesen wären; 
dann hätten sie sich vielleicht ihren drei Tage zuvor heraus- 
gegebenen Befehl besser überlegt. 

Von den «alle Fürsorge verdienenden» deutschen Truppen 


140 



war kein einziger Mann mehr am Donufer zu finden; doch 
ungarische Soldaten, die angeblich ihre Ehre verloren hatten, 
standen immer noch dort. Die sowjetischen Truppen hatten 
diese Einheit umgangen und waren tief ins Hinterland vor- 
gestoßen. 

Bataillonskommandeur Hauptmann Istvän Czenthe hatte 
am 27. Januar den Rückzugsbefehl erhalten, und dement- 
sprechend begann er mit 22 Offizieren, 666 Soldaten und 55 
landesüblichen Fahrzeugen planmäßig seine Stellungen zu 
verlassen. «Der Kampfgeist der Truppen ist einwandfrei. De- 
moralisationserscheinungen sind nicht zu beobachten»-, mel- 
dete Hauptmann Czenthe, obgleich er nur zu gut wußte, in 
welcher Situation sein Bataillon sich befand. Er hatte vor 
knapp zwei Jahren geheiratet, sein Söhnchen war noch nicht 
ein Jahr alt. Ebenso wie seine Soldaten aus Göcse vermutete 
er, daß nun der Tod auf sie warte. Das Soldatenglück jedoch 
verschonte den Hauptmann Czenthe einstweilen, erst zwei 
Jahre später, im Juli 1944, fiel er an den Hängen der Kar- 
paten. Am 27. Januar 1943 abends zog diese Einheit in west- 
licher Richtung ab und traf bald auf sowjetische Truppen. Es 
begann ein blutiger Kampf. Innerhalb einer halben Stunde 
mußte das Bataillon einen Verlust von fünfzig Prozent hin- 
nehmen; auch der Regimentskommandeur war gefallen. Im 
Bericht des Hauptmanns Czenthe heißt es: «Hier auf der 
Straße habe ich den Personenwagen gesehen, mit dem Regi- 
mentskommandeur Oberstleutnant Rözsey vorausgefahren 
war. Das Auto war zusammengeschossen. In dem Wagen 
konnte ich niemanden sehen. In der Nähe des Wagens und in 
der Umgebung sah ich den Regimentskommandeur auch nicht, 
und meine Begleiter haben ihn ebenfalls nicht finden können. 
Der Fahrer lag tot neben dem Auto.» 

Das um fast vierhundert Mann verringerte Bataillon schlug 
sich aus dem feindlichen Ring heraus, schloß sich seinem Re- 
giment an und bezog einen Quartierbereich hinter der Front, 
der ihm Sicherheit bieten sollte. Sicherheit bietender Quartier- 
bereich? Es wurden mehr Ungarn von den Deutschen ver- 
nichtet als von den sowjetischen Streitkräften. Doch um dar- 


141 



über sprechen zu können, müssen wir unseren Film gleich- 
sam zurückdrehen. 

Das III. ungarische Armeekorps hatte Generaloberst Weichs 
am 15. Januar 1943 der 2. deutschen Armee zugeordnet, prak- 
tisch aber war es einer gleichrangigen Einheit unterstellt wor- 
den, nämlich dem benachbarten VII. deutschen Armeekorps. 
Der Kommandeur, Generalleutnant Friedrich Siebert, sym- 
pathisierte nicht mit den Ungarn, gelinde ausgedrückt. Gleich- 
zeitig aber kam ihm der unerwartete Personalzuwachs ge- 
legen: Endlich konnte er seinen linken Flügel schützen. All- 
zuviel erwartete er freilich nicht, denn ihm war die schlechte 
Ausrüstung der 2. ungarischen Armee ja bekannt. Aber er 
kalkulierte sogleich, daß diese immerhin noch 40 000 bis 
50 000 Mann starke ungarische Truppe auch waffenlos, als le- 
bende Masse, geeignet sein würde, den Schwung des sowjeti- 
schen Angriffs zu bremsen. Und wie lange? So lange, bis das 
deutsche Korps alle Werte und Waffen retten und in Ruhe 
Woronesh räumen konnte. Die Anwesenheit des III. ungari- 
schen Korps war auch deshalb wichtig geworden, weil die 
Heeresgruppe B überhaupt keine Reserve mehr hatte, denn 
bei dem allgemeinen Rückzug war auch das Cramer-Korps 
von den rasch vorwärtsdrängenden sowjetischen Truppen von 
dem Gros der Heeresgruppe B abgeschnitten worden. 

Generalleutnant Siebert hatte Generalmajor Stomms 
III. Armeekorps zunächst nicht weiter beachtet. Das ungari- 
sche Korps war ihm ja auf jede Weise ausgeliefert: Den Rück- 
zug nach Westen hatte der sowjetische Durchbruch vereitelt, 
den noch freien Weg nach Norden aber hielten sie, die Deut- 
schen, besetzt. 

Graf Stomm war also vorerst mit seinen eigenen Sorgen 
beschäftigt. Rufen wir uns die Lage seines Armeekorps vom 
15. Januar 1943 ins Gedächtnis zurück. 

Der sowjetische Durchbruch bei Uryw hatte die südlichste 
Division, die 20., im wesentlichen von weiteren Kämpfen aus- 
geschaltet. Sie war zwar nicht völlig vernichtet worden, und 
unter dem Kommando von Oberst vitez Friegyes Väsary sam- 
melte sie sich in den zwischen Djewicabach und Donfluß ge- 


142 



lcgenen Dörfern, doch eine taktische Bedeutung besaß sie nun 
nicht mehr. Im übrigen war sie auch vom nördlichen Teil des 
III. Korps und demzufolge ebenfalls von der Kommando- 
stelle abgetrennt; denn die sowjetischen Kräfte, die über die 
Verteidigungsstellungen der 20. Division hinweggestürmt wa- 
ren, griffen bereits die nördlich von ihr gelegene 6. Division 
an. Die von der Seite und von hinten bedrängte Division 
wehrte sich verzweifelt. Da ihre Hauptkräfte aber zum Don 
hin standen, war ihre Lage hoffnungslos. Vernehmen wir 
einen Situationsbericht von den Kämpfen der 6. Division aus 
Komärom : 

Leutnant Sandor Levay, der Artilleriebeobachter der Divi- 
sion, der sich in der vordersten Gefechtslinie befand und von 
dort das Feuer der Kanoniere leitete, bekam von seinem 
Obersten durch das Feldtelefon einen Befehl: 

«Sanyi, ziehe dich zurück. Dein Kommandeur ist gefal- 
len .. . Oskino, das Divisionsquartier, ist bereits in russischer 
Hand. Du kannst auch nur noch über das Gebiet der 4. Bat- 
terie zurückkommen. Beeil dich, wir warten!» 

«Herr Oberst, ich komme nicht. Ich kann von hier großartig 
sehen. Bin mit allem im klaren, komme erst dann, wenn ich 
nicht mehr helfen kann.» 

«Herr Leutnant Levay, sofort zurückkommen! Ende!» 

Nun sprach Levays Freund ins Telefon: 

«Sanyi, mach keine Dummheiten, komm zurück, ich sehe 
doch an den Artillerieeinschlägen, daß du schon fast deinen 
eigenen Beobachtungsstand beschießen läßt, das ist ja beinahe 
Selbstmord.» 

«Solange ich nützlich sein kann, gehe ich nicht.» 

«Sanyi!» 

«Wir sind nur noch zu zweit mit meinem Beobachtungs- 
offizier. Insgesamt haben wir vier Handgranaten und zwei 
Pistolen. Die Russen haben uns schon völlig umzingelt. Drei 
Minuten lang laß bitte die Umgebung meines Beobachtungs- 
standes beschießen, was das Zeug hält. Dann werde ich ver- 
suchen auszubrechen. Wenn es nicht gelingt, na dann lebt 
wohl.» 


143 



Um 15.30 Uhr fiel Leutnant Levay. 

Generalmajor Graf Stomm, der die hoffnungslosen Kämpfe 
der 6. Division beobachtete und dessen Gefechtsstand auf dem 
Gebiet der Division im Dorf Semidesjatnoje lag, beschloß, in 
den Bereich der nördlichsten, der 9. Division nach Iwanowka 
hinüberzuwechseln. Der Korpskommandeur qrdnete an, daß 
der Oberstleutnant der Feldgendarmerie, Lajos Tavassy, mit 
den zurückgebliebenen Feldgendarmen, den Traineinheiten, 
einem deutschen Bataillon und drei Artilleriebatterien Semi- 
desjatnoje zu verteidigen hatte. Abgesehen von den bei der 
6. Division stattfindenden Kämpfen, herrschte am folgenden 
Tag verhältnismäßig Ruhe. Die Aufmerksamkeit des sowjeti- 
schen Frontkommandos war durch die Abschlußoperationen 
bei Ostrogoshsk-Rossosch in Anspruch genommen, also durch 
die Befreiung der im Bereich des IV. und VII. Armeekorps 
liegenden Bahnlinie. Aber wie bedingt diese Ruhe, militärisch 
gesehen, tatsächlich war, dafür ist der folgende Abschnitt aus 
dem Fronttagebuch von Lajos Konya ein beredtes Beispiel. 
Könyas Regiment war gerade in den Tagen des Durchbruchs 
bei Uryw abgelöst worden, ihn selbst hatte die Nachricht und 
der Befehl, bleiben zu müssen, inmitten seiner Freude über 
die Heimkehr erreicht. Zu dieser Zeit hielt er sich aber schon 
ziemlich weit vom Don entfernt, im Dorf Rogowatoje, auf. 
Seine Waffen Und die Winterkleidung hatte er bereits abge- 
geben. 

■«Rogowatoje, am 14. Januar 

Am Abend legten wir uns ermüdet schlafen. Um halb drei 
Uhr klopfte es, es war Alarm. Eine eigenartige Sache. Wir 
konnten sie uns nicht erklären. Im kalten Kommandeurzim- 
mer erfuhren wir mehr darüber: Irgendwo bei der 20. Divi- 
sion griffen die Russen an. Wir drängten uns um das Telefon: 
Durchbruch, Räumung des Krankenhauses, Rundumverteidi- 
gung — nur schwach vernahmen wir solche inhaltsschweren 
Worte ... Im Dorf mußten sämtliche durchziehenden Ein- 
heiten aufgehalten werden, zur Rundumverteidigung. Auf 
diese Weise gelangte ich mit einer Gruppe hinaus an den 
Dorfrand, auf Feldwache . . . 


144 



15. Januar 

Die Russen haben Repjowka erreicht, das Nachbardorf. 
Flüchtlinge kommen, Verwundete werden gebracht, das La- 
zarett packt ein. Aber um uns kümmert sich niemand. Am 
Nachmittag sind wir in Sinije-Lipagi. Doch vorläufig erfahren 
wir auch da nicht viel. Die Straßen sind voller Soldaten, die 
Finheiten stehen marschbereit und warten, ein deutscher 
Stabsoffizier telefoniert nervös beim Trainkommando. Ich 
warte darauf, mit dem Armeekorps sprechen zu können, zu 
dem keine Verbindung besteht und von dem niemand weiß, 
wo es sich befindet. Doch sicher ist, daß es seinen Standort 
verlassen hat. Ich höre allerlei von hier und dort: Die Russen 
haben bei Uryw mit zweihundert Panzern die Front durch- 
brochen; großer Rückzug — die Artilleristen haben ihre Ge- 
schütze gesprengt und sind geflohen; die Russen sind nur 
noch 20 bis 25 Kilometer von hier entfernt. 

16. Januar 

Sinije-Lipagi ist mit Flüchtlingen überfüllt, man organisiert 
sie, spannt sie in die Verteidigung ein. Nacheinander kommen 
Ungarn, Deutsche . . . Die Lage ist bedenklich ernst. An der 
Wand hängt eine große Landkarte, davor wird erregt disku- 
tiert. Ein deutscher Leutnant tritt ein, er weint — um seine 
Geschütze und seinen Hauptmann, der an seiner Seite gefal- 
len war. Ein Leutnant im Mantel spricht mich an, ich erkenne 
ihn fast nicht. Er war mein Jahrgangskamerad auf der Offi- 
ziersschule. Damals befand er sich noch im Stimmbruch. ,Wir 
sind aus Uryw davongelaufcn, dort herrschen entsetzliche Zu- 
stände 6 , sagt er.» 

Sonntag, den 17., und Montag, den 18., war dann auch 
diese relative Ruhe zu Ende. Am 17. Januar, an jenem Tag, 
an dem das VII. Korps von der Heeresgruppe B ebenfalls den 
Rückzugsbefehl erhalten und die gesamte von Jäny geführte 
2. ungarische Armee nun auch «amtlich» den Rückzug ange- 
treten hatte, lieferte die 6. Division früh um 7 Uhr auf der 
einzigen instand gehaltenen Straße der ganzen Gegend, der 
Stalinstraße, den sowjetischen Streitkräften ein schweres Ge- 
fecht. Am nächsten Tag, am 18. Januar, war die 6. Division 


10 Ncracskürty, Untergang 


145 



vernichtet. «Ganze Reihen blieben auf dem Schlachtfeld steif- 
gefroren liegen», besagt die uns überlieferte trockene Mel- 
dung. Mehr wissen wir über dieses Gefecht nicht, doch dieser 
kurze Satz genügt, um uns vorstellen zu können, was ge- 
schehen war. Arme, Beine, Gesichter kamen zum Vorschein, 
wenn in der Kälte von minus 36 Grad der Wind den in der 
Nacht gefallenen Pulverschnee hinwegfegte, unter dem die 
niedergetrampelte, knochenhart gefrorene ältere Schneeschicht 
ihre Gefangenen wie in einem Sarg bewahrte. Eine schwarz- 
gefrorene Hand hielt immer noch das Gewehr fest, aus einem 
Gesicht mit dichtem Vollhart leuchtete weiß ein Augenpaar 
hervor. 

Die Vision von Mihaly Vörösmartys (fortschrittlicher un- 
garischer Dichter, 1800 bis 1855) zeichnet sich vor unseren 
Augen ab: «Jetzt ist Winter und Stille und Schnee und Tod.» 
Ach, wie schön doch die Gräfin Ella Edelsheim-Gyulai am 
21. Januar in der Donnerstagsnummer der «Pesti Hirlap» 
dieses vielen Schnees gedachte : «Seitdem der Schnee so reich- 
lich gefallen ist, sieht die Burg aus wie eine im Winterschlaf 
erstarrte Märchenwelt. Die Bäume am Berghang haben ein 
Spitzenkleid angelegt, auf den einsamen Serpentinen des ver- 
schneiten Parks spaziert aneinandergeschmiegt mitunter ein 
Liebespärchen dahin . . .» Wahrhaftig: Der Schnee war für 
Budapest eine große Sensation geworden. «Eine große Menge 
vergnügter Schiläufer am Normafa», frohlockt der «Esti Ku- 
rir» (Abendkurier) in einer Schlagzeile. 

«Gemäß dem im Laufe des Tages herausgegebenen Armee- 
korpsbefehl existiert die 6. Division nicht mehr», heißt es 
lapidar in der vorhin zitierten Meldung. Das am nördlichsten 
gelegene, relativ ungeschoren gebliebene Bataillon 52/III. 
unter seinem Kommandeur Hauptmann György Hermandy 
Berencz wurde der 9. Division als Reserve zugeteilt. Damit 
war das III. Armeekorps am 18. Januar 1943 auf eine einzige 
Division zusammengeschmolzen. 

Der Kommandeur der 9. Division, Oberst vitez Kornel 
Oszlänyi, fuhr sofort zum südlichen Abschnitt seiner Division, 
um dort die Flankenverteidigung zu organisieren. Zusammen 


146 



mit dem Kommandeur des 47. Infanterieregiments aus Zala- 
egcrszeg, Oberst Sändor Martsa, war er bestrebt, die noch 
am Leben gebliebenen, umherstreifenden Soldaten der zer- 
schlagenen 6. Division mehr oder weniger gewaltsam aufzu- 
Iialten: «Wir durchsuchten jedes Haus, haben viele ruhende 
Soldaten aus den Häusern herausgeholt.» — «Fest entschlos- 
sen, mit der Pistole in der Hand, machte ich midi auf, die 
Zurückflutenden zur Umkehr zu zwingen», berichtet vitez 
Oszlänyi im Februar 1943 in einem behaglich erwärmten 
Krankenzimmer des Budapester Offizierskrankenhauses und 
rühmt sidi auch noch damit, gezwungen gewesen zu sein, eine 
große Anzahl ungarischer Soldaten niederzumetzeln, weil sie 
ihm, infolge der Kälte völlig apathisch, nicht gehorchen woll- 
ten. — Und nun ein Wunder: Der bisher so schweigsame, un- 
garfeindliche Generalleutnant Siebert tauchte plötzlich auf 
und steckte dem Oberst Oszlänyi persönlich das deutsche 
Eiserne Kreuz zweiter Klasse an die Brust ! 

Die zur Aufrechterhaltung der Disziplin eingeführten Maß- 
nahmen waren drastisch : Generalstabschef Särkäny zum Bei- 
spiel gab Oberst Martsa den Befehl, den Kommandeur des 
auseinandergelaufenen Bataillons, Hauptmann Barna, «in 
Anwesenheit der Mannschaft auf dem Kirchplatz erschießen 
zu lassen», und Martsa, der sonst nie zögerte, wenn er harte 
Entscheidungen zu treffen hatte, konnte die Exekution nur 
mit Mühe abwenden. 

Vom 18. Januar an herrschte wieder Rübe. Die 9. Division 
gab sich gelassen. Südlich von ihr erwarteten die Restteile 
des Korps, die sich auf Kreisverteidigung eingerichtet hatten, 
einen neuen Angriff, zum Beispiel auch Oberstleutnant Ta- 
vassy in dem Dorf Semidesjatnoje. «Die Einheiten der Ro- 
ten Armee haben die umliegenden Dörfer nach und nach be- 
setzt», schreibt Jänos Csima in seiner auf Quellenangaben be- 
ruhenden Publikation. Kämpfe hatte es keine mehr gegeben. 
Die Sowjettruppen an der Woronesh-Front waren immer 
noch mit der Liquidierung des IV. und VII. Korps der 2. un- 
garischen Armee beschäftigt. Doch davon weiß nur der Leser. 
Die Soldaten des III. Korps einschließlich ihres Kommandeurs 


147 



Generalmajor Marcell Stomm erkannten lediglich, daß der 
ungarische Armeebefehlshaber sie dem deutschen General- 
leutnant Siebert ausgcliefert hatte und ein neuer Angriff sie 
völlig vernichten würde. Seil sein Korps zu einer einzigen Di- 
vision zusammengeschmolzen war, befand sichMarcell Stomm 
ohnehin in einer recht seltsamen Lage, denn die 9. Division 
hatte ja einen Kommandeur; Stomms Aufgabe bestand fast 
nur darin, Sieberts Befehle an Oszlänyi weiterzuleiten. Die 
beiden verstanden sich offenbar ausgezeichnet; ihn, Marcell 
Stomm, den ehemaligen ungarischen Militärattache in Lon- 
don und Washington, nahmen sie nicht in ihren Kreis auf. So 
war er ein Kommandeur ohne Heer und Kompetenzbereich, 
über die Kriegsgeschehnisse informierte man ihn nicht; von 
der Lage konnte er sich nur ein einigermaßen klares Bild ver- 
schaffen, indem er seinen Stab separate Aufklärungen durch- 
führen ließ. 

Stomm und sein Stab wurden ohnehin von den Deutschen 
argwöhnisch betrachtet. Der Generalmajor selbst galt ihnen 
wohl auf Grund seiner früheren Tätigkeit als zu england- 
freundlich. Bekannt war auch seine kritische Einstellung aus 
dem Jugoslawien-Feldzug der Deutschen, an dem er als Kom- 
mandeur der 14. Infanteriebrigade teilgenommen hatte. Im 
übrigen war Stomm, zweimal schon im ei'sten Weltkrieg ver- 
wundet, ein tapferer Soldat, den ein gutes Verhältnis mit sei- 
nen Untergebenen verband. Jetzt kochte er vor Wut, weil ihm 
allmählich bewußt wurde, welche Rolle man ihm bei der Hee- 
resgruppe B zugedacht hatte. Aber noch verdächtiger als er 
selbst war sein Freund, Generalmajor Deseö, der nicht in 
London, sondern in Moskau Militärattache gewesen war. 
Deseö kannte die russischen Verhältnisse genau und ahnte 
wohl, wer den Krieg gewinnen würde. Zur Militärdiplomatie 
zählte auch als ehemaliger Attache in Warschau und Bern 
Stomms Stellvertreter, Generalstabsoberst vitez Jenö Sar- 
käny. Dieser Offizier neigte zu sehr vorsichtigen Erwägungen, 
als Soldat bejahte er jedoch Oszlänyis energische Maßnah- 
men und bemühte sich, die Verteidigung wirkungsvoll zu 
organisieren. Von Stomms Korpsgeneralstab galt für die 


148 



Deutschen lediglich Generalstabsmajor Ernö Csathö von Csa- 
löszcg als ein besonders zuverlässiger Offizier. Dieser Leiter 
der Operalionsabteilung, ein eleganter Karrierist, der sich 
vom Train in den Generalstab emporgearbeitet hatte, wird 
von Istvän Kossa in seinem Kriegserinnerungsroman wegen 
seiner Grausamkeit als «Mörder Csathö» erwähnt. Major 
Csathö sollte später in sowjetischer Gefangenschaft Stomms 
böser Geist werden. Er verhinderte den organisierten anti- 
faschistischen Zusammenhalt der ungarischen Soldaten. Zu- 
nächst aber befanden sie sich hier im Dorf Iwanowka, 30 Kilo- 
meter von Woronesh entfernt, und wußten nicht, was sie an- 
fangen sollten. Für Stomm gab es keine andere Aufgabe als 
abzuwarten, was auf sie zukommen würde, und den Rückzug 
mit den Deutschen zusammen anzutreten, wenn die Situation 
es gebot. 

Diese Zeit war eigentlich am 24. Januar 1943 da. Noch keine 
zwei Wochen waren vergangen, seit die sowjetischen Soldaten 
bei Uryw die Front durchbrochen hatten, und schon konnten 
sie mit einer zweiten Operation beginnen; denn für die erste 
hatten sie nur zehn Tage benötigt. Wir zitieren die sowjeti- 
schen Kriegshistoriker: 

«Das Kommando der Woronesher Front und Armeegeneral 
Wassiljewskij, Vertreter des Hauptquartiers, der sich bei den 
Truppen der Front aufhielt, empfahlen am 18. Januar 1943, 
gleich nach der Einkesselung der Gruppierung bei Ostro- 
goshsk-Rossosch, dem Hauptquartier, die Woronesh-Kastor- 
noje-Operation durchzuführen, dabei die 2. deutsche Armee 
zu zerschlagen und die Jelec-Kastornoje-Balmlinie dem Feind 
zu entreißen ... Zu dieser Zeit bildete die 2. deutsche Armee 
einen tief in die Stellungen der Sowjettruppen hineinreichen- 
den Keil. Diesen Keil konnte man leicht umklammern. Auf 
dem Gebiet bei Woronesh standen insgesamt 12 gegnerische 
Divisionen: 9 Divisionen der 2. deutschen Armee und 3 un- 
garische Divisionen . . . Diese Divisionen kämpften alle in vor- 
derster Frontlinie. Das deutsche Kommando hatte keinerlei 
Operationsreserven . . . 

Die Kampfoperation bei Woronesh-Kastornoje begann am 

149 


24. Januar 1943 damit, daß die sowjetische 40. Armee. . . in 
Richtung Kastornoje zum Angriff überging. Am 25. Januar 
startete unter dem Kommando von Generalmajor Tschernja- 
chowski die 60. Armee ihren Angriff . . . Am 26. Januar 
schalteten sich auch die 13. Armee unter Generalmajor Pu- 
chow und die 38. Armee unter Generalleutnant Tschibissow 
in den Angriff ein. Wegen des Angriffs der 40. Armee hatte 
das deutsche Kommando bereits am 25. Januar mit der Rück- 
nahme seiner Truppen aus dem Bereich Woronesh in Rich- 
tung Westen begonnen. Doch da war es schon zu spät. Die 
erfolgreich vordringenden Truppen der 40., 13. und 38. Ar- 
mee vereinigten sich im Bereich Kastornoje und schnitten der 
2. deutschen Armee die Rückzugswege ab. . .» 

Die 9. ungarische Division wurde von den Truppen der 
40. sowjetischen Armee angegriffen. Am 24. und 25. Januar, 
als die 2. deutsche Armee Woronesh bereits geräumt hatte 
und ihre Nachhutgefechte schon gut 30 Kilometer vom Don 
entfernt stattfanden, hielt die 9. Division noch in der alten 
Stellung aus. Da große Gefechte, ähnlich den Durchbruchs- 
kämpfen bei Uryw und Stschutschje, hier nicht stattfanden, 
sind die Kriegshistoriker der ungarischen Volksarmee der An- 
sicht, daß «jene Darstellung, wonach sie unter schweren Kämp- 
fen ausgebrochen sei, falsch ist». 

In der Tat: Die im geheizten Krankenhauszimmer abge- 
faßten prahlerischen Kriegsberichte von Oberst Oszlänyi — 
auf denen schon Generalmajor Gyula Kovacs mit grünem 
Stift vermerkte: «sehr verworren» — sind übertrieben; doch 
das bedeutet nicht, daß die Regimenter der 9. Division 
nicht bis weit über den Zeitpunkt hinaus, da die Deutschen 
Woronesh räumten, standhielten. Und diese Kämpfe forderten 
große Opfer. In den drei Tagen vom 24. bis 27. Januar, also 
bis zum Augenblick des durch Generalleutnant Siebert an- 
geordneten Rückzugs, erreichten die blutigen Verluste vieler 
Bataillone 50, ja sogar 70 Prozent. 

Nehmen wir zum Beispiel das kurz zuvor erwähnte 2. Ba- 
taillon des 22. Regiments, es hatte die Kämpfe der 6. Division 
am 15. und 16. Januar als einzige Einheit fast vollzählig über- 


150 



Ständen. Von diesem Bataillon waren am 31. Januar ganze 
17 Mann übriggeblieben! Oder: Die Gesamtstärke des 3. In- 
fanterieregiments betrug am Morgen des 28. Januar 25 Offi- 
ziere und 450 Soldaten; in drei Tagen waren also von diesem 
Regiment mindestens 1000 Mann gefallen oder verwundet 
worden. Die Feststellung des Korps-Generalstabschefs Gene- 
ralstabsmajor Zsigmond Barra von Zdgon ist daher richtig: 
«Wir waren als Opfer hingeworfen worfen. Wir mußten in die 
Bresche springen und den deutschen Rückzug decken, dann 
sollten wir uns durch den Feind, der uns im Rücken saß, hin- 
durchkämpfen.» 

Im Verlauf der heftigen Kämpfe dieser drei Tage war auch 
der Divisionskommandeur Oberst Oszlänyi durch zwei Ma- 
sehinengewehrschüsse verwundet worden. Man trug ihn aus 
der vorderen Linie zurück, und bald darauf brachte ihn ein 
Flugzeug, das zum Verwundetentransport eingesetzt war, 
nach Budapest. 

Es schien, als ob die ferne Heimat von all dem gar nichts 
wußte. Immer noch beschäftigte das Rätsel des unaufgeklärten 
Mordes in Köbänya die Presse: Das stürmische Leben der zu 
Beginn des Jahrhunderts unter dem Namen Lili Szentgyörgyi 
beliebt gewordenen Ilona Schwarz-Fabian, deren nackte Lei- 
che auf dem Militärübungsplatz Köbänya unterm Schnee ver- 
borgen gelegen hatte, füllte immer mehr Spalten. Die Leser 
erfuhren, wie aus der Geliebten des russischen Herzogs eine 
Tänzerin in der Türkei geworden war, dann eine solide In- 
genieursehefrau in Wien, eine reiche Privaliere in Budapest 
und schließlich eine von Kneipe zu Kneipe taumelnde trunk- 
süchtige alte Frau. 

Für den Krieg fand sich in den Zeitungen freilich auch noch 
Platz: Am 27. Januar 1943 wurde die Ausstellung «Kunst im 
Krieg» eröffnet, mit deutschen und ungarischen Gemälden, 
die den Krieg verherrlichten. «Viele unserer begabten Künst- 
ler haben keine Zeit zum Malen», bemerkte verbittert der 
Kritiker der «Magyar Nemzet» (Ungarische Nation), «weil sie 
sich an der Front persönlich mit dem Krieg bekannt machen 
müssen. . .» — Beachtenswert ist die Mitteilung der «Magyar 


151 



Tävirati Iroda» (Ungarisches Nachrichtenbüro) vom 29. Ja- 
nuar: Die Angehörigen der Soldaten der Don-Armee mögen 
doch die ungarische Botschaft in Stockholm nicht belästigen, 
denn diese könne die Vermißten nicht ausfindig machen. 

Soweit waren wir also schon! Die Regierung schwieg, die 
Bevölkerung aber bestürmte mit ihren Briefen die ungarische 
Botschaft in Stockholm. Da brauchen wir uns nicht zu wun- 
dern, wenn in dieser erregten Stimmung, die das Volk erfaßte, 
die damaligen Großen der Literatur auch ihre Stimme ver- 
nehmen ließen. 

So beklagte SandorMärai in der Nummer der «Pesti Hirlap» 
vom 24. Januar den «Untergang der Höflichkeit». Die Men- 
schen seien grob, beschwerte er sich. -«Die Höflichkeit ist in 
eine Krise geraten, und der Krieg hat den allgemeinen Mangel 
an Taktgefühl nur noch vertieft.» 

An einem solchen Mangel an Taktgefühl litt auch General- 
leutnant Friedrich Siebert. Vergebens hatte die 9. Division 
den Rückzug der 2. deutschen Armee bei Woronesh abge- 
sichert. Sieberts Befehl untersagte es den ungarischen Trup- 
pen, sich gemeinsam mit den deutschen zurückzuziehen. 

Der Rückzug verlief anfangs ohne größere Zwischenfälle. 
Auffallend war nur, daß die Ungarn nicht auf der Straße gehen 
durften, sondern fünfzig Meter davon entfernt durch den tie- 
fen Schnee stapften. Ehe sie die ihnen zugewiesenen Quar- 
tiere erreichten, waren dort bereits sämtliche Plätze belegt: 
Zimmer, Ställe, Scheunen, Speicher; sie mußten im Freien 
übernachten, zündeten sich Lagerfeuer an. Zuweilen kauerten 
sich Erschöpfte für einige Minuten nieder. Diejenigen, die vor 
Müdigkeit einschliefen, erwachten nie mehr, und die Soldaten, 
die die Nacht durchwachten, konnten sich infolge der Uber- 
beanspruchung nur noch mühsam weiterschleppen. Den ent- 
kräfteten, willenlosen Soldaten gegenüber verhielten sich man- 
che Deutsche dann noch unverschämter: Sie begannen, ihnen 
die warmen Kleidungsstücke und auch Waffen vom Leibe zu 
reißen. Der Generalstabschef der 9. Division, Major Barna, mel- 
dete bestürzt: «Die sich zurückziehenden Deutschen komite ich 
nur mit Waffengewalt zum Gehorsam zwingen . . . Unsere Aus- 


152 



rüstung mußten wir in erster Linie vor den Übergriffen der 
Deutschen sichern. Alle klagten über sie wegen ihrer Grob- 
heit und Gewalttätigkeit. Auch Offizieren nahmen sie Pistolen. 
Feldstecher, Pferde und Schlitten weg.» 

Der Pionierhauptmann Daniel Görgenyi, ein Offizier vom 
Stab des technischen Kommandeurs des Armeekorps, erlebte 
folgendes : 

«Entlang der Straße standen in einer Reihe die einspän- 
nigen, planenüberdachten Transportschlitten mit Kranken 
und Verwundeten. Die Kranken, die laufen konnten, und die 
Wache reihten sich an. Der Kommandant der Sanitätskolon- 
ne diskutierte mit einer etwa 8 bis 10 Personen starken deut- 
schen Gruppe. Die Deutschen forderten vom Kommandeur 
der Sanitätskolonne, die Verwundeten von den planenge- 
schützten Schlitten herunterzunehmen und die Schlitten ihnen 
zu übergeben, da sie diese zur Durchführung eines unauf- 
schiebbaren, dringenden Befehls benötigten. 

Unaufgefordert mengte ich mich in das Streitgespräch ein. 
Ich wandte mich an den deutschen Offizier, und damit er mich 
nicht mißverstand, forderte ich ihn in deutscher Sprache auf, 
sich mit seinen Leuten unverzüglich fortzuscheren. Von einer 
Räumung der Schlitten könne natürlich gar keine Rede sein. 
Wenn es einer wagen sollte, die Verwundeten auf den Schlit- 
ten anzufassen, würde ich auf ihn schießen. Um meinen Wor- 
ten Nachdruck zu verleihen und weil der deutsche Offizier 
hastig nach seiner Pistole griff, feuerte ich aus meiner Maschi- 
nenpistole mit hochgehaltenem Lauf eine kurze Salve über 
ihre Köpfe hinweg ab. Im Eifer des Wortgefechts bemerkte 
ich gar nicht, daß von der Wache der Sanitätskolonne 8 bis 
10 Mann mit Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten neben 
mir angetreten waren. Plötzlich brausten auf der anderen 
Seite des Jemantschatals sowjetische Panzer in nördlicher 
Richtung dahin. 

Zuerst nahmen die deutschen Soldaten Reißaus und ließen 
ihren Offizier allein. Dieser rief ihnen etwas nach, doch dann 
hielt er es für besser, seinen Soldaten hinterherzurennen. Si- 
cherheitshalber feuerte ich noch eine kurze Salve über die 


153 



Flüchtenden hinweg. Die am jenseitigen Ufer des Jemantscha- 
baches dahinjagenden sowjetischen Panzer beachteten uns 
überhaupt nicht.»- 

Ein tragisches Bild : Während die Panzer der Roten Armee 
den geschlagenen Feind verfolgten und auf der Landstraße 
dahinrasselten, lagen sich seitwärts der Chaussee zwei Grup- 
pen der verbündeten Eindringlinge in den Haaren, und bei- 
nahe wäre im Kleinen das eingetreten, was im Großen hätte 
geschehen sollen: Dem Hauptmann, der sich für die Verwun- 
deten einsetzte, stellten sich müde, flüchtende, ungarische Sol- 
daten, die gar nicht zu seiner Einheit gehörten, kampfbereit 
mit aufgepflanztem Bajonett an die Seite. 

Die einfachen Soldaten wären demnach sofort bereit ge- 
wesen, angeführt von solchen Offizieren, auch in diesem 
erschöpften Zustand gegen die Deutschen aufzutreten. 

Die Deutschen verhielten sich übrigens nicht nur aus vor- 
sätzlicher Böswilligkeit so. Die anhaltende Verfolgung und 
die Flucht der Truppen unter so ungewohnten klimatischen 
Verhältnissen und bei ungünstiger Versorgung führten zu Pa- 
nikerscheinungen, von denen Soldaten aller Waffengattungen, 
aller Dienstgrade und ungeachtet ihres bisher zur Schau ge- 
tragenen Selbstbewußtseins erfaßt wurden. So, wie einst die 
Napoleonische Garde zurückgeflutet war, flohen nun auch die 
deutschen Elitetruppen. Allein dieser Fakt beweist, daß der 
ungarische Rückzug keine kriegshistorische Besonderheit war. 
Wir zitieren hierzu Beobachtungen des Obersten Wilhelm 
Adam über Panikerscheinungen in der 6. deutschen Armee 
bei Stalingrad : 

«. . . Was wir nun erlebten, übertraf alles Bisherige. Es war 
ein Bild des Schreckens. Von Angst vor den sowjetischen Pan- 
zern gepeitscht, jagten LKW, Befehlswagen, PKW, Kräder, 
Reiter und pferdebespannte Fahrzeuge nach Westen, prallten 
aufeinander, fuhren sich fest, stürzten um, versperrten den 
Weg. Zwischendurch stießen, drückten, schoben, wälzten sich 
Fußgänger. Wer stolperte und zu Boden fiel, kam nicht wieder 
auf die Beine. Er wurde zertreten, überfahren und plattge- 
walzt. 

154 



Auf der Jagd zur Rettung des nackten Lebens wurde alles 
zurückgclassen, was das Rennen behinderte. Waffen und Aus- 
rüstungsgegenstände wurden weggeworfen. Vollbeladene Mu- 
nitionswagen, Feldküchen und Troßfahrzeuge blieben stehen, 
konnte man doch auf dem Rücken der ausgespannten Pferde 
rascher vorwärts kommen. Das wüsteste Chaos bot Werchne- 
Tschirskaja. Zu den Fliehenden der 4. Panzerarmee gesellten 
sich von Norden her Soldaten und Offiziere der 3. rumäni- 
schen Armee und der rückwärtigen Dienste des XI. Armee- 
korps. Alle glichen sich in ihrer Panik und Kopflosigkeit. 
Alle strömten in Richtung Nishne-Tschirskaja.» 

Dieses unter den Verbündeten entstandene Durcheinander 
nützten die Sowjetsoldaten geschickt aus. Das bezeugt zum 
Reispiel der Bericht von Daniel Görgenyi über die in Semi- 
desjatnoje zurückgelassene Truppe: 

-«Die Gruppe des Oberstleutnants der Feldgendarmerie Ta- 
vassy in Semidesjatnoje erwies sich nicht als einsatzfähige 
Kampfeinheit. Oberstleutnant Tavassy hatte das Absetzen 
vom Feind unzulänglich organisiert und seine Gruppe man- 
gelhaft geführt. Als die Gruppe Semidesjatnoje verließ, ging 
sie in Richtung der Kolchose Misdrjanka zurück. Mangels 
Winterausrüstung marschierten die bei einer Temperatur von 
minus 40 Grad zitternden Menschen mit Decken über Kopf 
und Rücken. Auch die Nachhut war übermüdet, niemand 
paßte auf. Die Russen hatten sehr schnell die Schwächen der 
Kolonne erkannt, die mit deckenverhüllten Köpfen in der 
klaren, mondhellen Nacht marschierte. Gleich den Ungarn 
zogen sich die Russen ebenfalls Decken über den Kopf, schlos- 
sen sich in aller Stille der Kolonne an und mischten sich unter 
sie. Als die ungarischen Soldaten dies endlich merkten, brach 
eine Panik unter ihnen aus.» 

Als weiteren Augenzeugen zitieren wir Lajos Konya: 
«Staro Nikolskoje, am 28. Januar 

Am Nachmittag wollten wir in einem Wald zum Gegenan- 
griff übergehen . . . Kaum zweihundert Meter entfernt zog 
eine endlose russische Kolonne vor uns her in Richtung We- 
sten. Am Westende von Staro Nikolskoje drangen sie in das 


155 



Dorf ein. Es gab nur noch einen Weg für uns, nach Norden. 
Unser Batillonskommandeur ordnete den Rückzug an. 

30. Januar 

Am Morgen erreichten wir ein Dorf, eine halbe Stunde 
später waren die Russen da. Wir flüchteten panikartig. So 
mochte wohl auch der französische Zusammenbruch gewesen 
sein. Keuchendes, fast erstickendes Rennen. Einige Male feg- 
ten Flugzeuge mit Maschinengewehrsalven die Straße ent- 
lang. Sie flogen tief. Wir drückten uns geradezu in die Erde 
hinein, wühlten krampfhaft mit allen zehn Fingern im Schnee, 
das Herz klopfte uns in derKelile. DasTal schimmerte schwarz 
von den daliegenden Ungarn. Wie viele blieben nach einem 
solchen Luftangriff liegen! Pferdekadaver zu Hunderten, Mil- 
lionen verstreuter Sachen, Radios, Lebensmittel, explodierte 
brennende Autos, Gebrauchsgegenstände, Fotos, zerrissene 
Briefe. 

31. Januar 

Die Kolonnen fielen auseinander. Auf der Landstraße ein 
einziger Wettlauf, eine erbarmungslose Drängelei, die Flut 
wogte und wälzte sich dahin, Schwache blieben zurück, Fahr- 
zeuge fuhren in das Fußvolk hinein, alle Ordnung löste sich 
auf. Freunde, die Zusammenhalten wollten, wurden in einem 
unbedachten Augenblick voneinder getrennt, vielleicht für 
immer. Wir mußten hungern, hatten keinerlei Verpflegung. 
Wir schleppten uns von Dorf zu Dorf, Tag und Nacht, ohne 
zu schlafen. Wer wußte noch, wo wir uns befanden? Die 
Straße schlängelte sich allmählich nach Westen zu, dann nach 
Süden. Wieder kamen Flugzeuge und belegten die Straße mit 
Maschinengewehrfeuer. Wir rannten auseinander auf die 
schneebedeckten Felder, drückten uns wieder flach auf den 
Boden, in den kalten Schnee, überall hoben sich Pferdekada- 
ver ab, schwarz. . . Wir holten immer mehr Deutsche ein. 
Mitunter bedrohten sie uns mit Pistolen. Sie wollten uns die 
Schlitten und Pferde wegnehmen, und beim kleinsten Wider- 
stand schossen sie. Wir gingen in ein Haus, um uns aufzuwär- 
men. , Marsch, hinaus! 4 schrien sie. Anfangs wunderten wir 
uns, später gewöhnten wir uns daran. In einem der Dörfer 


156 



warfen sie ungarische Stabsoffiziere vom Dachboden herun- 
ter. Tage hindurch übernachteten wir im Freien. Bei kleinem 
Lagerfeuer wärmten wir uns die zitternden Glieder. Am Tage 
durften wir nicht auf der Straße gehen, da verdrängte man 
uns in den bis zum Oberschenkel reichenden Schnee auf den 
Feldern. , Hunde, verreckt!“ riefen sie. Drei Feinde hatten 
wir: die Kälte, den Hunger und die Deutschen.«- 

Generalstabsmajor Ritter Käroly Kern, Generalstabschef 
der 20. Division, berichtete: 

«Am 27. Januar 1943 gegen 21 Uhr meldete sich der deut- 
sche Hauptmann Sdimidtmann bei mir und erklärte die Lage. 
Er stellte jedoch die Situation so dar, als wären sämtliche un- 
garischen Truppen aus Staro Nikolskoje panikartig geflohen, 
obwohl die Kompanien des Hauptmanns Szönyi doch bis zum 
Abend durchhielten und mehrere der Soldaten beobachten 
konnten, daß die Deutschen, die an ihrer Seite gekämpft hat- 
ten, sich abgesetzt hatten. Die Hermandy-Gruppe hielt am 
27. Januar am Höhenpunkt 239,5 bis Mittag durch . . . Von 
ihren 250 Soldaten waren bis zum 28. Januar nur noch 48 
Mann übriggeblieben . . . 

Am 29. gelangten wir im Dunkeln nach längerem Umher- 
irren zu unserem kleinen, im Freien übernachtenden Stab 
zurück, später gingen wir in das von Oberst Martsa besetzte 
Haus. In einem kleinen Zimmer waren etwa 30 Mann zusam- 
mengedrängt, in einem anderen operierte ein Arzt bei Ker- 
zenlicht, neben ihnen jammerten Verwundete und Frostkran- 
ke. Im Vorraum ebenfalls Verwundete, während vor dem 
Haus die Toten in einer Reihe lagen . . . 

Am 30. Januar nach Mitternacht wurde alles still. Ein 
schneidender Ostwind wehte, und das Thermometer, das be- 
reits minus 25 Grad zeigte, ließ eine noch grimmigere Kälte 
erwarten. Hier sahen wir, wie Menschen stehend, auf das Ge- 
wehr gestützt, erfroren . . . Da erschien mit einem Gelände- 
wagen ein Hauptmann vom Stab der Siebert-Gruppen-Kom- 
mandantur und fragte nach dem Korpskommandeur. Dann 
forderte er in einem zurechtweisenden Ton, daß der Stab so- 
gleich die Straße zu verlassen habe . . . Die deutschen Feld- 


157 



gendarmen stellten uns bald links, bald rechts der Straße auf, 
und es gelang uns dann stundenlang nicht, auch nur hundert 
Meter vorwärtszukommen . . .» 

Wir sollten nicht vergessen, daß es ein befohlener Rück- 
zug war. Die ungarischen Einheiten flohen nicht, sondern 
marschierten nach Durchführung ihrer Aufgabe zurück. Dabei 
wurden sie von ihren Verbündeten, die ja nach Jänys An- 
sicht «jede Fürsorge verdienen», behindert. Der Kommandeur 
des VII. deutschen Armeekorps wußte übrigens, was dem un- 
garischen Generalmajor Stomm nicht bekannt war, daß Hit- 
ler am 24. Januar angeordnet hatte, die ungarische Armee 
von der Frontlinie abzuziehen. Das III. Korps hatte also an 
der Front gar nichts mehr zu suchen. Leider hat der Ober- 
bürgermeister von Budapest, Tivadar Nomonnay, nicht an 
dieses verlassene Armeekorps gedacht, als er am 30. Januar 
1943 phrasenhaft erklärte: «Wir lassen unser tausendjähriges 
Selbstbewußtsein nie und nirgendwo auch nur um ein Jota 
schmälern.» Und er drohte jenen, die sich in Stockholm er- 
kundigten und immer unruhiger fragten, was denn nun wirk- 
lich am Don geschehen sei. Einen Trost hielt die Regierung 
schließlich auch für diese Ungeduldigen bereit: Am 24. Ja- 
nuar verkündete eine Verordnung, daß «. . . auch die Verlobte 
den Namen ihres im Felde gefallenen Verlobten tragen darf». 

Am 1. Februar kam es zwischen Generalleutnant Sichert 
und Generalmajor Marcell Stomm zum Bruch. Im zweiten 
Weltkrieg war dies das erstemal, daß sich ein ungarischer 
General offen einem deutschen General widersetzte. Doch die 
Umstände, die dem stürmischen Ereignis vorausgingen, waren 
auch nicht alltäglich: Generalleutnant Siebert ließ es zu, daß 
sein ungarischer Generalskollege im Stall übernachtete, wäh- 
rend er selbst in einem eigens für ihn eingerichteten Quartier 
angenehm schlief. «Generalleutnant Siebert behandelte den 
Herrn Generalmajor genauso, wie man die Gefangenen zu 
behandeln pflegte», berichtete einer der Augenzeugen, Oberst- 
leutnant Jözsef Hunyadväri, Kommandeur eines Bataillons 
des 47. Infanterieregiments. Von der ersten Begegnung zwi- 
schen Stomm und Siebert zeichnete Pionierhauptmann Daniel 


158 



Görgenyi in seiner Erinnerungsschrift «Signum laudis» ein 
treffendes Bild: 

«Nachdem sich der Stab des Armeekorps eingerichtet hatte, 
rief man mich zur Instruktion. Oberst Särkäny hatte kaum 
begonnen, da trat in Begleitung von Major Fett der deutsche 
Generalleutnant Siebert ein, Kommandeur des VII. deutschen 
Armeekorps. Generalmajor Stomm informierte ihn sogleich 
persönlich auf deutsch und in unserem Beisein über die Lage 
des III. Armeekorps und bat um deutsche Truppen zur Unter- 
stützung, da er sonst gezwungen wäre, den Rückzug anzu- 
treten. Soweit ich es beurteilen konnte, spiegelte General- 
major Stomms Information die kritische Lage der ungarischen 
Truppen wider. Generalleutnant Siebert kritisierte General- 
major Stomms Darlegungen vor den anwesenden Offizieren 
als pessimistisch, dann hob er die Stimme und verkündete: 

,Das Oberkommando der 2. deutschen Armee hat das 
III. ungarische Armeekorps dem Kommandeur des VII. deut- 
schen Armeekorps unterstellt. Die Bezeichnung der Einheit 
lautet Korpsgruppe Siebert. Ich befehle, daß das ungarische 
Korps bis zu meiner weiteren Anordnung die Linie Sinije — Li- 
pagi — Skupolj — Semidesjatnoje — Kotschatowka — Alex- 
androwka unbedingt hält. Zur Verstärkung der Verteidigung 
werde ich innerhalb von zwei Tagen deutsche Truppen und 
Artillerie entsenden. Mein Verbindungsoffizier bei Ihnen ist 
Generalstabsmajor Fett . . 

Nach dieser Verkündung drehte er sich auf der Stelle um 
und verließ mit Major Fett zusammen den Raum. Das war 
die erste Begegnung des ungarischen Armeekorpskomman- 
deurs Generalmajor Graf Stomm mit dem deutschen General- 
leutnant Siebert.» 

Und die letzte verlief nicht weniger dramatisch. Nachdem 
sie mehrere Male durch ihre Adjutanten Botschaften ausge- 
tauscht hatten, beschwerte sich Marcell Stomm am 28. Ja- 
nuar über die Behandlungsweise seines Armeekorps. Darauf- 
hin erklärte Siebert, er lasse es nicht zu, daß die ungarischen 
Truppen die gleiche Rückzugsrichtung benutzen wie die deut- 
schen. Stomm solle nach Westen ausbrechen. Im Westen 


159 



jedoch standen sowjetische Truppen. Sollte der ungarische 
Korpskommandeur seine Soldaten in diese Richtung führen, 
bedeutete das den sicheren Untergang. Doch auch das Bleiben 
kam einer sicheren Vernichtung gleich. 

Stomm setzte sich mit seinem Stab zusammen, um die Lage 
zu beraten. Nach längerem Erwägen entschloß er sich zu 
einer beispiellosen Tat: Er löste sein Korps auf! Jede Einheit 
sollte sich zu retten versuchen, wie sie eben konnte. 

Im ersten Augenblick mag diese Entscheidung als unver- 
antwortlich erscheinen. Warum ist der Kommandeur nicht bei 
seinen Truppen geblieben? Warum hat er sie nicht nach 
Hause geführt? 

Darauf können wir antworten — was Stomm sicherlich 
selbst auch bewußt war — , daß er am 1. Februar 1943 keine 
Kampftruppen mehr hatte. Von seinen drei Divisionen waren 
zwei aufgerieben, und die 9. war nach den Absicherungs- 
kämpfen stark zusammengeschrumpft. Es mag noch so merk- 
würdig klingen: in kleineren Verbänden mochte es leichter 
sein, in die Heimat zu gelangen. Diese Einheiten brauchten 
ja nur noch zu fliehen; denn Waffen und Munition hatten sie 
ohnehin nicht mehr. Aber nodi sicherer als die ferne Hoff- 
nung, nach Hause zu gelangen, war die Gefangenschaft. Un- 
ter den Soldaten der 2. ungarischen Armee hatte man zwar 
Schauermärchen über «Greuel» in russischer Gefangenschaft 
verbreitet, aber nach all dem, was sie von seiten der Verbün- 
deten erlebt hatten, konnte selbst die russische Gefangen- 
schaft nur menschlicher sein. Stomm hatte wahrscheinlich 
auch daran gedacht, als er seinen Befehl herausgab. Seine 
Entscheidung war keine eines Soldaten unwürdige Deserta- 
tion, keine Flucht vor den Aufgaben, die auf ihn warteten, 
auch nicht nur die Reaktion darauf, daß ein grober deutscher 
General ihn schlecht behandelt hatte: Sein Korps hatte pflicht- 
getreu den Kampfauftrag erfüllt. Ein geordneter Rückzug in 
geschlossener Formation war infolge der Umstände unmöglich. 

Und schließlich müssen wir berücksichtigen, daß General- 
major Stomm vermutlich auch die politischen Konsequenzen 
und Zusammenhänge seiner Handlung erwogen hatte. Wie 

160 



richtig seine Kalkulation war, zeigte jene Tatsache, daß schon 
vierundzwanzig Stunden nach seiner Gefangennahme sämt- 
liche großen Rundfunkstationen der Alliierten die Gefangen- 
nahme des Generalmajors Stomm und deren Umstände mel- 
deten. Stomm und sein Stab hatten zweifelsohne erkannt, daß 
der weitere Weg des ungarischen Volkes nur darin bestehen 
konnte, sich gegen die deutschen Faschisten zu wenden, und 
diese moralisch-politische Einsicht wurde auch durch gefühls- 
mäßig beeindruckende Erlebnisse bestätigt. Später handelten 
jedoch nicht alle konsequent im antifaschistischen Sinne; doch 
zahlreiche Offiziere und Soldaten des III. Armeekorps, ob sie 
in Gefangenschaft geraten waren wie der Pionierhauptmann 
und spätere Generalmajor der Volksarmee Daniel Görgenyi, 
oder ob sie der Gefangennahme entgingen, wie zum Beispiel 
Major Zsigmond Barra und Hauptmann Läszlo Pärkänyi, 
wandten sich gegen die Deutschen und verurteilten den fa- 
schistischen Krieg. 

Betrachten wir den Abschiedsbefehl des Generalmajors 
Graf Marcell Stomm vom 1. Februar 1943: 

«Um die Stellungen am Don zu halten, führte das könig- 
lich ungarische III. Honved-Armeekorps vom 12. Januar 1943 
an schwere, verlustreiche Kämpfe. Von der königlich ungari- 
schen 2. Armee infolge des Durchbruchs bei Uryw getrennt, 
wurde es der Korpsgruppe Siebert unterstellt. In dieser Unter- 
ordnung sicherte cs der 2. deutschen Armee über 12 Tage 
hindurch die zum planmäßigen Rückzug benötigte Zeit. 

In diesen Kämpfen bewiesen die ungarischen Truppen 
übermenschlichen Heldenmut. Der immer krasser auftretende 
Munitions- und Verpflegungsmangel, gepaart mit der unge- 
wöhnlich großen Kälte, brach die Widerstandskraft der 
Verteidiger. Von dieser Minute an bedeuteten wir für die 
deutsche Heeresführung nur noch eine Belastung. — Meinem 
Vorgesetzten Kommandeur habe ich den Zustand meiner 
Truppen wiederholt gemeldet und darum gebeten, sie zurück- 
zuziehen, um sie weiter hinten ausruhen zu lassen und neu or- 
ganisieren zu können. Das ist leider nicht geschehen, sondern 
man hat sie die entsetzlichen Nächte im russischen Winter 


II Ncraeskürty, Untergang 


161 



ohne Munition, Verpflegung und Unterkunft, auf dem bloßen 
Schnee liegend, leiden lassen. Ich habe euch angesehen, daß 
eure körperlichen und seelischen Kräfte von Tag zu Tag mehr 
schwanden und daß wir alle dem sicheren Untergang entge- 
genschauen. Die deutsche Heeresführung konnte in ihrer 
schwierigen Lage nicht einmal die Verpflegung sichern. 

Am heutigen Tage habe ich von Herrn General Siebert den 
Befehl erhalten, euch auf das Gebiet westlich des Olimbaches 
zu führen, wo wir uns nach Westen hin durchschlagen sollen, 
also durch die russische Armee hindurch, wozu nicht einmal 
die gut ausgerüsteten, kampffähigen Divisionen der deutschen 
Armee imstande gewesen sind. 

Diesen Befehl kann ich an euch nicht weiterleiten, weil es 
keinen Sinn hat, daß Tausende halb erfrorene, ausgehungerte 
Ungarn mit 10 Patronen je Gewehr, mit leerem Magen und 
wehrlos zugrunde gehen. 

Die deutsche Heeresführung hat schon in der Vergangenheit 
einen Befehl erlassen, daß sie Honved-Soldaten, die zu kämp- 
fen und der deutschen Armee zu dienen gewillt sind, über- 
nimmt und sie genauso behandelt wie die Söhne anderer 
Völker, die in ihrem Dienste stehen. 

In der Geschichte des ungarischen Volkes ist es in ähn- 
lichen Situationen schon mehrmals vorgekommen, daß Solda- 
ten unter Führung einzelner mutiger Kommandeure auch 
über unglaublich weite Strecken die Feindstellungen durch- 
brochen haben. 

Nach all dem bin ich gezwungen, die Zukunft jedes ein- 
zelnen dem eigenen Ermessen zu überlassen, da ich weder 
Verpflegung noch Munition noch eine durchführbare Aufgabe 
bieten kann. 

Die ungarische Heimat wird jederzeit mit dankbarer Liebe 
ihrer Heldensöhne gedenken. Ein ähnliches Schicksal wie 
ihnen ist in der ungarischen Nation bislang nur wenigen wi- 
derfahren. 

Gott mit euch, ungarische Honvöds!» 

Nachdem Generalmajor Stomm den Befehl unterschrieben 
hatte, verabschiedete er sich von seinem Stab und machte 


162 



sich «auf den Weg. Infolge der Übernachtungen im Freien 
waren ihm die Füße in den engen Stiefeln erfroren ; er konnte 
kaum noch laufen, beide Füße begannen brandig zu werden. 
Er achtete darauf, befehlsgemäß zu handeln: Er wandte sich 
nicht um, sondern ging in die Richtung, die ihm sein Vorge- 
setzter Kommandeur als einzigen Rückzugsweg vorgeschrie- 
ben hatte: nach Westen. 

Stomm schlossen sich Generalmajor Deseö, der frühere 
Militärattache in Moskau, und — £um Unglück vieler — der 
schneidige Major Csathö an, der dann im Gefangenenlager 
so viel Unheil anrichtete. 

Sie gelangten noch an demselben Abend in russische Ge- 
fangenschaft. Unter welchen Umständen, das weiß Daniel 
Görgenyi am besten zu berichten, er gehörte auch zu Stomms 
Stab: 

■«Es tagte schon, als mich einer der Soldaten darauf auf- 
merksam machte, daß hinter uns vom Hügelrücken her Rei- 
ter auf uns zu kämen. Ich meldete es Generalmajor Stomm 
und ging dann mit einem unserer Soldaten der Reitergruppe 
entgegen. Beim Aufbruch rief mir Oberst Särkäny noch zu, 
daß seine Pistole nicht funktionierte. 

,Das macht nichts 1 , sagte ich, ,die werden der Herr Oberst 
vorläufig ohnehin nicht benötigen !‘ 

Die Reiter, an ihrer Spitze ein großer Offizier mit Pelz- 
mütze, kamen im Schritt auf uns zu. Etwa zehn bis fünfzehn 
Meter vor uns hielten sie an, ihr Führer rief uns ein ,Stoj‘ ent- 
gegen. 

,Seid ihr Ungarn ? 1 fragte er russisch. 

,Ja.‘ 

,Wie viele Generale, Offiziere und Soldaten ? 1 

,Zwei Generale, fünf Offiziere und achtzehn Soldaten ! 1 

,Otschen charascho 1 , antwortete er. Dann gab er Anweisung, 
die Waffen auf einen Haufen zu legen, auf einen anderen die 
Ausrüstung, und an einer dritten Stelle sollten wir uns auf- 
stellen. Ich ging zurück, Meldung zu erstatten, dann ließ ich 
die Mannschaft antreten, um der Anweisung des russischen 
Offiziers entsprechend die Waffen und die Ausrüstung ab- 


163 



legen zu lassen und den Offizieren die Waffen abzuverlangen. 

Oberst Särkäny stand mit Oberleutnant Buzinkay, dem 
Ordonnanzoffizier des Generalmajors Stomm, an einem der 
Feuer und sprach darüber, daß er seine Pistole nicht abfeuern 
könne. Als ich mit zwei Soldaten die Pistolen und die Aus- 
rüstung der anderen Offiziere einsammelte, trat Feldwebel 
Iialäsz zu mir und meldete flüsternd, daß sich Oberst Sar- 
käny und Oberleutnant Buzinkay hinter einem Schober er- 
schossen hätten. Id» ging hin, um zu sehen, was geschehen 
war. 

Sie lagen mit durchschossener Schläfe am Fuße des Scho- 
bers. Auf dem Rückweg wurde ich auf Generalmajor Stomms 
Stimme aufmerksam. Seine kleine Pistole in der Hand, wink- 
te er. ,Lebt wohl, Jungs!“ rief er. Tch hielt ihm von hinten 
den Arm nieder und nahm ihm die Pistole aus der Hand. Er 
schaute mich verwundert an, widersetzte sich aber nicht. Ich 
trug seine Pistole zu den abgelegten Waffen, ließ dann die 
Mannschaft antreten und bat die Offiziere, sich in die Reihe 
zu stellen. Nachdem das geschehen war, lösten sich zwei Rei- 
ter aus der Gruppe, kamen im Schritt zu uns geritten und 
führten uns in das Dorf Bistrik. Im Dorf quartierten sie die 
Offiziere in einem, die Mannschaft und die Unteroffiziere in 
einem anderen, daneben gelegenen Haus ein. Mir wurde leich- 
ter ums Herz, daß unsere Leute wenigstens dem Kältetod ent- 
ronnen waren. 

Sie nahmen uns die Ausweise ab, ließen uns unsere Wert- 
gegenstände und alle Papiere, die wir bei uns trugen, nieder- 
legen. Nun waren wir mit den beiden Generalen zusammen 
nur noch fünf Offiziere. In sich versunken, schwiegen alle. 

Soweit ich es beurteilen konnte, befanden wir uns auf einer 
Bataillonskommandantur beziehungsweise in deren Telefon- 
zentrale, denn im Nachbarzimmer hob ein Soldat, mit einer 
Pelzmütze auf dem Kopf und in einen Schafspelz gehüllt, den 
Hörer ab und legte ihn jeweils nach kurzen Antworten wieder 
auf. 

Eine Stunde lang mochten wir gewartet haben, als drei rus- 
sische Offiziere ins Zimmer eintraten. 


164 



,Ich begrüße Sie im Namen unserer Kommandantur', be- 
gann einer der Offiziere ungarisch zu sprechen. ,Ich heiße 
Wladimir Oldner und bin Oberleutnant der sowjetischen Ar- 
mee. Mein Vater ist ungarischer Emigrant, von ihm habe ich 
Ungarisch gelernt. Wir bringen Sie im Auto zu unserer über- 
geordneten Kommandantur. Bitte steigen Sie in die draußen 
wartenden Wagen ein.' 

Nach einer Fahrt von etwa zehn, fünfzehn Minuten mußten 
wir aussteigen. In dem Haus, das wir betraten, war es warm. 
Ein Tisch, mit weißer Tischdecke, Tellern, Tassen und Eßbe- 
steck gedeckt, wartete auf uns, und an der Wand standen drei 
Frauen in weißen Kitteln. 

Mit Hilfe des Oberleutnants Oldner als Dolmetscher be- 
grüßte ein Offizier den Generalmajor Stomm und lud uns 
alle zum Frühstück ein. / 

Wir bekamen Tee, gekochten und gebratenen Fisch, Butter, 
Kaviar, frisches Weißbrot, ja es läßt sich gar nicht aufzälilen, 
was sie uns außerdem noch alles zum Frühstück brachten. 
Nach der Mahlzeit gingen wir ins Nachbarhaus hinüber. Im 
Freien machten sie eine Gruppenaufnahme von uns. Wir ka- 
men wieder in ein warmes Zimmer, wo Ärzte und Schwestern 
in weißen Kitteln auf uns warteten, und wir wurden alle un- 
tersucht. 

Läuse fanden sie bei jedem, wir bekamen ein Pulver, damit 
sollten wir unsere Unterwäsche einstreuen. 

Beide Beine des Generalmajors Stomm waren bis zur Mitte 
der Unterschenkel blau durch Erfrierung. Ich hatte an den 
Fußsohlen, den Zehen und den Fersen blaue Flecke. Man 
verband uns die Beine, ich bekam auch irgendeine Injektion, 
Major Csatho war entrüstet, weil sie ihm keinerlei Medika- 
mente gaben, ihn beachtete man gar nicht. 

Nach der ärztlichen Untersuchung wurden wir in ein drittes 
Haus geführt, in das sie uns einquartierten. 

Unsere beiden Generale brachte man im hinteren Zimmer 
unter, wir anderen drei, also Csatho, Oberleutnant Endrey 
und ich, bekamen das vordere. Unsere Generale wurden von 
russischen Offizieren und Generalen aufgesucht.» * 


165 



So sah die sowjetische Kriegsgefangenschaft aus, vor der 
die Offiziere Horthys so sehr zitterten. Wie wir sahen, hatte 
sich Stomm auch nicht recht entscheiden können, ob er in Ge- 
fangenschaft gehen oder Selbstmord verüben sollte. 

Und was geschah mit dem Armeekorps? 

Oberst Zoltan Farkas, Kommandeur des 22. Infanterie- 
regiments, berichtete: 

«Im Dorf Krasnoje Olim verlas ein Major der Wehrmacht 
vor den deutschen Soldaten einen Befehl, in dem angeordnet 
wurde, daß die ungarischen Truppen als Kriegsgefangene zu 
behandeln seien . . . Von ungarischer Seite hatte ein bewaff- 
neter Widerstand in den meisten Fällen gar keinen Sinn, denn 
die Deutschen waren in der Übermacht, und der überwiegende 
Teil unserer Soldaten hatte bekanntlich auch keine Waffen. 
Das oben geschilderte Verhalten unserer Verbündeten wäh- 
rend des langen Rückzugs löste bei den ungarischen Soldaten 
einen derart tiefen Haß aus, daß man in Zukunft mit ihm 
rechnen muß. Diese Vorfälle werden sich auf die ungarisch- 
deutsche Zusammenarbeit im weiteren Verlauf des Krieges 
ohne Zweifel schädlich auswirken." 

Die Soldaten des vergessenen Armeekorps waren jetzt also 
Kriegsgefangene der Deutschen. Ihr Widerstand wuchs, gab 
es doch nun auch den Absdiiedsbefehl ihres Korpskomman- 
deurs, der einen möglichen Ausweg vorzeichnete. Unter sol- 
chen Verhältnissen begann der letzte Abschnitt dieses Rück- 
zugs, der während des ganzen Februar andauerte. 

Uns kommt die durch György Revesz inszenierte Film- 
version des musikalischen Spiels «Drei Nächte einer Liebe" 
von Miklös Hubay und Istvän Vas in den Sinn. Gleich den 
Heiligen Drei Königen machen sich drei ungarische Soldaten 
im Januar 1943 auf den Weg, alle Höllen menschlichen Elends 
und menschlicher Demütigung erfahren sie, aber mit Clow- 
nerie, Schläue und List erreichen sie schließlich die Heimat. 
Dabei mußten sie immer wieder kämpfen, denn die Rote 
Armee zog den Kessel, in den die 2. deutsche Armee zu- 
sammengedrängt war, ständig enger zusammen. 

Lesen wir nacheinander die sachlichen, knappen Darlegun- 


166 



gen sowjetischer Kriegshistoriker sowie einen Abschnitt aus 
Lajos Konyas Tagebuch. 

Aus dem sowjetischen Bericht: 

•«Wir müssen jedoch bemerken, daß für die eingekesselten 
Truppen zwischen Kastornoje und Bykowo sowie zwischen 
Gorsclietschnoje und Stary Oskol, wo die Sowjettruppen den 
Ring noch nicht ganz geschlossen hatten, die Möglichkeit zum 
Ausbrechen bestand. Der Umstand, daß nicht rundherum so- 
wjetische Truppen standen, erschwerte den Kampf gegen die 
eingekesselten Truppenteile beträchtlich. In den letzten Ja- 
nuartagen und in der ersten Hälfte des Februar kämpften 
die feindlichen Einheiten erbittert, um aus der Einkesselung 
auszubrechen . . . Der Kampf gegen die eingekesselten Wehr- 
machtsteile dauerte bis zum 17. Februar. Der Feind versuch- 
te immer wieder verzweifelt den Ausbruch. In den ersten Ta- 
gen gelang es ihm tatsächlich einmal, die Linie der 40. Armee 
zu durchbrechen.»- 

Aus dem Bericht von Lajos Könya: 

■«Vor Stary Oskol stießen wir auf starken Widerstand. Es 
kam ganz plötzlich, mit einem Male merkten wir, daß wir uns 
in einem Granatwerfer- und Maschinengewehrfeuer befanden, 
ohne selbst wirksame Waffen zu haben. Hei, verflucht noch 
mal! Vorwärts! Und wir stürmten in das Feuer. Wir hatten 
viele Tote und Verwundete. Weiß der liebe Gott, wie es uns 
gelang, aber bis zum Abend vermochten wir überlebenden 
uns durchzuschlagen. Ich hatte zwar wieder einen Splitter in 
den Oberschenkel bekommen, aber ich konnte laufen.»- 
Wie anschaulich sich doch objektive Analyse und erlebnis- 
betonte Tagebuchschilderung ergänzen. Aber wenden wir uns 
wieder dem Bericht Konyas zu : 

-«Stary Oskol, 3. Februar. Ein Quartier haben wir nicht. Die 
Stadt ist voll von Deutschen . . . überall Ruinen und Leichen, 
die schweren Granaten krachen unaufhörlich. Die Deutschen 
schleppen wagenweise den Speck und die nicht verteilten 
Weihnachtspäckjhen aus den ungarischen Magazinen. 

Am späten Nachmittag gelangen wir in einem kleinen Dorf 
unter Dach. Endlich können wir in einem Haus schlafen, und 


167 



diesmal sind wir es, die zwei unverschämte Deutsche hinaus- 
werfen ... Ich schreie herum, sie greifen hastig nach ihren 
Pistolen, doch als sie sehen, daß wir mehrere sind, machen 
sie sich aus dem Staube. Wenn wir gegen solche kämpfen 
müßten, hätten wir sogar jetzt noch Kraft.» 

Manche quartieren sich ein in verlassene Bauerngehöfte 
und rühren sich nicht mehr von der Stelle. Sie wollen dort 
in Frieden leben, sich mit Kartoffelschalen ernähren, und 
wenn es Frühling wird, Waldpilze und Beeren essen. Sowje- 
tische Partisanen bewirten ganze Kompanien mit Brot und 
Schnaps, dann lassen sie die Soldaten ihres Weges ziehen: 
Geht nach Hause, gegen euch Ungarn haben wir ja nichts! 

Während in Budapest Herbert von Karajan Beethovens 
«Fidelio» unter brausendem Beifall dirigierte, glaubte mit 
schwindender Kraft der in den blendendweißen Schnee sin- 
kende Soldat das elterliche Haus zu sehen, er spürte Wärme, 
vermutete das Feuer des Herdes, und mit friedlichem Lä- 
cheln schlief er für immer ein. Wie ein alter Stummfilm rol- 
len die Bilder aus den vergilbten Briefen und Tagebuchauf- 
zeichnungen vor den Augen des Lesers ab: Soldaten einer un- 
garischen Division ziehen heimwärts ! 

Noch deutlicher als Augenzeugenberichte vergegenwärtigen 
uns die Verszeilen von Dezsö Keresztury alles Leid dieses 
schleppenden Marsches im Januar 1943: 

Ein Taifuntrichter ist diese unwegsame Straße: eine offene 
Grube mit zerbröckelnden Wänden ; 

Ein schleppender Zug von Köpfen und gebrochenen Schultern, 
gesichtsloses 

Gewürm unter den stapfenden Sohlen. Ein wirbelnder Schlund 
der schlammige Boden; 

Auf Maschinenkadavern und auf Pferdeleichen klirrt und 
zirpt Frost wie das Schwirren der Herbstkäfer. 

Gebt den Wagen frei! In den Schnee mit 
den Verwundeten! 

Das Eis reckt seine Hand, eine Wurfgranate 
zum Krepieren reicht! Ist das noch 


168 



ein Marsch?! Weinende Erde :Inden Sommerstiefeln gefrieren 
die Füße zu Stein. 

Nach Hause? Ach, wohin gehen in der Schneewüste 
die schweigenden Soldaten? 

Ein Wald der Eisklingen: der Himmel funkelt teilnahmslos 
über der silberschaumigen Ebene. 

Bitterer Rauch schlängelt empor, breitet sich aus und wirbelt 
hinauf in den Weltraum. 

Zielverlorener Marsch: einstampfen sich in Gehirne 
und Herzen der Raupenketten drängende Spur. 

Marsch! Bis zum Sieg! Für wen? Oh, verdammt sind sie — 
Zum Schlachtopfer hingeworfene Millionen! 

Und wieder die Augenzeugen. 

Könya, 13. Februar 1943: 

«In dem Haus finden wir einen alten, bärtigen Ungarn. Er 
bat niemanden mehr. Man hatte ihn aus dem Zuchthaus an die 
Front geschickt, bestimmt will er nicht nach Hause. Danach 
haben wir einen hilflosen, kranken Leutnant aufgelesen. Ihm 
ist die Nase abgefroren, Eiter läuft aus der Wunde. Wie viele 
Menschenschicksale !» 

Husarenhauptmann Bertalan Nemethy, 2. Februar 1943: 
«Es ist bereits der neunte Tag, den unsere Kompanie im 
Freien, ohne ein Dach über dem Kopf, verbracht hat. Unsere 
Verpflegung besteht schon seit Tagen aus Kaffeeresten und 
Tee.» 

Oberstleutnant Jözsef Hunyadväri: 

«Es sind Meldungen über das merkwürdige Verhalten der 
Partisanen eingegangen. Auf der Straße zwischen Nossowka 
und Kobyshtsche haben sie mehrere kleine marschierende 
Kolonnen überrumpelt. Nachdem sie sich mit ihnen unter- 
halten haben: ,Ihr seid ungarische Soldaten, euch tun wir 
nichts zuleide, geht heim nach Ungarn', reichten sie ihnen die 
Ilände, verabschiedeten sich von ihnen sehr freundschaftlich 
und verschwanden in den nahe gelegenen Wäldern ... In 
einem Fall boten sie ihnen sogar Wodka zum Trinken an . . .» 


169 



Pionierhauptmann Läszlo Parkänyi: 

•«Die Mannschaft übernachtet im Freien, in den Häusern 
sind Deutsche einquartiert. Die Mannschaft hat keine Ver- 
pflegung mehr. Die Deutschen nehmen uns mit Gewalt Waf- 
fen und Pferde weg. Sie werfen Verwundete aus den Häu- 
sern, schießen in die Zimmer, wo sich Ungarn aufhalten, und 
so weiter. Dieses unkameradschaftliche, ja ausgesprochen 
feindliche Verhalten steigert den Haß der Soldaten gegen die 
Deutschen bis zum Äußersten, untergräbt ihren Kampfgeist 
völlig. Aus dem Benehmen und den Gesprächen der deutschen 
Soldaten ist zu erkennen, daß ihr feindliches Verhalten von 
höherer Stelle gelenkt wird. Man ist bestrebt, das völlige 
Fiasko der hilflos gewordenen deutschen Führung auf die un- 
garischen Truppen abzuwälzen . . .«• 

Im Frühjahr 1944 war Hauptmann Parkänyi an der könig- 
lich ungarischen Militärtechnischen Akademie -«Jänos Bolyai» 
mein Vorgesetzter. Damals hörte ich mit Verwunderung, 
daß dieser gesetzte und disziplinierte Offizier am 19. März 
1944, dem Tag der Besetzung Ungarns durch das faschisti- 
sche Hitlerdeutschland, ganz alleine eine deutsche Straßen- 
streife angegriffen hatte. Das unkameradschaftliche Verhalten 
der Deutschen verstärkte den Haß nicht nur der einfachen 
Soldaten gegenüber den Deutschen . . . 

Major Ritter Käroly Kern: 

«Die deutschen Traineinheiten bahnten sich, ohne auch nur 
das kleinste Zeichen von Disziplin, panikartig den Weg . . . 
Die unglücklichsten Menschenwracks, wahnsinnig geworden, 
befanden sich in unseren Reihen. Ein äußerst müder und vor 
Kälte erschöpfter Mann legte Mantel und Feldbluse ab und 
sagte: ,Ich gehe zur Mutti schlafen', mit diesen Worten nahm 
er den Weg in die Schneewüste, Man konnte ihn nicht mehr 
aufhalten. Ein anderer blieb neben uns stehen, wies auf ein 
Haus und fragte in transdanubischem Dialekt, ob die nahe ge- 
legenen Häuser , nicht wahr, Bevecser?' seien. . . Was wir er- 
lebten, das war das Verhalten von Ratten auf einem sinkenden 
Schiff, jeder möchte das eigene Leben auf Kosten der anderen 
retten . . . Der deutsche Artilleriemajor Bredow trieb die Un- 


170 



garn mit Maschinenpistolenschüssen zurück. . . Bei Tscher- 
neckij waren wir Augenzeugen, als im nebligen Dunkel zwei 
Deutsche einen dritten jagten, der ihr Pferd bereits losgebun- 
den hatte und aufsitzen wollte, um es zu entführen. Sie holten 
ihn ein und schlugen ihn halbtot. . . Am 18. Februar brachen 
wir in aller Frühe auf und erreichten gegen 10 Uhr mit 130 
Mann Sumy, wo uns der erste Verkehrsposten erwartete.» 

Dieser Käroly Kern war der Generalstabschef jener 20. Di- 
vision, deren Kommandeur, Generalmajor Vasväry, das Ein- 
treffen in Sumy voller Freude registrierte: 

«Nach Erreichung Sumys hat sich die Lage wesentlich ge- 
bessert. Wir sind wieder unter Ungarn . . . Hier ist es möglich, 
mit dem Quartiermeister des 2. Armeekommandos, General- 
stabshauptmann PünköSthy, in Verbindung zu treten.» 

Das vergessene Armeekorps war also angekommen. Wo be- 
finden wir uns eigentlich? In Sumy, in der Ukraine, die vor 
kaum mehr als einem Monat noch als ein sehr fernes Gebiet 
hinter der Front galt — in der Luftlinie über 300 Kilometer 
vom Don entfernt. Hierher waren die Ubriggebliebenen des 
III. Korps, einige hundert Mann, am 18. Februar 1943 ge- 
langt. 

Für den Herrn Feldwebel machten wir Spaß. 

Für den Herrn Oberleutnant tanzten wir im Schnee. . . 

Zur Unterhaltung des Herrn Obersten aßen wir die 

Schaben lebend . . . 

Von dort kamen wir aus der Hölle . . . 

rezitieren im Film in wahnwitziger Verzückung die Heiligen 
Drei Könige Kaspar, Melchior und Balthasar. Haben sie nur 
ihr nacktes Leben gerettet? Beginnen sie auch nachzudenken? 
Erinnern sie sich an das Grausige ihrer jüngsten Vergangen- 
heit, an die Grobheiten ihrer deutschen Verbündeten, an den 
Wodka sowjetischer Partisanen? 

Was werden sie nach dem Abflauen der ersten Freude wohl 
empfinden, wenn ihnen ihre ungarischen Brüder und Kame- 
raden, die unter günstigeren Umständen nach hinten gelangt 


171 



sind, mitteilen, daß sie sich nun als Gefangene betrachten 
müssen? 

•«Am 19. Februar 1943 gab mir der Stadtkommandant 
Oberstleutnant Gyula Denesfaly Dinich die Verordnung Sei- 
ner Hochwohlgeboren des Herrn Generalstabschefs bekannt, 
wonach alle eingetroffenen Angehörigen der 2. ungarischen 
Armee zu internieren sind. Die Waffen sind ihnen abzuneh- 
men . . .— Oberst Farkas, Kommandeur des königlich ungari- 
schen 22. Infanterieregiments.» 

Aus dem Regen in die Traufe! Es gab kein Erbarmen. Die- 
jenigen, die am Leben geblieben waren und denen es gelun- 
gen war, sich bis nach Sumy zu schleppen, waren nun Ge- 
fangene, Gefangene des ungarischen Staates. 

Generaloberst Szombathelyi, der frühzeitig erkannt hatte, 
daß der Krieg verloren war, wußte genau, . . . warum er da- 
mals im Dezember 1942 seine tödliche Durchhalteparole her- 
ausgab, die dann während der Schlacht Generaloberst Jäny 
in den Satz ummünzte: «Nur sterben kann man noch, aber 
nicht zurückweichen.» 

Diese Elenden jedoch schämten sich nicht einmal, am Leben 
zu bleiben! Nun mochten die deutschen und ungarischen Fa- 
schisten mit ihnen schon machen, was sie wollten, den Wodka 
der Partisanen, die Peitsche der Deutschen und den Armee- 
befehl Jänys vergaßen sie nie mehr. . . 


172 



Es weine nicht, 
den man prügelt . . . 


'•Es weine und schreie nicht, den man prügelt, 

Oder wenn er weint, soll es der Schläger nicht wissen, 

Schurkenlust ergötzt sich an viel Trauer.» 

Ernö Salamon 

Als die ungarische Regierung im Frühjahr 1942 mit Hilfe 
ihres komplizierten und ziemlich undurchsichtigen Einberu- 
fungssystem die «verdächtigen» Besitzlosen des Landes er- 
laßt hatte, ordnete sie der 2. Armee durch eine nicht weniger 
raffinierte Methode auch 50 000 Juden und politisch Ver- 
femte — zusammengestellt in Arbeitsdienstkompanien — für 
den «Front-Hilfsdienst» bei. 

Eine solche Situation ist militärisch absurd und beispiellos. 
Diese als unzuverlässig eingestuften Männer waffenlos an die 
Front zu schicken, damit sie dort nicht nur gefährliche, son- 
dern auch verantwortungsvolle technische Arbeiten durch- 
führlen, war nicht nur grausam und unmenschlich, sondern 
vom militärischen Standpunkt aus auch unklug. Waren diese 
Menschen tatsächlich unzuverlässig, dann durfte man ihnen 
nicht solche wichtigen Arbeiten übertragen; und das obendrein 
in der vordersten Frontlinie. 

Es kann nicht die Aufgabe dieser Abhandlung sein, den 
tragischen Verlauf der Judenverfolgung in Ungarn aus- 
führlich darzulcgen; diese Frage wurde bereits in zahlreichen 
Büchern analysiert. Wie in den vorhergehenden Kapiteln 
untersuchen wir nur die militärischen Zusammenhänge der 
Geschehnisse im Januar 1943. Dabei erscheint uns die Wider- 
wärtigkeit der Judenverfolgung in Ungarn von einer bisher 

173 



verhältnismäßig selten beleuchteten Seite. Seit der Gründung 
der Honved- Armee im Jahre 1848 haben zahlreiche ungari- 
sche Juden ihren Namen mit Blut in die Geschichte der Streit- 
kräfte eingetragen. Mit einem nicht geringen Prozentsatz wa- 
ren sie in der Revolutionsarmee vertreten, haben für die 
ungarische Unabhängigkeit ihr Leben eingesetzt. Erinnert sei 
auch an die jüdischen Soldaten und Offiziere des ersten Welt- 
krieges, die mit Tapferkeitsmedaillen in Gold und Silber von 
der Front heimkehrten. Istvän Kossa schildert in seinem Tage- 
buchroman «Von der Donau bis zum Don»- den Fall des 
Hauptmanns SändorTakäcs, den man als zweifachen Inhaber 
der Urkunde «Lobende Anerkennung» wegen seiner jüdischen 
Abstammung als Arbeitsdienstler an die Don-Front geschickt 
hatte. «In der Kalkgrube werden Sie kein Gedenkblatt benö- 
tigen», fuhr ihn Oberstleutnant Lipöt Muray an, der Leiter 
des Wehrkreiskommandos in Nagykäta. «Wegen Ihrer Her- 
kunft!» Was heißt: wegen der Herkunft? Wer ist überhaupt 
ein Jude? Einer, der diesen Glauben hat? Oder wer sich als 
Jude bekennt? Nach dem 1939 von den faschistischen Be- 
hörden in Ungarn erlassenen Gesetz wurde derjenige als Jude 
betrachtet, vpn dessen beiden Großeltern mindestens einer 
jüdischen Glaubens war. Eine absurde Unterscheidung! 

In seinem Film «Zwei Halbzeiten in der Hölle» zeichnet 
Zoltän Fäbri ein erschütterndes Bild von einem solchen Men- 
schen: ein Reserveoffizier, der in blendendweißer Uniform 
zur Arbeitskompanie einrückt und der bis zum letzten Augen- 
blick'hofft, nur zeitweiliges Opfer eines Irrtums zu sein . . . 

Zurück zu den objektiven militärischen Tatsachen. Es un- 
terliegt also keinem Zweifel: Ungarn hat durch diese unsin- 
nige Bestimmung sehr viele hervorragende Fachkräfte ver- 
loren. 

Auf welche Weise wurden diese Männer in die Einheiten 
der 2. Armee eingereiht? 

Das Horthy-Regime hatte ein über das ganze Land ausge- 
dehntes, perfekt funktionierendes Spitzelnetz. Demzufolge 
verfügte jedes Komitat und jede militärische Einberufungs- 
zentrale über entsprechende Informationen. Von der auf Grund 


174 


ilrs Gesetzes aus dem Jahre 1939 als Juden oder Kommu- 
nisten registrierten männlichen Bevölkerung wurden die po- 
litisch oder aus anderen Gründen unbequemsten Personen 
eingezogen. Es genügte eine böswillige Anzeige, der anonyme 
Brief eines neidischen Nachbarn, und schon mußte das un- 
glückliche Opfer nach Nagykäta. 

Und warum gerade dorthin? 

Bemerkenswert ist, daß die Einberufungszentrale Num- 
mer I in Nakykäta nicht der 2. ungarischen Armee angeglie- 
dert war, sie unterstand dem I. Armeekorps in Budapest, das 
nicht zum Fronteinsatz gelangte. Wenn wir über diese militä- 
risch ungewöhnliche Erscheinung nachdenken, kommen wir 
zur Ansicht, daß eine solche Einberufungsmethode angewandt 
wurde, weil es beim I. Korps den einen oder den anderen 
gab, der die schändliche Henkerrolle freiwillig und freudig 
übernahm. Nur schwer sind heute die Namen der Verantwort- 
lichen zu ermitteln. Mit der persönlichen Auswahl der Juden 
und der politisch verdächtigen anderen «Elemente» befaßte 
sich damals Oberstleutnant Bela Hajos. Dieser Stabsoffizier 
teilte dem Kommandeur der Einberufungszentrale in Nagy- 
käta, einem an der Grenze der Senilität stehenden sadistischen 
Oberstleutnant namens Lipot Muray, die Namen der Einzu- 
ziehenden mit. «Oft schickte er nur Zettel herüber, auf denen 
Namen standen, ohne Begründung», sagte Oberstleutnant 
Muray vor dem Volksgericht über Hajös aus. 

Muray selbst erfüllte mit großem Eifer seine «Pflicht». 
Dieser an einem Stock dahinhumpelnde alte Stabsoffizier, 
dessen Dienstgrad vermuten läßt, daß er die Oberstenprü- 
fung nicht bestanden hatte und deshalb nicht mehr befördert 
werden konnte, war unter den Arbeitsdienstlern zu einem 
gefürchteten Begriff geworden. Er war Herr über Leben und 
Tod, das heißt häufiger über den Tod. Er verfolgte die Ein- 
gezogenen in der Heimat mit ausgeklügelten Grausamkeiten.. 
Doch das war nicht einmal seine schlimmste Schuld. Darüber 
hinaus spornte er die Wachmannschaften der an die Front 
verfrachteten Arbeitsdienstler direkt zu Verbrechen an. Das 
unausgesprochen über der gesamten 2. ungarischen Armee 


175 



lastende Schicksal wurde hier deutlich sichtbar: Kein einziger 
Jude und Kommunist darf lebend nach Hause kommen, so 
lautete der Befehl Murays. Er versprach dem Kommando- 
personal, daß es von der Front zurückkehren dürfe, sobald 
die ihm anvertrauten Menschen alle vernichtet wären. Für 
seine Verbrechen erhielt Muray unmittelbar nach der Be- 
freiung die verdiente Strafe; das Volksgericht verurteilte ihn 
zum Tode durch den Strang. 

Wie setzte sich das Kommandopersonal zusammen? 

Ungefähr zwei Dutzend Soldaten waren jeder Arbeitsdienst- 
kompanie zugeordnet, unter ihnen gab es einen Feldwebel, 
der Berufssoldat und zumeist der Schrecklichste der Einheit 
war, die befehligt wurde von einem Kommandanten im Range 
eines Fähnrichs. Häufig waren es im Zivilleben gescheiterte 
Existenzen mit schwachem Charakter, die willig unmensch- 
liche Anordnungen ausführten. 

Worin bestand diese Schreckensherrschaft? Wir möchten 
betonen, daß man die sogenannten Schikanen nicht als Son- 
derbehandlung betrachten darf. Unabhängig von ihrer Her- 
kunft waren alle Soldaten der Willkür ihrer Vorgesetzten aus- 
geliefert, und viele Ausbilder waren grausam und stellten 
übertriebene Forderungen. Jene Klagen über das Leben an 
der Front, die wir zahlreichen «Lebenserinnerungen»- entneh- 
men können, betreffen nicht nur die Arbeitsdienstler, zum Bei- 
spiel: viele Kilometer hindurch in Schnee und Frost marschie- 
ren, Verlausung, Mangel an regelmäßigem Essen und warmer 
Kleidung und auch dann Dienst zu tun, wenn man eigentlich 
im Lazarett behandelt werden müßte. Das waren Drangsale, 
die der Winterfeldzug für alle Invasoren mit sich brachte. 
Die eigentliche «Schreckensherrschaft» bestand vielmehr dar- 
in, daß manche Kommandos den Befehl des Oberstleutnants 
Muray sehr ernst nahmen und die Arbeitsdienstmannschaften 
im wahrsten Sinne des Wortes ausrotteten. 

Das W'issen um die ständige Ungerechtigkeit, das Ausge- 
schlossensein aus dem normalen privaten und militärischen 
Dasein — das alles war für die Arbeitsdienstler eine schreck- 
liche Demütigung. Sie hätten viel lieber als Soldaten der 


176 



Kampftruppe Entbehrungen ertragen. Und schließlich ver- 
langte ihnen das Verlegen technischer Sperren in der vorder- 
sten Linie, das Minensuchen und der Befestigungsbau unter 
feindlichem Feuer höchstmögliche Kraftanstrengungen ab. 

Kommen wir zurück auf die schwerste Schuld des Kom- 
mandopersonals: Eines der schrecklichsten Verbrechen wurde 
eindeutig aufgedeckt: Im Herbst 1942 ließ Alajos Ilaynal, 
Kommandeur des 22. Infanterieregiments der 6. Division, mit 
Unterstützung des Kommandopersonals 124 Mann aus einer 
Arbeitsdienstkompanie hinrichten. «Solange auch nur einer 
der Arbeitsdienstler lebt, darf keiner von euch auf Urlaub 
nach Hause fahren», erklärte Oberst Haynal dem Kommando- 
personal. Wöchentlich mehrmals erschien bei der Kompanie 
der Korporal Jänos Toth, Soldat der Husaren-Aufklärungs- 
abteilung des Regiments, trieb die vom dienstführenden Feld- 
webel ausgewählten Arbeitsdienstler fort und schoß sie dann 
über den Haufen. Dabei hatte Oberst Haynal, der sich als 
«Löwe von Tjin» zu bezeichnen pflegte, weil er als erster in 
die bereits geräumte Stadt eingeritten war, nicht einmal un- 
mittelbar Befehlsgewalt über die Arbeitsdienstkompanien. 
Dieser Massenmörder wurde im Herbst 1944 bei der Macht J 
Übernahme durch die Pfeilkreuzler als Generalmajor stellver- 
tretender Landes-Kommandeur der Levente und der Natio- 
nalgardisten. 

Wenn Oberst Haynal keine direkte Beziehung zu den 
Arbeitsdienstkompanien besaß, wer hatte sie dann? 

Diese Formationen waren drei Bereichen der 2. Armee an- 
geschlossen: dem Train für Verladung und Transport, den 
Pioniereinheiten zu Befestigungsarbeiten und zum Minen- 
legen sowie den Sanitätskolonncn. 

In Artikel 14 des Gesetzes vom Jahre 1942 heißt es : «Die 
Juden leisten ihre Wehrpflicht in Form von Hilfsdiensten 
ohne Dienstgrad ab.» Demgegenüber wurde die gesamte Be- 
festigungslinie der 2. ungarischen Armee einschließlich der 
Geschützstellungen und Beobachtungsstände von jüdischen 
und kommunistischen Arbeitsdienstlern ausgebaut. Auch dfer 
Laie erkennt, daß dies außerordentlich wichtige Arbeiten sind, 


12 Ncmcskürty, Untergang 


177 


die man wahrhaftig nicht als bloße Hilfsdienste bezeichnen 
kann. Istvan Kossa berichtet über den Bau eines der best- 
angelegten Beobachtungsstände des III. Armeekorps: 

«Von der 2. ungarischen Armee sind im Laufe der Zpit viele 
tausend Soldaten in dem Dorf Archangelskoje am Fuße der 
, Kreideburg' gewesen, das in Form eines Dreizacksterns an- 
gelegt war. Oben, auf dem Gipfel der , Kreideburg', stand 
eine Windmühle, das sichere, leicht erkennbare Merkmal der 
Umgebung und auch der beste Orientierungspunkt für Artil- 
lerie und Piloten. 

Unsere Unterkünfte lagen an der Straße, die zur Wind- 
mühle hinaufführte. 

Der Quartierbereich bestand aus sechs Häusern. In einem 
waren die Offiziere und das Kompaniebüro, in dem anderen 
das Kommandopersonal, im dritten die Küche. Gegenüber la- 
gen die Behausungen der Arbeitsdienstler. Das erste Gebäude 
bezeichneten wir nur als ,Läusehaus‘. Da wohnten solche, 
denen alles egal war, die nicht einmal mehr Kraft zum Laufen 
hatten, denen es schon gleichgültig war, ob tausend oder zehn- 
tausend Läuse an ihrem Körper nagten. Da konnte man 
ganze Hände voll Läuse ablesen. 

Das nächste Gebäude war die Schneider- und Schusterwerk- 
statt, zugleich die Unterkunft derer, die sich noch schlecht und 
recht sauber halten konnten. Das dritte dieser Gebäude war 
das christliche Quartier. Da wohnten wir, die ,Urchristen‘. Ein 
halb in Trümmern liegendes Gebäude, in dem sich nur ein 
einziges Zimmer in erträglichem Zustand befand. Auf einem 
Dielenbrett, das wir über einen eingestürzten Keller gelegt 
hatten, gingen wir aus und ein . . . 

Unser neuer Arbeitsplatz lag knapp 17 Kilometer von un- 
serer Unterkunft entfernt. Dort mußten wir einen Artillerie- 
Beobachtungsstand bauen. Die Arbeit war viel schwerer als 
sonst. Der Hügel bestand aus weichem, weißem Gestein, das 
mit der Spitzhacke nur schwer zu bearbeiten war. Der ganze 
Hügel lag im Schußbereich des Gegners. Tagsüber durfte sich 
niemand bewegen, damit wir die Aufmerksamkeit des Feindes 
nicht auf uns lenkten. 


178 



Hier konnten wir deshalb nur nachts arbeiten. Immer kehr- 
ten wir todmüde zurück. Eine Veränderung war lediglich in- 
sofern eingetreten, als wir unsere Tagesarbeit im Dorf jetzt 
früher beendeten, damit wir im Eilmarsch noch vor Eintritt 
der Dunkelheit den Hügel erreichten. Und dann hinauf auf 
den Hügel. Jeder trug eine Spitzhacke und eine Schaufel bei 
sich. Die Arbeit ging sehr mühsam voran. Kecskes begleitete 
uns immer nur bis zum Fuße des Hügels . . . 

Auf dem Rückweg kamen wir wieder an der Mühle vorbei. 

Im nebligen Morgengrauen hing an den vier Flügeln der 
Windmühle je ein erhängter Mann, zwei Honved-Soldaten 
und zwei Zivilisten. An dem unteren Flügel — wir konnten es 
genau erkennen — , das war ein ungarischer Korporal. Neben 
ihm, der Kleidung nach zu urteilen, ein russischer Zivilist. 

Ich wandte hastig den Kopf zur Seite. Ich konnte den 
schrecklichen Anblick nicht mehr ertragen.» 

Die Arbeit, die diese Leute im Schatten der Erhängten an 
der Windmühle verrichteten, war nicht nur hart; man brauch- 
te dazu auch menschliche Größe und gute Nerven. Istvän 
Kossa setzt dem alten Juda Silberpfennig, ebenfalls Opfer 
des Obersten Haynal, ein schönes Denkmal: 

«Neben mir arbeitet der alte Juda Silberpfennig. Vom Hö- 
rensagen war mir schon daheim der Name dieses mehrfachen 
Millionärs, rauhherziger Besitzer einer Lodentuchfabrik, be- 
kannt. Hier nun bewies er menschliche Größe. Ohne ein Klage- 
wort hob er auch die schwersten Balken. Er meldete sich immer 
als erster zum Arbeitseinsatz. Mit seinen fünfundsechzig Jah- 
ren war er der älteste unter uns. Er hätte mit Recht erwarten 
können, daß wir ihm helfen. Doch er half anderen. Auch sonst 
unterschied er sich von den übrigen reichen, vermögenden 
Arbeitsdienstlern: Er machte niemals Geschäfte mit dem 
Wachpersonal. Die Wachsoldaten haßten ihn deshalb mehr 
als jeden anderen. Sie, die Gutscheine von den Arbeitsdienst- 
lern erpreßten, konnten daher auch nicht an ihm Vorbeigehen, 
ohne ihm ein, zwei Hiebe zu versetzen. Aber brechen konn- 
ten sie ihn nicht. Vergebens teilten sie ihn für die schwerste 
Arbeit ein. Als schon die kräftigen von den jüngeren der 


179 



Reihe nach ausfielen, hielt der alte Silberpfennig immer noch 
gut durch. Es gelang nicht, ihn kleinzukriegen. Am Don wurde 
er dann mit anderen zusammen hingerichtet.“ 

Kossas erschütternde Aussage wird durch Hauptmann Läsz- 
16 Markus, höchsten Disziplinarvorgesetzten dieser Arbeits- 
dienstkompanie, beglaubigt. Laut Markus’ Bericht waren den 
technischen Einheiten des 22. Infanterieregiments der 6. Di- 
vision 600 Mann für Befestigungsarbeiten zugeteilt worden. 
Zu dieser Zeit, im Winter 1942/43, war nicht mehr der blut- 
rünstige Haynal Regimentskommandeur. «Der Kräftezustand 
der jüdischen Arbeitsdiensller ist geradezu jammervoll», be- 
stätigte der Ilauptmann. «In letzter Zeit fand sich kaum noch 
eine arbeitsfähige Person. Die Sterbefälle häuften sich von 
Tag zu Tag, so daß etwa zweihundert Mann infolge totaler 
Erschöpfung starben.» Er beklagte sich auch, daß er nach dem 
Durchbruch bei Uryw keinerlei Informationen mehr erhielt, 
so daß er am 14. Januar 1943 abends um 19 Uhr, «als wir 
unter starkem Beschuß lagen», den Rückzug auf eigene Ver- 
antwortung anordnete. 

Aber ehe wir die Leiden während des Rückzuges beschrei- 
ben, müssen wir einige Umstände erläutern. Unter den Ar- 
beitsdienstlern befanden sich auch qualifizierte Ärzte, die, 
wenn sie nicht gerade Minen suchten, oft als Sanitäter in der 
vordersten Linie halfen. Mit todesverachtendem Mut rette- 
ten diese Männer Tausenden verwundeter Soldaten das Le- 
ben, und das mit einer Opferbereilschaft, die man in Kanzel- 
predigten so gern als gottgefällig und christlich bezeichnet. 
Darüber schreibt in soldatischer Prägnanz unser alter Be- 
kannter, Oberstleutnant Vecsey, Kommandeur des 35. Infan- 
terieregiments: 

«Ich bin gezwungen festzustellen, daß diese Juden wesent- 
lich disziplinierter sind als unsere Honveds. Ihre Arbeitsfähig- 
keit und ihre Leistungen sind ebenfalls besser als die unserer 
Soldaten. Die waffenlosen Juden holten im stärksten Trom- 
melfeuer die verwundeten und die loten Soldaten heraus; 
eine dieser Judenkompanien hatte dann auch an die fünfzig 
Tote und zweimal soviel Verwundete.» Fügen wir noch eine 


180 



weitere Erklärung von ihm hinzu: «Die Judenkompanien ver- 
halten sich vorn sehr tapfer, sie lassen weder verwundete noch 
tote Ungarn zurück. Wir werden es noch erleben, daß aus 
ihnen Helden werden, immer dann, wenn unsere Infanterie 
davonläuft.» Diese zu Sanitätern gewordenen Ärzte fehlten im 
zwischen zu Hause. Verteidigungsminister Nagy schrieb: 

«Ohne zu überlegen, hat man die jüdischen Ärzte eingezo- 
gen. Nach der Verordnung hätte man den Arbeitsdienstkom- 
panien, deren Stärke etwa 220 Mann betrug, nur je einen 
Arzt zuteilen dürfen. Es kam jedoch vor, daß bei einer sol- 
chen Einheit manchmal selbst 10 bis 12 Ärzte dienten und 
statt ihrer lebensrettenden Tätigkeit gewöhnliche Tagelöhner- 
arbeit verrichteten. Andererseits gab es in den Dörfern keine 
Ärzte, ja sogar bei den Militäreinheiten machte sich der Ärzte- 
mangel bemerkbar. In der Zeit größerer Gefechte konnten 
viele ungarische Soldaten deshalb nicht rechtzeitig eine ent- 
sprechende Pflege und ärztliche Hilfe bekommen, mußten sie 
oft selbst an bedeutungslosen Verletzungen sterben, während 
die fachkundigen, hervorragenden Ärzte Steine klopften, Grä- 
ben aushoben, Wälder rodeten, Balken schleppten, an Bahn- 
dämmen Erde bewegten oder Minen weit vor den Kampf- 
linien räumten. 

Auch die sanitäre Lage in .der Heimat verschlechterte sich 
rapide, da man die jüdischen Ärzte nicht ihrem Beruf ent- 
sprechend einsetzte. Einmal klagte mir sogar der Reichsver- 
weser selbst, daß in dem neuntausend Einwohner zählenden 
Ort Kenderes (Geburtsort Horthys) nur ein einziger Arzt tätig 
sei. Den jüdischen Arzt hatte man zum Arbeitsdienst einge- 
zogen, und später mußte auch der christliche Arzt einrücken. 
Der Reichsverweser bat mich, etwas zu unternehmen, da er 
nicht Zusehen könne, daß das Dorf ohne Arzt bleibe.» 

Noch ein Wort über das Minenräumen. Ein im Frieden zu 
Recht geschätzter Held vieler Filmreportagen ist der Spreng- 
meister, den man zur Entschärfung der Minen und Bomben 
anfordert, die nach kriegerischen Zeiten beim Bau oder wäh- 
rend des Pflügens plötzlich aus der Erde zum Vorschein kom- 
men. Seine mit angespannter Konzentration durchgeführte 

181 


lebensgefährliche Arbeit wird mit andächtiger Stille verfolgt. 
Stellen wir uns vor, daß die gleiche Tätigkeit nicht ein von 
der Gesellschaft geachteter Mensch ausübt, sondern ein seiner 
menschlichen Würde beraubter Häftling, in zerfetzter Klei- 
dung, hungernd, dazu noch im feindlichen Feuer. Und 
schließlich, dieser Minenräumer weiß nicht, wo die Mine liegt, 
jeder tastende Schritt kann ihn ins Verderben stürzen. 

Diejenigen, die diese Arbeit verrichten, waren nicht irgend- 
welche Menschen. Ihre «Schuld» bestand nicht einfach nur 
darin, Jude zu sein. Sie wurden verdächtigt, unzufrieden zu 
sein, waren zum Teil organisierte Arbeiter oder Künstler, die 
in Versen, Romanen und Bildern das faschistische Unrechts- 
system anprangerten und zum Klassenkampf aufriefen. Zu 
ihnen gehörten solche Männer wie der am 16. Januar 1943 
in Gefangenschaft geratene Oberleutnant des medizinischen 
Dienstes, Dr. Denes Felkai. In der Zeit von 1937 bis 1939 
kämpfte er im Spanischen Bürgerkrieg, war anschließend in 
Frankreich interniert und gelangte 1941 nach abenteuerlicher 
Flucht wieder in die Heimat. Im Oktober des gleichen Jahres 
wurde er erneut festgenommen und als Arbeitsdienstler an 
die Front deportiert. 

Den Durchbruch der Roten Armee bei Uryw und Stschu- 
tschje hatten die Arbeitsdiensteinheiten und die ebenfalls dort 
eingesetzten politischen Strafkompanien 401 und 402 körper- 
lich wie seelisch im ungünstigsten Augenblick erlebt. In der 
am 8. Januar eingetretenen Kälte von minus 35 Grad er- 
starrt, hungrig und zerlumpt sowie durch die ständigen Be- 
festigungsarbeiten geschwächt, konnten sie die Strapazen des 
Rückzugs schwerer ertragen als die zwar ebenfalls abgerisse- 
nen, aber doch etwas besser verpflegten Soldaten, die überdies 
nicht unter einer solchen Last des Ausgestoßenseins zu leiden 
hatten. Um der Sachlichkeit willen müssen wir jedoch auch 
feststellen, daß während des chaotischen Rückzugs viele 
ungarische Soldaten und Offiziere mit den Arbeitsdienstlern 
Verpflegung und das Quartier teilten. Um so grausamer ver- 
hielten sich die deutschen Soldaten ihnen gegenüber. Im Ver- 
lauf des Februar, als der Rückzug in panikartige Flucht um- 


182 



schlug, wurden die Arbeitsdienstler mit bestialischer Grau- 
samkeit beschossen und vernichtet. Die meisten Deutschen 
hatten nämlich erst zu dieser Zeit erfahren, daß es bei der 
ohnehin gehaßten ungarischen Armee auch noch Juden gab. 
«Neulich hat deutsche Feldgendarmerie bei Korowinci eine 
Arbeitsdienstkompanie auseinandergetrieben und dabei meh- 
rere Juden erschossen. Es kommt häufig vor, daß die Wehr- 
inaditskommandos diesen Arbeitskompanien, die als reguläre 
Einheiten der ungarischen Armee gelten, Quartiere verwei- 
gern», registrierte das Tagebuch des Oberkommandos am 
19. Februar 1943. 

Wegen der sich immer häufiger wiederholenden Fälle pro- 
testierte Armeekommandeur Jany bei der Heeresgruppe B: 
«Ich protestiere gegen eine derartige Verletzung der Souve- 
ränität des ungarischen Armeekommandos und seiner Ein- 
heiten. Die jüdischen Arbeitskompanien sind Feldordnungs- 
einheiten der ungarischen Armee. Sie wurden der Notwendig- 
keit entsprechend aufgestellt. Deutsche Soldaten können also 
nicht befugt sein, solche Einheiten aufzulösen.»- 
Jänys Protest, der wahrscheinlich auch auf einzelne Inter- 
ventionen durch den Verteidigungsminister Vilmos Nagy zu- 
rückzuführen war, wurde von Generaloberst von Weichs eben- 
sowenig beachtet wie alle zuvor geäußerten Beschwerden. 
Die Arbeitsdienstler — Ärzte, Wissenschaftler, Kaufleute, 
Schriftsteller, Künstler — marschierten unaufhaltsam ihr em 
Untergang entgegen. Unter ihnen befand sich der Dichter 
Ernö Salamon; er hatte Flecktyphus und redete schon irre. 
Die italienischen Soldaten, die Angst vor einer Infektion hat- 
ten, erschossen ihn. In seinem Rucksack verwahrte Salamon 
die Gedichte von Jänos Arany, und außerdem fiel, gleichsam 
ein ängstlich verborgener und behüteter Schatz, die Literatur- 
geschichte von Mihäly Babits auf den Schnee. 

Es lauern auf dich, paß auf: 

Befehl, Stock, langes Leid, 
gramerfüllte Fastentrauer 
und Faschistenknechte . . . 


183 



Vor seinem Tod, als der italienische Soldat auf ihn schoß, 
dachte Salamon vielleicht an sein Gedicht: 

Es weine und schreie nicht, den man prügelt, 

Oder wenn er weint, soll es der Schläger nicht wissen, 

Schurkenlust ergötzt sich an viel Trauer. 

Doch vergebens war der trotzig zusammengepreßte Mund, 
das Insichhineinweinen, damit es sein Schläger nicht weiß. 
Solche Fälle häuften sich, und sie erinnern erschreckend an 
die unmenschliche Methode der «Heilung» von Krankheiten : 
verbrennen, vernichten den, der krank ist. 

«Auf einer Kolchose bei Doroschic zog man über sieben- 
hundert kranke Arbeitsdienstler zusammen», erinnert sich 
Verteidigungsminister Vilmos Nagy, «und quartierte sie auf 
dem Dachboden eines großen Stallgebäudes ein. Der größte 
Teil von ihnen litt an Flecktyphus. Nachts geriet die große 
Scheune in Brand, und die unglücklichen Kranken sprangen 
vom lodernden Dachboden gleich brennenden Fackeln her- 
unter, um dem Feuertod zu entrinnen. Unten jedoch wurden 
sie mit Maschinengewehrfeuer empfangen. Später sagte man, 
die brennenden Männer hätten niedergeschossen werden müs- 
sen, damit durch sie nicht auch noch die übrigen Gebäude der 
Meierei Feuer fangen konnten. So sah hier das Feuerlöschen 
aus! Das Gebäude sank natürlich in Asche, und darin ver- 
brannten die kranken Arbeitsdienstler. Als ich das hörte, ord- 
nete ich sofort eine kriegsgerichtliche Untersuchung des Falles 
an.» 

Da hatte Ferenc Földes, der am 13. Januar 1943 in der 
Umgebung von Uryw fiel, vielleicht einen besseren Tod. Mit 
disziplinierter Sachlichkeit hatte der einstige Student an der 
Pariser Sorbonne und in Bologna seine Dissertation über 
Bertrand Russell abgefaßt: «Der Antisemitismus ist . . . eine 
Möglichkeit zur Bewältigung solcher Probleme, die die herr- 
schende Klasse nicht zu lösen wünscht, eine einfache Diver- 
sionsmöglichkeit zur Ablenkung der Aufmerksamkeit der Mas- 
sen.» Gerade deshalb hatte man ihn auch zur Armee desTodes 

184 



eingezogen, man konnte seine unwiderlegbaren statistischen 
Nachweise über die mangelnden Bildungsverhältnisse des 
ungarischen Volkes, seine kommunistische Agitation nicht er- 
tragen. 

Der Januar verging, ebenso der Februar. Juden und Nicht- 
juden marschierten nicht mehr voneinander getrennt. Sie hat- 
ten sich vermischt, man konnte schon gar nicht mehr erken- 
nen, wer unter den verlumpten Männern regulärer Soldat und 
wer Jude war. Dieser Krieg, diese Kälte, diese Flucht hatten 
jeden Gedanken auf die Erhaltung des Lebens reduziert. 


185 



Endspiel 


«Vitez Gusztäv Jäny, königlich ungarischer Geheimrat, Gene- 
raloberst, Kommandeur der 2. ungarischen Armee, kehrt mit 
seinem engeren Stab am 1. Mai des laufenden Jahres in die 
Heimat zurück. Bekleidung: Dienstanzug, weißer Kragen, 
weiße Handschuhe, Auszeichnungen.» — Für den General- 
stabschef : Generaloberst vitez Jozsef Bajnoczy, 30. April 1943 
«Lieber Generaloberst vitez Jäny! Ihrer unter Berufung auf 
Ihre nahezu vierzigjährige Dienstzeit vorgetragenen Bitte 
gebe ich mit aufrichtigem Bedauern statt und entbinde Sie 
von Ihrer Dienststellung als Kommandeur der 2. ungarischen 
Armee. Anläßlich Ihres Ausscheidens denke ich mit beson- 
derer Zufriedenheit an jene hervorragenden und ergebnis- 
reichen Dienste, die Sie im Verlauf Ihrer nahezu vierzigjäh- 
rigen Dienstzeit sowohl im vergangenen als auch in dem ge- 
genwärtig stattfindenden Krieg als Armeebefehlshaber unter 
außergewöhnlich schweren Bedingungen im Interesse der 
Heimat und der Honved-W ehrmacht geleistet haben. Für Ihre 
herausragend erfolgreichen und außerordentlich wertvollen 
Leistungen spreche ich Ihnen erneut meine besonders loben- 
de Anerkennung aus. — Gödöllö, den 5. August 1943. Horthy» 

Das Spiel war zu Ende. Jäny hatte nun einmal verloren. Ihm 
blieb nichts anderes übrig, als sich resignierend und, vielleicht 
von Gewissensbissen geplagt, still zurückzuziehen. An dem 
Putsch der Deutschen und Pfeilkreuzler nahm er nicht teil; 
vor der großen Öffentlichkeit erschien er nur, als der Reichs- 
verweser im königlichen Palast dem großmäuligen Oberst 
Oszlänyi, einem Divisionskommandeur Jänys, den Maria- 


186 




Theresia-Orden überreichte. In dem hell erleuchteten Saal 
mußte er, gerade er, eine Lobrede auf diesen prahlerischen 
Maulhelden halten. Doch das war später. 

Vorläufig befinden wir uns in der Empfangshalle des Buda- 
pester Ostbahnhofs. Der Sonderzug war eingefahren, und der 
Kommandeur der ins Feld gezogenen und dort zugrunde ge- 
gangenen Armee mit seinem engeren Stab traf ein. Jäny 
hielt eine Ansprache : 

«Die ungarischen Streitkräfte haben den Don als letzte ver- 
lassen und sind auf diese Weise die Nachhut der Nachhut ge- 
worden. Ich kann also über die heldenhaften Kämpfe unserer 
Honveds nur im Tone des Lobes und der Anerkennung spre- 
chen . . .«• 

Wie hatte jedoch Generaloberst Jäny in seinem Armee- 
befehl vom 24. Januar 1943 geurteilt? «Die ungarische Ar- 
mee hat ihre Ehre verloren.» 

Jetzt hätte er wohl am liebsten die Erinnerung an diesen 
Befehl ausgelöscht. Doch das ging nicht. Er hatte seine Armee 
ins Verderben geführt, auch noch fünf Minuten nach zwölf 
waffenlose Menschen in den Kampf geworfen, damit sie als 
lebende Masse das Prinzip des elastischen Zusammenstoßes 
vor der deutschen Heeresführung bestätigten. Dafür gibt es 
keine Entschuldigung. 

Am 9. Februar hatte er nach Budapest gemeldet, daß «die 
höhere deutsche Führung dem ungarischen Armeekommando 
keinerlei amtliche Informationen gibt . . . Das Armeekom- 
mando hat gar keine Ahnung davon, was die kämpfenden 
Truppen in dem uns interessierenden Gebiet machen . . . Das 
Armeekommando ist der Ansicht, daß die noch verbliebenen 
ungarischen Kräfte den Russen als Beute zufallen, falls es 
nicht auf eigene Verantwortung Maßnahmen ergreift . . . All- 
mählich habe ich den Eindruck gewonnen, daß sich in der 
gegenwärtigen Lage niemand mehr um die ungarischen Ver- 
bündeten kümmert. Man erteilt uns nur Aufträge und beruft 
sich dabei auf den Führer. Die Mehrheit dieser Aufgaben ist 
natürlich unlösbar . . . Unsere Armee hängt an einigen Wirt- 
schafts-Fernleitungen, aber eine Verbindung zu erhalten ist 


187 



fast ausgeschlossen, und wenn sie zustande kommt, kann jeder 
x-beliebige deutsche Gefreite Generalstabsgespräche tren- 
nen ... Ich habe den Eindruck, der sich bereits während der 
Kämpfe am Don herausgebildet und seine Bestätigung gefun- 
den hat, daß es die Aufgabe unserer Armee ist, die deutschen 
Einheiten abzusichern. Wenn wir keine Waffen haben, dann 
soll eben die lebende Masse als geschwindigkeitsbremsender 
Prellbock fungieren. Dieselbe Rolle erfüllte das III. Armee- 
korps, das sogar dann noch ehrenhaft standhielt, als seine 
Lage bereits hoffnungslos und es völlig verlassen war.» 

Zu spät, zu spät! Diese Einsicht hätten Jäny und sein Stab 
viel eher gewinnen sollen. Jetzt war es schon einerlei, jetzt 
konnte man tatsächlich nichts anderes mehr tun, als die Sol- 
daten, die sich nach hinten schleppten, zu sammeln. 

Das heißt . . . konnte man doch nichts anderes tun? Natür- 
lich! Jetzt bot sich wirklich die reale Möglichkeit, die Reste 
der Armee in die Heimat zu führen. Statt dessen verriet die 
ungarische Staats- und Armeeführung die eigenen Truppen. 
Im Pakt mit den deutschen Faschisten wurden diese Soldaten 
als Internierte auf dem Kriegsschauplatz belassen. Diktiert 
wurde diese Maßnahme von der Furcht der Herrschenden: 
Keine genauen Nachrichten über das Ausmaß der Niederlage 
und die enormen Verluste sollten in die Heimat dringen. 
Nicht einmal die Feldpost funktionierte. Auf die drängenden 
Fragen der erschrockenen Familienangehörigen antwortete 
im März die «Magyar Katonaüjsäg» (Ungarische Soldaten- 
zeitung), daß die ungarischen Honveds «wegen der sich in 
Bewegung befindlichen Kämpfe» nicht zu erreichen seien . . . 

Ende Februar begab sich Jäny in Smolensk zum Komman- 
deur der deutschen Heeresgruppe Mitte, seinem neuen Vor- 
gesetzten, um sich vorzustellen. Bei dieser Gelegenheit sag- 
ten er und vitez Koväcs gründlich ihre Meinung. «Sehr ener- 
gisch und durch unmißverständliche Worte habe ich jene 
Behandlungsweise gebrandmarlct, die man nicht nur von sei- 
ten der deutschen Truppen, sondern auch durch die höhere 
Führung der ungarischen Armee zuteil werden ließ und 
läßt . . . Zur Empörung haben allein wir und die ungarische 

188 


Generalität Grund. Ich hätte nie im Leben geglaubt, daß man 
mit einer verbündeten Armee, die soviel Tote und Verwun- 
dete zu beklagen hat, auf eine solch demütigende Weise um- 
gehen könne.» 

Alles war umsonst. Solche Anklagen behagten weder dem 
deutschen Generalstab noch der ungarischen Regierung. 
Wertloses Pack ist zugrunde gegangen, das genügt, dachten 
sie. Die Opfer der 2. Armee wurden von offizieller Seite, also 
dem faschistischen Regime in Ungarn, nicht betrauert. 

Inzwischen verglich man den Personalstand. Der Verlust: 
141 971 Mann. Diese Zahl bedeutete Massen an Toten, Ge- 
fangenen, Verwundeten, Vermißten. Wie viele Tote waren 
wohl darunter? Eine genaue Zahl werden wir nie mehr er- 
fahren. Die kleinste Zahl, von der man spricht, sind 30 000 
bis 35 000 Soldaten. Doch wenn wir die in der Gefangen- 
schaft Gestorbenen und die vielen Vermißten — bei denen es 
sich meist ebenfalls um Verstorbene handeln dürfte — , ferner 
die Toten der Arbeitsdienstbataillone hinzunehmen, beträgt 
die Zahl der Toten der 2. ungarischen Armee mindestens 
100 000 Mann. 60 000 Soldaten wurden gefangengenommen. 
Laut einer Angabe waren bis zum 24. Mai 1943 nur 36 446 
Soldaten und 1563 Offiziere nach Ungarn beimgekehrt. Wenn 
wir rund 40 000 Rückkehrer rechnen und die Zahl der über- 
einstimmend auf 60 000 Mann geschätzten Kriegsgefangenen 
hinzuzählen, kommen wir ebenfalls auf 100 000 Mann. Die 
restlichen sind Tote, 100 000 Tote sind demnach eine reale 
Annahme. 

Das Volk hätte die Opfer dieser Armee längst beweint, aber 
man gestattete es ihm nicht: «Um die mit der Reise verbun- 
denen imnötigen Kosten zu vermeiden, rufen wir die Bevöl- 
kerung auf, von einem Besuch der in Debrecen eintreffen- 
den Verwundeten Abstand zu nehmen, denn mit ihnen Kon- 
takt aufzunehmen ist ohnehin nicht möglich», teilte die Un- 
garische Soldatenzeitung den Familienmitgliedern mit. 

Die überlebenden der 2. Armee durften über keine Einzel- 
heiten berichten. Wenn sie — nach Hause gelangt — doch den 
Mund aufmachten, wurden sie selbst in den entlegensten 


189 



Einzelgehöften von Gendarmen abgeholt und eingesperrt. 
Das Kriegsarchiv in Budapest verwahrt Protokolle über 
kriegsgerichtliche Strafen von zwei bis drei Monaten, mit de- 
nen man «geschwätzige» Soldaten belegte, die über die 
schrecklichen Geschehnisse während der Januarkämpfe und 
über die Hilfsbereitschaft sowjetischer Soldaten erzählten. 

Schweigen und Vergessen lautete der Befehl. So herrschte 
im Land eine vorgetäuschte Gleichgültigkeit. 

Die nach Hause gelangten Generale und Obersten jedoch 
gebärdeten sich fröhlich und vergnügt. Dutzende von ihnen 
genierten sich nicht, die damals höchste militärische Auszeich- 
nung Ungarns, den Maria-Theresia-Orden, zu beantragen. Er- 
innern wir uns noch an den Generalmajor Gyula Vargyassy? 
Er hatte mit seiner 23. Division, die zwar zunächst standge- 
halten hatte, dann aber auf -Befehl zurückgegangen und nur 
unter blutigen Verlusten dem völligen Untergang entronnen 
war, nicht ein einziges sieghaftes Gefecht aufzuweisen. Jetzt 
aber brüstete er sich mit seinen Heldentaten : 

«Ich bitte um Aufnahme in den militärischen Maria-The- 
resia-Orden. Hier geht es nicht um die Schilderung einer an 
einem Tag durchgeführten Tat, sondern genaugenommen um 
die Taten von drei Wochen . . . Das Vordringen der Russen 
sowohl bis Kiew als auch über Charkow bis Poltawa hätte 
niemand aufhalten körmen, wenn sich ihnen die Cramerschen 
und Vargyassyschen Truppen nicht entgegengestellt hät- 
ten . . .» Danach prahlte er seitenlang über die triumphalen 
Kriegstaten der Vargyassyschen Kräfte, ohne rot zu werden, 
vielleicht sogar sich selber einredend, daß der Januar 1943 
für die 2. ungarische Armee und vor allem deren 23. Division 
eine Serie von Siegen bedeutet hätte. 

Ein Offizier bekam tatsächlich die höchste Auszeichnung: 
vitez Kornel Oszlänyi, Kommandeur der 9. Division. Er 
konnte wenigstens das Verdienst aufweisen, der einzige Divi- 
sionskommandeur zu sein, der verwundet wurde. Wahr ist 
aber auch, daß der Leidensweg der 9. Division erst nach sei- 
nem Abtransport in die Heimat begann. Der glanzvolle, feier- 
liche Akt, mit dem der Reichsverweser im Januar 1944 in 


190 


der königlichen Burg die Verleihung des Maria-Theresia-Or- 
dens an Oszlänyi würdigte, war zugleich die letzte Amtshand- 
lung Miklös Horthys als oberster Feldherr. Knapp drei Mo- 
nate später, im März 1944, wurde Ungarn von den deutschen 
Truppen besetzt. Divisionskommandeure, die tapferer waren 
als Oszlänyi, mußten sich mit kleineren Auszeichnungen be- 
gnügen. Außer Oszlänyi wurden von den übrigen acht Divi- 
sionskommandeuren noch zwei ausgezeichnet: Läszlö Hol- 
lösy-Kuthy und Generalmajor Vargyassy, beide mit dem 
Komturkreuz des Ungarischen Verdienstordens. Von den 
Armeekorpskommandeuren war Stomm in Gefangenschaft ge- 
raten; Heszlenyi erhielt den Stern zum Komturkreuz des Un- 
garischen Verdienstordens, und der Dritte im Bunde, Legeza, 
ging leer aus. 

Von den achtzehn Regimentskommandeuren war einer, Ti- 
bor Rözsey, 3. Regiment, gefallen; ein zweiter, Ferenc Pälos, 
13. Regiment, wurde vermißt, ein dritter, vitez Sändor Ben- 
kön, war in Gefangenschaft geraten, und ein vierter, Arpäd 
Szönyi, war verwundet worden. Wenn wir die bestürzend 
hohen Verluste der ganzen Armee in Betracht ziehen, fällt 
zweifellos auf, daß die meisten Regimentskommandeure mit 
heiler Haut davongekommen waren; das scheint uns doch ver- 
dächtig. Sicherlich hatten sie nicht unmittelbar am schweren 
Kampf getümmel teilgenommen. Nun, das war für sie ja auch 
nicht vorgeschrieben. Trotzdem: Insgesamt wurden acht Regi- 
mentskommandeure ausgezeichnet. 

Ein übermäßig reicher Ordensregen immerhin. Er bestätigt 
unseren anfänglichen Verdacht: Der Feldzug war für das Of- 
fizierskorps eine Expedition zum Sammeln von Erfahrungen, 
für die Mannschaft aber bedeutete er das Todesurteil. 

Am 1. Mai 1943 um 17.30 Uhr schritt Seine Exzellenz Ge- 
heimrat Generaloberst vitez Gusztäv Jäny unter den Klän- 
gen der Nationalhymne die Ehrenkompanie ab und blieb 
dann vor dem königlich ungarischen Ministerpräsidenten, 
Miklös Källay, stehen. Der Ministerpräsident begrüßte Seine 
Exzellenz lächelnd. Die beiden Männer schauten lange ein- 
ander an. Ein bezeichnendes Bild! Genau ein Jahr war es her, 


191 



daß der Ministerpräsident im Parlament seine Antrittsrede ge- 
halten hatte, in der er unter anderem sagte: 

«Mein Programm, mein Wirken, meine ganze Arbeit kann 
kurz in diesem einen Satz zusammengefaßt werden: Wir müs- 
sen alle uns zur Verfügung stehende Ernergie in den Dienst 
dieses Krieges — und ich betone : in den Dienst unseres Krie- 
ges stellen . . . Den Krieg fasse ich als nationalen Selbstzweck 
auf . . .» 


192 



Die Anfänge 

des militärischen Widerstandes 


«ln der nun bald folgenden Phase des zweiten Weltkrieges 
wird sich unsere Heimat auch in ein Schlachtfeld verwandeln, 
über den Köpfen unserer Kinder, Eltern und Ehefrauen 
werden in Kürze die Kanonen dröhnen. Den Boden Ungarns 
werden die Deutschen als Rückzugsgebiet benutzen. Die Fol- 
gen werden schrecklich und unabsehbar sein. Wir Kriegs- 
gefangenen dürfen den Geschehnissen jetzt nicht weiter taten- 
los Zusehen.» — Brief von 756 ungarischen Kriegsgefangenen 
an Generalmajor Graf Stomm am 24. Dezember 1943 

Der Untergang der 2. ungarischen Armee blieb nicht ohne 
Auswirkungen. Die Katastrophe am Don bedeutet sowohl in 
der Geschichte der Honved-Wehrmacht als auch in der un- 
garischen Geschichte eine- entscheidende Wende. Einleitend 
zitierten wir schon die Feststellung Källais, daß durch den 
Kriegsverlauf innerhalb der Armee und dann in Ungarn selbst 
die Voraussetzungen für den nationalen Freiheitskampf sich 
herausbildeten. Das bekundet auch Mihäly Korom: «Die Ka- 
tastrophe bei Woronesh war ein Kriegsereignis in der Ge- 
schichte unserer Nation, das die bisher größten Blut- und ma- 
teriellen Opfer forderte . . . Sie hatte auch auf das allgemeine 
politische Leben des Landes eine enorme Auswirkung.» 

Bleiben wir bei der Feststellung Gyula Källais. Im Verlauf 
der Schlacht am Don wurde es den meisten ungarischen Sol- 
daten bewußt, daß sieb die Regierung auf eine schlechte Sache 
eingelassen hatte und daß die Armee für diese schlechte Sache 
zynisch geopfert werden sollte. Zum ersten Mal standen sie 
sowjetischen Menschen von Angesicht zu Angesicht gegen- 


13 Nemeskürty, Untergang 


193 



über; am eigenen Leibe erfuhren sie die militärische Über- 
legenheit der Roten Armee, ebenso vermochten sie die Un- 
wahrheit, Verlogenheit der ihnen zu Hause zwanzig Jahre 
hindurch eingetrichterten Hetzparolen zu durchschauen. Zu- 
sammenfassend läßt sich sagen: Für jene gutgläubigen und 
ehrlichen Soldaten und Offiziere, für Menschen überhaupt, 
die bisher keinen Kontakt zur Arbeiterbewegung besaßen 
und die glaubten, die geschichtlichen Interessen zwängen Un- 
garn an die Seite der Deutschen, ergab sich jetzt die Mög- 
lichkeit zu antifaschistischem Handeln. Denn allzu deutlich 
hatte sich die Mißachtung durch die deutschen Verbündeten 
gezeigt, sichtbar war auch, daß das Horthy-Regime zum Un- 
tergang reif war. Man mußte einen neuen Staat aufbauen. 

Feststellen müssen wir aber, daß diese Erkenntnis nicht zur 
Triebfeder einer Massenaktion wurde und zugleich eine anti- 
faschistische Haltung auslöste. 

Unter tausend und aber tausend Urkunden des Kriegsar- 
chivs forschend, habe ich nach Tatsachen und Namen gesucht. 

Das Offizierskorps der 2. ungarischen Armee begann sich 
nach dem Januar 1943 allmählich zu spalten: Obwohl der 
überwiegende Teil offen und entschlossen faschistisch blieb, 
fanden sich unter den Offizieren doch auch Antifaschisten, 
und mehrere von ihnen wurden Mitglieder und Helden des 
militärischen Widerstandes. Es ist nicht unsere Absicht, den 
in der Öffentlichkeit fast unbekannten und auch publizistisch 
so gut wie nicht behandelten ungarischen militärischen Wider- 
stand an dieser Stelle zu würdigen; wir wollen lediglich das 
Schicksal einiger Offiziere der 2. ungarischen Armee verfol- 
gen. Wir dürfen zunächst feststellen: Hätte sich Horthy im 
März und im Oktober 1944 auf das Volk, auf die bewußten 
Antifaschisten, auf die antideutschen Einheiten und Offiziere 
der Armee gestützt, so hätten sich sicherlich größere Teile der 
Bevölkerung gegen die Besatzer erhoben. 

Wie bereits gesagt, wollen wir den Weg nur einiger Offi- 
ziere der 2. Armee aufmerksam verfolgen, obwohl wir genau- 
sogut den der gesamten Honved- Wehrmacht darlegen könn- 
ten. Es gab nämlich viele Offiziere, die im Januar 1943 zwar 


194 



nicht zur 2. ungarischen Armee gehörten, die sich aber eben- 
falls in Auswirkung der Tragödie am Don nicht nur gegen 
die deutschen Besatzer, sondern auch gegen das faschistische 
Regierungssystem Ungarns wandten. 

Auffallend ist, daß solche Offiziere, die 1944 Widerstand 
leisteten, im Januar 1943 noch waghalsige Kämpfer gewesen 
und für ihre Kriegstaten mehrfach ausgezeichnet worden wa- 
ren. Das zeigt, diese Männer glaubten damals ernsthaft, am 
Ufer des Don ihrer Heimat zu dienen. Sie kämpften entschlos- 
sen gegen den vermeintlichen Feind; und erst die Erfahrun- 
gen während des Rückzugs, daß man sie verraten und als 
Köder hingeworfen hatte, erst das Wissen, daß sie auf sowje- 
tischem Boden gar nichts zu suchen hatten, trieb sie auf die 
andere Seite. Das war echte Erkenntnis und kein Opportunis- 
mus; nicht die Vorsicht der Feigen, die, nachdem das Blatt 
sich wendet, zur anderen Partei hinüberwechselten. Diese 

Offiziere dienten auch weiterhin ihrer Heimat, nur war ihnen 

% 

bewußt geworden, daß die Heimat weder mit Miklös Horthy 
noch mit Miklös Källay identisch war. Im Gegenteil! 

Ein interessantes Beispiel ist das Schicksal des Leutnants 
und späteren Oberleutnants Vilmos Bondor (geboren 1915 in 
Hosszufalu). Erinnern wir uns noch an die Tagebuchein- 
tragung des Kommandeurs des 35. Infanterieregiments in 
den Stunden des Durchbruchs bei Uryw? «Leutnant Bondor 
ist der hervorragendste Offizier des Regiments.*” Bis zum 
12. Januar 1943 hatte er sich siebenundzwanzigmal freiwillig 
für Aufklärungsunternehmungen gemeldet. Kaum eine Woche 
vor dem Durchbruch überquerte er den zugefrorene'n Don, 
machte im Nahgefecht Gefangene und erbeutete Waffen. 
Ebenso tat er sich hervor bei dem Ausbruch des 35. Regiments 
aus dem Kessel. Immer blieb er bei seinen Soldaten 'und trug 
die Entbehrungen mit ihnen gemeinsam. Im Verlauf des Jah- 
res 1943 veröffentlichte Bondor im «Magyar Katonai 
Szemle» (Ungarische Militärrundschau) mehrere theoretische 
Artikel und faßte seine Erfahrungen in der Fachsprache der 
Militärwissenschaft zusammen. Und was ist später mit ihm 
geschehen? In der ausgezeichneten Dokumentensammlung 


195 



«Ungarische Freiheitskämpfer gegen den Faschismus» von 
Janos Harsänyi kann man auf Seite 683 die Zeugenaussage Zol- 
tan Zsigmonds lesen, der dort bekundet, daß die faschistischen 
Pfeilkreuzler am 10. Januar 1945 in der Burg von Budapest 
«. . . Oberleutnant Vilmos Bondor schwer mißhandelt haben. 
Er klagte mir, daß ihn die Gendarmendetektive mit Gummi- 
knüppeln und elektrischem Strom brutal mißhandelt hätten.» 

Sollte es wirklich dieser Bondor gewesen sein? Ich durch- 
forschte die Akten des Kriegsarchivs und das Zentralarchiv 
der Honveds, und vor mir entfaltete sich das Wirken eines 
der Helden des ungarischen militärischen Widerstandes. Leut- 
nant Bondor war Philosophiestudent in Debrecen, nach Ab- 
lauf seines aktiven Wehrdienstes entschied er sich für den 
Offiziersberuf. Im Frühjahr 1943 diente er in Myiregyhäza, 
ein Jahr später in Budapest, wo er bereits der Widerstands- 
gruppe des Generalleutnants Jänos Kiss angehörte. Hier orga- 
nisierte er zusammen mit dem Luftwaffen-Generalstabs- 
hauptmann Zoltän Mik6 die Rettung von Verfolgten. Laut 
einer schriftlichen Erklärung von Milos Somogyi, damals Par- 
lamentsabgeordneter, «unterstützte er als Mitglied des mili- 
tärischen Widerstandes Kommunisten». Im Dezember 1944 
heiratete Bondor die Tochter eines Eisendrehers ; wenig später 
wurde er von den Pfeilkreuzlern aufgespürt und verhaftet. 
Man verschleppte ihn in die Burg und folterte ihn; weitere 
Spuren über ihn sind nicht auffindbar. 

Hauptmann Böla Päsztor kam mit der 12. Division an die 
Front und erlebte bei Stschutschje den Durchbruch. Am 
15. Oktober 1944 ließ er seine Mannschaft antreten und teilte 
ihr mit, daß der weitere Kampf an der Seite der Deutschen 
sinnlos, ja sogar Vaterlandsverrat sei. Sein Regimentskom- 
mandeur? Oberst Arpäd Matlary, drohte, ihn aus dem Offi- 
zierskorps auszuschließen. Am 12. November 1944 wurde er 
im Militärgefängnis auf der Margit Körüt arretiert, von wo er 
am 23. November entfloh. Im Dezember 1944 meldete er sich 
in Gödöllö bei den sowjetischen Truppen und kämpfte dann 
in der ungarischen Befreiungsarmee gegen die Deutschen. 

Hauptmann György Pörffy, Offizier des Artillerieregiments 


196 



der 7. Division, befehligte seit Februar 1945 die Artillerie- 
Abteilung der 6. Division, jener ersten ungarischen Einheit, 
die gegen die Deutschen eingesetzt wurde. Er kämpfte auf 
österreichischem Boden gegen den Faschismus. 

Dasselbe tat, allerdings erst im Vorfrühling 1945, Oberst 
Lajos Rumy, der am Don Kommandeur des 31. Infanterie- 
regiments gewesen war und das Komturkreuz des Ungari- 
schen Verdienstordens erhalten hatte. 

Die Art und Weise, wie ungarische Soldaten das Brot und 
den Wodka der Partisanen vergolten haben, könnte das The- 
ma eines besonderen Kapitels sein. Die an der Front zurück- 
gehaltenen Einheiten aus der 2. ungarischen Armee unter- 
stützten die Partisanen unverhohlen. Es gab Regimenter, ja 
selbst Divisionen, bei denen die Partisanen ganz offen Mit- 
tagessen und Abendbrot bekamen, und man kochte für sie 
jeden Tag . . . Von solchen Vorgängen hatte oft auch der Di- 
visionskommandeur Kenntnis. Doch wir müssen Disziplin 
wahren; denn dieses Buch soll ja nur die Chronik der Ja- 
nuarkämpfe der 2. ungarischen Armee sein. 

Deshalb nur noch eins: Weiß der Leser, daß Ungarn, das 
heißt die von Kräften einer demokratischen Einheitsfront im 
November 1944 in Debrecen gebildete antifaschistische Re- 
gierung am 28. Dezember 1944 Deutschland den Krieg er- 
klärte? Als vierzigster Staat reihte sich Ungarn ein in die 
Front der Alliierten; keineswegs als letzter, es folgten noch 
dreizehn Länder, unter anderen die Türkei und Finnland. Diese 
Kriegserklärung war nicht eine bloße Formalität, denn Tau- 
sende ungarischer Soldaten setzten ihr Leben ein für die Be- 
freiung ihrer Heimat vom faschistischen Joch. So kämpften 
um Budapest allein mehrere ungarische Bataillone! Ein gro- 
ßer Teil dieser Soldaten befand sich im Januar 1943 am Don. 

Dutzende der in Gefangenschaft geratenen Offiziere, die sich 
später für den antifaschistischen Kampf bereit erklärten, sa- 
hen klar und deutlich, daß die Lage Ungarns an der Seite 
Deutschlands hoffnungslos war; sie hatten die Brutalität der 
verbündeten deutschen Truppen miterlebt. Und nun wurden 


197 



sie vom Feind, den man als barbarisch verrufen hatte, am 
weißgedeckten Tisch empfangen. Jene, die nach dem 15. Ok- 
tober 1944 als Soldaten des Pfeilkreuzler-Ungarns in sowjeti- 
sche Gefangenschaft gerieten, mußten alle Bitterkeit der Ge- 
fangenschaft durchmachen. Sie hatten keine Ahnung davon, 
wie großzügig die Rote Armee die Gefangenen aus der 2. un- 
garischen Armee behandelt hatte. Dem Generalmajor Stomm 
verschaffte man sogar das ungarische Militärverordnungsblatt, 
in dem seine Beförderung zum Generalleutnant veröffentlicht 
worden war, und man erwies ihm durchaus die einem General 
gebührende Ehre. 

Dpch wir wollen der Reihe nach Vorgehen. 

Von Graf Stomm hatten wir uns verabschiedet, als ihm 
vom Hauptmann Görgenyi die Pistole aus der Hand geschla- 
gen worden war und er dann in Gefangenschaft geriet. Was 
geschah weiter? 

Man brachte die Gefangenen in ein Lager nach Krasno- 
gorsk, 15 Kilometer von Moskau entfernt. Dort wurden Mar- 
cell Stomm die erfrorenen Beine amputiert. Er bekam Pro- 
thesen und wurde ausgeheilt. Elemer Salamon schreibt dazu 
in seinem Buch «8000 Kilometer» : 

«Ich saß nahe am Lagertor, als sich die Tür öffnete. Eine 
schlanke, grauhaarige, etwa fünfzig Jahre alte Frau mit dem 
Rangzeichen eines Arzt-Majors kam herein, es war die Chef- 
ärztin des Lagers. Wir wußten, daß sie den Mann und den ein- 
zigen Sohn an der Front verloren hatte. Wir alle grüßten sie 
voller Respekt. Ihr erster Weg galt, wie immer, den Kranken- 
Baracken. Danach ging sie in das Quartier der Generale, einige 
Minuten später kam sie wieder heraus mit Generalleutnant 
Stomm. Fürsorglich stützte sie ihn, lehrte ihn — wie eine Mut- 
ter das eigene Kind — behutsam das Gehen. Angeregt unter- 
hielten sie sich in deutscher Sprache. Wie ein folgsames Kind 
setzte Stomm einen Fuß vor den anderen. Sein Gesicht strahlte 
vor Freude, als hätte er ein sehr wertvolles Geschenk erhalten.» 

In der Gefangenschaft versäumte Graf Stomm leider eine 
große Gelegenheit. Er hätte die Möglichkeit gehabt — und 
die Mehrheit der ungarischen Gefangenen erwartete das — , 


198 



eine antifaschistische ungarische Division aufzustellen und 
dadurch dem ungarischen Volk einen unschätzbaren Dienst 
zu erweisen. Stomm war nicht gewillt, diese Aufgabe zu über- 
nehmen. Mehrere Augenzeugen haben das dramatische Auf- 
einanderprallen zwischen den ungarischen Soldaten und Mar- 
cell Stomm beschrieben. Für uns soll Istvän Kossa diese Be- 
gebenheit schildern : 

■«Eine Offiziersabordnung suchte Graf Stomm auf, sie wollte 
mit ihm sprechen. An der Spitze der Offiziersgruppe stand 
Hauptmann Daniel Görgenyi. Er war es, der von den unga- 
rischen Offizieren als erster sehr entschlossen gegen Horthys 
Kriegspolitik auf trat. Nun wollte man Stomm zur Kenntnis 
bringen, daß die Offiziere beabsichtigten, auch gegen Horthy 
zu kämpfen. Durch ihren Eid seien sie dem ungarischen Volk, 
der ungarischen Heimat verpflichtet, nicht aber einer Person. 
Die Offiziere hatten auf einer Versammlung so entschieden. 

Graf Stomm empfing die Abordnung nicht, Csatho verhan- 
delte mit ihnen in Stomms Namen. Er betonte ausdrücklich, 
daß seine Worte auch die Meinung des Herrn Generalleut- 
nants wiedergäben und daher für die Offiziere verbindlich 
seien. 

,Sie sind für alle Angehörigen der ungarischen Armee ver- 
bindlich. Hier verkörpert Herr Generalleutnant Stomm die 
Person des Herrn Reichsverwesers, er vertritt ihn . 4 

Die Offiziere diskutierten heftig und ärgerten sich. 

,Herr Major ! 4 sagte Görgenyi sehr wütend, ,ich glaube, die- 
jenigen, die zu Ihnen kommen und mit Ihnen verhandeln, 
haben Ihnen schon klar und deutlich gesagt, daß jetzt die 
letzte Gelegenheit dafür gekommen ist, daß Ungarn am Ende 
des Krieges bei den Friedensverhandlungen nicht wieder auf 
der Seite der Verlierer zu sitzen braucht. Der Krieg ist bereits 
entschieden . 4 

,Na ! 4 erwiderte Csatho und verzog dabei den Mund. ,Sind 
Sie nicht allzu selbstsicher ? 4 

,Ja, das sind wir! Es gibt keine Kraft mehr, die den Sieg 
der Alliierten aufhalten könnte . 4 

, Verstehen Sie darunter auch die Sowjets ? 4 


199 



.Natürlich. Der Krieg nähert sich mit Riesenschritten dem 
Ende, Herr Major! Das hängt nicht vom Wunsch einzelner 
ab. Die materielle und menschliche Überlegenheit hat diese 
Frage bereits endgültig entschieden. Sie als Generalstabsoffi- 
zier müßten das eigentlich klar und deutlich erkennen. Hören 
Sie doch auf die Worte derer, die haben möchten, daß Ungarn 
bei diesem Abenteuer so glimpflich wie nur irgend möglich 
davonkommt. Wir haben ohnehin schon bisher enorme Opfer 
gebracht. Sie konnten doch selber sehen, was am Don ge- 
schehen ist. Hören Sie auf den guten Rat. Versuchen Sie, jene 
Schuld wiedergutzumachen, die auch Sie begangen haben, 
als Sie gegen die Sowjetunion ins Feld gezogen sind. Wenn 
sie überhaupt noch gutzumachen ist. Wir glauben es jeden- 
falls. Helfen Sie uns jetzt!“» 

Stomm half nicht. 

Die Passivität des Generals hatte tragische Folgen. 

Jene, die sich dennoch auf die Seite der Sowjetunion stell- 
ten, taten das nicht unter dem Druck irgendeines spitzfindigen 
moralischen Zwangs, auch nicht, um etwa dem Hungertod zu 
entrinnen, sondern aus aufrichtiger Überzeugung. Stomm er- 
wuchsen daraus, daß er die Offiziersabordnung davongejagt 
hatte, keinerlei Unannehmlichkeiten; er spazierte weiterhin, 
den einem ungarischen General zukommenden Respekt be- 
anspruchend, im Lager umher, genoß seine Extrakost, hatte 
einen Koch, einen Offiziersburschen. Ja nicht einmal dem von 
der Mannschaft zu Recht gehaßten Major Csathö geschah in 
der Gefangenschaft etwas. Die Lagerkommandantur hielt 
streng die den Offiziersdienstgraden zustehende Behandlungs- 
weise ein, und es gab Hunderte und aber Hunderte ehemalige 
Arbeitsdienstler, denen es in der Gefangenschaft schlechter 
ging als einem königlich ungarischen Major oder Hauptmann. 
Jene Offiziere also entschieden sich freiwillig für den anti- 
faschistischen Kampf. Sie gelangten aus der relativ sicheren 
Ruhe des Lagers an die Front. Wenn sie in deutsche Gefan- 
genschaft gerieten, konnten sie nicht auf Erbarmen rechnen. 

Nachstehend geben wir ihren Brief bekannt, den sie zu 
Weihnachten 1943 an Generalleutnant Graf Stomm richteten: 


200 



Herren Generale und Offiziere! 

In der nun bald folgenden Phase des zweiten Weltkrieges 
wird sich unsere Heimat auch in ein Schlachtfeld verwan- 
deln. Uber den Köpfen unserer Kinder, Eltern und Ehefrauen 
zu Hause werden in Kürze die Kanonen dröhnen. Den Bo- 
den Ungarns werden die Deutschen als Rüdezugsgebiet be- 
nutzen. Die Folgen werden schredelidi und unabsehbar sein. 

Wir Kriegsgefangenen dürfen den Geschehnissen jetzt nicht 
weiter tatenlos Zusehen; denn sollten auch die letzten Ent- 
wicklungen des Krieges Ungarn auf der Seite des zum Unter- 
gang verurteilten Fasdiismus finden, käme dies einem Selbst- 
mord der Nation gleich. Nach so vielem Leiden und sinnlosem 
Blutopfer wäre eine weitere Verstümmelung unseres Landes 
unvermeidbar. 

Für jeden Ungarn, der seine Heimat liebt, ist es daher eine 
Ehrenpflicht, mit ganzer Kraft und ganzem Können dazu bei- 
zutragen, daß unsere bisherige unglückliche Außenpolitik die 
Richtung ändert. Wenn es uns gelingt, dies zu erreichen, wenn 
wir mutig und mannhaft an der Seite der alliierten Mächte 
zur Waffe greifen, brauchen wir die Zukunft unserer Heimat 
nicht als hoffnungslos anzusehen. Die siegreichen sowjetischen 
und anglo-amerikanischen Verbündeten werden beim Frie- 
densschluß vor allem berücksichtigen, in welchem Maße die 
einzelnen Nationen Opfer im Kampf gegen die deutschen Welt- 
herrschaftsbestrebungen gebracht haben. 

Es ist bedauerlich, aber eine unleugbare Tatsache, daß Un- 
garn bisher nur im Interesse der Ziele Hitlers Opfer gebracht 
hat. Unser nationales Unglück ist das Ergebnis jener Außen- 
politik, die Miklos Horthy Jahrzehnte hindurch dem unga- 
rischen Volk aufgezwungen hat, indem er die Öffentlichkeit 
täuschte und irreführte. Diese in Wirklichkeit volks- und 
vaterlandsfeindliche Politik stellte das Land, ohne das Volk 
zu fragen und gegen dessen Willen, in den Dienst der teuf- 
lischen Pläne Hitlers und ließ erbarmungslos jede Meinung 
unterdrücken, die den Interessen des deutschen Fasdiismus 
zuwiderlief. 

Wir, die Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten des Kriegs- 

201 



gefangenenlagers Nummer 153, die wir seinerzeit den Ver- 
sprechungen Horthys über die politische Entwicklung Glau- 
ben schenkten, sagen heute klar und deutlich, daß wir uns 
bitter getäuscht haben. Es ist unser entschiedener, kompro- 
mißloser Wunsch, Miklös Horthy und sein Regime aus dem 
öffentlichen Leben Ungarns unverzüglich zu entfernen. Mit 
Horthy, dem Begründer der neuzeitlichen ungarischen Reak- 
tion, dem Vorboten und ständigen Förderer des Faschismus, 
werden die alliierten Mächte niemals Frieden schließen. 

Herren Generale und Offiziere! Nach der Moskauer Kon- 
ferenz und der Beratung in Teheran kann niemand mehr 
daran zweifeln, daß die Tage der Herrschaft Hitlers gezählt 
sind. Diese geschichtlichen Ereignisse verlangen auch von uns 
schnelles Handeln. Auf uns wartet große Arbeit, die wir nur 
dann vollbringen können, wenn sich Offizierskorps und Mann- 
schaft in völliger Einmütigkeit zusammenschließen und Schul- 
ter an Schulter in den Kampf ziehen. Beseitigen wir daher 
alle Hindernisse, die der Herstellung der Einheit und der ge- 
meinsamen Entfaltung unserer Kräfte im Wege stehen. Zu- 
allererst bitten wir Sie, in der Reichsverweserfrage Ihren bis- 
herigen Standpunkt zu überprüfen. Ziehen Sie außer dem 
Gesagten auch noch in Betracht, daß ein freies und unabhän- 
giges Ungarn, das sich auf das Völkerrecht gründet, nur auf 
den Trümmern des Horthy-Regimes aufgebaut werden kann. 
Wir sind felsenfest davon überzeugt, daß das ungarische Volk, 
wenn es sich zu Hause frei äußern dürfte, dasselbe Urteil fäl- 
len würde. Miklös Horthy hat dieses Volk verraten. Un- 
schlüssigkeit ist also nicht angebracht, wenn wir zwischen ihm 
und der Nation wählen müssen. 

Wir haben — genau wie Sie — dem Reichsverweser Treue 
geschworen, gleichzeitig jedoch und in demselben Schwur ge- 
lobten wir in erster Linie unserer ungarischen Heimat ewige 
Treue. Heute, da die Person und die Tätigkeit des Reichsver- 
wesers mit den Interessen unserer Heimat und unserer Nation 
in Widerspruch geraten sind, können wir vor Gott und den 
Menschen mit reinem Gewissen nur das der Nation gegebene 
Gelöbnis erfüllen. 


202 



Auf unseren neuen Freiheitsfahnen soll folgendes stehen: 
Beseitigung des Horthy-Regimes, 

Schaffung eines freien, unabhängigen Volksungarns, 
bewaffneter Kampf auf der Seite des sowjetisch-anglo-ameri- 
kanischen Bündnisses bis zur endgültigen Vernichtung der 
barbarischen Hitlerherrschaft ! 

Am 24. Dezember 1943 

mit patriotischer Hochachtung 
(756 Unterschriften) 

Ein aufschlußreiches Dokument! 

Diese 756 Männer, Offiziere, Unteroffiziere und einfachen 
Soldaten — viele von ihnen sind heute Generale und Offiziere 
der Volksarmee oder bekannte Persönlichkeiten des politi- 
schen und öffentlichen Lebens — , waren zahlenmäßig zwar 
nur ein kleiner Teil der ehemals über 200 000 Mann starken 
2. ungarischen Armee, obwohl sie einen nicht unwesentlichen 
Teil der in Gefangenschaft geratenen und in ähnliche Lager 
gelangten Personen ausmachten ; hinsichtlich ihrer Entschlos- 
senheit und klaren Argumentation aber kann man sie nicht 
nur zu den aufgeschlossensten Soldaten der Don-Armee be- 
ziehungsweise der gesamten ungarischen Honved-Truppen 
zählen, sondern zu den progressivsten Kräften des damaligen 
Ungarns. Sie traten an die Seite der noch geringen Zahl klas- 
senbewußter Kämpfer daheim, den Organisatoren der Frie- 
denspartei, den kommunistischen und nichtkommunistischen 
Antifaschisten. 

Auch in der sprachlichen Abfassung ist dieses Schreiben 
nicht uninteressant. Es ist klar und überzeugend formuliert, 
logisch, unanfechtbar; es meidet jede Demagogie und billige 
Rednertricks und besitzt dennoch begeisternde, mobilisieren- 
de Kraft. Die Argumentation am Ende des Memorandums 
über den Soldateneid erinnert auffallend an die Rechtferti- 
gung der in Arad hingerichteten Honved-Generale von 1848 
vor dem Kriegsgericht, vor allem an General Aulichs Bekennt- 
nis zu Beginn des Freiheitskampfes im Oktober 1848: -«In der 
Person des Herrschers schworen wir im Grunde der Heimat 


203 



ewige Treue. Der Herrscher repräsentiert nur die Heimat. 
Wenn also seine Person und seine Tätigkeit mit den Inter- 
essen der Heimat in Widerspruch geraten, muß man sich ohne 
Bedenken für die Interessen der Heimat entscheiden, gerade 
der Eid verpflichtet dazu . . .» 

Das Ende unseres Berichts ist erreicht. In der Mitte der Chro- 
nik — direkt nach den verlustreichen Kämpfen am Don — 
fragten wir schon, ob es sich überhaupt verlohnt, das weitere 
Schicksal dieser 2. ungarischen Armee aufzuzeichnen. Es han- 
delte sich ja um die Armee einer faschistischen Regierung, um 
die Teilnehmer eines Raubfeldzuges. Durch den heldenmüti- 
gen patriotischen Einsatz der sowjetischen Streitkräfte erlitten 
sie eine verdiente Niederlage. Hätten wir ihnen vielleicht den 
Sieg wünschen sollen? Aber nein! Nicht davon war hier die 
Rede. Unser Gedenken gilt jenen Menschen, die in diese Ar- 
mee hineingepreßt und um imperialistischer Ziele willen zy- 
nisch ins Verderben gejagt wurden. 

Die Schlacht am Don in den Januar- und Februartagen des 
Jahres 1943 war aber auch, von den damals Herrschenden 
gewiß ungewollt, ein bedeutsames Glied in der Vorbereitung 
des Aufbaus eines neuen, demokratischen Ungarns. Es geht 
um die Lehren, die unserem Volk von der Geschichte erteilt 
wurden. Erinnern möchten wir daher nochmals an die mah- 
nenden Worte von Dezsö Keresztury: Unser Opfer ist keine 
Rechtfertigung für Schurken, sondern ein Befehl zum Guten. 


204 



Literaturhinweise 


Diese Dokumentation stützt sich auf das ausführliche Studium und die 
Auswertung quellengeschichtiicher Materialien, die sowohl in den histo- 
risch-wissenschaftlichen (1) als auch in den literarischen Bereich (2) 
verweisen. 

.(D 

Archiv für Kriegsgeschichte: Kriegstagebuch, Personalakten und General- 
stabsunterlagen der 2. ungarischen Armee, Budapest 
Die Vernichtung der 2. ungarischen Armee am Don. Materialien des 
Instituts für Militärgeschichte. Zusammengestellt und herausgegeben 
von Dr. Mikl6s Horväth, Budapest 1959 
Der zweite Weltkrieg. Budapest 1963. — Gemeinschaftsarbeit sowjeti- 
scher Historiker. Darin Beiträge von I. W. Parotykin und W. P. Moro- 
zow zu der Schlacht am Don (Januar/Februar 1943) 

Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht, Frankfurt a. M. 
1963 

Militärische Zeitschriften : Heeres Verordnungsblatt; Ungarische Militär- 
rundschau 

Carl v. Clausewitz: Uber den Krieg, Budapest 1962 (ungarische Ausgabe) 
Agnes Godö/Bela Sztana: Die Militärideologie des Horthy-Regimes, 
Budapest 1965 

Antal Farkas: Felddiensthandbuch für den Truppenoffizier, Budapest 
1942 

Jänos Harsänyi: Ungarische Freiheitskämpfer gegen den Faschismus, 
Budapest 1961 

Gyula Källai: Die ungarische Unabhängigkeitsbewegung, 1936—1945, 
Budapest 1965 

Vilmos Nagy: Verhängnisvolle Jahre, 1938 — 1945, Budapest 1954 
Vilmos Nagy/Jänos Csima: Beiträge zur Untersuchung der Organisation 
und der Kriegstätigkeit der Horthy- Armee, Budapest 1961 
Kurt v. Tippelskirdi : Geschichte des zweiten Weltkrieges, Bonn 1956 


205 



(2) 

Wilhelm Adam: Der schwere Entschluß, Budapest 1968 (ungarische 
Ausgabe) 

Endre Birkäs: Vergessene Menschen, Budapest 1960 (Roman) 

Daniel Görgenyi : Signum Laudis, Budapest 1968 (Memoiren) 

Miklos Horthy: Meine Memoiren, Buenos Aires 1954 
Dezsö Keresztury: In menschlicher Sprache, Budapest 1956 
Lajos Könya: Kriegstagebuch. Enthalten in seinem Buch: Ach, du für 
Kummer bestimmte Zeit, Budapest 1956 
Istvän Kossa: Von der Donau bis zum Don, Budapest 1946 
Karl Graf v. Leiningen-Westerburg: Tagebuch (1848/49). Herausgegeben 
von Henrik Mareczali, Budapest 1900 
Dezsö Saly: Streng Vertraulich, Budapest 1945 
Elemer Salamon: 8000 Kilometer, Budapest 1962 

Ernö Salamon: Bis auf den heutigen Tag friedlos. Gedichte. Mit einer 
Würdigung von Pal Pondi, Budapest 1963 
Bela Vecscy: Handschriftliches Kriegstagebuch. Enthalten im Archiv für 
Kriegsgeschichte 

Mihäly Vörösmarty: Gesamtausgabe (Lyrik), Budapest 1961 


206 



Inhalt 


Vorwort 5 

Ein Wort an meine Leser 21 

Morituri 24 

Der stille Don 46 

Dies irae 64 

Der General 94 

Das Prinzip des elastischen Zusammenstoßes 105 

Requiem aelernam dona eis, Domine! 124 

Jetzt ist Winter und Stille und Schnee und Tod . . . 140 

Es weine nicht, den man prügelt 173 

Endspiel 186 

Die Anfänge des militärischen Widerstandes 193 

Literaturhinweise 205 




Woronesh 


Krementschug 


WORONESHER 

FRONT 


Karajeschnik 


Ostrogoshsk 


NowyOskol 


Werchossossei 


Wolokonowka 


Nikitowka 


nach Woroschilowgrad 


— — Frontverlauf zu Beginn der 
1 Operation (13.1.-14. 1. 1943) 

Frontverfauf am 18.1.1943 

Frontverlauf am Ende 

hii.i.-.n.-?. OGf OpOfCttOft 

Stoßrichtung der 

^ — - 1 sowjetischen Truppen 

(fic}) Räume, in denen faschistische 
T ruppen vernichtet wurden 

Rückzugswege 


IPokrowskoje 


Verlauf der Kampfhandlungen an der Woronesher Front im Januar 1943 


208